mini|Künstlerische Anfänge der Neuzeit: Michelangelos David als Marmorkopie am Eingang zum Palazzo Vecchio in Florenz|alternativtext=Frontale Farbfotografie einer weißen, nackten Männerfigur auf einem Sockel mit antiker Lockenfrisur und Genitalien. Seine Beine stehen auseinander und sein linker Arm hält etwas über der Schulter. Im Hintergrund steht eine Steinfassade mit Torbogen und einem weiß-blauen Giebelfeld, das eine goldene Sonne und einen Löwen hat.

Die Neuzeit oder Neuere Geschichte ist einem gängigen Periodisierungsschema zufolge nach Altertum und Mittelalter die dritte der historischen Großepochen und reicht bis in die Gegenwart. In der Geschichtswissenschaft wird als Beginn der Neuzeit das Ende des Spätmittelalters an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert angesetzt, die mit einer gewissen zeitlichen Bandbreite – und vor allem aus europäischer Sicht – in mehrerer Hinsicht als Einschnitt wahrgenommen wird. Die Zeit von ca. 1500 bis 1800 wird dabei noch einmal separat von der Moderne als Frühe Neuzeit betrachtet, die aber Teil der Neuzeit ist.Zur Periodisierungsproblematik vgl. Friedrich Jaeger: Neuzeit. In: Enzyklopädie der Neuzeit. Band 9. Stuttgart/Weimar 2009, Sp. 158–181, hier Sp. 161 ff.

Als epochale Zäsuren angeführt werden zum Beispiel die osmanische Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453, die Entdeckung Amerikas 1492 und die 1517 von Martin Luther auf den Weg gebrachte Reformation. Unter kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten außerdem als Wendemarken anzusehen sind Renaissance, Humanismus und die Entwicklung des Buchdrucks in Europa mit beweglichen Schriftzeichenstempeln. Im Sinne einer Vereinheitlichung der unterschiedlichen Betrachtungsebenen ist das runde Jahr 1500 von der Geschichtswissenschaft für die Datierung des Neuzeitbeginns üblich geworden.

Als an das Zeitalter der Entdeckungen, des frühen Kolonialismus sowie von Reformation und Gegenreformation anschließende Epochen innerhalb der neuzeitlichen Geschichte sind in Europa die Ära des Dreißigjährigen Krieges und das Zeitalter der Aufklärung zu nennen, auf globaler Ebene die Ausbreitung der industriellen Revolution, das „lange“ 19. Jahrhundert mit der Ära des Imperialismus und das „kurze“ 20. Jahrhundert (mit den beiden Weltkriegen, dem Holocaust und dem nuklearen Patt), das in die Zeitgeschichte übergegangen ist.

Zu den besonderen Merkmalen der Neuzeit im Unterschied zu früheren Epochen der Menschheitsgeschichte gehören bei verlängerter Lebenserwartung verminderte Geburtenraten, ein beschleunigter Wandel wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse sowie die Globalisierung von Verkehrsverbindungen, ökonomischen Zusammenhängen und Kommunikationsmöglichkeiten. Als Beschleunigungsfaktoren des neuzeitlichen Wandels sind wissenschaftliche Erkenntnisse, revolutionäre Umwälzungen, kapitalistische Wirtschaftsstrukturen und demokratisches Freiheitstreben bedeutsam. Der über lange Zeit dominierende, moderne Fortschrittsoptimismus wird in Anbetracht humanitärer Rückschläge und ungelöster Menschheitsprobleme, wie sie etwa mit der Klimakrise und der Überbevölkerung einhergehen, kritischen Reflexionen unterzogen.

Begriffsgeschichte Die Vorstellung von einer neuen Zeit oder Neuzeit als geschichtlicher Epoche am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert geht auf die Renaissance-Humanisten zurück, die zwischen ihrer Gegenwart und den überlieferten Zeugnissen der Antike, an die sie als vorbildlich anzuknüpfen suchten, ein mittleres Zeitalter setzten. Jenseits dieses Mittelalters begann mit ihren Wiederentdeckungen für sie also eine neue Ära.

