mini|hochkant|Friedrich Rückert, Stahlstich von seinem „lieben Freund und Kupferstecher“ Carl Barth nach einer Vorzeichnung aus dem Jahr 1843 rahmenlos|zentriert|150px mini|hochkant|Geburtshaus Friedrich Rückerts am Markt 2in Schweinfurt mini|Tafel am Geburtshaus Friedrich Rückerts Friedrich Johann Michael Rückert (* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses; Pseudonym Freimund Raimar, Reimar oder Reimer) war ein deutscher Dichter, Sprachgelehrter und Übersetzer sowie einer der Begründer der deutschen Orientalistik. Rückert beschäftigte sich mit mehr als 40 Sprachen und gilt als Sprachgenie.Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebensbild und Einführung in sein Werk. Wallstein Verlag, 2015, Abschnitt Das Werk des gelehrten Dichters. Schimmel zitiert zustimmend Theodor Benfeys Bewertung, man dürfe Rückert „als ein großartiges, aber höchst eigentümliches Sprachgenie bezeichnen“. Zu seinem Freundeskreis zählten der Dichter August von Platen, der Philosoph Friedrich von Schelling und der Universalgelehrte Johann Wilhelm Andreas Pfaff.Stadtmuseum Erlangen: Der Weltpoet. Friedrich Rückert (1788–1866): Dichter, Orientalist, Zeitkritiker. Prospekt zur Ausstellung vom 24. Juli bis 26. Dezember 2016. Rückert ist Namensgeber des Friedrich-Rückert-Preises und des Coburger Rückert-Preises.

Leben und Werk 1788 bis 1818 Friedrich Rückerts Vater Johann Adam Rückert (* 3. Januar 1763 in Schwarzbach; † 30. Dezember 1835 in Schweinfurt), ein Rentbeamter, wurde 1792 nach Oberlauringen in Unterfranken versetzt. Die Eindrücke seiner dort verlebten Frühjugend hat Rückert in dem 1829 entstandenen Zyklus Erinnerungen aus den Kinderjahren eines Dorfamtmannssohns in poetisch-humoristischen Genrebildern dargestellt.

Als 14-Jähriger hatte sich Friedrich Rückert bereits mit dem Übersetzen der Odyssee beschäftigt.Heinrich Rückert: Friedrich Rückert als Gelehrter. In: Kleinere Schriften. Teil 2, S. 322 f.Edmund A. Bayer: Einleitung des Herausgebers. In: Firdosi’s Königsbuch (Schahname). Übersetzt von Friedrich Rückert. Aus dem Nachlass hrsg. von E. A. Bayer. 3 Bände, Reimer, Berlin 1890–1895, Band 1 (1890), S. X–LII, hier: S. LI–LII, Anm. 43. Nachdem er auf der Lateinschule in Schweinfurt die akademische Vorbildung erhalten hatte, begann er 1805 zunächst ein Studium der Rechte an der Universität Würzburg. Er wandte sich jedoch bald, bis 1809, ausschließlich dem Studium der Philologie und Ästhetik zu. Während dieser Zeit war er auch beim Corps Franconia Würzburg aktiv.Kösener Korps-Listen 1910. Band 202, S. 26. Die Familie zog 1809 nach Ebern, wo Rückert im kommenden Jahrzehnt häufig zu Besuch war. Hier verliebte er sich in Agnes Müller, die Tochter eines in der Nähe wohnenden Justizamtmannes.

1810 wurde er in Hildburghausen in die Freimaurerloge Karl zum Rautenkranz aufgenommen. Als seine Geliebte an den Folgen eines Blutsturzes plötzlich starb, widmete er ihr den Sonettenkranz Agnes. Kurz darauf verliebte er sich in die Wirtstochter Maria Elisabeth Geuß, die seine Liebe jedoch nicht erwiderte. Aus diesem Erlebnis heraus entstand 1812 der Gedichtzyklus Amaryllis, der 72 Sonette und 18 weitere Gedichte umfasste und 1834 vollständig gedruckt wurde. Aus „Marielies“, dem Kosenamen des Mädchens, machte er mit „Amaryllis“ den Namen der arkadischen Hirtin aus den Eclogae Vergils und spielte mit „Amara“ zugleich auf die Bitternis der Erfahrung an.Heinrich Henel in: Friedrich Rückert. Gedichte. Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Henel. Athenäum Verlag. Königstein im Taunus, 1983, S. 14.

Nach einer kurzen Anstellung 1811 als Dozent in Jena und einer darauffolgenden, ebenfalls kurzen Beschäftigung als Gymnasiallehrer in Hanau 1812/13 zog sich Rückert für eine Weile ganz von amtlicher Tätigkeit zurück und ließ sich als Privatgelehrter in Würzburg nieder. In den folgenden Jahren wechselte er seinen Wohnsitz häufig zwischen Würzburg, Hildburghausen und dem Elternhaus in Ebern.

