mini|Schema für den „Vocoder“ von Homer Dudley (1940)

Unter Sprachsynthese versteht man die künstliche Erzeugung der menschlichen Sprechstimme. Durch Text-to-Speech (TTS) (oder Vorleseautomat) wird Fließtext in eine akustische Sprachausgabe überführt.

Genügend Rechenleistung vorausgesetzt, verwendet man heute sog. Tiefe Neuronale Netze (DNN), die man mit vielen Stunden hochwertiger Sprachaufnahme anlernt, .

Bis Mitte der 2010er-Jahre verwendete man den analytischen Ansatz. Dabei wird der Text über mehrere Zwischenstufen zu Sprache gewandelt, diese sind meist: Eingangstext, Lautschrift, Phoneme, Aneinanderstellung von aufgenommenen oder synthetisierten Diphonen. Ein besonderes Problem ist die Erzeugung einer natürlichen Sprachmelodie (Prosodie).

Die Herkunft der Diphone unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Methoden. Das Signal kann durch die sogenannte physiologische (artikulatorische) Modellierung vollständig im Rechner erzeugt werden. Oder aber es wird auf Sprachaufnahmen (Samples) zurückgegriffen, was teilweise auch als Signalmodellierung bezeichnet wird.

Während die geschichtlich ersten Systeme auf Formantsynthesen beruhten, basierten die bisher industriell eingesetzten Systeme vorwiegend auf Signalmodellierung.

Geschichte mini|Nachbau der „Sprechmaschine“ von Wolfgang von Kempelen (2009) mini|Nachbau der Konstruktion von Hermann von Helmholtz (1865) mini|Demonstration des „Voders“ 1939

Schon lange vor der Erfindung der elektronischen Signalverarbeitung versuchten Wissenschaftler Maschinen zu konstruieren, die menschliche Sprache erzeugen können. Gerbert von Aurillac (1003) wird ein aus Bronze gefertigter „Sprechender Kopf“ zugeschrieben, von dem berichtet wurde, dass er „ja“ und „nein“ sagen konnte. Wohl eher in den Bereich der Legenden gehören die Apparate von Albertus Magnus (1198–1280) und Roger Bacon (1214–1294).

Der deutsche, in Kopenhagen tätige Wissenschaftler Christian Kratzenstein baute 1779 aufgrund eines Preisausschreibens der St. Petersburger Akademie eine „Sprachorgel“, die durch freischwingende Lingualpfeifen mit dem menschlichen Vokaltrakt nachgebildeten Resonatoren fünf lange Vokale (a, e, i, o und u) synthetisieren konnte. Wolfgang von Kempelen entwickelte bereits seit ca. 1760 eine Sprechmaschine, die er 1791 in seiner Veröffentlichung „Mechanismus der menschlichen Sprache nebst der Beschreibung seiner sprechenden Maschine“ darstellte. Diese Synthese basierte wie Kratzensteins auf einem Blasebalg als Lungenäquivalent, die eigentliche Anregung geschah aber erheblich anatomienäher durch eine einzelne, aufschlagende Lingualpfeife. Damit waren einige Vokale und auch Plosive möglich. Darüber hinaus ließen sich über verschiedene Mechanismen einige Frikative darstellen. An den Stimmbändern schloss ein Ledertubus an, der durch eine Hand verformt werden konnte, und so die variable Geometrie und Resonanzverhalten des Vokaltrakts nachbildete. Von Kempelen schrieb:

Charles Wheatstone baute 1837 eine Speaking Machine, die auf diesem Entwurf beruht, ein Nachbau findet sich im Deutschen Museum. 1857 baute Joseph Faber die Euphonia, die ebenso diesem Prinzip folgt.

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Interesse weg vom Nachbau menschlicher Sprachorgane (genetische Sprachsynthese), hin zur Simulation des akustischen Raumes (gennematische Sprachsynthese). So synthetisierte Hermann von Helmholtz erstmals Vokale mit Hilfe von Stimmgabeln, die auf die Resonanzfrequenzen des Vokaltraktes in bestimmten Vokalstellungen abgestimmt waren. Diese Resonanzfrequenzen werden als Formanten bezeichnet. Sprachsynthese durch Kombination von Formanten war technischer Mainstream bis in die Mitte der 1990er Jahre.

