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Friedrich Theodor Althoff (* 19. Februar 1839 in Dinslaken; † 20. Oktober 1908 in Steglitz bei Berlin) war ein deutscher Jurist und preußischer Staatsbeamter. Als Leiter des Referats für Universitäten im preußischen Kultusministerium von 1882 bis 1907, ab 1897 als Ministerialdirektor auch Leiter der Abteilung für die höheren Schulen, schuf er das sogenannte System Althoff, durch das er die preußischen Universitäten am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wesentlich beeinflusste.
Herkunft Friedrich Althoffs Mutter, Julie von Buggenhagen (1802–1871), war die Tochter des Staatsministers Julius Ernst von Buggenhagen. Ihre Familie entstammte dem pommerschen Uradel; zu ihren Vorfahren zählte der Reformator Johannes Bugenhagen. Der Vater, der preußische Domänenrat Friedrich Theodor Althoff (1785–1852), stammte aus einer westfälischen Beamten- und Pastorenfamilie bäuerlichen Ursprungs aus Ergste bei Schwerte. Friedrich Althoffs Cousine war die Malerin Clara von Wille.Bernd Haunfelder, Von der Niederlausitz an den Niederrhein – Die Herren von Buggenhagen in Kleve und Dinslaken. Familie und Nachkommen (= Stadtgeschichte Dinslaken – Quellen und Forschungen. Neue Forschungen. Band 4), Dinslaken 2023, ISBN 978-3-9819992-4-2.
Leben und Wirken bis zur Straßburger Zeit Studium, Heirat und Berufsstart Nach dem Abitur in Wesel studierte Althoff von 1856 bis 1861 Rechtswissenschaft in Berlin und Bonn. 1856 schloss er sich dem Corps Saxonia Bonn an, das ihm später die Ehrenmitgliedschaft verlieh.Kösener Korps-Listen 1910, 27, 196. 1867 bestand er das juristische Assessorexamen mit der Note „sehr gut“.
Im Frühjahr 1865Aus Friedrich Althoffs Jugendzeit: Erinnerungen für seine Freunde / zusammengestellt von Marie Althoff heiratete er die vier Jahre jüngere Marie Ottilie Ingenohl (* 1843; † 16. November 1925) aus Neuwied am Rhein. Sie war eine Cousine des gleichfalls aus Neuwied stammenden kaiserlichen Admirals Friedrich von Ingenohl (1857–1933). Die Ehe verlief harmonisch, blieb jedoch kinderlos.
Als Elsaß-Lothringen 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg dem neu gegründeten Deutschen Kaiserreich angegliedert worden war, wurde er Justiziar und Referent für Kirchen- und Schulsachen in Straßburg. Er gewann rasch das Vertrauen seiner beiden Vorgesetzten, des liberalen Oberpräsidenten Eduard von Moeller und des Kommissars für die Neugründung einer deutschen Universität Straßburg, des badischen Freiherrn Franz von Roggenbach. Insbesondere von letzterem, der als hervorragender Verwaltungsfachmann galt, lernte Althoff Wesentliches. Althoff war 1872 maßgeblich an der Gründung der Reichs-Universität Straßburg (ab 1877 Kaiser-Wilhelm-Universität) beteiligt und bis 1882 in deren Verwaltung tätig. 1872 wurde ihm dort eine ordentliche Professur angeboten, obwohl er weder promoviert noch habilitiert oder durch besondere wissenschaftliche Leistungen ausgewiesen war, was schon damals sehr ungewöhnlich war. Das Angebot lehnte er jedoch zunächst ab. Althoffs einzige eigene wissenschaftliche Leistung blieb die detaillierte und kommentierte Zusammenstellung der französischen Gesetze, die in Elsaß-Lothringen bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches galten. Dabei stützte er sich auf andere Rechtsgelehrte.
Anfänge des Systems Althoff Schon in Straßburg zeigten sich einige Charakteristika des später so genannten „Systems Althoff“. Kennzeichnend war sein unbürokratisches und oft die Ressortgrenzen überschreitendes Vorgehen. Er baute ein weitverzweigtes Netzwerk von Vertrauensleuten an verschiedenen Stellen auf und beeinflusste durch diese Form der „Geheimdiplomatie“ die Entscheidungen. Geschickt wusste er auch fremde oder eigene Artikel unter Pseudonym in wichtige Zeitungen zu lancieren, um die öffentliche Meinung gezielt zu beeinflussen.
