mini|Blick auf das Schloss und die St.-Marien-Kirche mini|Die Winsener Rathausstraße mini|Marktstraße mit St.-Marien-Kirche mini|Blick vom Kirchturm der St.-Marien-Kirche auf die Marktstraße
Winsen (Luhe), oft Winsen an der Luhe genannt, ist die Kreisstadt des Landkreises Harburg in Niedersachsen und eine selbständige Gemeinde. Die Mittelstadt ist mit Einwohnern () nach Seevetal und Buchholz in der Nordheide die drittgrößte Gemeinde und zugleich (nach Buchholz in der Nordheide) zweitgrößte Stadt des Landkreises und gehört zur Metropolregion Hamburg.
Geografie Lage Die Stadt befindet sich als Mittelzentrum zwischen Lüneburger Heide und dem Winsener Abschnitt der Elbmarschen am Fluss Luhe zwischen den Oberzentren Lüneburg (20 km) und Hamburg (30 km).
Umgebung
Stadtgliederung Die Stadt Winsen (Luhe) ist eine Einheitsgemeinde und gliedert sich in die Kernstadt und 13 weitere Ortsteile: Bahlburg, Borstel, Gehrden, Hoopte, Laßrönne, Luhdorf, Pattensen, Rottorf, Roydorf, Sangenstedt, Scharmbeck, Stöckte und Tönnhausen. Des Weiteren gehören zu Winsen die Ortsteile Grevelau, Habichtshorst und Nettelberg sowie die Gehöfte Eggerslust und Haue. Durch eine Gebietsreform 1972 wurden die 13 bisher selbständigen Gemeinden nach Winsen (Luhe) eingemeindet und bilden heute Ortsteile der Stadt mit jeweils eigenem Ortsvorsteher, die vom Rat der Stadt Winsen (Luhe) auf Vorschlag der im jeweiligen Ortsteil bei der Kommunalwahl stärksten Partei für fünf Jahre bestellt werden.
Klima Winsen liegt in einer Übergangszone zwischen dem maritim beeinflussten und dem kontinental geprägten Klimabereich. Das Wetter wird durch Luftmassen des Kontinents (Norddeutsche Tiefebene) geprägt.
Das Klima (Jahresmittelwerte) Aspekt Zeitraum Werte Sonnenscheindauer im Mai und Juni im Jahresmittel 7,3 h / Tag 4,3 h / Tag Tageshöchsttemperatur im Juli und August im Jahresmittel 22,5 °C ~13 °C Niederschlag im Jahresmittel 63 l / Monat
Geschichte Frühgeschichte und Mittelalter Die Luhe schuf die Voraussetzung für eine Besiedelung. Sie erreichte an dieser Stelle das Urstromtal der Elbe, die mitgeführten Stoffe des Flusses lagerten sich zu einem Schwemmlandfächer, der sich im Laufe der Zeit um einige Meter aus dem Elbtal hob. Wann die ersten Menschen sich ansiedelten, ist nicht bekannt.Günther Hagen, Ilona Johannsen, Jürgen Klahn: Winsen (Luhe) Der Stadtführer. Verlag Janos Stekovics. Durch diese Aufschüttung entstand ein idealer Naturhafen und wurde ein optimaler Umschlagplatz vom Wagen zum Schiff und umgekehrt, da er bei Hoch- und Niedrigwasser genutzt werden konnte. Der Hafen Winsen erstreckte sich vom heutigen Standort der Wassermühle im Süden bis zur Luhebrücke, die die Markt- und Deichstraße miteinander verbindet, im Norden. Er gewann im 12. Jahrhundert durch die Zerstörung und Wegfall des Handelsplatzes Bardowicks 1189 an Bedeutung. Der Hafen war im 14. Jahrhundert vor allem für die Holz- und Getreideausfuhr wichtig und trug wesentlich zum Aufstieg Winsens zur Stadt bei. Die Bedeutung des Schiffsverkehrs zwischen Winsen und Hamburg ist durch viele Urkunden belegt und nahm erst im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt und den neuen Anlegestellen an der Elbe ab. Um 1830 begann man, das Hafenbecken zuzuschütten, so dass vom Hafen heute nur noch der Abfluss der Wassermühle, im Volksmund „Mühlenluhe“ genannt, vorhanden ist.
An einem Übergang der Luhe entstand eine Burg, die 1315 in einer Urkunde explizit erwähnt wird.H. Sudendorf: Urkundenbuch zur Geschichte der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und ihrer Lande. Band I, Hannover 1859 (Nr. 279, Urkunde vom 28. November 1315). Eine Beurkundung aus dem Jahr 1277 legt nahe, dass das Schloss bereits zu diesem Zeitpunkt existiert hat.W. F. Volger: Urkundenbuch der Stadt Lüneburg bis zum Jahre 1369. Hannover 1872 (Nr. 122, Urkunde vom 10. April 1277). Das Schloss war ursprünglich vor allem zum Schutz des Hafenbetriebs gedacht.Jürgen Klahn, Wilfried Mertens: Mittelalterliche Urkunden und Nachrichten zu St. Marien – Winsen. In: Winsener Schriften. Band 15, S. 18–25.
