Die Geschichte der Pädagogik ist eine historische Betrachtung von unterschiedlichen Erziehungskonzepten, die im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext dargestellt werden müssen.
Forschungsansätze Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze, diese Geschichte zu vollziehen: Universalistischer Ansatz: Dieser versucht die verschiedenen Strömungen der Pädagogik weltweit also interkulturell nachzuzeichnen. (Dies ist allerdings ein enormes Unterfangen.) Partikularistischer Ansatz: Dieser versucht die Darstellung der Entwicklungen in einer begrenzten Region oder auch einer Teildisziplin (z. B. die interkulturelle Erziehung in Deutschland oder Reformpädagogik in Frankreich). Kritischer Ansatz: Dieser beleuchtet insbesondere die sozio-ökonomischen Bedingungen von Erziehung und ihren sozialen Reproduktionscharakter in historischer reflexiver Sicht. Ideengeschichtlicher Ansatz: Dieser versucht die Entwicklung der Idee bzw. des Grundgedankens von Erziehung und Bildung in der Geschichte menschlichen Denkens nach zu erzählen. Diesen Ansatz verfolgt Winfried Böhm in seiner Geschichte der Pädagogik. Er knüpft dabei an die Arbeit von u. a. Arthur O. Lovejoy an.
Antike mini|links|140px|Philosophia et septem artes liberales – Illustration aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (12. Jahrhundert)
Traditionell hatte Erziehung die Aufgabe, bestimmte soziale Einstellungen an die kommenden Generationen weiterzugeben. Dabei ging es insbesondere darum, Religion und Traditionen zu vermitteln sowie die Fähigkeiten, die jemand für eine bestimmte Position in der Gesellschaft benötigte. Da nicht alle Personen einer Gesellschaft Zugang zu allem Wissen erhielten, sondern bestimmte Informationen (Lesen, Schreiben, Rhetorik …) auf die Führungselite (Könige, Priester etc.) beschränkt blieben, kann man hier von „Herrschaftswissen“ sprechen. Erziehung fand weitgehend in den Familien oder auch Nachbarschaftsgemeinschaften statt. In der Antike forderten die griechischen Philosophen eine umfassende Bildung für die „freien Bürger“ und legten eine Grundlage für die öffentliche Erziehung. Griechische Lehrer beeinflussten auch die Pädagogik im antiken Rom maßgeblich. Als entscheidend für den Erfolg wurde nicht das Kindes-, sondern das Jugendalter angesehen.
Als Pädagogen (= Kindesführer) wirkten in den begüterten Schichten des antiken Griechenland ursprünglich gebildete Sklaven, denen man die Aufgabe der Lebensbegleitung und Erziehung übertrug. Der Makedonenkönig Philipp II. berief den damals berühmtesten Erzieher Griechenlands, den Philosophen und Schulgründer Aristoteles, zum Erzieher seines Sohnes Alexander an den Hof nach Pella, um aus ihm einen gebildeten Menschen zu machen.
Mit der Ausbreitung des Christentums wurde die öffentliche Erziehung vor allem an die Kirche angebunden. In den Dom- und Klosterschulen wurden neben dem antiken Fächerkanon der „sieben freien Künste“ vor allem der christliche Glaube an die Mitglieder des Klerus vermittelt. Christus selbst war ein Lehrer,Lukas 10,38‒42; Johannes 3,2 und unter Hinweis auf Matthäus 18,17 haben die christlichen Konfessionen bis ins 20. Jahrhundert Anspruch auf eine universale Lehrgewalt vertreten, wobei das höchste Ideal der christlichen Erziehung der Glaube war.Wingolf Lehnemann: Kirchen, Schulen, Staat. Religionsunterricht im 19. Jahrhundert, S. 132f, in: Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.): Individuum und Frömmigkeit: Volkskundliche Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, Münster: Waxmann, 1997, ISBN 3-89325-558-3, S. 131‒144
Gleichzeitig entstanden mit dem Vordringen des Islams universellere Bildungsideale, die auch Sprach- und Naturwissenschaften mit einschlossen und deren Zentrum in Europa die Universität von Córdoba war.
