Der Zweite Golfkrieg (auch Irak-Kuwait-Krieg oder Erster Irakkrieg genannt, , ) begann mit der Eroberung Kuwaits durch den Irak am 2. August 1990. Am 28. August wurde Kuwait durch den Irak annektiert. Ab dem 16. Januar 1991 begann eine Koalition, angeführt von den USA und legitimiert durch die Resolution 678 des UN-Sicherheitsrates, mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits. Im Zweiten Golfkrieg stand der Irak allein der größten Kriegskoalition seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber. Darüber hinaus zeichnete sich der Krieg durch die ungewöhnlich asymmetrische Verteilung der Kriegsopfer, die einseitige Verfügung des Kriegsendes und den hohen Grad an mittelbaren Umweltschäden aus, etwa durch Geschosse mit abgereichertem Uran.Fred Halliday: The Gulf War and Its Aftermath: First Reflections. In: International Affairs., Vol. 67, No. 2, April 1991, S. 223 f.
Besonderheiten wies der Zweite Golfkrieg auch für die Verhältnisse im Nahen Osten auf, da er der erste Konflikt war, bei dem arabische Staaten gegeneinander aktiv Krieg führten. Des Weiteren waren die drei nichtarabischen Staaten der Region – Israel, Iran und die Türkei – unmittelbar von den Ereignissen innerarabischer Politik betroffen und an ihnen beteiligt. Drittens war der Zweite Golfkrieg der erste militärische Großeinsatz der Vereinigten Staaten im Nahen Osten, von zwei eingeschränkten Operationen im Libanon (Libanonkrise 1958 und 1982–1984) abgesehen.Fred Halliday: The Gulf War and Its Aftermath: First Reflections. In: International Affairs. Vol. 67, No. 2, April 1991, S. 224. Für das Ereignis und den Ablauf des Zweiten Golfkrieges war das Ende des Kalten Krieges als eine sicherheitspolitische Konvention und als Epoche der Weltgeschichte von unmittelbarer Bedeutung. Der Krieg selbst hatte über die Kriegsschäden hinaus Auswirkungen auf zahlreiche Aspekte der internationalen und der irakischen Politik, vor allem auf die Kriegsführung und die politische Rolle der Medien in den beteiligten westlichen Staaten. Der Kabelsender CNN etablierte sich so durch seine anhaltende Berichterstattung aus dem Krisengebiet als international bekanntes Massenmedium.
Die Namensgebung des Krieges ist aufgrund der irakischen Beteiligung an mehreren Kriegen am Persischen Golf uneinheitlich. In der hier verwendeten Terminologie war der Erste Golfkrieg der Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988. Insbesondere im englischen Sprachraum wird der Iran-Irak-Krieg meist nicht in die Zählung einbezogen und dieser Krieg daher First Gulf War genannt. Folglich wird die Invasion des Irak von 2003 dann als Second Gulf War bezeichnet. Das amerikanische Militär verwendete für den zweistufigen militärischen Gegenschlag die Bezeichnungen Operation Desert Shield („Unternehmen Wüstenschild“) für die Phase, in der die Truppen der Koalition am Persischen Golf aufgestellt wurden, und Operation Desert Storm („Unternehmen Wüstensturm“) für die eigentliche Offensive gegen den Irak.
Hintergrund Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Kuwait zum Vilâyet Basra, einer Verwaltungseinheit innerhalb des Osmanischen Reiches, die territorial allerdings nicht mit dem Gebiet der heutigen südirakischen Provinz Basra identisch ist. Zu dem erst nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Staat Irak gehörte Kuwait nie. Nach der Unabhängigkeit des Emirats von Großbritannien 1961 versuchte der Irak vergeblich, dessen Aufnahme in die UNO und die Arabische Liga zu verhindern. 1963 erkannte der Irak die Unabhängigkeit Kuwaits zwar an, in der Folge kam es aber immer wieder zu Grenzstreitigkeiten, da die Grenze zwischen beiden Staaten nie eindeutig festgelegt worden war. Nach dem Iran-Irak-Krieg war der Irak bei einigen arabischen Ländern hoch verschuldet, unter anderem durch einen kuwaitischen Kredit in Höhe von 80 Milliarden US-Dollar. Der Irak hoffte, durch eine Senkung der durch die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) reglementierten Ölförderquote eine Steigerung des Ölpreises zu erzielen, um seine Schulden begleichen zu können. Der Irak beschuldigte unter anderem Kuwait, seine Quoten überschritten zu haben und dadurch für den niedrigen Ölpreis mitverantwortlich zu sein. Hierdurch seien dem Irak Kosten in Milliardenhöhe entstanden.
