mini|hochkant=1.5|Deutsche Bücherei (2009) mini|hochkant=1.5|Bücherturm und Hauptgebäude (Februar 2008)

Die Deutsche Bücherei in Leipzig, Deutscher Platz 1, war eine Vorgängereinrichtung der Deutschen Nationalbibliothek, deren Teil sie heute ist. Sie wurde am 3. Oktober 1912 durch den Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, die Stadt Leipzig und das Königreich Sachsen als Archiv des deutschen Schrifttums und des deutschen Buchhandels gegründet. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden 1990 die Deutsche Bibliothek, 1946 in Frankfurt gegründet, und die größere Deutsche Bücherei zu einer Gesamtinstitution unter der Bezeichnung Die Deutsche Bibliothek zusammengefasst. Seit 2006 lautet deren Benennung Deutsche Nationalbibliothek und Leipzig ist einer ihrer Standorte. Das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek enthält weiterhin die Bezeichnung Deutsche Bücherei. DNBG

Geschichte 1906 regte der Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff in einem Gespräch mit dem damaligen Ersten Schriftführer und ab 1910 Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler Karl Siegismund die Gründung eines Gesamtarchivs des nationalen Schrifttums an, das kostenlose Belegexemplare der Verlage erhält und vom Börsenverein getragen wird. Eine staatliche Nationalbibliothek war aufgrund der föderalistischen Strukturen des Deutschen Reiches nicht möglich. Das starke Wachstum der deutschen Buchproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts auf 33.000 Druckwerke im Jahr 1911 ließ die Errichtung einer Zentralbibliothek der deutschen Literatur, einschließlich bibliographischer Verzeichnung des erschienenen Schrifttums, zu einem wichtigen Ziel des Börsenvereins werden. Sowohl die Stadt Leipzig als auch das Königreich Sachsen zeigten Interesse an der Ansiedlung der Institution und sagten eine finanzielle Unterstützung zu, auch um die führende Rolle Leipzigs im deutschsprachigen Buchhandel zu festigen. Der Zweite Vorsteher des Börsenvereins, der Dresdner Verlagsbuchhändler Erich Ehlermann, verfasste schließlich 1910 die Denkschrift „Eine Reichsbibliothek in Leipzig“, die seine Vorstellungen über die Einrichtung, Aufgaben und Ziele einer Reichsbibliothek darlegte und die praktische Umsetzung aufzeigte.

1912 bis 1933 mini|Der erste geschäftsführende Ausschuss, Ölgemälde von Hugo Vogel im Treppenhaus des Mittelbaus mini|hochkant|Plakat zur „Bekanntmachung“ des Kriegszustands vom 31. Juli 1914; Exponat der ersten Kriegsausstellung der Deutschen Bücherei vom 30. April bis zum 15. Mai 1915 mini|hochkant|Gebäude um 1925 mini|Haupteingang des Hauptgebäudes mini|Die drei Fassadenfiguren von Felix Pfeifer und Adolf Lehnert symbolisieren die Technik, die Kunst und die Rechtswissenschaften. Im Sommer 1912 einigten sich dann die Träger der neuen Bibliothek, der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, die Verlagsstadt Leipzig und das Königreich Sachsen auf die Bezeichnung Deutsche Bücherei. Am 25. September 1912 wurde im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel die Bekanntmachung über die Gründung der Deutschen Bücherei und deren Satzung veröffentlicht, nachdem am 19. September der Vertrags- und Satzungsentwurf fixiert worden war. Am 3. Oktober 1912 folgte die Unterzeichnung des endgültigen Gründungsvertrages durch die Träger der Institution. Am 13., 17. und 19. Dezember 1912 behandelten und billigten die beiden Kammern des Sächsischen Landtages die Vereinbarung. Am 1. Januar 1913 begann die Arbeit in dem Erweiterungsbau des Buchhändlerhauses am Gerichtsweg 26. Die Mitglieder des ersten geschäftsführenden Ausschusses sind auf einem Gemälde von Hugo Vogel, von Arthur Meiner gestiftet, von links nach rechts dargestellt: der Leipziger Kunstverleger Artur Seemann, der Dresdner Verleger Erich Ehlermann, der Leipziger Oberbürgermeister Rudolf Dittrich, der Ministerialdirektor im sächsischen Finanzministerium Max Otto Schroeder, der Erste Vorsteher des Börsenvereines Karl Sigismund (zentral in Bildmitte stehend), der Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig Karl Boysen, der Abteilungsleiter der Königlichen Bibliothek zu Berlin Hans Paalzow und der Leipziger Verlagsbuchhändler Arthur Meiner. Zum ersten Direktor der Anstalt wurde Gustav Wahl berufen, dem 1917 Georg Minde-Pouet folgte. Von 1918 bis 1944 war unter anderem der Literaturwissenschaftler Arthur Luther als Bibliothekar angestellt.

Als Archiv des deutschsprachigen Schrifttums sollte die gesamte seit 1913 in Deutschland erschienene deutschsprachige und fremdsprachige Literatur sowie die ausländische Literatur in deutscher Sprache gesammelt, in einer Nationalbibliografie verzeichnet und als Präsenzbibliothek für jedermann zur freien Verfügung gestellt werden. Die Publikationen waren daher nach formalen und nicht nach inhaltlichen Kriterien zu sammeln. Damit erfüllte sie wesentliche Teile der Funktionen einer Nationalbibliothek. Das Ziel Gesamtarchiv des deutschen Schrifttums sowie der Anspruch bibliographisches Zentrum Deutschlands zu sein, führte die Deutsche Bücherei in eine starke Konkurrenzsituation zur Preußischen Staatsbibliothek, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts dauerte.

Am 19. Oktober 1913, einen Tag nach der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, wurde der Grundstein auf dem ursprünglich vorgesehenen Grundstück gelegt. Am 30. April 1915 folgte anlässlich der Hauptversammlung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler der Schlussstein für das neue Bibliotheksgebäude. Eingebunden in das Festprogramm zeigte die Deutsche Bücherei im Deutschen Buchhändlerhaus vom 30. April bis zum 15. Mai 1915 in 36 Vitrinen ihre erste Kriegsausstellung zum Ersten Weltkrieg mit „deutschen, österreichischen und französischen Proklamationen sowie von russischer oder deutscher Seite in Ostpreußen und Belgien plakatierte militärische Bekanntmachungen“.N.N.: Die Deutsche Bücherei stellt aus: Erste Kriegsausstellung der Deutschen Bücherei 1915 auf der Seite der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt abgerufen am 3. August 2014 Zwischen 1916 und 1918 bestand in der Deutschen Bücherei mit dem Buchprüfungsamt eine Militärzensurstelle. Außerdem wurden verschiedene Bibliographien für das Militär erarbeitet.

Am Tag der Grundsteinlegung wurde die Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei gegründet. Diese sollte durch die Bereitstellung von finanziellen Mitteln die Entwicklung der Bibliothek großzügig fördern. Ende 1922 zählte die Gesellschaft über 3600 Mitglieder. Als Dank erhielten die privaten Spender literarisch oder künstlerisch wertvolle Jahresgaben, die nur zu diesem Zweck in limitierter Auflage hergestellt und nicht im Buchhandel vertrieben wurden. Das Hauptgebäude wurde in Leipzig am Deutschen Platz am 2. September 1916, dem sogenannten Sedantag, im Beisein des sächsischen Königs Friedrich August III. eingeweiht. Das Baugelände hatte die Stadt Leipzig zur Verfügung gestellt; die Kosten für das repräsentative Bibliotheksgebäude hatte der sächsische Staat übernommen. Der Börsenverein verpflichtete sich, die Bibliothek einzurichten, zu betreiben und zu verwalten. Einen gemeinsamen Unterhaltszuschuss von jährlich 200.000 Mark sagten außerdem die Stadt und das Land zu. Die Hauptgrundlage der Deutschen Bücherei waren die freiwilligen Übereinkünfte mit den deutschen Verlegern, die Bücherei kostenlos mit Belegexemplaren aus ihrer gesamten Verlagsproduktion zu beliefern.

