Wittenberge ist eine amtsfreie Stadt im Landkreis Prignitz im Nordwesten Brandenburgs und der bevölkerungsreichste Ort in der Prignitz. Die Stadt an der Elbe, auf halber Strecke zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg, besteht seit dem Mittelalter. Sie entwickelte sich während der Industrialisierung durch den Bahnhof Wittenberge und den Elbhafen als Technologiestandort, vor allem mit den Eisenbahnausbesserungs- und Nähmaschinenwerken. Mit dem benachbarten Perleberg bildet es ein Mittelzentrum. In der Stadt finden jährlich die Elblandfestspiele statt. mini|hochkant=1.05|Steintor, ältestes Gebäude in Wittenberge, 1297 erstmals erwähnt. (2005)
Geografie Wittenberge liegt im nordwestlichen Brandenburg in der Prignitz, etwa elf Kilometer südwestlich der Kreisstadt Perleberg, am nördlichen Ufer der Elbe, direkt an der Einmündung der Stepenitz und der Karthane in diesen Strom. Die Stadt befindet sich ungefähr in der Mitte der Eisenbahnstrecken Berlin–Hamburg und Rostock–Magdeburg.
Nachbargemeinden Dem Uhrzeigersinn folgend sind die Nachbargemeinden, beginnend im Westen: Cumlosen, Lanz, Perleberg, Weisen, Breese und Bad Wilsnack auf der brandenburgischen Elbseite sowie jenseits des Flusses Seehausen (Altmark) und Aland in Sachsen-Anhalt.
Stadtgliederung Ein eigentliches Stadtzentrum hat Wittenberge nicht. Die meisten Geschäfte und Einrichtungen befinden sich in der Bahnstraße, die nach 1846 als Verbindung zwischen Stadt und Bahnhof angelegt wurde und bis 1933 Chausseestraße hieß. Zu Wittenberge gehören laut Hauptsatzung der Stadt die Ortsteile Bentwisch, Garsedow, Hinzdorf, Lindenberg, Lütjenheide, Schadebeuster und Zwischendeich. Darüber hinaus sind die drei Wohnplätze Berghöfe, Hermannshof und Wallhöfe Teil des Stadtgebietes.
Lütjenheide, Schadebeuster und Zwischendeich sind seit dem 20. Juni 1957 Ortsteile von Wittenberge. Lindenberg wurde 1962 nach Wittenberge eingemeindet und seit 1995 ist es ein Ortsteil von Wittenberge. Garsedow und Hinzdorf wurden am 20. Oktober 1971 eingemeindet.Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 1. Januar 1948 in den neuen Ländern. Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart 1995, ISBN 3-8246-0321-7. Bentwisch kam am 1. Dezember 1997 hinzu.
zentriert|mini|hochkant=4|Panoramabild 2009weitere Panoramen von Wittenberge mit Uhrenturm, Hafen, Stepenitz, Elbe und Eisenbahnbrücke
Geschichte mini|links|Ansicht um 1850
Anfänge bis 1900 mini|hochkant|Wahrzeichen der Stadt: Uhrenturm des Nähmaschinenwerks in Wittenberge von 1929 (größte freistehende Turmuhr Deutschlands und des europäischen Festlands) mini|Architektur der DDR in der Bahnstraße nach der Renovierung (2022) mini|hochkant|Architektur der DDR in der Bahnstraße nach der Renovierung (2022) mini|Bahnstraße, Hauptgeschäftsstraße der Stadt (2022)
Im Zuge der deutschen Besiedlung nach der Eroberung der ostelbischen Gebiete der späteren Mark Brandenburg wurde Wittenberge unter Obhut der Familie Gans gegründet, wie auch Perleberg und Putlitz. Wittenberge soll 1226 in einer Urkunde, die nur als Transsumpt in einer Originalurkunde des Markgrafen Friedrich d. J. von Brandenburg vom 15. Februar 1463 vorliegt, erstmals urkundlich erwähnt worden sein. In der besagten Urkunde verfügten die Markgrafen Johann und Otto von Brandenburg, dass niemand eine Schiffsfähre auf der Elbe zwischen der Stadt Werben (Elbe) und „Wittemberge“ unterhalten darf. Hermann Krabbo bezeichnete 1910 die Urkunde von 1226 als Fälschung, was durch Forschungen im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt im Januar 2006 bekräftigt wurde. Eine weitere urkundliche Erwähnung findet sich am 29. Oktober 1239. Damals unterschrieb ein Zeuge eine Urkunde mit „prepositus de uittenberge“. Ferner wurde Wittemberg am 22. Juli 1300 urkundlich erwähnt, als der Stadtherr Otto I. Gans die Rechte Wittenberges als Stadt bestätigte.
Am Ende des Dreißigjährigen Krieges war Wittenberge vollständig entvölkert.Christopher Clark: Preußen, S. 59
Große Teile der Stadt fielen 1686 und 1757 verheerenden Bränden und 1709 und 1761 Elbdeichbrüchen zum Opfer. Im Hafen von Wittenberge legte 1820 das erste Dampfschiff der Berlin-Hamburg Passagierlinie an. Der industrielle Aufschwung der Stadt wurde 1823 durch den Bau einer Ölmühle (1823–1935: Herzsche Ölmühle, 1942–1946: Märkische Ölwerke Wittenberge AG, 1946–1990: VEB Märkische Ölwerke Wittenberge, 1990–1991: Märkische Ölwerke GmbH Wittenberge) durch den Kaufmann Salomon Herz begründet. Die Fertigstellung des Elbhafens im Jahr 1835, der Anschluss an die Eisenbahnstrecke Berlin–Hamburg am 15. Oktober 1846 sowie die Fertigstellung der Anschlussstrecken nach Magdeburg zwischen 1847 und dem 25. Oktober 1851, Lüneburg (1874) und Salzwedel (1879) waren ebenfalls entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Der Ölmühle folgten 1846 eine Seifenfabrik, 1849 eine chemische Fabrik und 1875 ein Eisenbahn-Ausbesserungswerk, das bis heute besteht.
In Wittenberge wurde 1849 eine Zweigstelle (Gerichtskommission) des Kreisgerichtes Perleberg eingerichtet. Diese wurde 1879 in das Amtsgericht Wittenberge umgewandelt, das bis 1952 bestand.
1900 bis 1945 Die in New York City ansässige Firma Singer Manufacturing Company errichtete 1903 eine Nähmaschinenfabrik in Wittenberge, die bis in die 1920er Jahre weitere Ausbauten erfuhr, u. a. 1928/29 durch die größte freistehende Turmuhr auf dem europäischen Kontinent. Hier wurden bis zum 3. Mai 1945 die Singer-Nähmaschinen hergestellt. Während der Zeit der DDR wurde die Nähmaschinenproduktion erfolgreich weitergeführt. Die Nähmaschinen aus Wittenberge hießen jetzt VERITAS und Naumann und wurden ein Weltprodukt.
Das Baubüro Gropius erhielt 1912 den Auftrag, im Norden der Stadt die Projekt- und Bauleitung der großen Arbeitersiedlung Eigene Scholle zu übernehmen.Carsten Krohn: Siedlung „Eigene Scholle“. In: Walter Gropius – Bauten und Projekte. Birkhäuser, 2019, doi:10.1515/9783035617375-011. In den Jahren 1913/1914 entstanden auf diese Weise drei Typen von Siedlungshäusern, in denen sich erstmals Gropius’ Konzept rationell errichteter Bauten umsetzen ließ. Die Stadt Wittenberge unterließ es, die Bauten unter Denkmalschutz zu stellen, so dass durch die jahrzehntelange Nutzung sowie private Um- und Anbauten der ursprüngliche Zustand verloren ging.
Bereits 1912 war ein Teil des Friedhofs als Begräbnisstätte für die Juden der Stadt eingerichtet worden. Die 1923 gegründete Jüdische Gemeinde, die keine eigene Synagoge besaß, bestattete hier ihre verstorbenen Mitglieder. Während der NS-Zeit in Deutschland beseitigten die Nationalsozialisten den Friedhof. Außerdem befand sich ab 1942 auf dem Gelände der 1937 gegründeten Zellstoff- und Zellwollefabrik das KZ-Außenlager Wittenberge des KZ Neuengamme. Die etwa 3000 Häftlinge wurden unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Hunderte überlebten nicht, weil sie an Hunger oder Krankheiten starben oder ermordet wurden. Im Jahr 1962 wurden Grabsteine restauriert und aufgestellt, dazu ein Gedenkstein.
Durch die Ölmühle, Singer und das Bahnwerk sowie den Bau weiterer Fabriken wie 1935 die Norddeutsche Maschinenfabrik und 1937/38 die Zellstoff- und Zellwollefabrik wurde Wittenberge die wichtigste Industriestadt der Region. Durch den industriellen und damit wirtschaftlichen Aufschwung stieg die Einwohnerzahl schnell an. Dies führte zur Ausweitung des Stadtgebietes. Besonders zwischen der Altstadt und dem rund ein Kilometer nordöstlich davon errichteten Bahnhof entstanden in mehreren Phasen Wohnungen für Arbeiter. Darunter sind auch etliche Gebäude der Gründerzeit, die nach und nach saniert werden. Besonderes Augenmerk verdient auch das Haus der Vier Jahreszeiten mit seiner Fassade im Jugendstil.
In den Jahren 1912–1914 wurde das Wittenberger Rathaus (Turmhöhe 51 m) errichtet, das in seiner monumentalen Ausführung deutlich den großstädtischen Anspruch der aufstrebenden Industriestadt symbolisiert. Dieser Aufbruch wurde durch die Folgen des Ersten Weltkrieges 1914–1918 und die Weltwirtschaftskrise ab Ende der 1920er Jahre gedämpft.
