mini|Marcel Proust (um 1900), Foto: Otto Wegener rahmenlos|zentriert|klasse=skin-invert-image|Prousts Signatur
Valentin Louis Georges Eugène Marcel Proust (* 10. Juli 1871 in Paris; † 18. November 1922 ebenda) war ein französischer Schriftsteller und Sozialkritiker. Sein Hauptwerk ist der siebenbändige Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, das bedeutendste Werk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts.In Search of Lost Time. In: Encyclopædia Britannica.
Leben Kindheit, Jugend und Studium mini|hochkant=0.6|links|Proust 1887 Marcel Prousts Eltern, der Medizinprofessor Adrien Proust, Chefarzt des Hôtel-Dieu de Paris, und Jeanne Weil (1849–1905),FemBio von Jeanne Proust heirateten am 3. September 1870 in einem Zivilakt. Prousts Vater stammte aus Illiers (Département Eure-et-Loir) und war katholisch, die Mutter stammte aus der jüdischen Bankiersfamilie Weil, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Elsass und Lothringen (der Nähe von Metz) nach Paris gekommen war. In ihrer Stammregion hatten die Weils ein Vermögen in der Porzellanindustrie gemacht, wo sie ursprünglich als einfache Arbeiter begonnen hatten. In: Literary Review, Internet Archive Ein Onkel der Mutter war der Schriftsteller und Essayist Godchaux Weil (1806–1878), der vor allem in dem Monatsblatt Archives israélites de France publiziert hatte, ein weiterer Verwandter war Adolphe Crémieux, Rechtsanwalt und Repräsentant jüdischer Organisationen, der auch als Parlamentarier und Justizminister amtierte. Dank des Erbes seines Großvaters mütterlicherseits, des Börsenmaklers Nathee Weil, konnte Proust zeitlebens eine finanziell unabhängige Existenz führen.Die eiskalte Sphäre der Hocharistokratie, von Marie-Luise Scherer in: Der Spiegel, 12.02.1984
mini|hochkant|Prousts Geburtshaus in der rue Jean-de-la-Fontaine in Paris (2020) mini|hochkant|Von 1900 bis 1906 lebte die Familie in 45 rue de Courcelles. (2019) Am 10. Juli 1871 kam Marcel Proust in der Rue La Fontaine 96 im noblen Stadtviertel Auteuil in der Nähe des Bois de Boulogne zur Welt, im Haus seines Großonkels Louis Weil. Im August wurde Marcel katholisch getauft. Die politische Situation war durch das Ende des Deutsch-Französischen Krieges und den Pariser Kommune-Aufstand bestimmt:
Jeanne Proust brachte am 24. Mai 1873 ihren zweiten Sohn, Robert, zur Welt, der später, wie sein Vater, ein bekannter Arzt wurde und der literarische Nachlassverwalter von Proust war. Die Familie Proust zog im August von 8, Rue Roy nach 9, Boulevard Malesherbes um; beide Wohnungen lagen im 8. Arrondissement von Paris. Von 1900 bis 1906 lebte die Familie in 45, rue de Courcelles.
mini|hochkant|links|Prousts Vater und Bruder um 1900 auf dem Balkon Rue de Courcelles Seine Ferien verbrachte Proust mit seiner Familie oft in Illiers bei Chartres (das zu Combray in seinen Romanen wurde und heute offiziell Illiers-Combray heißt), dem Wohnort seiner Großeltern väterlicherseits, oder in Seebädern der Normandie mit seiner Großmutter mütterlicherseits.George D. Painter: Marcel Proust. In: Encyclopædia Britannica. Nach dem aus Illiers stammenden Vater wurde dort die Rue du Docteur Proust benannt. Als Hommage an Marcel Proust wurde der Ort 1971 in Illiers-Combray umbenannt. Das Haus der Familie Proust ist heute ein Musée de France. Proust sah seinen Vater als ehrfurchtgebietende, einflussreiche Respektsperson; er lässt den jugendlichen Ich-Erzähler seines Romans darüber sinnieren, dass dessen übermächtiger Vater ihn notfalls aus jeder Zwangslage (wie Entführung oder Krankheit) werde befreien können und sogar in der Lage sei, „durch Verhandlungen mit der Regierung und dem Schicksal Übereinkunft zu erzielen, dass ich der erste Schriftsteller der Epoche werde“.Im Kapitel Combray des ersten Bandes In Swanns Welt.
Im Alter von neun Jahren erlitt Marcel seinen ersten Asthmaanfall.William C. Carter: Marcel Proust: A Life. 2000, S. 33. Atemnot quälte ihn fortan bis ans Ende seines Lebens, besonders im Frühjahr während des Pollenflugs. Daneben neigte er zu gelegentlichen Depressionen und zeigte, von seiner besorgten Mutter verhätschelt, Anzeichen von Hypochondrie und − damals gern diagnostiziert − „Hysterie“, hinter welchem heute kaum noch gebräuchlichen Sammelbegriff in seinem Fall emotionale Angststörungen standen. Im Oktober 1882 trat er ins Lycée Condorcet ein; auf dieser Schule lernte er u. a. Jacques Bizet, Daniel Halévy und Alfred Dreyfus kennen. In seiner Zeit am Gymnasium schloss der 15-Jährige sich 1886 einem Kreis von Barlauf-Spielern in den Champs-Élysées an, zu dem auch ein Mädchen namens Marie de Benardaky gehörte, die später zum Vorbild der Gilberte Swann des Romans werden sollte (siehe unten: Beziehungen). In das Jahr 1887 fallen erste schriftstellerische Versuche für Schulzeitschriften mit blumigen Namen wie La Revue Verte oder La Revue Lilas (nach der Farbe ihres Papiers benannt). 1888 unterrichtete ihn der Philosophielehrer Alphonse Darlu, der einen großen Einfluss auf ihn ausübte.
