mini|hochkant=1.3|Schloss Versailles, Marmorhof (Cour de Marbre) und Königshof (Cour Royale), 2012 mini|hochkant=1.3|Schloss Versailles, Luftbild von Marmorhof und Königshof (2014). Hinter den mittleren drei Rundbogen-Fenstern liegt seit 1701 das Schlafzimmer des Königs, dahinter im Hintergrund Apollo-Becken und Großer Kanal
mini|hochkant=1.3|Schloss Versailles, Gartenfassade, das Corps de Logis. Hinter den Bogenfenstern des mittleren Stockwerks befindet sich der Spiegelsaal
mini|hochkant=1.3|Blick über das Südparterre zum Corps de Logis
Das Schloss Versailles () in der gleichnamigen Nachbarstadt von Paris ist eine der größten Palastanlagen Europas und war von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zum Ausbruch der Französischen Revolution die Hauptresidenz der Könige von Frankreich. Der Barockbau, dessen größte Ausdehnung mehr als einen halben Kilometer beträgt, gilt als ein Höhepunkt europäischer PalastarchitekturRolf Tomann (Hrsg.): Die Kunst des Barock. Könemann, S. 133. und diente vom 17. bis zum 19. Jahrhundert als Vorbild für zahlreiche weitere Schlossbauten.
Ursprünglich von Philibert Le Roy als Jagdschloss für König Ludwig XIII. errichtet, wurde die Anlage ab 1661 unter Ludwig XIV. durch Louis Le Vau, François II d’Orbay, Jules Hardouin-Mansart und Robert de Cotte in mehreren Phasen um- und ausgebaut. Die Innenausstattung schuf Charles Lebrun, die berühmten Gartenanlagen, die aus einem Jagdpark hervorgingen, stammen von André Le Nôtre. Erst 1682 war der Riesenbau so weit vorangeschritten, dass der „Sonnenkönig“ mit seinem Hofstaat von Schloss Saint-Germain-en-Laye nach Versailles umziehen konnte. In seiner Zeit als Residenz war der Palast fast durchgehend von einem mehrere tausend Personen umfassenden Hofstaat bewohnt und bildete das kulturelle und große politische Zentrum Frankreichs.
Seit dem 19. Jahrhundert wird das Schloss als Museum genutzt. Es steht heute für Besucher offen, ebenso wie die weitläufigen Gartenanlagen und wie die drei weiteren im Park befindlichen Lustschlösser Grand Trianon, Petit Trianon und Hameau de la Reine. Während der Mittelbau mit den Staatssälen des 17. und 18. Jahrhunderts in der ursprünglichen Form zu sehen ist, beherbergen die großen Seitenflügel das im 19. Jahrhundert eingerichtete Museum der Geschichte Frankreichs. 1979 wurde Schloss Versailles in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Das Schlossgebäude Das Bauwerk Der Ursprung: Ein kleines Jagdschloss Der Ort Versailles vor den Toren der Hauptstadt Paris wurde 1038 erstmals urkundlich erwähnt.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 24 Der Wortstamm – versare, d. h. umgraben, umwenden – lässt seine ursprüngliche Bedeutung noch erkennen und verweist auf das kleine Bauerndorf und seine Äcker, die einst hier lagen.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 22 Im Dorf Versailles befanden sich im 17. Jahrhundert ein verfallenes kleines Schloss und eine Mühle. Die Ländereien und das Anwesen gehörten zum größten Teil der ansässigen Familie Gondi, ein kleinerer Teil befand sich in königlichem Besitz. Ludwig XIII., der das wildreiche Gebiet der Galie häufig bei Jagdausflügen aufsuchte, nächtigte gelegentlich in dem mittelalterlichen Versailler Schloss und sogar in der Mühle.