Zusätzlich behauptete der Irak, Kuwait hätte aus dem Iran-Irak-Krieg Vorteile für Ölbohrungen und den Bau militärischer Posten auf irakischem Boden nahe Kuwait gezogen, wohingegen der irakische Staat durch seine Pufferwirkung gegenüber Iran der gemeinsamen arabischen Sache einen Dienst erwiesen hätte. Daraus leitete der Irak die Forderung ab, Kuwait und Saudi-Arabien müssten seine Kriegsschulden annullieren oder zumindest darüber verhandeln. Während des ersten Golfkrieges hatte sich der Irak guter Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und zu Europa (speziell Frankreich und Deutschland) erfreut: Der Westen gewährte dem Irak insbesondere militärisch massive Unterstützung – trotz (oder möglicherweise wegen) des sowjetischen Einflusses, aber vor allem aus Angst vor einer Ausweitung der Islamischen Revolution in Iran auf die Arabische Halbinsel. Obwohl die Sowjetunion und die Volksrepublik China zu den Hauptwaffenlieferanten des Iraks zählten, konnte das Land auch Waffen aus Frankreich kaufen, das unter anderem Flugzeuge vom Typ Mirage sowie Anti-Schiff-Raketen vom Typ Exocet lieferte (obwohl sich 1982 im Falklandkrieg mögliche Nebenwirkungen solcher Lieferungen gezeigt hatten). Daneben unterstützten andere westliche Staaten das Land mit kritischer Technik wie Chemie- und Atomanlagen, die USA belieferten den Irak mit kritischer Biotechnik und mit Aufklärungsdaten über iranische Stellungen.
Hauptunterstützer (in der Reihenfolge des Wertes der Lieferungen) waren nach einer Aufstellung des Stockholm International Peace Research Institutes (SIPRI) die Sowjetunion, Frankreich und China. Zudem haben die damalige Tschechoslowakei, Polen, Brasilien, Ägypten, Dänemark, USA, Österreich (Noricum-Skandal) und viele andere Staaten (darunter auch die Bundesrepublik und die DDR) Waffen an den Irak geliefert.
mini|Zerstörter IFA W50 der irakischen Armee aus DDR-Produktion
Vor allem die arabischen Nachbarstaaten leisteten massiv ökonomische Hilfe, was die Grundlage für die spätere Verschuldung des Iraks bildete. Nach dem Krieg gab es Bestrebungen innerhalb des US-Kongresses, den Irak wegen der Verletzungen der Menschenrechte diplomatisch und ökonomisch zu isolieren. Von diesen Bestrebungen distanzierten sich hochrangige US-Senatoren wie Bob Dole, der dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein erklärte, der „Kongress repräsentiere nicht US-Präsident George Bush oder die Regierung“ und dass Bush sein Veto gegen jede mögliche Bestrebung hinsichtlich Sanktionen gegen den Irak einlegen würde (nach der irakischen Abschrift der Sitzung in Sifry).
Anfang 1990 deutete sich ein Fortschritt bei den Verhandlungen zwischen Iran und dem Irak über eine endgültige Friedensregelung an. Damit ergab sich eine erneute Gelegenheit für den Irak, mit Forderungen gegenüber Kuwait aufzutreten. Kuwait bot dem Irak im Frühjahr 1990 an, gegen eine endgültige Anerkennung seiner Unabhängigkeit dem Irak die Inseln Bubiyan und al-Warba auf unbegrenzte Zeit zu verpachten. Verhandlungen über diese Frage unter Leitung des jordanischen Königs Hussein I. und des PLO-Chefs Jassir Arafat scheiterten im März 1990. Am 27. Juni 1990 warf der Irak dem Nachbarland Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten vor, weit mehr als die im Rahmen der OPEC vereinbarte Menge an Erdöl zu fördern und damit die Preise zu drücken. Dadurch seien dem Irak Verluste im Wert von 14 Milliarden US-Dollar entstanden. Außerdem bezichtigte der Irak Kuwait, im Ölfeld Rumailah entlang der gemeinsamen Grenze aus „irakischen“ Ölfeldern gefördert zu haben. Der Irak drohte Kuwait, seine Forderungen wenn nötig militärisch durchzusetzen.
mini|US-Botschafterin April Glaspie beim Treffen mit Saddam Hussein
Am 23. Juli 1990 erschien im Spiegel ein Artikel mit der Überschrift Greift Bagdad Kuweit an? welcher die Militärmanöver zutreffend deutete. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Irak begonnen, seine Armee zu mobilisieren und 30.000 Mann an der Grenze zu Kuwait zu stationieren, was zunächst noch weithin als Druckmittel für die anstehende OPEC-Konferenz betrachtet wurde. Die auf dieser Konferenz beschlossene Erhöhung des Richtpreises für Rohöl wurde anfangs als Durchbruch bezeichnet, verhinderte jedoch nicht den Abbruch der bilateralen Verhandlungen zwischen dem Irak und Kuwait. Daraufhin ließ der Irak 100.000 Soldaten an den Grenzen Kuwaits aufmarschieren.
