Nastätten ist eine Stadt im Rhein-Lahn-Kreis in Rheinland-Pfalz und Verwaltungssitz der gleichnamigen Verbandsgemeinde. Nastätten ist gemäß Landesplanung als Mittelzentrum ausgewiesen und bildet das Zentrum des Blauen Ländchens.
Geographie Nastätten liegt im westlichen Hintertaunus und ist die größte Stadt des südlichen Rhein-Lahn-Kreises. Die Stadt liegt im Tal des Mühlbachs.
Zu Nastätten gehören auch die Wohnplätze Funkenmühle, Haus Pollmerstall, Heidehof, Heubachmühle, Hof Heubachtal, Hof Schwall, Sonnenhügel, Tannenhof und Thurnsmühle.
Geschichte Im ersten Jahrhundert nach Christus, unter Kaiser Domitian (81–96) besetzen die Römer den Taunus und damit auch das Gebiet des heutigen Rhein-Lahn-Kreises und des späteren Nastättens. Vor und auch zur Zeit der Römer lebten im Taunus-Gebiet keltische Stämme, was sich auch daran zeigt, dass es in der Umgebung Nastättens zahlreiche keltische Hügelgräber gibt. Ob und wenn wie lange vor der urkundlichen Erwähnung das unmittelbare Gebiet in und um Nastätten besiedelt war, ist unbekannt.
Der Ort wurde urkundlich erstmals im Prümer Urbar im Jahre 893 als Nasteden erwähnt. Anfang des 13. Jahrhunderts hatte die Abtei Prüm außer der Fronhube 28 Mansen (Bauernhöfe), die von Hörigen und vier die von Leibeigenen bewohnt wurden. Die Abtei Prüm vergab den Ort im September 1326 an die Grafen von Katzenelnbogen als Lehen, im Jahr 1449 kauften sie dieses.
Als Teil der Landgrafschaft Hessen Mit Philipp I. († 27. Juni 1479) starben die Grafen von Katzenelnbogen im Mannesstamm aus, der Schwiegersohn, Landgraf Heinrich III. von Hessen, erbte die Grafschaft. Es kam zu einem jahrelangen Erbstreit mit Nassau-Dillenburg (um die Niedergrafschaft), der durch den Frankfurter Vertrag 1557 beendet wurde. 1527 kam es in Hessen, also auch in Nastätten, unter Landgraf Philipp I. von Hessen genannt der Großmütige, zur Einführung des lutherischen Bekenntnisses. Durch die Erbteilungen infolge des Todes Philipps I. 1567 wurde die Landgrafschaft Hessen an seine vier Söhne verteilt und Nastätten und die Niedergrafschaft fielen an den zweitjüngsten Sohn Philipps (Philipp II.), und es entstand die Landgrafschaft Hessen-Rheinfels. Nach dem Tod Philipps II. 1583 fiel die Niedergrafschaft an Hessen-Kassel. In den folgenden Jahrzehnten war die Niedergrafschaft ein Zankapfel zwischen dem reformierten Hessen-Kassel und dem lutherischen Hessen-Darmstadt: Während des Dreißigjährigen Krieges gehörten Nastätten und die Niedergrafschaft zwischen 1623 und 1647 zu Hessen-Darmstadt, ab 1648 gehörte es bis 1806 wieder zu Hessen-Kassel.
Bereits in (und vor) dem 16. Jahrhundert wurde um Nastätten intensive Schafzucht betrieben und die aus der Wolle gewebten Stoffe als besonders hochwertiges „Nastätter Tuch“ im In- und Ausland verkauft. Ab etwa 1590 war der Anbau von Flachs eine wichtige Erwerbsquelle. Aus den Flachsfasern wurde ebenfalls Tuch hergestellt, das oft auch blau gefärbt wurde. Dies ist der Ursprung der Bezeichnung Blaues Ländchen für das Gebiet um den Ort.
Nach der Realteilung des Vierherrischen Gerichts auf dem Einrich in den beiden sogenannten Nastätter Rezessen 1774/75 und der Übernahme einer Anzahl von Dörfern in die direkte Landesherrschaft von Hessen-Kassel wurde Nastätten Sitz des neu gebildeten katzenelnbogischen Amtes Nastätten.
Unter Napoleon In der sogenannten Franzosenzeit kam der Ort zusammen mit den rechtsrheinischen Teil der Niedergrafschaft Katzenelnbogen von 1806 bis 1813 unter französische Verwaltung (Pays réservé). Nach dem Wiener Kongress gelangte die Region und damit Nastätten im Jahr 1816 aufgrund zweier Tauschverträge zwischen Hessen, Preußen und Nassau zum Herzogtum Nassau.
Herzogtum Nassau Nastätten bekam 1817 die Stadtrechte verliehen.
Preußen Ab 1866 wurde Nastätten mit der Annexion des unterlegenen Herzogtums Nassau infolge des Preußisch-Österreichischen Krieges preußisch und war zunächst dem Unterlahnkreis in der Provinz Hessen-Nassau zugeordnet. Ab 1. April 1886 gehörte die Stadt mit dem westlichen Teil des aufgelösten Amtes Nastätten dem neu geschaffenen Kreis Sankt Goarshausen an.