mini|Das Schloss um 1668, Blick auf die stadtwärts gerichtete Seite mit dem Marmorhof kurz vor dem Bau der Ummantelung
1623 ließ sich der König anstelle der Mühle ein kleines Jagdhaus errichten, in dem er 1624 das erste Mal übernachtete.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 8 Dieser gelegentlich als Kartenschloss verspottete Ansitz war so klein, dass er nicht einmal Räumlichkeiten für die Königin enthielt.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 86 François de Bassompierre bezeichnete das Jagdhaus als „ein armseliges Schloss, bei dem nicht mal ein einfacher Edelmann Neid empfindet“.Simone Hoog, Daniel Meyer: Versailles – Der große Kunstführer. Edition Art Lys, 1995, S. 9 Nachdem der König Ländereien der Gondi in Versailles hinzu erworben hatte, ließ er das Gebäude von 1631 bis 1634 durch Philibert Le Roy zu einem dreiflügeligen Jagdschloss erweitern. Das verfallene alte Schloss wurde später abgetragen.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 25 Das von einem Graben umgebene, aus Backstein erbaute und mit Sandsteinelementen gegliederte neue Versailler Schloss wurde im Stil des frühen französischen Barock errichtet. Dieses Jagdschloss bildet bis heute den Kern der Anlage, es umschließt den Marmorhof, den letzten und kleinsten der drei Ehrenhöfe, die der Stadtseite des Palastes vorgelagert sind. Nach dem Tode Ludwig XIII. ging das Gebäude als Teil des Erbes an seinen Sohn und Nachfolger Ludwig XIV. über. Der junge König residierte nach seiner Regierungsübernahme 1661 regelmäßig in Versailles, das ihm zunächst vor allem als Lustschloss und Sommersitz diente und in dem er große Hoffeste ausrichten ließ.Nicholas d’Archimbaud: Versailles. S. 45.
Den entscheidenden Impuls zum Ausbau des Palastes lieferte wohl der Finanzminister Nicolas Fouquet. Dieser ließ sich mit Vaux-le-Vicomte ein aufsehenerregendes Schloss erbauen, das nicht nur die Kunst des höfischen Barock in Frankreich nachhaltig prägen sollte, sondern auch den Zorn des Königs erregte. Ludwig XIV. vermutete, dass Fouquet die Pracht zu einem Großteil mit dem Griff in die Staatskasse finanzierte. Er warf seinem Minister Untreue vor und ließ ihn verhaften. Das in Vaux geschaffene Gesamtkunstwerk aus Bauarchitektur und Gartenkunst bestätigte den König in seinem Vorhaben, sich eine zeitgemäße Residenz errichten zu lassen. Er zog Fouquets Architekten und Künstler zu Rate und beauftragte sie schließlich mit dem Ausbau des kleinen Schlosses seines Vaters.
mini|Die Gartenfassade des Corps de Logis mit der Ummantelung. Anstelle der Spiegelgalerie befindet sich hier noch eine Terrasse, die Fenster haben noch keine bogenförmigen Abschlüsse, der Nord- und der Südflügel fehlen noch gänzlich. Gemälde von 1675
Ausbau zum Residenzschloss Entgegen dem Ratschlag des Finanzministers Colbert, der aus Kosten- und Prestigegründen einen Neubau empfahl, weigerte sich Ludwig XIV. für die Versailler Residenz das alte Jagdschloss aufzugeben und so wurde das den späteren Marmorhof umschließende Gebäude im Laufe der Zeit umgebaut und in mehreren Abschnitten in den Neubau integriert.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 88Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 92 Der König schrieb in seinen Memoiren sogar, selbst wenn das alte Schloss hätte abgerissen werden müssen, so hätte er es ganz genauso wieder errichten lassen, wie es war.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 93 Nach anfänglichen kleineren Umbauten ab 1661 bildete der Aachener Frieden von 1668 den Auftakt zu einer ersten Erweiterung des Schlosses. Der U-förmige Mittelbau Ludwigs XIII., Kern des heutigen Corps de Logis, erhielt von 1668 bis 1671 durch Le Vau die enveloppé. Dabei handelte es sich um eine bauliche, sogenannte Ummantelung des alten Schlosses durch zwei neue, äußere Trakte. Die südlichen Flügel der Ummantelung nahmen die Paradezimmer der Königin auf, die nördlichen jene des Königs. Dieser Bau besaß anstelle der späteren Spiegelgalerie noch eine große Terrasse über den gartenseitigen Arkaden des Erdgeschosses.