Unter dem Pseudonym „Freimund Reimar“ (zunächst „... Reimer“) veröffentlichte er 1814 die Deutschen Gedichte. Rückert, der an den Befreiungskriegen selbst nicht teilnehmen konnte,Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebensbild und Einführung in seiner Werk. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, S. 18. rief in seinen patriotischen Zeitgedichten zum Kampf gegen Napoleon auf, was ihn mit anderen national gesinnten Dichtern wie Theodor Körner oder Max von Schenkendorf verband. Die in der Sammlung veröffentlichten Geharnischten Sonette, ein aus 74 Gedichten bestehender Zyklus, begeisterten viele Zeitgenossen.Meinhard Prill: Friedrich Rückert. Das lyrische Werk. In: Kindlers Neues Literatur Lexikon. Band 16, München 1991, S. 437. Das bekannteste geharnischte Gedicht ist das 1812 verfasste Was schmied’st du Schmied? mini|hochkant|Rückert 1818 (Zeichnung von Franz Horny)

1815 ging Rückert auf Anregung des württembergischen Ministers von Wangenheim nach Stuttgart. Dort übernahm er die Redaktion des poetischen Teils des Cotta’schen Morgenblatts für gebildete Stände und ließ den Kranz der Zeit (1817) und Napoleon, eine politische Komödie in zwei Stücken (1816–1818) erscheinen. Er trug sich mit dem Plan einer Reihe von Hohenstaufen-Epopöen, den er später jedoch fallen ließ.

Im Herbst 1817 reiste Rückert nach Italien, wo er den größten Teil seiner Zeit Kontakt mit deutschen Künstlern pflegte, die sich in Rom aufhielten. Seit dem Italienaufenthalt war Rückert mit dem Zeichner und Kupferstecher Carl Barth befreundet. Die Redensart „Mein lieber Freund und Kupferstecher“ ist ein Rückert-Zitat.Deutsche Welle: Im Oktober 1818 fuhr er nach Wien, wo er bei Joseph von Hammer-Purgstall (1774–1856) Persisch lernte.

1819 bis 1866 mini|Wohnhaus von Rückerts Eltern in Ebern mini|Rückerts Wohn- und Sterbehaus in Neuses, heute ein Stadtteil von Coburg mini|Das Goldberghaus, Rückerts Wirkungsstätte bei Neuses mini|Grabstätte Friedrich Rückerts in Neuses

Im Februar 1819 traf Rückert wieder in Ebern ein. Bis 1826 lebte er als Privatgelehrter vornehmlich in Ebern und Coburg. In dieser Zeit beschäftigte er sich unter anderem mit Teilübersetzungen des Korans, der Übersetzung der Hamasa des Abu Tammam (788–845) sowie der Herausgabe seines ersten großen Gedichtbandes Oestliche Rosen. Die mit Bezug auf den großen persischen Dichter Hafis entstandenen Gedichte erschienen 1822 als Antwort Rückerts auf Goethes West-östlichen Divan.

Im Jahr 1821 zog er nach Neuses bei Coburg ins Haus des Archivars Fischer. Am 26. Dezember 1821 heiratete er dessen Tochter Luise Wiethaus-Fischer. Das Paar hatte zehn Kinder, darunter den 1823 geborenen Historiker und Germanisten Heinrich Rückert.

Friedrich Rückert folgte 1826 einem Ruf als Professor der orientalischen Sprachen und Literaturen an die Universität Erlangen.

Erschütternd sind seine Kindertodtenlieder, in denen er den frühen Tod (Winter 1833/1834) seiner beiden Lieblingskinder beklagt.

König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen berief ihn 1841 nach Berlin und verlieh ihm am 31. Mai 1842 den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Band I: Die Mitglieder des Ordens v. 1842–1881. Gebr. Mann-Verlag, Limburg, S. 86. Dort wohnte er bis 1848 mit häufigen Unterbrechungen, da er sich dort wenig heimisch fühlte. Der König entließ ihn und gewährte ihm für den Rest seines Lebens die Hälfte seines bisherigen Gehaltes.Rudolph Genée: Zeiten und Menschen – Erlebnisse und Meinungen. Mittler und Sohn, Berlin 1897, S. 175. Ab 1848 wählte er seinen Ruhesitz in Neuses bei Coburg, wo er ein Gut besaß. Dort schuf er sich ein Refugium auf dem nahegelegenen Goldberg.

In den Jahrzehnten vor und nach der Berufung nach Berlin blieb Rückert gleich produktiv, wovon seine Haus- und Jahreslieder zeugen. 1846 erschien nach langjährigen Vorarbeiten die Hamasa.

Seit 1846 entstand in den beiden Altersjahrzehnten das von ihm so genannte Liedertagebuch, mehrere 1000 Gedichte mit zumeist autobiographischem Hintergrund. Von diesen Gedichten veröffentlichte Rückert selbst kaum etwas.Vgl. den Editorischen Bericht von Kreutner/Wollschläger in: Liedertagebuch I/II, 2001, S. 375 ff.

