Sardana [] ist ein katalanischer Volkstanz. Verbreitet sind die Sardanes vor allem in der spanischen Region Katalonien und im französischen Nordkatalonien, wobei man sie überall dort antrifft, wo Katalanen zum Feiern zusammenkommen.

Einführung

mini|Sonntäglicher Sardanatanz vor der Kathedrale von Barcelona, das Sardanaorchester im Bildhintergrund auf den Treppenstufen zur Kathedrale Die Tänzer fassen sich im Kreis an den Händen. Wie in einem Reigentanz bewegt sich sodann der Kreis links und rechts herum, in wechselndem Tempo, jedoch meist langsam, konzentriert und ernst. Als nationales Symbol der Katalanen war die Sardana unter Franco lange Zeit verboten.

Die Tänzer müssen die kurzen und langen Schritte sowie die Sprünge genau abzählen. Für die Musik sorgt die Cobla, ein elfköpfiges Orchester mit einem leitenden Musiker, der mit der Linken das Flabiol, die katalanische Form der Einhandflöte, und mit der rechten Hand eine kleine Trommel, das Tamborí (zuweilen auch Tabal genannt), spielt. Die Cobla besteht insgesamt aus fünf Holz- und fünf Blechbläsern und dem Kontrabass.

Vom Grundtypus her unterscheidet man die ältere Sardana curta („kurze Sardana“) und die modernere Sardana llarga („lange Sardana“). Neben den reinen „Tanz-Sardanas“ gibt es auch „Konzert-Sardanas“ und Sardanas, die um einen Chor-Part erweitert sind. Eine sehr bekannte Sardana ist beispielsweise La Santa Espina.

Struktur des Tanzes

mini|Sardanatänzer am 11. September 2005 in Olot bei den „Fonts de San Roc“ (Stadtfest und katalanischer Nationalfeiertag) Die Sardana besteht aus einer bestimmten Abfolge von Tanzsätzen kurzer („tirada de curts“, genannt „curts“) und langer („tirada de llargs“, genannt „llargs“) Schritte. Bei den „curts“ halten alle Tänzer die Hände unten, während sie diese bei den „llargs“ nach oben erheben. Jede Sardana wird durch ein kurzes Präludium, das gewissermaßen dem Einhören und Einzählen der Tänzer dient, durch das Flabiol eröffnet. Dann folgen zwei „curts“ und zweimal zwei „llargs“. Die beiden letzten „llargs“ werden wiederum durch das Flabiol als Soloinstrument mit einem „Kontrapunkt“ eingeleitet. Wegen der Komplexität des 2/4 oder 6/8 Taktmusters und der Taktaufteilung gibt ein erfahrener Tänzer explizit während des Tanzes zählend den Takt vor. Dieser Taktgeber muss das gesamte Musikstück kennen und mental vorwegnehmen, damit er den Tanz mit einer passenden Schrittkombination zu Ende führen kann.

Die Cobla, das Sardana-Orchester

mini|Die Cobla „La Principal d’Olot“ am 11. September 2005 in Olot bei den „Fonts de San Roc“ (Stadtfest und katalanischer Nationalfeiertag) Die Cobla ist das volkstümliche, katalanische Sardana-Tanzorchester. Dieses Orchester weist seit Anfang des 20. Jahrhunderts folgende elf-köpfige Standardbesetzung mit zwölf Instrumenten auf:Natürlich ist jeder gute musikalische Leiter in der Lage, bei entsprechenden Notwendigkeiten weitere Instrumente in das Ensemble zu integrieren.

Das flabiol, die katalanische Einhandflöte (vordere Reihe, einfach besetzt; wird mit der linken Hand gespielt) Das tamborí, auch tabal, eine zum tabor gehörende kleine Zylindertrommel (vordere Reihe, vom Spieler des Flabiols mitbedient. Sie wird am linken Arm festgeschnallt und mittels eines Schlegels mit der rechten Hand geschlagen). Das tible, ein katalanisches Holzblasinstrument mit doppelter Zunge (vordere Reihe, doppelt besetzt). Dieses Instrument ist aus der mittelalterlichen Diskantschalmei hervorgegangen. Die tenora, ein katalanisches Holzblasinstrument (Holz – vorderer und mittlerer Bereich –; Blech – hinterer, distaler Bereich – in Teilen gemischt) (vordere Reihe, doppelt besetzt). Dieses Instrument ist aus der mittelalterlichen Tenorschalmei hervorgegangen. Die Trompete (trompeta) (hintere Reihe, doppelt besetzt) Die Posaune (trombó) (hintere Reihe, einfach besetzt) Variante des Flügelhorns (fiscorn) (hintere Reihe, doppelt besetzt) Der Kontrabass (contrabaix) (hintere Reihe, einfach besetzt)