In den Bell Labs wurde in den 1930ern der Vocoder, ein tastaturgesteuerter elektronischer Sprachsynthesizer entwickelt, über den gesagt wurde, dass er klar verständlich war. Homer Dudley verbesserte diese Maschine zum Voder, der in der Weltausstellung 1939 präsentiert wurde. Der Voder benutzte elektrische Oszillatoren zur Erzeugung der Formantfrequenzen.

Die ersten computerbasierten Sprachsynthesesysteme wurden in den späten 1950ern entwickelt, das erste komplette Text-To-Speech-System 1968 fertiggestellt. Der Physiker John Larry Kelly, Jr und die Informatikerin Carol Lochbaum entwickelten 1961 bei den Bell Labs eine Sprachsynthese mit einem IBM 704 und ließen ihn das Lied Daisy Bell singen. Der Regisseur Stanley Kubrick war davon so beeindruckt, dass er es in den Film 2001: A Space Odyssey integrierte.

Gegenwart Während frühe elektronische Sprachsynthesen noch sehr roboterhaft klangen und teilweise schwer verständlich waren, erreichen sie etwa seit der Jahrtausendwende eine Qualität, bei der es mitunter schwierig ist, sie von menschlichen Sprechern zu unterscheiden. Das ist hauptsächlich der Tatsache zu verdanken, dass sich die Technologie von der eigentlichen Synthese des Sprachsignals abgewandt hat und sich darauf konzentriert, aufgenommene Sprachsegmente optimal zu verketten. Arne Hoxbergen: Die Geschichte der Sprachsynthese anhand einiger ausgewählter Beispiele (PDF; 490 kB). Berlin 2005. Zahlreiche Webseiten und Online-Anbieter bieten frei zugängliche oder kommerzielle Nachbildungen von zum Teil prominenten Stimmen fiktiver oder realer Vorlagen an, um individualisierte Audiodateien zu erstellen.

Synthese Sprachsynthese setzt eine Analyse der menschlichen Sprache voraus, bezüglich der Phoneme, aber auch der Prosodie, weil eben ein Satz allein durch die Satzmelodie unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Was den Syntheseprozess an sich betrifft, gibt es verschiedene Methoden. Gemeinsam ist allen Methoden, dass sie auf eine Datenbank zurückgreifen, in der charakteristische Informationen über Sprachsegmente hinterlegt sind. Elemente aus diesem Inventar werden zur gewünschten Äußerung verknüpft. Sprachsynthesesysteme lassen sich anhand des Inventars der Datenbank und insbesondere der Methode zur Verknüpfung klassifizieren. Tendenziell fällt die Signalsynthese umso einfacher aus, je größer die Datenbank ist, da diese dann bereits Elemente enthält, die der gewünschten Äußerung näher sind und weniger Signalbearbeitung notwendig ist. Aus dem gleichen Grund gelingt bei einer großen Datenbank meistens eine natürlicher klingende Synthese.

Eine Schwierigkeit der Synthese liegt in dem Aneinanderfügen von Inventarelementen. Da diese aus verschiedenen Äußerungen stammen, unterscheiden sie sich auch in der Lautstärke, der Grundfrequenz und der Lage der Formanten. Bei einer Vorverarbeitung der Datenbank oder beim Verbinden der Inventarelemente müssen diese Unterschiede möglichst gut ausgeglichen werden (Normalisierung), um nicht die Qualität der Synthese zu beeinträchtigen.

Unit Selection Die Unit Selection liefert die beste Qualität besonders bei einer eingeschränkten Domäne. Die Synthese verwendet eine große Sprachdatenbank, in der jede aufgenommene Äußerung in einige oder alle der folgenden Einheiten segmentiert wird: Phoneme / Diphone, Silben, Morpheme, Wörter, Phrasen, Sätze. Diese Segmente werden mit einem Verzeichnis von einer Reihe akustischer und phonetischer Eigenschaften wie Grundfrequenzverlauf, Dauer oder Nachbarn gespeichert.

Für die Synthese werden durch spezielle Suchalgorithmen, gewichtete Entscheidungsbäume, eine Reihe von möglichst großen Segmenten bestimmt, die der zu synthetisierenden Äußerung hinsichtlich dieser Eigenschaften möglichst nahekommen. Da diese Reihe ohne oder mit wenig Signalverarbeitung ausgegeben wird, bleibt die Natürlichkeit der gesprochenen Sprache erhalten, solange wenige Verkettungsstellen erforderlich sind.

