Psychose ist ein Grundbegriff in der Psychiatrie, der früher für alle Arten von psychischen Erkrankungen stand.Duden: Geisteskrankheit. Heute bezeichnet der Begriff einen unscharf definierten Symptomenkomplex, gekennzeichnet durch:W. Gaebel, J. Zielasek: Focus on psychosis. In: Dialogues in clinical neuroscience. Band 17, Nummer 1, März 2015, S. 9–18. PMID 25987859, (Review). Halluzinationen, Wahn, Realitätsverlust oder Ich-Störungen.

Auch affektive Symptome sind bei einigen Erkrankungen mit Psychosen vergesellschaftet. Diese unterschiedlichen Symptomtypen können einzeln oder in Kombination auftreten.

Psychosen können bei einer Vielzahl von Erkrankungen auftreten. Eine Zuordnung zu einer Erkrankung lässt sich nur durch sorgfältige Diagnostik ermöglichen.

Menschen mit Psychosen haben ein erhöhtes Risiko, weitere Krankheiten zu entwickeln oder durch ihr Verhalten Schaden zu nehmen. Auch ihre Suizidrate ist erhöht. Diese allgemeinen Risiken sind nicht in jedem Einzelfall relevant.

Die Therapie erfolgt abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung und der jeweiligen Symptomatik. Sofern es nicht zu einer Spontanheilung kommt, erfolgt die Behandlung noch häufig mit Neuroleptika. Daneben gibt es bei Vorliegen einer entsprechenden Indikation psychotherapeutische und soziotherapeutische Behandlungsoptionen.H. Müller, S. Laier, A. Bechdolf: Evidence-based psychotherapy for the prevention and treatment of first-episode psychosis. In: European archives of psychiatry and clinical neuroscience. Band 264, Supplement 1, November 2014, S. S17–S25. doi:10.1007/s00406-014-0538-0. PMID 25261211 (Review), PDF.

Etymologie Der Begriff Psychose wurde erstmals 1841 von Carl Friedrich Canstatt und dann erneut 1845 von Ernst von Feuchtersleben eingeführt.M. Bürgy: The concept of psychosis: historical and phenomenological aspects. In: Schizophrenia bulletin. Band 34, Nummer 6, November 2008, S. 1200–1210, doi:10.1093/schbul/sbm136. PMID 18174608, . 1846 schrieb Carl Friedrich Flemming, eine körperliche Entstehung (Somatogenese) einbeziehend, dazu: „Die Seelenkrankheit oder Psychose wurzelt in der Seele, insofern diese durch das sinnliche Organ vermittelt wird. […] Die nächste Ursache der Seelenkrankheit ist Krankheit des körperlichen Organs“.Klemens Dieckhöfer: Psychose. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. de Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1196, hier: S. 1196.

Das Wort „Psychose“ war bereits um 1875 neben den Begriffen Seelenstörung, psychische Krankheit, Geisteskrankheit und Irresein (von irre, althochdeutsch irri ‚irre, zornig‘, gotisch aírzeis ‚irre, verführt‘, als „Abirrung des Geistes“ verwandt mit lateinisch errare ‚irren‘, und delirare ‚tolles Zeug treiben‘Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 329 (irre).) allgemein in der Psychiatrie etabliert. Es war nach Art französischer Fachwörter mit französischer Endung ins Deutsche gekommen, und zwar von altgriechisch (), „Seele“, „Geist“, und (), „Zustand“.R. Sommer: The etymology of psychosis. In: The American journal of orthopsychiatry. Band 81, Nummer 2, April 2011, S. 162–166, doi:10.1111/j.1939-0025.2011.01084.x. PMID 21486257, (Vorschau erste Seite, abgerufen am 6. März 2018). Der an einer Psychose erkrankte Mensch wurde als Psychotiker bezeichnet.

Klassifikation psychotischer Erkrankungen Zur Klassifikation psychiatrischer Erkrankungen insgesamt dominierte historisch das Triadische System, dessen Entwicklung auf den Psychiater Emil Kraepelin zurückgeht. Das Triadische System teilt die Psychosen in organische (körperlich begründbare) und endogene („nicht körperlich begründbare“) Psychosen ein. Eine weitere Unterteilung der endogenen Psychosen erfolgte 1899 in der 6. Auflage von Kraepelins psychiatrischen Lehrbuchs, worin er die Dementia praecox (durch Eugen Bleuler später Schizophrenie genannt) dem manisch-depressiven Irresein (Bipolare Störung) gegenüberstellte. Das Triadische System dominierte die Psychiatrie bis in die 1980er-Jahre hinein, als mit der Veröffentlichung von DSM-III bzw. ICD-10 ein Paradigmenwechsel erfolgte: Eine ätiologisch (ursächliche) Einteilung der Erkrankungen wurde aufgegeben, der Fokus verschob sich auf eine beschreibende Einteilung mit Einbeziehung des Verlaufs einer Erkrankung (Zeitkriterium).