mini|Die Cobla „La Principal d’Olot“ am 11. September 2005 in Olot bei den „Fonts de San Roc“ (Stadtfest und katalanischer Nationalfeiertag) In ihren Ursprüngen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wechselte die Besetzung der Cobla je nach Verfügbarkeit der Musiker und dem jeweiligen Auftrittsort. So wurden bei Auftritten im Freien größere, bei Auftritten in Sälen oder Hallen kleinere Ensembles zusammengestellt. Als Besetzungen kamen zu jener Zeit das sogenannte „tres quartans“ (drei Musiker spielen 4 Instrumente), die „enteres cobles“ (die volle Cobla mit 4 Musikern), die „mitges cobles“ (die halbe Cobla mit nur 2 Musikern) und die vor allem im Roussillon verbreitete „cobla rossellonesa“ (mit 6 Musikern) zum Einsatz. Hierbei wurden immer die folgenden Basisinstrumente verwendet: das flabiol, das tamborí, die cornamusa (eine Art Dudelsack) und die tarota, eine Hirtenpfeife. Diese wurden meist ergänzt um eine tible oder eine tenora.

Die um die Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Blechbläsern neu eingeführte Ventil-TechnikDie Erfindung der Ventiltechnik durch Friedrich Blühmel und Heinrich Stölzel verlieh den Blechbläsern eine erhöhte Beweglichkeit. Sie waren somit für Orchester als Melodieinstrumente verwendbar. führte zur Weiterentwicklung dieser Instrumente und in einem kreativen Findungsprozess zur endgültigen Zusammensetzung der Cobla. Die neu ins Ensemble aufgenommenen Blechblasinstrumente (Das Flügelhorn oder fiscorn, die Posaune oder das trombó und eine zweite tenora) traten in eine wunderbare Balance mit den alten Holzblasinstrumenten. Den Kontrabass hat Pep Ventura, der erste greifbare Sardanakomponist (s. u.), selbst ins Ensemble eingeführt. Das flabiol und das tamborí werden von ein und demselben Musiker gleichzeitig gespielt. Diese Spielmannspraxis war noch im 13. Jahrhundert über ganz Europa verbreitet. Heute gelten die Pyrenäen (Baskenland und Katalonien) für diese Spielweise weltweit als letztes Reservat. Ende des 19. Jahrhunderts stabilisierte sich die heute bekannte Zusammensetzung der Cobla.

Die Cobla zeichnet sich also durch eine gelungene Kombination von mittelalterlichen Holzblas- und Blechblasinstrumenten des 19. Jahrhunderts erweitert um Elemente aus der mittelalterlichen Spielmannspraxis aus. Ihr charakteristischer Klang rührt von dem schmetternden Schalmeienton der beiden Tenoren und der beiden Tiblen her. Die Blechbläser verleihen dem Klangkörper das umfangreiche Volumen. Die Melodieführung hat meistens die erste Tenora inne.

Motive, Themen und Kleiderordnung

mini|Sardanatänzer in traditioneller katalanischer Bauerntracht Thematisch besingen die Sardanas sehr häufig der Landschaft und dem katalanischen Volk nahestehende Motive. So schildert beispielsweise die Sardana „L’Empordà“ die Entstehung der sehr fruchtbaren, ebenen, küstennahen Landschaft des Empordà als Ergebnis der Liebe zwischen einer Sirene des Mittelmeeres und eines Hirten aus den Pyrenäen, der im Winter die unwirtlichen Berge mit seiner Herde verlässt, um an der Küstenebene zu überleben.Der Fachterminus für diese Weidewechselwirtschaft lautet: „Transhumante Viehwirtschaft“. Hier verfällt der Hirte der Liebe einer Sirene. Das Ende vom Lied auf Katalanisch ist: „[…] i de l’amor plantaren la cabanya, fou L’Empordà!“ Zu Deutsch: „[…] und aus dieser Liebe schufen sie ihr Heim. So entstand das Empordà!“ Sowohl der Textdichter Joan Maragall als auch der Komponist dieser Sardana aus dem Jahr 1908 Enric Morera genießen in Katalonien allerhöchste Wertschätzung.