Nastätten war nach dem Ersten Weltkrieg vom 14. Dezember 1918 bis zum 9. September 1919 von französischen Truppen besetzt und gehörte danach bis zum Abzug der Franzosen 1929 zur französischen Besatzungszone (→ Alliierte Rheinlandbesetzung).
Anfang März 1927 kam es in Nastätten zur bis dahin schwersten Auseinandersetzung zwischen Nationalsozialisten und ihren Gegnern in Nassau: Bei der „Schlacht von Nastätten“ störten SA-Trupps aus Wiesbaden, Frankfurt und Mainz sowie weitere Nationalsozialisten eine gegen ihre Bewegung gerichtete Vortragsveranstaltung. Dabei gab es einen Toten und mehrere Schwerverletzte. Die Wiesbadener Ortsgruppe der NSDAP wurde daraufhin für ein Jahr verboten. Nastätten war die erste Stadt Preußens, die Adolf Hitler zum Ehrenbürger ernannte, nämlich am 14. Juni 1932.Hubertus Seibert: Der Aufstieg des Nationalsozialismus im Rhein Lahn-Kreis (1925–1933). In: Der Rhein-Lahn-Kreis. Landschaft–Geschichte–Kultur unserer Heimat. Hrsg. von der Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises, Verlag Loreley Galerie, Oberwesel 1987, S. 219–251, hier S. 239.
Am 27. März 1945 besetzten US-amerikanische Truppen Nastätten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg Im Juli 1945 wurde Nastätten Teil der französischen Besatzungszone.
Seit 1946 ist Nastätten Teil des Landes Rheinland-Pfalz. Seit der Gebietsreform von 1969 gehört die Stadt zum Rhein-Lahn-Kreis und wurde 1972 Sitz der neu geschaffenen Verbandsgemeinde Nastätten.
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner 1495 81 1577 108 1604 163 1773 968 1782 1029 1794 1055 1815 1355 1835 1712 1864 1576 Jahr Einwohner 1871 1653 1900 1586 1905 1671 1939 1929 1950 2418 1961 2501 1965 2696 1970 2727 1975 3031 Jahr Einwohner 1980 3010 1985 2982 1990 3249 1995 3809 2000 4160 2005 4242 2010 4217 2011 4167
Weitere Daten ab 2012:
Politik Stadtrat
Der Stadtrat in Nastätten besteht aus 20 Ratsmitgliedern, die bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 in einer personalisierten Verhältniswahl gewählt wurden, und dem ehrenamtlichen Stadtbürgermeister als Vorsitzendem.
Die Sitzverteilung im Stadtrat: Wahl SPD CDU Grüne FDP FWG Gesamt 2024 7 6 – – 7 20 Sitze 2019 6 6 2 – 6 20 SitzeDer Landeswahlleiter Rheinland-Pfalz: 2014 8 6 1 – 5 20 Sitze 2009 8 6 – 2 4 20 Sitze 2004 7 8 – 1 4 20 Sitze
Bürgermeister Von Oktober 2001 bis zum 5. Januar 2017 war Emil Werner (SPD) Stadtbürgermeister von Nastätten. Im September 2016 gab dieser bekannt, aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt auszuscheiden. Da bis zum 19. September 2016 keine Bewerbung vorlag, wurde Joachim Rzeniecki (CDU) vom Stadtrat mit einer Mehrheit von 15 Stimmen zum Bürgermeister gewählt und am 5. Januar 2017 öffentlich als neuer Bürgermeister vereidigt. Bei der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 setzte sich Marco Ludwig (SPD) mit 51,8 % der Stimmen gegen Horst Fäseke (CDU) mit 48,2 % durch. Die Wahlbeteiligung lag bei 57,7 %.Rhein-Lahn-Zeitung, 27. Mai 2019, S. 23. Ludwigs Amtseinführung erfolgte am 24. Juni 2019. Bei der Direktwahl am 9. Juni 2024 trat nur noch Ludwig an und erhielt bei einer Wahlbeteiligung von 59,7 % 64,6 % der Stimmen. Name Amtszeit Parteiangehörigkeit hauptamtlich Besonderes während der Amtszeit SonstigesChrist 1870er und 1880er (genaue Amtszeit unbekannt)unbekanntneinBesuch des Kronprinzen Friedrich III. in Nastätten im August 1880Otto Langebis 1914unbekanntjaBürgermeister der Industriegemeinde WeißwasserFriedrich Fahlsingvor 1916 (Amtszeit unbekannt)unbekanntunbekannt; wahrscheinlich nichtSpäter Bürgermeister in Themar, Bad Karlshafen (1916 gewählt aber vom Regierungspräsidenten abgelehnt) und Nordhorn (1919–27)Schreiben des Regierungspräsidenten in Osnabrück an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden vom 12.9.1924 bzgl. Friedrich Fahlsings Personalakte aus seiner Zeit in NastättenHugo