Diphonsynthese Anfang des 21. Jahrhunderts durchgeführte Experimente haben gezeigt, dass die korrekte Wiedergabe der Lautübergänge wesentlich für die Verständlichkeit der Sprachsynthese ist. Um alle Lautübergänge zu speichern, wird eine Datenbasis mit etwa 2500 Einträgen verwendet. Darin ist jeweils der Zeitbereich des stationären Teils, die Phonemmitte eines Phonems, bis zum stationären Teil des folgenden Phonems abgespeichert. Für die Synthese werden die Informationen entsprechend zusammengefügt (konkateniert).

Weitere Koartikulationseffekte, die viel zur Natürlichkeit der Sprache beitragen, können durch umfangreichere Datenbasen berücksichtigt werden. Ein Beispiel dafür ist Hadifix, das Halbsilben, Diphone und Suffixe enthält.

Signalerzeugung Die Signalerzeugung gibt die gewünschten Segmente aus der Datenbank mit dem vorgegebenen Grundfrequenzverlauf wieder. Diese Ausprägung des Grundfrequenzverlaufs kann auf verschiedene Arten geschehen, worin sich die folgenden Verfahren unterscheiden.

Quelle-Filter-Modell Bei Synthesen, die eine Quelle-Filter-Separation verwenden, wird eine Signalquelle mit periodischer Signalform verwendet. Deren Periodenlänge wird passend zur Grundfrequenz der zu synthetisierenden Äußerung eingestellt. Dieser Anregung wird je nach Phonemtyp zusätzlich Rauschen beigemischt. Die abschließende Filterung prägt die lautcharakteristischen Spektren auf. Vorteilhaft bei dieser Klasse von Verfahren ist die einfache Grundfrequenzsteuerung der Quelle. Ein Nachteil ergibt sich durch die in der Datenbank gespeicherten Filterparameter, deren Bestimmung aus Sprachproben schwierig ist. Je nach Art des Filters bzw. der zugrunde liegenden Sichtweise des Sprechens unterscheidet man die folgenden Verfahren:

Formantsynthese Die Formantsynthese beruht auf der Beobachtung, dass es zur Unterscheidung der Vokale genügt, die ersten zwei Formanten treffend zu reproduzieren. Jeder Formant wird durch einen in der Mittenfrequenz und Güte steuerbaren Bandpass, ein Polfilter 2. Ordnung, nachgebildet. Die Formantsynthese ist durch analoge elektronische Schaltungen vergleichsweise einfach realisierbar.

Akustisches Modell Das akustische Modell bildet die gesamten Resonanzeigenschaften des Vokaltrakts durch einen geeigneten Filter nach. Häufig wird der Vokaltrakt dazu vereinfacht als Rohr variablen Querschnitts betrachtet, wobei Quermoden vernachlässigt werden, da die seitliche Ausdehnung des Vokaltrakts klein ist. Die Querschnittsänderungen werden weiterhin durch äquidistante Querschnittssprünge approximiert. Ein häufig gewählter Filtertyp ist der Kreuzgliedketten-Filter, bei dem eine direkte Beziehung zwischen Querschnitt und Filterkoeffizient besteht.Karl Schnell: Rohrmodelle des Sprechtraktes. Frankfurt 2003.

Diese Filter sind eng verwandt mit dem Linear Predictive Coding (LPC), das ebenfalls für Sprachsynthesen eingesetzt wird. Bei dem LPC werden ebenfalls die gesamten Resonanzeigenschaften berücksichtigt, es besteht jedoch kein direkter Zusammenhang zwischen Filterkoeffizienten und Querschnittsverlauf des Vokaltrakts.

Artikulatorische Synthese Die artikulatorische Synthese stellt gegenüber dem akustischen Modell eine Beziehung zwischen der Stellung der Artikulatoren und dem daraus resultierenden Querschnittsverlauf des Vokaltrakts her. Hier kommen zur Nachbildung der Resonanzcharakteristik neben zeitdiskreten Kreuzgliedkettenfiltern auch Lösungen der zeitkontinuierlichen Horngleichung zum Einsatz, aus denen das Zeitsignal durch Fouriertransformation gewonnen wird.

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