Eine Gliederung der Menschheitsgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit legte 1702 erstmals der Hallenser Gymnasialdirektor und Historiker Christoph Cellarius im lateinischen Titel seines dreibändigen Lehrbuches vor: Historia universalis, in antiquam et mediaevi ac novam divisa. Ein entsprechendes Schema hatte jedoch bereits Justus Lipsius verwendet, der 1601 die römische Geschichte in historia romana vetus, historia romana media, historia romana nova gliederte.Schulze 2010, S. 25. Laut Schulze war der Begriff medium aevum als Zwischenzeit bereits in der Antike gebräuchlich. (Ebenda)

Zeitliche Erstreckung und Untergliederung

mini|hochkant=1.6|Relief Buchdrucker am Gutenberg-Denkmal, Mainz|alternativtext=Frontale Farbfotografie eines Kupferreliefs mit einem links an die Druckpresse angelehnten Mann mit Vollbart, der ein Papierstück in den Händen hält. Ein junger Mann drückt den Hebel für die Presse und blickt nach rechts. Zwischen den beiden liegt ein Stapel Papiere und vor dem Tisch steht ein Schemel mit zwei Hämmern. Im Hintergrund hängen über einem Seil Papierbögen.

Wo Neuzeit trotz der eurozentrischen Ausgangsperspektive zur Gliederung der Geschichte dient, besteht unter Historikern relativer Konsens, den Beginn um 1500 zu datieren.Vocelka 2009, S. 20. Im Umfeld des Übergangs vom 15. zum 16. Jahrhundert am Ende des Spätmittelalters lag eine Reihe einschneidender Entwicklungen, die sich zum Teil überlagerten; darunter sind neben der Renaissance der Buchdruck, die Reformation, die bedeutenden Entdeckungsfahrten, der Frühkapitalismus und das frühmoderne Staatswesen zu nennen.Schulze 2010, S. 31; Osterhammel 2009, S. 100. In diesen Kontext einbezogen sind bedeutende Einzelereignisse, die ihrerseits mitunter als Neuzeitbeginn angesetzt wurden: die Eroberung Konstantinopels 1453, die Entdeckung Amerikas 1492 oder Luthers 95 Thesen 1517.

Das Ende der Neuzeit fällt mit der jeweiligen Gegenwart zusammen, wenn nicht – abweichend von der klassischen Dreiteilung – Neueste Geschichte und Zeitgeschichte gesondert geführt werden.Vocelka 2009, S. 21, setzt für die eigene Neuzeitdarstellung die neueste Geschichte im Zeitraum zwischen 1789 (Beginn der Französischen Revolution) und 1918 (Ende des Ersten Weltkriegs) an und die Zeitgeschichte darauffolgend. Weitere Elemente einer Untergliederung der Neuzeit sind die Frühe Neuzeit im Zeitraum zwischen 1500 und 1800 sowie das lange 19. und das kurze 20. Jahrhundert.

Alternativ zu einer Neuzeitperiodisierung mit der Epochenscheide bei 1500 wird die Vorstellung einer Sattelzeit im globalen Maßstab von 1750 bis 1850 diskutiert, in der von den Atlantischen Revolutionen und der Industriellen Revolution weitreichende Impulse ausgingen. Auch wurde vorgeschlagen, die gesamte Epoche zwischen dem Hochmittelalter und dem Ende des 18. Jahrhunderts als „Alteuropa“ zu bezeichnen und danach erst den Beginn der Neuzeit anzusetzen.Schulze 2010, S. 29 f., mit Hinweisen auf Reinhart Koselleck (Sattelzeit) und Dietrich Gerhard („Alteuropa“).

Kennzeichnende Merkmale Folgt man der Auffassung, dass der Epochenbegriff darauf zielt herauszustellen, „was eine Zeit ausmacht“, also die Welt oder eine Kultur im gemeinten Zeitraum zu charakterisieren,Matthias Schloßberger: Geschichtsphilosophie. Berlin 2013, S. 28. so kommen für die Neuzeit im Verhältnis zu früheren Zeitaltern drei Merkmale besonders in Betracht: die Bevölkerungsentwicklung, eine beschleunigte Veränderung vieler Lebensbereiche für und durch Menschen sowie eine zunehmende weltweite Vernetzung von Verkehrswegen und Kommunikation.

Demographischer Übergang Grundzüge der Bevölkerungsentwicklung gelten als wichtige Voraussetzung gesamtgesellschaftlicher Analysen, aber auch als „der existenzielle Kern von Geschichte, an der wir alle selbst mitwirken“, und zwar – willentlich oder ungewollt – im Rahmen des generativen Verhaltens bzw. der Fortpflanzung.Schulze 2010, S. 93. Ausschlaggebend für die Entwicklung der Bevölkerungszahlen, die in der Neuzeit phasenweise und regionenspezifisch bis dahin ungekannte Steigerungsraten erreichen, ist das Verhältnis von Geborenen zu Gestorbenen in einem definierten Zeitraum beziehungsweise die Geburtenziffer im Verhältnis zur Mortalität.