Wittenberge hatte nach 1816 dem Kreis Westprignitz in der preußischen Provinz Brandenburg (Regierungsbezirk Potsdam) angehört. Am 1. August 1922 schied die Stadt Wittenberge aus dem Kreis Westprignitz aus und bildete fortan einen eigenen Stadtkreis.Bekanntmachungen der Ministerien. In: Amtsblatt der Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin, 29. Juli 1922, S. 299; online.
Im Zweiten Weltkrieg, in den Jahren 1944 und 1945, wurde Wittenberge fünfmal von der 8. US-Luftflotte angegriffen. Insgesamt 119 viermotorige Bomber entluden 345 Tonnen Bombenlast über der Stadt,Roger A. Freeman: Mighty Eighth War Diary. JANE’s. London / New York / Sydney 1981. ISBN 0-7106-0038-0 was zu erheblichen Zerstörungen an Industriebetrieben, Verkehrseinrichtungen und in Wohngebieten führte. Der Angriff am 22. Februar 1945 erfolgte im Rahmen der groß angelegten alliierten Operation Clarion und forderte 28 Tote,Luftangriff auf Wittenberge am 22. Februar 1945. Hanno Taufenbach: SVZ, 12. Mai 2017 der Angriff am 15. März 1945 über 100 Tote.Auskunft Stadtarchiv Wittenberge am 14. Juli 2021 Insgesamt gab es in Wittenberge 216 Tote durch Bomben und Artillerie-Beschuss der Alliierten.Günter Rodegast: Die Luftangriffe auf Wittenberge im Zweiten Weltkrieg und ihre Opfer. Broschüre im Stadtarchiv Wittenberge vorhanden Nach der Besetzung der Stadt zum Kriegsende kam es in Wittenberge zu einer gemeinsamen Siegesparade von US-Soldaten und Rotarmisten, die zuvor an der Elbe zusammengetroffen waren.
Seit 1945 Im Jahr 1950 verlor die Stadt Wittenberge ihre Kreisfreiheit und wurde wieder dem Kreis Westprignitz zugeordnet. Im Jahr 1952 löste man das Land Brandenburg und den Kreis Westprignitz auf. Wittenberge gehörte von 1952 bis zum Ende der DDR zum Kreis Perleberg im Bezirk Schwerin. Mit der Neubildung der ostdeutschen Bundesländer, 1990, gehört Wittenberge zu Brandenburg. 1993 wurden der Kreis Perleberg und damit auch Wittenberge Bestandteil des neu gebildeten Landkreises Prignitz.
Die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 brachte für die Prignitz und Wittenberge mit dem Verlust bedeutender Betriebe erhebliche wirtschaftliche Veränderungen. Neben dem Nähmaschinenwerk mit 3000 Beschäftigten wurden auch das Zellstoffwerk (VEB Zellwolle, 1990) und die Ölmühle (1991) geschlossen. Von den großen Betrieben blieb nur das Reichsbahnausbesserungswerk Wittenberge (RAW) als jetziges Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn AG erhalten. Aufgrund des damit verbundenen Wegfalls von Arbeitsplätzen kam es zu einer Abwanderung von Einwohnern in erheblichem Ausmaß (ca. 2 % p. a. seit 1990), deren Ende noch nicht prognostiziert wurde. Der Bahnhof Wittenberge, der bis 2000 noch stündlich mit ICE-Zügen auf der Strecke Hamburg–Berlin bedient wurde, verlor drastisch an Bedeutung.
Seit der 700-Jahr-Feier der Stadt im Jahr 2000 ist Wittenberge der jährliche Austragungsort der überregional bekannten Elblandfestspiele Wittenberge (EFS), des internationalen Festivals der Operette und heiteren Bühnenkunst in Deutschland. Es ist damit das bedeutendste Musikfestival dieses musikalischen Genres in Deutschland. Gleichzeitig ist Wittenberge Austragungsort des Internationalen Gesangswettbewerbes für Operette „Paul Lincke“.
Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1652 252 1719 374 1750 761 1800 884 1825 1.325 1850 4.176 Jahr Einwohner 1875 7.640 1890 12.587 1910 20.600 1925 25.652 1933 25.343 1939 27.834 Jahr Einwohner 1946 31.485 1950 31.343 1964 32.439 1971 33.160 1981 31.765 1985 30.519 Jahr Einwohner 1990 28.168 1995 24.515 2000 22.163 2005 19.767 2010 18.571 2015 17.206 Jahr Einwohner 2020 16.862 2021 16.682 2022 16.927 2023 17.076 2024 17.058 2025 16.928
11945 befanden sich etwa 6000 Flüchtlinge in Wittenberge