Aufgrund ihrer prinzipiellen „Weltoffenheit“ – jeder kann jederzeit in einen Sardana-Kreis eintreten, und zwar genau dann, wenn ihm selbst danach zumute ist – gibt es keinerlei Kleidungszwang oder Kleidungsvorschriften für das Tanzen der Sardana.Ausnahmen hiervon bilden Wettbewerbe, wie sie im ersten Bild dieses Artikels dokumentiert sind. Es finden sich Tänzer in leichter Freizeitrobe, aber genauso ist es möglich, dass Geschäftsleute im Businessdress oder Bürger ferner Nationalitäten in ihrer jeweils spezifischen Landesrobe (dies vor allen Dingen in Barcelona) in das Tanzgeschehen eingreifen. Dennoch gibt es das häufig in der katalanischen Volkskunst gezeichnete, aber im realen Leben zumindest heute nicht mehr anzutreffende Idealbild eines Sardana-Tanzkreises, bei dem alle Tänzer in der traditionellen katalanischen Bauerntracht tanzen. Zu dieser Tracht gehören unter anderem folgende Elemente: Die von den beiden Damen in der Abbildung getragenen traditionellen katalanischen Haarnetze (kat.: xarxa), die ähnlich wie ein Fischernetz aus Knoten und Fäden erstellt werden. Die rote (für jüngere Herren) / dunkelviolette (für Herren gesetzteren Alters) katalanische, von den Herren getragene Bauernmütze (kat.: barretina), die ebenfalls von den Herren getragene, meist schwarze Bauchbinde (kat.: faixa) (in der Abbildung links von dem linken Herren getragen) und die auch in Deutschland wohlbekannten von Damen und Herren gleichermaßen getragenen espardenyes. Festzuhalten aber bleibt, die Sardana hat sich schon lange kleidungsmäßig emanzipiert und jeder, in seiner für seinen Stand oder Beruf typischen Kleidung darf, kann und sollte sich einfach in den Tanzkreis einbringen und integrieren.

Geschichte

mini|links|Sardanatänzer bei den „Fonts de Sant Roc“ in Olot (Gemälde von Ramon Casas, 1901) mini|links|Denkmal zur 50-ten Ciutat Pubilla de la Sardana in L’Escala 2010 Die „Frühgeschichte“ der Sardana ist bisher erst sehr ungenau erforscht. Einige Forscher suchen ihren Ursprung in magischen Tänzen der frühen iberischen Halbinsel, andere sehen ihn in der Nachahmung von Gestirnbewegungen am Himmel. So sollen die „curts“ Bewegungen bestimmter Sterne am Nachthimmel und die „llargs“ die Bewegung der Sonne symbolisieren. Wieder andere Forscher sehen in der Sardana Relikte der kretischen Kultur, die über die Iberer vermittelt, bis heute weiterleben. Nach Jacint Verdaguersiehe: Diether Rudloff: Romanisches Katalonien, Kunst – Kultur – Geschichte. Stuttgart 1980 (Urachhaus), ISBN 3-87838-273-1, Seite 73 f. ist die Sardana schon in Alt-Griechenland von Homer beschrieben worden […]. Sie stammt von Sardus, „einem Sohn des Herakles ab, der jene Insel im Mittelmeer einnahm, der er dann seinen Namen gab: Sardinien. Und so mag die Urform der Sardana letztlich bis in die atlantische Kultur zurückweisen, denn die apollinische Harmonie dieses Tanzes, dieser Musik, Schritte und Kreisfigur scheint ursprünglichen Sternenrhythmen zu folgen“.

Im 14. Jahrhundert beschreibt das mittelalterliche „Llibre Vermell“ einen „ball rodó“, einen Rundtanz, den die „Romeus“ (Pilger auf dem Weg nach Rom) auf dem Bergmassiv des Montserrats bzw. im Kloster Montserrat selbst tanzten. Hierbei dürfte es sich um eine frühe Form der heutigen Sardana gehandelt haben. Das Wort „Sardana“ selbst taucht erst in Dokumenten des 16. Jahrhunderts auf. Sowohl das einfache Volk als auch die Herrscher sollen diesen Tanz praktiziert haben, ein deutlicher Hinweis auf die bis heute anhaltende soziale Integrationskraft dieses Tanzes. Sogar am kastilischen Hof tanzt man die Sardana ohne allerdings zu erwähnen, dass es sich um einen katalanischen Tanz handelt. Der Sprachwissenschaftler und Hofgeistliche Sebastián de Covarrubias y Horozco (1539–1612), der das erste etymologische Wörterbuch der spanischen Sprache verfasst hat, schreibt hierzu 1611 in diesem Tesoro de la lengua castellana: Zu den älteren Tänzen „wurden jetzt die Sardanas und andere Tänze eingeführt“.Siehe hierzu: Joan Coromines, 1996: Sardana.