Inflationsbedingt unzureichende Zuschüsse der Unterhaltsträger führten im Sommer 1920 beim Vorstand des Börsenvereins zu Überlegungen, die Deutsche Bücherei aufzulösen. Alternativ wurde die Verschmelzung mit der Universitätsbibliothek Leipzig geprüft, was aber aufgrund der verschiedenen Aufgaben der beiden Anstalten scheiterte. Ab 1919 bekam die Deutsche Bücherei finanzielle Beihilfen vom Deutschen Reich. Schließlich konnte das Reich Anfang 1923 als ständiger Kostenträger gewonnen werden, um das Weiterbestehen zu sichern. Gemäß einer Vereinbarung beteiligten sich das Deutsche Reich und der Freistaat Sachsen mit je zwei Fünfteln und die Stadt Leipzig mit einem Fünftel an den Verwaltungskosten. Eine Satzungsänderung des Deutschen Verlegervereins im Jahr 1925 verpflichtete außerdem jedes Mitglied des Börsenvereins, nach Erscheinen eines neuen Werkes oder einer neuen Auflage eines solchen ein Exemplar der Deutschen Bücherei unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, was den Aufstieg der Bibliothek während der am 1. Oktober 1924 begonnenen dreißigjährigen Ära des Direktors Heinrich Uhlendahl maßgeblich förderte. Uhlendahl initiierte beispielsweise 1925 eine sogenannte Bücherlotterie, die einen Gewinn von 100.000 Mark zugunsten der Bücherei abwarf.

1921 begann die Deutsche Bücherei für den Börsenverein der Deutschen Buchhändler mit der Bearbeitung und Ausgabe bibliographischer Verzeichnisse der Literatur. Anfangs wurden die „Täglichen Verzeichnisse der Neuerscheinungen“ und die „Wöchentlichen Verzeichnisse der erschienenen und der vorbereiteten Neuigkeiten des Buchhandels“ herausgegeben. 1931 folgten die „Deutsche Nationalbibliographie“ in den Reihen A (Neuerscheinungen des Buchhandels) und B (Neuerscheinungen außerhalb des Buchhandels). Die Bearbeitung des „Halbjahresverzeichnisses der Neuerscheinungen des Deutschen Buchhandels“ und des „Deutschen Bücherverzeichnisses“ wurde nun auch übernommen. Das Sammelgebiet wurde 1927 um Dissertationen und andere Hochschulschriften wieder erweitert, nachdem seit 1920 aus Kostengründen darauf verzichtet worden war. 1925 ließ Uhlendahl eine Auskunftsstelle einrichten, die im Jahr 1932 18.993 schriftliche und telefonische Auskünfte erteilte. Die meisten Anfragen betrafen falsche bzw. unvollständige Titelangaben oder die Verwechslung von Verfassern. Daneben verfasste die Auskunftsstelle Literaturzusammenstellungen über Einzelprobleme und Nachweise von „Tatsachenmaterial verschiedenster Art“.

Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften Anfang 1927 wurde an der Deutschen Bücherei eine Oberprüfstelle als Revisionsinstanz eingerichtet, die Anträge gegen Aufnahme einer Schrift in die Verbotsliste und auf Streichung von der Liste sowie über Beschwerden entschied. Die Bücherei richtete außerdem eine Sondersammlung der Schund- und Schmutzschriften ein. Heinrich Uhlendahl zählte zu den Mitgliedern der Oberprüfstelle.

1933 bis 1945 Schon im März 1933 ließ Uhlendahl Schriften, „die mit den nationalen Bestrebungen der Regierung nicht vereinbar“ seien, aus den Lesesälen entfernen. Das sekretierte Schrifttum wurde in der Folge speziell gekennzeichnet, in gesonderten Verzeichnissen erfasst und in einem Geheimarchiv unter Verschluss gehalten. Im Oktober 1937 wurde reichsdeutschen Juden die Nutzung der Deutschen Bücherei verboten. mini|NS-Propagandaminister Joseph Goebbels (Mitte) in der Deutschen Bücherei (1936), links Direktor Heinrich Uhlendahl, rechts Ministerialrat Heinz Wismann und Kreishauptmann Kurt Walter Dönicke