Noch Jahre nach seinem Weggang nach Berlin behielt er maßgeblichen Einfluss auf die Berufungspolitik der Universität Straßburg, obwohl diese längst nicht mehr seiner Zuständigkeit unterstand, so dass der zivile Statthalter von Elsaß-Lothringen, Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, 1887 verärgert an die Graue Eminenz des Auswärtigen Amts Friedrich August von Holstein schrieb:
Ministerialdirektor und „heimlicher Kultusminister“ in Preußen mini|hochkant|Friedrich Althoff, um 1890 Gustav von Goßler förderte 1882 Althoff und sorgte für seine Berufung als Universitätsreferent im preußischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Die Berufung nach Berlin war teilweise auch auf Betreiben des elsaß-lothringischen Reichsstatthalters geschehen, dem Althoff zu einflussreich geworden war. Formell war Althoff damit ein leitender Beamter des Kultusministeriums und Geheimer Oberregierungsrat. Er konzentrierte sich vor allem mit Energie auf die Reform und den Ausbau des preußischen Universitätswesens. 1891 wurde er außerordentlicher Professor in Bonn und 1896 Honorarprofessor an der Universität Berlin.
1897 wurde er zum Ministerialdirektor der I. Unterrichtsabteilung ernannt und war damit faktisch Leiter des gesamten Unterrichts- und Hochschulwesens in Preußen. Man sprachVgl. beispielsweise Arnold Sachse: Friedrich Althoff und sein Werk. Berlin 1928, S. 197. vom „System Althoff“.Christoph Weißer, Jörg Arnholdt: Neue Aspekte zum Berufsweg des Chirurgen Fritz König (1866–1952) unter Berücksichtigung zweier Autographen seines Lehrers Ernst von Bergmann (1836–1907). In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 123–134, hier: S. 124 f. Die Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften ernannte ihn 1901 zum Ehrenmitglied. Ab 1900 war Althoff auch Ehrenmitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1904 erhielt er den Titel Exzellenz und 1907 den Titel eines Wirklichen Geheimen Rats. In dieser Zeit erhielt er auch mehrere Ehrendoktorwürden, u. a. 1906 von der Harvard University.
Obwohl Althoff formell dem Kultusminister unterstellt war und nie selbst ein Ministeramt bekleidete, war Althoff die eigentlich gestaltende Person der preußischen Hochschulpolitik in dieser Zeit. Da Preußen eine dominierende Rolle im Deutschen Reich spielte, beeinflusste die preußische Hochschulpolitik auch die der anderen deutschen Staaten und Österreichs. Althoffs bedeutende Stellung wurde schon von seinen Zeitgenossen erkannt und er wurde seines energischen Handelns und seiner Durchsetzungskraft wegen der „Bismarck des deutschen Universitätswesens“ genannt.
Friedrich Althoff brachte auch wesentlich die große Reform des Mädchenschulwesens im Jahr 1908 voran. Dafür arbeitete er unter anderem eng mit Helene Lange, Adolf von Harnack und Marie Martin zusammen.Christian Nottmeier: Adolf von Harnack und die deutsche Politik 1890–1930. Eine biographische Studie zum Verhältnis von Protestantismus, Wissenschaft und Politik. Tübingen 2004, S. 270.
Althoff nahm großen Einfluss auf Publikationsvorhaben, zum Beispiel auf die Universalenzyklopädie Die Kultur der Gegenwart, die eine Art Encyclopédie des Kaiserreichs werden sollte.
Berufungspolitik und Ausbau des Wissenschaftswesens In seiner Amtszeit griff Althoff aktiv in die Berufungspolitik der Universitäten ein. Er führte alle Berufungsverhandlungen selbst durch und versuchte, die in seinen Augen besten Forscher und Gelehrten auf die Lehrstühle zu berufen. Bei der Neubesetzung eines Lehrstuhls hatte die jeweilige Fakultät das Vorschlagsrecht. Das Ministerium musste jedoch zustimmen, bevor ein vorgeschlagener Kandidat auf einen Lehrstuhl berufen und damit preußischer Beamter wurde. Althoff scheute sich nicht, die Vorschläge der Fakultät zu ignorieren und einen ihm geeigneter erscheinenden Kandidaten gegen den ausdrücklichen Willen der Fakultät zu berufen und durchzusetzen.