Mittelalter und Renaissance mini|130px|Der Schulmeister von Eßlingen (Codex Manesse, 14. Jh.) Im Mittelalter maßen die Menschen der Kindheit kaum Bedeutung bei. Der Wert eines Kindes definierte sich über dessen Nutzen für die Eltern. In der Scholastik wurde der Versuch unternommen, die Pädagogik von Aristoteles und das Christentum zu verknüpfen. Im 12. Jahrhundert kam es zu einem Aufblühen der Bildung in Europa, deren Zentrum häufig die Klöster waren; es wurden aber auch bis heute bekannte Universitäten (in Paris, Oxford und Bologna) gegründet. Diese Bildung blieb allerdings dem Adel und dem Klerus vorbehalten – die Berufsausbildung für die übrige nicht-bäuerliche Bevölkerung war derweil Aufgabe der Zünfte.
In der Renaissance änderte sich diese Einstellung. Heranwachsende galten nun als Wesen, die strenger Erziehung bedurften. Höher gestellte Schichten strebten vor allem ein umfassenderes Studium der Antike an. Es war der Anfang der humanistischen Bildungsideale, die über die Vermittlung von christlicher Demut ein neues, forschendes Lernen anstrebten. Dieses wurde besonders durch die Erkundung und Unterwerfung immer größerer Teile des Globus befördert. Neben den kirchlichen Schulen entstanden „Bürgerschulen“, in denen die Schüler aus dem Bürgertum die für den Handel notwendigen Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen erwerben konnten. Für die breiten Schichten des Volkes blieben allerdings nur sogenannte „Klipp“- oder „Winkelschulen“, die von der Obrigkeit verfolgt wurden.
Neuzeit Martin Luther, der mit der neuen Theologie auch eine neue – direkt aus der Bibel abgeleitete – Erziehung verband, hat in seinen Schriften eine Vielzahl von pädagogischen Äußerungen hinterlassen. Mit der Reformation kam es zu einem Niedergang des katholischen Bildungswesens in den 1520er Jahren. Danach verstärkten sowohl die katholische als auch die evangelischen Kirchen ihre pädagogischen Anstrengungen; so gründete der Jesuitenorden ab 1540 in ganz Europa Schulen, die jedoch meist nur für Knaben und junge Männer gedacht waren.
Respekt bei Herrschern in Mitteleuropa und selbst bei Päpsten, sowie viel Unterstützung bei hochgestellten Damen, erwarb sich die englische Adelige Maria Ward (1585–1645) mit ihrem Kreis von Gefährtinnen, mit denen sie konsequent und furchtlos die Idee der Gründung von Bildungsinstituten für Mädchen und junge Frauen verfolgte – Einrichtungen, die sie versuchte durch die Gründung eines weiblichen Ordens ohne Klausurvorschriften in Anlehnung an die Jesuiten zu verbreiten. Maria Ward scheiterte institutionell, doch starb sie in Frieden und mit der Gewissheit, dass ihr Versuch weitergetragen würde. Dies geschah durch die Jahrhunderte und offiziell wurde ihr 2004 im Rückblick die Gründung der Congregatio Jesu zugestanden. Die „Institute der Englischen Fräulein“ hatten sich schon länger zuvor durchgesetzt und heute tragen zahlreiche Schulen weltweit den Namen Maria Wards.
Die protestantischen Schulen dienten vor allem auch der Verbreitung der dazugehörigen Ideologie, die später als protestantische Arbeitsethik bekannt wurde: Askese und Arbeit erscheinen als die Daseinsberechtigung und Voraussetzung für den Einzug ins Himmelreich; Rausch und Genuss werden dagegen abgelehnt. Dieser Ansatz wurde auch in der Sozialfürsorge angewendet. Waren Almosen bislang ein Teil christlicher Nächstenliebe, wurde nun von den Armen selbst ein Beitrag verlangt. Arbeitshäuser und andere Zwangseinrichtungen wurden zunehmend zu ihrer Bekämpfung eingerichtet.