1677 verkündete der König, Versailles zum künftigen Regierungssitz zu bestimmen. Der damit verbundene Ausbau des Palastes begann im Zuge des Friedens von Nimwegen, der Umzug des Hofstaats erfolgte ab dem 5. Mai 1682.Nicholas d’Archimbaud: Versailles. S. 50. Von 1678 bis 1684 wurde die Terrasse des Corps de Logis samt den ihr benachbarten Salons durch Jules Hardouin-Mansart über- und umgebaut und die Spiegelgalerie, sowie die Salons des Krieges und des Friedens installiert. Die ursprünglich waagerechten Fensterabschlüsse des ersten Stockwerkes wurden durch Rundbogenfenster ersetzt, die mit den Spiegeln der großen Galerie korrespondierten. Mit diesen Baumaßnahmen erhielt die Gartenfassade des Hauptgebäudes ihre heutige Gestalt.
mini|Die verschiedenen Bauphasen des Schlosses mit Lageplan der größten Räume
Um Platz für den Hofstaat zu schaffen, wurden gleichzeitig mit den Erweiterungen am Corps de Logis 1678 die Arbeiten am Südflügel und ab 1685 die am Nordflügel begonnen. Mansart plädierte zudem dafür, das Schloss um ein weiteres Stockwerk zu erhöhen, um so mehr Wohnraum zu erhalten, was der König jedoch aus unbekannten Gründen ablehnte.Jean M. Pérouse de Montclos, Robert Polidori: Versailles. Könemann, Köln 1996, S. 98 Beide Flügelbauten bestehen aus jeweils zwei parallel zueinander errichteten langen Gebäuderiegeln, je einer auf der Garten- und einer auf der Stadtseite. Diese sind durch Querbauten mehrfach miteinander verbunden und beinhalten so eine Anzahl kleinerer Lichthöfe. Der Südflügel war 1684 weitgehend fertig gestellt, der später begonnene Nordflügel fünf Jahre darauf. Die Arbeiten an dessen stadtseitig gelegenem Trakt wurden wegen der Kosten des Pfälzischen Erbfolgekrieges jedoch eingestellt und der Bau erst im 19. Jahrhundert vollendet. Für den Bau des Nordflügels musste die Thetis-Grotte, ein mit Statuen geschmücktes Brunnenhaus von 1664, abgerissen werden.Nicholas d’Archimbaud: Versailles. S. 165. Die darin ausgestellten Skulpturen befinden sich heute zum Teil im sogenannten Boskett des Apollo-Bades im Park des Schlosses. Auf dem Standort der Thetis-Grotte erhebt sich der Bau der 1710 durch Robert de Cotte fertiggestellten Schlosskapelle, deren Zugang durch den Nordflügel erfolgt.
Die Flügel des Versailler Schlosses und seiner Nebengebäude gruppieren sich um drei in einer Achse gelegene Hofplätze, die zusammen eine weitgehend zusammenhängende Fläche bilden und vom Zentrum des Schlosses in Richtung der Stadt führen. Den Ausgangspunkt bildet der kleine Marmorhof (Cour de Marbre) des umbauten Jagdschlosses, auf diesen folgt der von den Verlängerungstrakten des Corps de Logis umgebene Königshof (Cour Royale) und schließlich der große Platz des Ministerhofs (Cour des Ministres) mit den freistehenden Ministerflügeln. Da Versailles nicht nur königliche Residenz, sondern auch Regierungssitz war, wurde mit diesen Gebäuden Platz für die Hofbeamten geschaffen. Den Höfen stadtseitig gegenüber stehen der kleine und der große Marstall, umfangreiche Gebäude für die Pferde und den Fuhrpark der königlichen Familie. Östlich, vom Südflügel des Schlosses und dem südlichen Ministertrakt begrenzt, befindet sich außerdem das vierflügelige Grand Commun, ein solitär stehender Wirtschaftsbau von 1682, der die Schlossküchen und Bedienstetenwohnungen für über 1.000 Hofangestellte enthielt.
Nach dem Umzug des Hofes 1682 arbeiteten zeitweise über 22.000 Menschen an und in Versailles,Bernd-Rüdiger Schwesig: Ludwig XIV. Rowohlt Verlag, 2005, S. 76 nach den Angaben eines Zeitgenossen erreichte die Zahl der Arbeiter im Jahr 1685 sogar 36.000.Vgl. Philippe de Courcillon, Marquis de Dangeau: Journal d’un courtisan à la cour du Roi Soleil Zum Ende des 18. Jahrhunderts war Versailles in seinen heutigen Dimensionen weitgehend fertiggestellt; die Gartenfassade ist 570 Meter breit.
Stilistische Einordnung mini|hochkant=1.3|Panorama auf die stadtseitigen Fassaden. mini|hochkant=1.3|Gesamtansicht der Gartenfassaden, von links nach rechts der Nordflügel, das Corps de Logis und der Südflügel mini|links|Die Fassaden des Marmorhofs dienten als stilistisches Vorbild für die Stadtseite des Palastes (April 2011)