Er versuchte, sich selbst ein Bild von den Kandidaten zu machen und reiste vielfach incognito zu verschiedenen Hochschulen, um die jeweiligen Kandidaten in ihren Vorlesungen selbst anzuhören. Auch versuchte er, sich im Gespräch einen Eindruck von der Persönlichkeit des Kandidaten zu verschaffen. Oberstes Kriterium war für ihn die wissenschaftliche Leistung und Originalität eines Bewerbers. Den vielfach an den Universitäten herrschenden Klüngel, den Neid und die Missgunst gegenüber besseren Kollegen, Nepotismus sowie Habgier und Eigensinn vieler Amtsinhaber verachtete er zutiefst und versuchte, dies mit seiner Besetzungspolitik auszuschalten.
Bei seinen Entscheidungen griff er auf ein weitgespanntes Netzwerk von Beziehungen und Freundschaften zu namhaften Gelehrten, Politikern, Publizisten und Industriellen zurück, die für ihn Gutachten schrieben und ihn berieten. Bereits in Straßburg und dann in Berlin hatte Althoff „im Ministerium für geistliche, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten ein komplexes Geflecht an Beziehungen innerhalb der preußischen Hochschullandschaft geknüpft, das es ihm erlaubte, nahezu uneingeschränkt über die Lehrstuhlbesetzungen zu entscheiden.“Christoph Weißer, Jörg Arnholdt: Neue Aspekte zum Berufsweg des Chirurgen Fritz König (1866–1952) unter Berücksichtigung zweier Autographen seines Lehrers Ernst von Bergmann (1836–1907). In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 123–134, hier: S. 124 f. (zitiert). In den Methoden der Geldbeschaffung für den expandierenden Wissenschaftsbetrieb ging er vielfach unkonventionell vor und spannte private Geldgeber und Industrielle ein, die große Summen über Stiftungen einbrachten.
Neugründungen Auf sein Wirken geht ganz wesentlich auch die (erst nach seinem Tode unter seinem Nachfolger Friedrich Schmidt-Ott erfolgte) Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (der späteren Max-Planck-Gesellschaft) zurück. Althoff war maßgeblich am Aufbau der Universität Münster (1902, vorher „Katholische Akademie“) und der Königlichen Akademie in Posen (1903) sowie der Technischen Hochschulen Danzig (1904) und Breslau (Gründung 1910) beteiligt.
Althoffs Bemühungen verdankt die Charité in Berlin die Bewilligung der Kosten für ihren Neu- und Umbau an der Wende zum 20. Jahrhundert. Er schuf damit die Voraussetzungen zur erfolgreichen Weiterentwicklung der Berliner Medizinischen Fakultät. Diese Hilfe drückten die Ärzte dadurch aus, dass sie für die Herstellung und Aufstellung einer Büste auf dem Gelände der Charié spendeten. Die in Bronze gegossene Skulptur hatte der Bildhauer Ferdinand Hartzer entworfen. Vor ihrer endgültigen Einweihung wurde sie auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1902 gezeigt.Die Büste für Althoff (mittlere Spalte, unten). In: Vossische Zeitung, 13. Mai 1092.
1902 initiierte er die Gründung der Internationalen Vereinigung gegen die Tuberkulose. Um einzelne Wissenschaftler zu fördern, gab er große Geldsummen aus und gründete ganze Institute neu, so z. B. das Institut für Infektionskrankheiten von Robert Koch, das Institut für Serumforschung und Serumtherapie bzw. das Georg-Speyer-Haus in Frankfurt am Main von Paul Ehrlich, das Institut für Hygiene und experimentelle Therapie in Marburg für Emil von Behring. Ferdinand Sauerbruch wandte sich 1907 in Bezug auf einen Wechsel als Oberarzt von Greifswald nach Marburg an Althoff, der ihn dabei unterstützte und zudem die Leitung der dortigen Poliklinik anbot.Ferdinand Sauerbruch[, Hans Rudolf Berndorff]: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 106–108.