Eine Definition des Begriffs Psychose gibt jedoch keines der aktuell verwendeten Diagnosemanuale an. Psychose wird auch heute noch als unscharfer Begriff für alle psychischen Erkrankungen und Zustände verwendet, die mit Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Ich-Störungen, Katatonie oder ggf. schweren Erregungszuständen einhergehen.

Aufgrund der operationalisierten Diagnostik und den Unterschieden zwischen ICD-10 und DSM-5 gibt es heute eine Vielzahl von Erkrankungen und damit Kodierungen, die eine Psychose als mögliches Symptom aufweisen. Die moderne Psychiatrie unterscheidet die Psychosen dabei primär nach deskriptiven und zeitlichen Verlaufskriterien und nicht mehr nach Ätiologie. Statt nicht-organische (oder „endogene“) und organische (oder „exogene“) Psychose werden insbesondere im englischsprachigen Raum auch die Begriffe primäre Psychose für die Entwicklung einer Psychose aus einer psychiatrischen Erkrankung heraus und sekundäre Psychose für die Entwicklung aus einer somatischen Erkrankung heraus verwendet. Dies geschieht vor allem in der Annahme, dass psychiatrische Erkrankungen in jedem Fall mit neurobiologischen Abweichungen korrelieren, somit alle psychiatrischen Erkrankungen letztlich „organischen“ Ursprungs sind.

Ursachen Die heutige Forschung geht von einer multifaktoriellen Entstehung der meisten psychiatrischen Erkrankungen, und damit auch Psychosen, aus. Die aktuell (Stand 2018) gebräuchlichste Arbeitshypothese ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Demnach interagiert eine ggf. vorhandene Veranlagung (Disposition; genetisch oder vorgeburtlich entstanden) mit darauffolgendem Stress, der als Auslöser angenommen wird.Paolo Fusar-Poli, Stefan J. Borgwardt, Philip McGuire (Hrsg.): Vulnerability to Psychosis: From Neurosciences to Psychopathology. Psychology Press, New York 2012, ISBN 978-1-136-59639-1, S. 60–61. Stressoren können sein:

prä- und perinatale Faktoren wie mütterlicher Stress in der SchwangerschaftA. S. Khashan, K. M. Abel, R. McNamee, M. G. Pedersen, R. T. Webb, P. N. Baker, L. C. Kenny, P. B. Mortensen: Higher risk of offspring schizophrenia following antenatal maternal exposure to severe adverse life events. In: Archives of general psychiatry. Band 65, Nummer 2, Februar 2008, S. 146–152, doi:10.1001/archgenpsychiatry.2007.20. PMID 18250252.M. J. Owen, A. Sawa, P. B. Mortensen: Schizophrenia. In: Lancet. Band 388, Nummer 10039, Juli 2016, S. 86–97, doi:10.1016/S0140-6736(15)01121-6. PMID 26777917, (Review). oder der Geburtsort, Einflüsse auf das Immunsystem (kindliche Infektionen), Sozialisation und die psychische Entwicklung des Kindes, anatomische und funktionelle Abweichungen in der Struktur des Gehirns,P. De Rossi, C. Chiapponi, G. Spalletta: Brain Functional Effects of Psychopharmacological Treatments in Schizophrenia: A Network-based Functional Perspective Beyond Neurotransmitter Systems. In: Current neuropharmacology. Band 13, Nummer 4, 2015, S. 435–444. PMID 26412063, (Review).J. E. Lisman, J. T. Coyle, R. W. Green, D. C. Javitt, F. M. Benes, S. Heckers, A. A. Grace: Circuit-based framework for understanding neurotransmitter and risk gene interactions in schizophrenia. In: Trends in neurosciences. Band 31, Nummer 5, Mai 2008, S. 234–242. doi:10.1016/j.tins.2008.02.005. PMID 18395805, (Review). mechanische Einwirkung auf das Gehirn (z. B. durch Schädel-Hirn-Traumen oder Tumoren), hormonelle Einflüsse, psychotrope Substanzen (darunter Alkohol, Cannabis und Medikamente), sowie diverse somatische Erkrankungen (autoimmun/rheumatisch, endokrin).