Am 21. Mai 1158, unter der Regentschaft des Welfen Heinrich der Löwe, wurde Winsen erstmals in einer Urkunde des Bistums Verden erwähnt, das den Zehnten an jenes Stift abführen müsse. Der Bischof Hermann von Verden regelte in dieser Urkunde die Streitigkeiten der Stiftsherren in Bardowick. Die Urkunde ist nur in einer späteren Abschrift erhalten geblieben.Winsener Anzeiger. 23. Dezember 2006, S. 2. Bei der Abschrift wurde wahrscheinlich der ursprüngliche Ortsname Winhusen durch Winsen ersetzt. Zur Zeit der Stadtwerdung hieß der Ort Winhusen, später entstand daraus verkürzt Winsen. In der Vergangenheit haben verschiedene Autoren unterschiedliche Deutungen vorgeschlagen. Doch die urkundlich belegbaren geographischen Gegebenheiten Winsens und eine grammatikalisch korrekte Wortbildung des Ortsnamens Winhusen lassen folgenden Schluss zu: Der zweite Namensbestandteil im Ortsnamen „husen“ deutet auf Häuser hin. Der erste Namensbestandteil, das sog. Bestimmungswort in Ortsnamen erscheint in den meisten Fällen im Genitiv und ist oft der Personenname oder der Hof eines Adeligen, der mit der Ortsgründung in Verbindung gebracht wird. Gelegentlich beschreibt er auch Besonderheiten des Ortes. Beim ersten Namensbestandteil „Win“ handelt es sich wahrscheinlich um eine alte deutsche, verkürzte genitivische Endung, im Nominativ „Wi“ genauso auch „Vi“, was im Mittelniederdeutschen Sumpf, Bruch oder Teich bedeutet. In mittelalterlichen Urkunden sind vier Sümpfe oder Brüche rund um die Stadt namentlich belegt. Daher ist die Deutung des Ortsnamens Winhusen mit Häuser an den Sümpfen (oder Brüchen) zurzeit die wahrscheinlichste.
Im Stadtkern Winsens bestand eine Filialkirche der Kirchengemeinde St. Gertrud in Pattensen. 1233 erwarben Helena von Lüneburg und ihr Sohn Otto I. im Tauschwege das Patronat über die Kirche Winhusen. Dadurch kam es zur Abkoppelung von der Mutterkirche in Pattensen, und die Winsener Kirche wurde eine selbständige Pfarrkirche. Mit der Ernennung Ottos zum Herzog von Braunschweig-Lüneburg 1235 lag das Kirchenpatronat fortan bei dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Für das Jahr 1348 ist in Winsen eine Terminei des Lüneburger Franziskanerklosters urkundlich belegt, eine kleine Niederlassung mit einem Haus und einem Kornspeicher als Stützpunkt für die Sammlung von Almosen und Naturalien. Seit wann und wie lange diese Terminei bestand, ist nicht bekannt.Silke Logemann: Die Franziskaner im mittelalterlichen Lüneburg. (Saxonia Franciscana. Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz. Band 7) Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1996, S. 18.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Dietrich-Coelde-Verlag, Werl 1999 (Bearb.: Bernd Schmies, Kirsten Rakemann), S. 115.
Zu Beginn des Lüneburger Erbfolgekrieges war Herzog Magnus II. 1371 gezwungen, die Großvogtei Lüneburg nach Winsen zu verlegen. Das Winsener Schloss diente fortan als Großvogtei Winsen und verwaltete die welfischen Güter im Nordteil des Fürstentums Lüneburg, das ein Teilfürstentum des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg war.
mini|Ehemaliges Leprosenhospital St. Georg
1392 wurde Winsen Mitglied der Sate, einem Herrschaftsvertrag zwischen den Landesherren und den Landesständen des Fürstentums Lüneburg. Allerdings wurde Winsen 1396 gezwungen, die Sate wieder verlassen, wobei wichtige Rechte aus dem Vertragswerk, insbesondere die von Lüneburg erworbenen Vorrechte, weiterhin in Kraft blieben, was die Entwicklungsmöglichkeiten Winsens zugunsten Lüneburgs stark beschränkte.
1401 wird erstmals das Leprosen-Hospital St. Georg erwähnt, das sich damals außerhalb der Stadt befand.Ersterwähnung des Leprosorium St.Georg vom 21. Juli 1401 bei Uta Reinhardt: Lüneburger Testamente des Mittelalters 1323 bis 1500. Hannover 1996, Nr. 58, S. 85. Explizite Erwähnung als Leprosorium in: Lüneburger Testamenten Nr. 103 vom 4. Februar 1414.