Gemäß Schätzungen umfasste die Weltbevölkerung um 1500 etwa 425 Millionen Menschen, davon rund 80 Millionen in Europa. Beide Größen haben sich bis zum Jahr 1800 reichlich verdoppelt: auf 900 Millionen Menschen weltweit, davon 220 Millionen Europäer.Vocelka 2009, S. 97. Ein stark beschleunigtes Bevölkerungswachstum in Teilen Europas, speziell in England, setzte ab 1750 ein: Bis 1900 wuchs die Gesamtbevölkerung Europas von 140 Millionen auf 401 Millionen an,Schulze 2010, S. 94. allein in Großbritannien jedoch von 5,9 auf 37 Millionen Menschen.Osterhammel 2009, S. 191.

Ein spezifisch neuzeitliches Phänomen ist der demographische Übergang, hauptsächlich bedingt durch eine signifikant steigende Lebenserwartung. Ursachen dafür sind neben einer quantitativ und qualitativ gesteigerten Nahrungsmittelproduktion die verbesserte medizinische Versorgung, geringere Kindersterblichkeit und erfolgreiche Seuchenbekämpfung.Schulze 2010, S. 94. Während in der Folge mehr Menschen länger lebten, sank die Geburtenrate im demographischen Übergang zunächst nicht, sodass es zu beträchtlichem Bevölkerungswachstum kam. Im Laufe einer von verschiedenen Faktoren bestimmten und für einzelne Staaten und Gesellschaften abweichenden Übergangszeit kam es zur Wiederangleichung des Verhältnisses von Mortalität und Geburten und damit zur relativen Stabilisierung der Bevölkerungsgrößen. In England erstreckte sich der demographische Übergang beispielsweise über 200 Jahre von 1740 bis 1940, in Deutschland über 70 Jahre (1870 bis 1940), in Japan über 40 Jahre (1920 bis 1960).Osterhammel 2009, S. 198.

Beschleunigter Wandel mini|hochkant=1.8|Adolph von Menzel: Die Berlin-Potsdamer Bahn (1847)|alternativtext=Ölgemälde einer Dampflokomotive, die von einer Gleiskurve kommend nach unten links fährt. An beiden Seiten sind Wiesenhänge und links stehen Bäume und ein kleines Haus. Im rechten Hintergrund sind Felder und eine Stadt zu sehen.

Beschleunigung ist in mehrerer Hinsicht zu einem auffälligen Geschehensmerkmal im Laufe der Neuzeit geworden, so zum Beispiel bei der Reisegeschwindigkeit und bei der Transportabwicklung. Neuzeitlich sind alle schnelleren Verkehrsmittel vom Dampfschiff über die Eisenbahn, das Automobil, den Omnibus und die U-Bahn bis zum Flugzeug. Auch im Arbeitsleben ist es in der Neuzeit mit Maschinenentwicklung, Fließbandfertigung und Akkordarbeit zu teilweise starker Beschleunigung gekommen. Die Herstellungsdauer für einen Ford Modell T ging am Fließband von 12,5 Stunden im Jahr 1909 auf 1,5 Stunden 1926 zurück, der Selbstkostenpreis von 950 auf 260 Dollar.Altena, van Lente 2009, S. 290 f.

Zugenommen hat aber auch die Schnelligkeit der Veränderung historischer Verhältnisse in der Neuzeit. Bereits die Aussicht auf das Zusammentreten der Generalstände im Vorfeld der Französischen Revolution verband Mirabeau am 11. August 1788 brieflich mit dem Eindruck, als sei „die Nation binnen 24 Stunden um ein Jahrhundert fortgeschritten.“Zitiert nach Schulze 2010, S. 31. Golo Mann schreibt in Summa historica vom „Gedrängtwerden der Ereignisse und Taten überall“: Von der ersten Dampflokomotive zur ersten transkontinentalen Eisenbahn habe es ein Jahrhundert gebraucht, dagegen nur ein Vierteljahrhundert vom ersten Flugzeug bis zum ersten Transozeanflug. Zwischen Kolumbus Entdeckungsfahrten und der Erforschung von Arktis und Antarktis liege ein halbes Jahrtausend; der „Ausbruch in den Weltraum“ erfolgte wiederum nur ein halbes Jahrhundert danach. „Jahrhunderte vom ersten Spielen mit Elektrizität bis zu ihrem Gebrauch für Kommunikation, Licht, Verkehr; Jahrzehnte vom ersten Erahnen der Nuklearkraft bis zur Atombombe.“Golo Mann: Die europäische Moderne. In: Propyläen Weltgeschichte, Band 11: Summa historica, Berlin 1965, S. 537.