Bei schizophrenen Psychosen wurde historisch das Modell der Dopaminhypothese entwickelt, welches eine Dysregulation dopaminerger Neurone beschreibt. So kommt es innerhalb unterschiedlicher Regionen des Gehirns zu Unter-/Überfunktion der Transmission. Bildgebende Nachweise (verstärkte Dopaminausschüttung im Striatum bei schizophrenen Patienten mit akuter Psychose) sowie die Wirkung von Dopamin-Rezeptor-Agonisten bzw. -Antagonisten auf den Krankheitsverlauf stützen diese These. Die Dopamindysregulation wird jedoch nicht mehr als eigentliche Ursache von Psychosen angesehen, sondern lediglich als gemeinsame Endstrecke aller pathologischen Veränderungen verstanden.C. I. Lau, H. C. Wang, J. L. Hsu, Liu Me: Does the dopamine hypothesis explain schizophrenia? In: Rev Neurosci. Band 24, 2013, S. 389–400.

Die Dopaminhypothese wurde später zusätzlich durch die Glutamathypothese erweitert, die eine Unterfunktion des glutamatergen Systems annimmt.

Arten von Psychosen Da Psychosen lediglich einen Symptomkomplex darstellen und daher nicht als eigenständige Erkrankung kodifiziert werden können, muss bei einer Psychose eine zugrundeliegende Erkrankung diagnostiziert werden. Diese Erkrankungen lassen sich grob einteilen in organische (somatische) und nichtorganische (psychiatrische) Erkrankungen.

Organische Psychosen Organische Psychosen treten bei nachweisbaren organischen Erkrankungen auf. Hierfür kommen eine Vielzahl an Erkrankungen in Betracht: degenerative Hirnerkrankungen (Demenzen vom Alzheimer- oder Lewy-Body-Typ, vaskuläre Demenz), Hirnverletzungen (Schädel-Hirn-Trauma), fokale Prozesse (Epilepsie [v. a. Temporallappenepilepsie], Schlaganfall), maligne Neubildungen (Tumoren sowohl primär im Gehirn als auch als Metastasen), Infektionen (Meningitis, Neurolues), Autoimmunerkrankungen (Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, Hashimoto-Thyreoiditis, Lupus erythematodes, Multiple Sklerose, Vaskulitiden), endokrine Erkrankungen (Hypo- und Hyperthyreose, Hypo- und Hyperparathyreoidismus), angeborene oder erworbene Stoffwechselstörungen (Leukodystrophie, Lysosomale Speicherkrankheiten, Mucopolysaccharidosen, Porphyrie), andere metabolische Störungen (Hypo- und Hypernatriämie, Hypoglykämie), Vergiftungen mit Medikamenten oder Drogen, Drogenentzug, Parasiten (Neurozystizerkose), Sonderformen wie die Postpartale Psychose.

Nichtorganische Psychosen Erkrankungen mit nichtorganischen (ähnliche Bezeichnungen auch endogene oder funktionelle) Psychosen umfassen: Schizophrenie bzw. Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises, Anhaltende wahnhafte Störung, Akute oder vorübergehende psychotische Störungen, Induzierte wahnhafte Störung, Schizoaffektive Störung, affektive Psychosen (hierunter fallen manche Formen von bipolarer Störung oder schwerer Depression).

Organische Psychosen Bei organischen Psychosen sind im Gegensatz zu anderen Psychosen organische Ursachen sicher auszumachen. Diese Psychosen bilden sich aus auf der Grundlage einer Erkrankung des zentralen Nervensystems (z. B. bei degenerativen Prozessen wie Demenzen, bösartigen Neubildungen oder durch anderweitige körperliche Erkrankungen wie Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen) infolge von außen einwirkender Schädigungen (z. B. Schädel-Hirn-Trauma) durch manche Medikamente, Drogen oder andere die Hirnfunktion beeinträchtigende Substanzen im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen als zeitlich begrenztes Durchgangssyndrom Symptome

Wahnvorstellungen, Halluzinationen (häufig optisch von einzelnen Lichtblitzen bis hin zur Trugwahrnehmung von Gegenständen und filmartigen Szenen).

Behandlung

Soweit möglich erfolgt die Therapie organischer Psychosen durch die Behandlung der Grunderkrankung, etwa durch das Weglassen von psychoseauslösenden Medikamenten oder Drogen, ansonsten insbesondere durch Neuroleptika.

Substanzinduzierte Psychose