Friedrich Rückerts Grab befindet sich neben der Dorfkirche von Neuses. Im ersten Todesjahr des Dichters fand eine Rückert-Feier in Neuses statt. Am Grab hielt Friedrich Wilhelm von Kawaczynski, damals Oberregisseur am Coburger Hoftheater, eine Gedenkrede und legte einen Kranz namens des Künstlervereins „Stiftshütte“ nieder. Der Hofopernsänger Albert Eilers trug das in Musik gesetzte Gedicht von Rückert „Die Himmelsträne“ vor.Coburger Zeitung, 3. Juni 1867 (7. Jahrgang).

Ein Urenkel war der Opernregisseur Heinz Rückert (1904–1984).

Sprachen Mit folgenden 44 Sprachen hat sich Friedrich Rückert übersetzend, lehrend oder sprachwissenschaftlich beschäftigt:Jürgen Erdmann (Hrsg.): 200 Jahre Friedrich Rückert. Katalog der Ausstellung, Coburg 1988. S. 22.

Indogermanische Sprachen, die in Europa entstanden: Albanisch, Altkirchenslawisch, Englisch, Französisch, Gotisch, Griechisch, Italienisch, Latein, Lettisch, Litauisch, Neugriechisch, Portugiesisch, Russisch, Schwedisch, Spanisch Indogermanische Sprachen in Asien: Afghanisch, Armenisch, Avestisch, Hindustani, Kurdisch, Persisch, Pali, Prakrit, Sanskrit Semitische Sprachen: Arabisch, Altäthiopisch, Biblisch-Aramäisch, Hebräisch, Maltesisch, Samaritanisch, Syrisch Turksprachen: Azeri, Tschagataisch, Türkisch Finno-ugrische Sprachen: Estnisch, Finnisch Dravidische Sprachen: Kannada, Malayalam, Tamil, Telugu Austronesische Sprachen: Hawaiisch, Malaiisch Weitere Sprachen: Berberisch, Koptisch

Nachleben mini|Rückert-Geburtshaus am Markt in Schweinfurt am 100. Geburtstag von Friedrich Rückert am 16. Mai 1888 mini|Denkmal in Coburg-Neuses mini|Rückert-Denkmal in Schweinfurt mini|Rückert-Brunnen im Schlossgarten von Erlangen

Nachlass Ein großer Teil von Rückerts umfangreichem Nachlass befindet sich im Schweinfurter Stadtarchiv.Sammlung Rückert im Stadtarchiv Schweinfurt schweinfurt.deDie Friedrich-Rückert-Autographen im Stadtarchiv Schweinfurt Harald Fischer Verlag Die Universitäts- und Landesbibliothek Münster bewahrt seit 1922 einen Großteil des orientalistischen Nachlasses.Der orientalische Nachlass Friedrich Rückerts uni-muenster.de Weitere Teile des Nachlasses sind auf mehrere Standorte verteilt, z. B. Berlin, Marbach, Weimar und Wien.Nachlass Rückerts in Bibliotheken und Archiven

Vertonungen Viele Gedichte von Rückert sind als Lieder vertont worden.Vertonungen Rückertscher Gedichte deutscheslied.com Sehr bekannt ist die Vertonung der Kindertotenlieder und der Fünf Rückertlieder durch Gustav Mahler. Bereits 1859 vertonte Robert Radecke das Gedicht Aus der Jugendzeit.Karin Vorderstemann: Aus der Jugendzeit. In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon. 2009.

Auch andere Komponisten wie Franz Schubert, Robert Schumann, Clara Schumann, Johannes Brahms, Carl Loewe, Heinrich Kaspar Schmid, Richard Strauss, Felix Draeseke und Fanny Mendelssohn Bartholdy vertonten Texte von Rückert. Der Komponist Heinrich Kaspar Schmid vertonte in op. 8 So wandl' ich in Gedanken für Bariton und Klavier. Im Liederspiel zur Laute, oder auch Klavier op. 31 vertonte er sieben Lieder (Hüter, spät und früh; Im Frühling; Die nickende Mutter; Liebe im Kleinen; Lockvogel; All Liebe; Herbsthauch). 1993 vertonte Anne Clark mehrere Gedichte Rückerts (u. a. Ich bin der Welt abhanden gekommen) in ihrem Album The law is an Anagram of Wealth. Aus dem Jahr 2018 stammen die Sechs Lieder nach Friedrich Rückert op. 284 von Klaus Miehling.

Bildnisse Bildnisse von Friedrich Rückert haben unter anderem Carl Barth (siehe Bild oben), Bertha Froriep (siehe Bild unten) und Carl August Hohnbaum (1825–1867) angefertigt.Erich Schneider: … wie eine Schleiereule. In: Jahrbuch der Rückert-Gesellschaft. Band 14 (2002, 2003 erschienen), S. 7 ff.

Denkmäler