Im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Schloss samt den dazugehörigen Ländereien durch die Herzöge mehrfach verpfändet. So gehörte es 1374 bis 1389 dem Rat der Stadt Lüneburg, ging 1396 an Hamburg und Lübeck, war von 1434 mit Unterbrechungen wieder im Besitz von Lüneburg und ging von 1493 bis 1523 an die Kurfürsten von Sachsen. 1415 wird erstmals eine Winsener Schule urkundlich erwähnt. Sie war eine Einrichtung der Kirche.Jürgen Klahn, Wilfried Mertens: Quellentexte zur Winsener Pfarrkirche St. Marien: Mittelalter und Reformation. Jürgen Klahn; Wilfried Mertens, Winsener Schriften, Band 15, Nr. 12.
mini|St.-Marien-Kirche der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers
Anfang des 15. Jahrhunderts wurde die gotische St.-Marien-Kirche als Nachfolgebau der 1233 genannten Kirche am selben Standort gebaut. Seit 1477 bestand auf der Luheinsel ein Konvent der Franziskaner-Observanten, die zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) gehörten; Herzog Friedrich II. (der Fromme) von Braunschweig-Lüneburg stellte den Stiftungsbrief dazu am 2. November 1477 aus. Die Observanten sind die strengere Richtung des Franziskanerordens in Bezug auf die Auslegung der Ordensregel, vor allem des Armutsgelübdes, im Gegensatz zu den Konventualen, die die Regel weiter auslegen. Bei der Teilung des Ordens durch Papst Leo X. im Mai 1517 kam das Kloster in Winsen wie auch das in Lüneburg zur observanten Franziskanerprovinz Saxonia S. Crucis (Sächsische Provinz vom Heiligen Kreuz).Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 197, 249.
Reformation und Dreißigjähriger Krieg Herzog Ernst ‚der Bekenner‘ von Braunschweig-Lüneburg führte auf Druck der Stadtbevölkerung 1526 die Reformation ein. Im Jahr 1528 vernichtete ein Großbrand alle Gebäude bis auf das Schloss, die Kirche und das Kloster. Da die Franziskaner trotz durch den Stadtbrand entstandener schwerer Not der Bevölkerung nicht auf das Betteln verzichten wollten, wurden sie vom Herzog schriftlich aufgefordert, das Kloster und die Stadt zu verlassen. Sie siedelten ins Kloster in Lüneburg um, wohin auch Brüder aus den Klöstern Celle, Bremen, Lübeck und Hamburg in Folge der Reformation gekommen waren. Alle wurden am 28. August 1530 vom Rat der Stadt Lüneburg ausgewiesen, weil sie sich geweigert hatten, die neue protestantische Lehre zu verkünden. Lediglich Alte und Kranke durften bleiben.Jürgen Klahn: Die lutherische Reformation in Winsen an der Luhe 1526–1530, Winsener Geschichtsblätter, Neue Folge, Heft 2, S. 55, Heimat- und Museumsverein Winsen (L) und Umgebung e. V., Winsen 2016.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 267, 273.
Im Jahr 1585 zerstörte erneut ein Brand zwei Drittel der Stadt.Günther Hagen: Geschichte der Stadt Winsen an der Luhe. Nach diesem Stadtbrand wurde der Adelshof der lüneburgischen Adelsfamilie Haselhorst, ein adeliges weltliches Lehen der welfischen Herzöge, aufgesiedelt und mit Bürgerhäusern bebaut. Johann Haselhorst war ab 1529 Verwalter des Klosters Lüne und seit 1532 auch Amtshauptmann von Winsen und fürstlicher Rat und Vertrauter Ernst des Bekenners. Der Haselhorsthof war ursprünglich ein fürstliches Vorwerk, das schon 1319 urkundlich erwähnt wirdNiedersächsisches Landesarchiv: NLA HA Celle Or. 100 Bardowick Nrn. 116 & 117. und befand sich von 1543 bis zu seinem Tode 1549 in dem Besitz von Johann Haselhorst. Die Straße heißt noch heute „Haselhorsthof“. Die Reste dieses Adelshofes, später „Brauhof“ genannt, wurden 1972 abgerissen. Ein weiteres fürstliches Vorwerk wird urkundlich 1585 erwähnt. Dieses lag in der Nähe des heutigen Finanzamtes und war mit Gräben umgeben. Zwar wurde dieses Vorwerk 1624/25 aufgehoben, dennoch existierte es aber in anderer Form weiter. Auf dem Stadtplan von 1785 ist diese Anlage noch vorhanden.