Nachdem der Irak auch gegenüber den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Drohungen ausgesprochen hatte, akzeptierten diese Militärunterstützung von Seiten der Vereinigten Staaten. Die USA lieferten am 24. Juli zwei Boeing KC-135 Stratotanker an die VAE und informierten die irakische Regierung. Einen Tag später bestellte das irakische Außenministerium überraschend die US-Botschafterin April Glaspie ein. Während des Gesprächs erkundigte sich Saddam nach der Bedeutung der gemeinsamen Militärmanöver mit den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie nach den Formulierungen in den jüngsten Botschaften des Außenministeriums, in denen von „Verpflichtungen“ der Vereinigten Staaten für die „Verteidigung seiner Freunde“ in der Golfregion „einzeln und gemeinsam“ die Rede war. „Was kann es also bedeuten, wenn Amerika sagt, dass es nun seine Freunde schützen wird?“ fragte Saddam die Botschafterin. Glaspie antwortete, sie möchte Bushs „Wunsch nach Freundschaft“ übermitteln und erklärte: „Wir haben keine Meinung zu den arabisch-arabischen Konflikten wie bei Ihren Grenzstreitigkeiten mit Kuwait.“ Sie schickte den Drahtbericht (englisch: Diplomatic cable) über das Gespräch am selben Tag nach Washington.Es gibt zwei schriftliche Aufzeichnungen des Gesprächs. Die erste ist die von Glaspie autorisierte Version, die zweite die des irakischen Außenministeriums, die nach Angaben von Glaspie erhebliche Fälschungen und Auslassungen enthalte und von der New York Times im September 1990 veröffentlicht wurde.
Im Vorfeld des Irakkriegs veröffentlichten die Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt im November 2002 einen Artikel, in dem sie für die Eindämmung des Iraks plädierten und schrieben dort, obwohl es vielleicht nicht ihre Absicht gewesen sei, habe Glaspie dem Irak tatsächlich „grünes Licht“ gegeben. Im Januar 2011 veröffentlichte WikiLeaks den Drahtbericht, der zu diesem Zeitpunkt schon öffentlich bekannt war. Walt antwortete daraufhin auf einen Debattenbeitrag eines Kollegen in Foreign Policy und erneuerte seine Kritik an Glaspie, die es versäumt habe, Saddam deutlich zu warnen und ihm die Konsequenzen einer Invasion in Kuwait darzulegen. Der Historiker Samuel Helfont wandte dagegen ein, es gebe kaum Belege dafür, dass die Besprechung Einfluss auf die Handlungen des Iraks gehabt hätte. Außenminister Tariq Aziz erklärte später, Glaspie habe nichts gesagt, was als „Ermutigung zur Invasion interpretiert werden könnte“. Der Journalist Steve Coll merkte an, dass Glaspie lediglich die Politik der Bush-Regierung wiedergegeben habe und Saddam selbst sagte Jahre später, dass er sich zu diesem Zeitpunkt schon für die Invasion entschieden gehabt habe.
Die Besetzung Kuwaits hätte für den Irak einen erheblichen Gewinn an Küste bedeutet. Trotz seiner Größe von über 430.000 Quadratkilometern hat der Irak nur 58 Kilometer Küstenlinie, befindet sich damit sowohl strategisch als auch wirtschaftlich gegenüber anderen Golfanrainern deutlich im Nachteil. Das sehr viel kleinere Kuwait z. B. hat bei nur 17.800 Quadratkilometern Fläche 499 Kilometer Küstenlinie. Durch die endgültige Annexion Kuwaits hätte sich also die Küstenlinie fast verzehnfacht. Dazu wären auch neue Häfen gekommen.
Die irakische Invasion Kuwaits mini|Stationierte irakische Truppenverbände in Kuwait, September 1990 mini|Britischer Soldat während der Operation Desert Shield mini|USS Dwight D. Eisenhower