Wasserloos1903–1927 (genaue Amtszeit unbekannt)unbekanntneinBau der neuen Synagoge, Erster Weltkrieg, Ende des Kaiserreichs/Weimarer Republik, französische Besatzung, Inflation, beginnender Aufstieg der radikalen Kräfteeine Amtszeit 12 JahreFriedrich Brüning1927–1933unbekanntneinMachtergreifung der Nationalsozialisten; Weltwirtschaftskrise, Adolf Hitler bekommt die Ehrenbürgerschaft der Stadt Nastättenauf 12 Jahre gewählt; schließlich auf Druck der Nationalsozialisten nach Westfalen versetztPeter Haxel1933–1934NSDAPneinGleichschaltung der Verwaltung und der VereineInterimsbürgermeister/stellvertretender BürgermeisterK. Ackermann03.08.1934–31.10.1936NSDAPneinabgesetzt aufgrund Differenzen mit der NSDAP-OrtsgruppeWilhelm Holzey02.04.1937–1943/1944NSDAPjaBeginn des Zweiten WeltkriegsPeter Haxel1944/1945NSDAPwahrscheinlichstellvertretender BürgermeisterDavid Seibelab März 1945; mindestens bis Juli 1945keineneinKriegsende; Befreiung durch amerikanische Truppen; Nastätten kommt in die französische Besatzungszonevon Haxel ernannt aufgrund des Befehls des Landrates, dass Bürgermeister, die Parteimitglieder waren, ihre Ämter an Nicht-Parteimitglieder zu übergeben hattenFranz Oberländergenaue Amtszeit unbekannt; zwischen 1945 und 1948unbekanntneinNachkriegszeitGustav Kruschwitzgenaue Amtszeit unbekannt; zwischen 1945 und 1948unbekanntneinNachkriegszeitKarl Oberländer1948–1952unbekanntneinEinführung der D-MarkHeinrich Knörgel1952–1956unbekanntneinHans Peter Kürten1956–1965unbekanntjaHans Kunert1965–1975CDUjaWegzug von „Kampf & Spindler“; 1972 VerwaltungsreformDurch Verwaltungsreform war das Bürgermeisteramt ehren- und nicht mehr hauptamtlich; Amtszeit als haupt- und ehrenamtlicher BürgermeisterHans Kunert1975–1979CDUneinKarl-Peter Bruch03.07.1979–Juni 2001SPDnein1100-Jahr FeierEmil WernerJuni 2001–05.01.2017SPDneinRücktritt aus gesundheitlichen GründenJoachim Rzeniecki05.01.2017–24.06.2019CDUnein200-Jahre-Stadtrechte-FeierMarco Ludwigseit 24.06.2019SPDnein
Gemeindepartnerschaften
Formerie in der nordfranzösischen Region Picardie
Wirtschaft Nastätten war früher landwirtschaftlich geprägt. Im und vor dem 16. Jahrhundert gab es Schafzucht und „Blaufärberei“ (siehe oben). 1898 begann im gesamten Einrich der Bau der Nassauischen Kleinbahn, der bis 1901 dauerte. Die Bahnstrecke verlief auch durch Nastätten. Wo sich heute der Omnibusbahnhof befindet, war ab 1901 der Bahnhof bzw. das Bahnhofsgebäude, das auch heute noch steht. 1907/1908 gründete die Hildener Firma „Kampf & Spindler“ in Nastätten eine Seidenspinnerei, die bis 1969/1970 Bestand hatte.
Verkehr mini|Ehemaliger Bahnhof Nastätten Der Bahnhof Nastätten lag an der Nassauischen Kleinbahn von St. Goarshausen nach Zollhaus Kleinbahnhof sowie an der abzweigenden Bahnstrecke nach Oberlahnstein. Die Kleinbahn ist stillgelegt.
Etwa 2,5 km östlich des Zentrums liegt das Segelfluggelände Nastätten.
Kultur Das „Regionalmuseum Leben und Arbeiten“, das 1982 vom „Heimatpflegeverein Blaues Ländchen“ ins Leben gerufen wurde, ist im Gebäude der ehemaligen Realschule untergebracht. Das ehemalige Volksschulgebäude, das Bürgerhaus, wird für politische und kulturelle Veranstaltungen genutzt. Auch gibt es ein Freibad und ein Kino.
Regelmäßige Veranstaltungen Jährliche Veranstaltungen in Nastätten: Blaufärbermarkt Oktobermarkt Weihnachtsmarkt diverse Veranstaltungen des Gewerbevereins, z. B. Gewerbeausstellung oder Automobilschau
Religion links|mini|hochkant|Synagoge in Nastätten, erbaut 1904, zerstört 1939 mini|hochkant|Evangelische Pfarrkirche Nastätten
Konfessionsstatistik In Nastätten leben 36,6 % Menschen evangelischer Religionszugehörigkeit und 15,9 % Katholiken, die restlichen 47,5 % gehören entweder einer anderen oder keiner Glaubensgemeinschaft an.
Christentum Die Stadt ist kirchlich der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bzw. dem katholischen Bistum Limburg zugeordnet.