Im Dreißigjährigen Krieg wurden große Teile Mitteleuropas entvölkert und das Bildungswesen kam weitgehend zum Erliegen. Geprägt von dem Gemetzel entstand um 1632 die erste große pädagogische Abhandlung: Jan Amos Komenský (Johannes Comenius)': Didactica Magna, in der er eine Allgemeinbildung für alle Menschen forderte. Neben der Förderung der Muttersprache sollte Pädagogik für ihn auf eine gerechte Gesellschaft hinarbeiten, in der Menschen unabhängig von Geschlecht oder Herkunft die gleichen Rechte haben. Sein Ziel war es, „allen alles zu lehren“. Die sich aus diesem Ideal ableitende Schulpflicht wurde in den kommenden hundert Jahren in den meisten deutschen Teilstaaten eingeführt, allerdings keineswegs im Sinne von Comenius: Sie diente vor allem dazu, die Bevölkerung im Sinne der absolutistischen Herrscher zu indoktrinieren. Im 18. Jahrhundert gingen die Staaten von den Leibes- und Lebensstrafen zu ökonomisch und erzieherisch begründeten Arbeitstrafen über. Es entstanden nun vermehrt Arbeits-, Zucht-, Waisen- und Spinnhäuser. Deren Insassen gehörten vor allem den marginalisierten unter- und außerständischen Bevölkerungsgruppen, der migrierenden und ortsfesten Armut an. Die dort zu leistende Manufakturarbeit, für die freiwillig kaum jemand zu gewinnen war, war verbunden mit religiöser Belehrung. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen dort waren ein Hohn auf den moralischen wie auf den aufklärerischen Anspruch. Viele der Internierten überlebten sie nicht.
Im späten 17. Jahrhundert warb der bedeutendste Pädagoge des Halleschen Pietismus, August Hermann Francke, für eine Erziehung, die unmittelbar auf das Neue Testament gegründet war – insbesondere auf die Paulusbriefe.
Zeitalter der Aufklärung mini|300px| Die Hülsenbeckschen Kinder (Philipp Otto Runge, 1805–1810). Ein Plädoyer für die freie natürliche Entfaltung des Kindes.
Mit der Aufklärung wandelte sich die Einstellung zu Kindheit und Jugend erneut. Eltern behandelten Kinder jetzt vertrauensvoller, doch sollten sie nach bestimmten Vorstellungen geformt und zu nützlichen Bürgern der Gesellschaft herangezogen werden. John Locke formulierte den Gedanken der tabula rasa, nach dem die Menschen bei Geburt wie ein leeres Blatt seien, das erst durch die Erziehung beschrieben würde. Damit formulierte er einen Grundgedanken der bürgerlichen Pädagogik, in welcher der Erziehung alles möglich erscheint – zugleich sind diejenigen, die von der Erziehung betroffen sind, ein Nichts. Diese Ideologie findet sich auch in dem Erziehungsroman Émile oder über die Erziehung von Jean-Jacques Rousseau; in Deutschland wurde sie unter anderem vom Philanthropen Christian Gotthilf Salzmann und in der Schweiz von Johann Heinrich Pestalozzi vertreten. Kindheit wurde damit erstmals in Europa als ein eigenständiger Lebensabschnitt wahrgenommen, zuvor wurden hier Kinder als „kleine Erwachsene“ betrachtet.
Im Jahr 1779 wurde der erste deutsche Lehrstuhl für Pädagogik eingerichtet und durch Ernst Christian Trapp an der Universität Halle eingenommen. Die Pädagogik war davor ein Teilgebiet der Theologie und galt von nun an als eigenständiges Universitätsfach. Auch andere christliche Pädagogen, z. B. August Hermann Francke, haben wichtige Beiträge zur Ablösung der christlichen durch die bürgerliche Erziehungsphilosophie geleistet.Juliane Dittrich-Jacobi: , Diss. Bielefeld, 1976
Mit der Aufklärung kamen auch Gedanken der Toleranz und Gleichberechtigung von Minderheiten auf. Besonders die jüdischen Ansätze der Haskala bereiteten ab 1760 die Emanzipation vor, in einigen „Freischulen“ wurde auch eine gemeinsame Beschulung jüdischer und christlicher Schüler praktiziert – die „Jüdische Freischule“ wurde 1778 in Berlin von David Friedländer gegründet. Die kurzzeitige Gleichstellung der Juden in Deutschland infolge der französischen Besatzung wurde allerdings mit dem Wiener Kongress 1815 rückgängig gemacht.
Deutschsprachiger Raum seit dem 19. Jahrhundert
Bildungssysteme der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland