mini|In vielen Kulturen wird Schwarz mit dem Nichts assoziiert.
Mit Nichts wird in der Alltagssprache ein universelles abstraktes Konzept bezeichnet, das verschiedene Bedeutungsaspekte besitzt. Es kann jedoch darüber gestritten werden, ob diese Bündelung der Aspekte eine gemeinsame linguistische Quelle hat oder ob es sich dabei zum Teil um Homonyme handelt, die auf fehlerhaften Umgang mit den Regeln der Oberflächengrammatik zurückzuführen wären. Verschiedene Aspekte sind:
Die Negationspartikel „nicht“ dient zur sprachlichen Negation von Aussagen oder Satzelementen. Das Indefinitpronomen „nichts“ bedeutet „nicht irgend (etwas)“, kein Ding, keine Sache, nicht das Mindeste. Die Nominalphrase „das Nichts“ bezieht sich auf das Gegenteil des Seins, die Negation und Abwesenheit des Seins, das Nichtsein, eine absolute Leere oder allgemeine Unbestimmtheit. In der formalen Logik tritt „nichts“ ausschließlich in Gestalt des so genannten negierten Existenzquantors () auf. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass „nichts“ im Gegensatz zu „das Nichts“ kein Eigenname oder Nominator ist. Daher sind z. B. „Nichts existiert“ (d. i. „Es ist nicht der Fall, dass etwas existiert“) und „Das Nichts existiert“ nicht synonym. Das Substantiv „Nichts“ kann zudem bezogen werden auf: Etwas Abwesendes, dessen Anwesenheit erwartet wurde (nihil privativum); Etwas Wesenloses, Nichtiges, nicht Greifbares; Etwas, dem doch der eigentliche Inhalt, das innere Sein und Leben fehlt, der bloße „Schein“; Ebenso kann damit eine Person oder Sache als unwert, unbedeutend, gehaltlos und nichtig etikettiert werden.
Das Gemeinsame der substantivischen Verwendungen ist, dass eine Bestimmung (z. B. der Wert) irrelevant klein ist oder null beträgt, oder eine Sache, deren Existenz oder Anwesenheit erwartet wurde, sich als fiktiv oder abwesend herausstellt.
Philosophiegeschichte Die verschiedenen Bedeutungsaspekte von Nichts wurden in der Philosophie nicht immer klar unterschieden. Daher ist der Frage, ob sich „Nichts“ denken lässt oder nicht – und wenn ja, wie – in der Philosophiegeschichte auf sehr unterschiedliche Arten nachgegangen worden. Der Umgang mit dieser Frage kann in verschiedenen philosophischen Disziplinen geschehen; „Nichts“ kann als Thema der Metaphysik und Ontologie behandelt werden (z. B. bei Platon, im Gedenken der creatio ex nihilo oder in Hegels Metaphysik des Absoluten), „Nichts“ kann aber auch als existentielle Erfahrung philosophisch beschrieben werden (z. B. bei Martin Heidegger oder Jean-Paul Sartre), oder die Spuren von „Nichts“ können als sprachphilosophische und logische Phänomene wie Verneinung oder Falschheit analysiert werden. Gelegentlich wird dabei das Nichts selbst negiert, so ist die Unmöglichkeit des Nichts in der Natur ein Grundsatz der Naturphilosophie des Aristoteles (horror vacui).
Vorsokratik Die Frage nach dem Nichts beschäftigt die westliche Philosophie seit ihrem allerersten vorsokratischen Anfang. Der griechische Philosoph Parmenides von Elea behandelt das Thema in dem einzigen von ihm erhaltenen Fragment, seinem Lehrgedicht Über die Natur:
Aus diesen Zeilen lässt sich die Handlungsanweisung entnehmen, sich nicht mit dem Nichtseienden zu befassen und alle Aufmerksamkeit stattdessen allein dem Seienden zukommen zu lassen. Es ist nämlich unmöglich, über das Nichtseiende zu sprechen, da im selben Moment, als man von diesem etwas aussagt, dessen Sein wieder voraussetzt. Außerdem sind Sein und Denken äquivalent: Über das Nichts kann man demnach nicht nachdenken. Auf diese Weise entsteht eine Definition der Aufgabe von Wissenschaft: lohnende Forschung kann alles zum Thema haben, nur nicht das Nichts. Der Spruch des Parmenides von Elea gilt als erste Formulierung abstrakter metaphysischer Reflexion im antiken Griechenland und dient Platons Dialog Sophistes als Ausgangspunkt.
Platon Platon relativiert die Position des Parmenides vom absoluten Nichts. In dem Dialog Sophistes bestimmt er das Nichts als Nichtseiendes und dieses schließlich in einer längeren Argumentationskette als Verschiedenheit. Dabei werden fünf höchste Kategorien/Ideen entwickelt, die irreduzibel sind und an denen alle anderen Ideen teilhaben. Durch die Teilhabe an diesen fünf Ideen wird alles andere erst, was es ist, ohne mit den fünf Ideen identisch zu sein. Die fünf Ideen sind Sein, Ruhe und Bewegung, Identität und Verschiedenheit. Jede dieser Ideen ist mit sich selbst identisch und hat teil an den anderen Ideen. Durch die Verschiedenheit wird die Möglichkeit des Nichtseins aufgemacht. Die Idee der Ruhe ist mit sich selbst identisch, aber verschieden von den anderen vier Ideen. Sie hat Anteil z. B. an der Idee des Seins, sie ist jedoch nicht die Idee des Seins. Die Idee der Verschiedenheit eröffnet also die Möglichkeit des Nichtseins.
Spätantike und Mittelalter In der frühchristlichen Philosophie stellt sich das Problem bei der Diskussion der göttlichen Schöpfung: sie kann nach Augustin nur ex nihilo, aus dem Nichts erfolgt sein, denn alles andere wäre keine Schöpfung, sondern lediglich eine Umwandlung. Tertullian differenziert zwei Sprechweisen a nihilo, „von nichts her“, ohne eigene Ursache und Ex nihilo: das Nichts als Substanz; dies führt nach Tertullian zur Gnosis. Nikolaus von Kues versteht unter dem Nichts die alteritas, die 'Andersheit', die je spezifisch zu einem möglichen Sein angelegt ist.
Nihil privativum In der frühen Neuzeit unterschied man verschiedene Aspekte des Nichts. Unter dem Begriff des nihil privativum wird das Nichts etwa als eine spezifische Abwesenheit von Etwas oder als Mangel definiert. Dabei handelt es sich um eine logische Entgegensetzung, die dem Negierten einen geringeren ontologischen Status zuweist: Dunkelheit ist nur die Abwesenheit von Licht, das Böse nur die Abwesenheit des Guten und so weiter. Dieser aus dem Platonismus stammende Gedanke spielt auch in der Theodizee eine Rolle.
Rationalismus: Satz vom Grund Im Rationalismus haben sowohl Leibniz als auch Wolff das bereits von Cicero formulierte Prinzip „Nichts geschieht ohne Grund“ (lat. nihil sine causa fit, De divinatione 2,61) im Satz vom zureichenden Grund als maßgebliches metaphysisches Prinzip bestimmt. Bei Leibniz heißt es: „[…] nichts geschieht, ohne dass es eine Ursache [cause] oder wenigstens einen bestimmenden Grund [raison déterminante] gibt, d. h. etwas, das dazu dienen kann, a priori zu begründen, weshalb etwas eher existiert als nicht existiert und weshalb etwas gerade so als in einer anderen Weise existiert.“Gottfried Wilhelm Leibniz: Theodizee. §44; zit. nach der dt.-frz. Suhrkamp-Ausgabe 1999, S. 273. Die logische Bedeutung in Bezug auf den Begriff des Nichts diskutierte Wolff wie folgt: „Wo etwas vorhanden ist, woraus man begreifen kann, warum es ist, hat das einen zureichenden Grund (§ 29). Derowegen wo keiner vorhanden ist, da ist nichts, woraus man begreifen kann, warum etwas ist, nemlich warum es wirklich werden kann, und also muss es aus Nichts entstehen. Was demnach nicht aus Nichts entstehen kann, muss einen zureichenden Grund haben, warum es ist, als es muss an sich möglich sein und eine Ursache haben, die es zur Wirklichkeit bringen kann, wenn wir von Dingen reden, die nicht notwendig sind. Da es nun unmöglich ist, daß aus Nichts etwas werden kann, so muss auch Alles, was ist, seinen zureichenden Grund haben, warum es ist.“Christian Wolff: Vernünftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt. Band 1, 1738, S. 16 (§ 30)
Kant In der transzendentalen Analytik der Kritik der reinen Vernunft fügte Immanuel Kant am Schluss des Anhangs eine kleine Betrachtung über den Gegensatz von Möglichkeit und Unmöglichkeit in Bezug auf die Kategorien hinzu. Jeder Klasse der Kategorien entspricht auch ihre Negation. Danach ist „Nichts“ gemäß der Kategorientitel Quantität, Qualität, Relation und Modalität zu unterscheiden in Gedankending, Mangel an Etwas, reine Anschauung oder bloße Form, und Unding (vgl. nebenstehende Tafel). Nichts,alsAbb.: „Tafel der Eintheilung des Begriffs von Nichts .“, Darstellung ähnlich
Die ens rationis ist dabei eine Fiktion, ein widerspruchsfreier Begriff von einem Gegenstand, der nicht in der Erfahrung gegeben werden kann (vgl. auch Noumenon). Es steht auf dem 1. Platz, der in den anderen Tafeln (der Urteilsformen, der Verstandesbegriffe) der Quantität zugeordnet ist, vielleicht, weil ihm keine Größe in der Anschauung entsprechen kann. Mit dem nihil privativum ist eine Deprivation, eine Abwesenheit oder ein Mangel einer Qualität, die prinzipiell erfahrbar ist gemeint (Bsp. Finsternis als Mangel an Licht), es steht auf dem für Qualitäten reservierten Platz. Die leere Anschauung ohne Gegenstand erläutert Kant am Beispiel der Anschauungsformen Raum und Zeit, es steht zu vermuten, dass auch geometrische Figuren, leere Formen etc. unter diesen Begriff fallen. Hier wird nicht, wie unter 2., eine bestimmte Qualität verneint, sondern etwas ohne Substanz vorgestellt. Da Substanz unter den Kategorientitel der Relation fällt, steht die ens imaginarium an diesem Ort. Zuletzt folgt das Unding oder nihil negativum die Vorstellung eines Gegenstands unter einem widersprüchlichen Begriff oder mit einer unmöglichen Form (wie z. B. das Penrose-Dreieck).
= KrV B 328
Hegel Das Nichts ist für Hegel der Gegenbegriff zum Sein. Er beginnt seine Wissenschaft der Logik mit den drei Bestimmungen „Sein“, „Nichts“, „Werden“. Sein, „reines Sein“ soll als unbestimmtes Unmittelbares verstanden werden. Da das reine Sein unbestimmt sein soll, kann es keine Qualität haben, keine irgendwie geartete innere Komplexität, es können auch keine Beziehungen zu anderen Dingen oder Gedanken bestehen. Die Unmittelbarkeit des reinen Seins betont noch einmal, dass das reine Sein keinen äußeren Bedingungen unterliegt, keine Ursache hat, sondern einfach nur es selbst ist. Der Gedanke des reinen Seins erweist sich somit als vollkommen leer und das, was in diesem leeren Gedanken gedacht wird, ist eigentlich nichts. Die Bestimmungen vom reinen Sein und vom reinen Nichts erweisen sich als dieselben und auch der Gedanke vom reinen Nichts ist mit dem Gedanken vom reinen Sein identisch.
Kerngedanken dieses Zitats sind:
Das reine Sein ist für Hegel „reine Abstraktion“. Aus dieser Eigenschaft lässt er folgen, dass das Sein das „Absolut-Negative“ sei. Ist das Sein das Absolut-Negative, so ist es Nichts.
Trendelenburg und Dilthey