Nach dem Besuch des Lycée meldete sich Marcel Proust im November 1889 freiwillig für ein Jahr zum Militärdienst, um der Einziehung für vier Jahre zuvorzukommen; er diente im 76e régiment d’infanterie, das in Orléans stationiert war. Dort lernte er Robert de Billy kennen, der einige Jahre später als junger Diplomat nach London zog und Proust auf die Bücher von John Ruskin aufmerksam machte, dessen Ästhetizismus („Evangelium der Schönheit“) Prousts Bildungsverständnis prägte und später auch sein Werk. Ein Jahr später beendete Proust seinen Militärdienst und schrieb sich an der juristischen Fakultät ein. Im selben Jahr besuchte er Vorlesungen von Henri Bergson, mit dem er weitläufig verwandt war und dessen wahrnehmungsorientiertes Konzept von Zeit auf Proust einen gewissen Einfluss gehabt haben dürfte. Im September 1891 fuhr Proust erstmals nach Cabourg. Zuvor war er mit seinen Eltern schon mehrfach an die Kanalküste gereist, so nach Dieppe, Trouville-sur-Mer und Le Tréport.
Durch Freunde fand Proust Zugang zu Salons der gehobenen, bildungsbürgerlichen Gesellschaft. 1893 machte Proust die Bekanntschaft von Robert de Montesquiou, einer der schillerndsten und selbstverliebtesten Gestalten des Pariser Lebens, der als Baron Charlus später zu einem der drei Haupthelden in der Suche nach der verlorenen Zeit (SvZ) werden sollte. Im selben Jahr nahm der Dreyfus-Skandal seinen Anfang, der die französische Öffentlichkeit 13 Jahre lang beschäftigte. Dieser Skandal, der die Diffamierung eines jüdischen Offiziers (und ehemaligen Mitschüler Prousts) zum Gegenstand hatte, aber eigentlich die gesellschaftlichen Vorurteile gegen das französische Judentum insgesamt betraf, spaltete die Bevölkerung und sogar Prousts eigene Familie (während Proust wie seine Mutter und sein Bruder Dreyfusards waren, tendierte der Vater zum Anti-Dreyfusard). Auch unter seinen Romanfiguren wird es später diese Spaltung geben.
mini|hochkant|Der Komponist Reynaldo Hahn (1907), Freund und Geliebter von Proust. 1894 lernte Proust den 20-jährigen Musikstudenten und angehenden Komponisten Reynaldo Hahn kennen, Halbjude wie Proust selbst, der dessen Gedichte „Porträts von Malern“ vertonte und mit dem ihn zwei Jahre eine leidenschaftliche Liebesbeziehung verband, bis sich Proust 1896 Lucien Daudet zuwandte. Hahn und Proust blieben bis zu Prousts Tod einander in Freundschaft verbunden, wie ein lebhafter Briefwechsel belegt,Marcel Proust - Der Briefwechsel mit Reynaldo Hahn. Übersetzt und herausgegeben von Bernd-Jürgen Fischer. Reclam, Stuttgart, 2018 von dem fast ausschließlich Prousts Teil erhalten geblieben ist. Die beiden reisten 1895 in die Bretagne, wo sie den amerikanischen Marinemaler Thomas Alexander Harrison (1853–1930) in seinem Cottage auf der Halbinsel Beg Meil in Fouesnant besuchten. Von 1907 bis 1914 verbrachte Proust seine Sommerurlaube im Grand Hôtel in Cabourg in der Normandie; die aufgesuchten Küstenorte verschmolzen im Roman zum fiktiven Seebad Balbec.
Prousts regelmäßige Besuche der exklusiven Salons von Madame Straus (geb. Geneviève Halévy, der Witwe des Komponisten Georges Bizet und Mutter von Prousts Schulfreund Jacques Bizet), von Léontine Lippmann (der Geliebten von Anatole France) und ihrem Sohn Gaston Arman de Caillavet, von Lydie Aubernon und Madeleine Lemaire während seiner Studienzeit in den 1890er Jahren machten ihn zu einem scharfsinnigen Beobachter der (teils jüdischen) Großbourgeoisie, deren Bild er in Artikeln für die Tageszeitung Le Figaro zeichnete, was ihm den Ruf eines „Hofberichterstatters“ eintrug – Prousts Bewunderung der Haute volée hat zwar teils ironische, teils aber auch schon komische Züge.Als Einstieg ins Thema „Proust und das Komische“ siehe z. B. Pierre Quint: Comique & Mystere chez Proust. Ed. Kra, 1928, oder aus neuerer Zeit Hippolyte Wouters: L’humour du côté de chez Proust. Poche, 2016. Aus diesen bildungsbürgerlichen Salonnièren und ihren Gästen sollte Proust später in seinem Roman die Figur der Madame Verdurin und ihres intimen Salons destillieren.
mini|links|hochkant|Charles Haas (Nadar, 1895) Eine Ausnahmestellung hatte in Prousts Bekanntenkreis der alternde Kunstkenner Charles Haas (1832–1902), ein gebildeter, stets hocheleganter sozialer Aufsteiger mit perfekten Manieren, Sohn eines jüdischen Wechselmaklers (wie Prousts Großvater), dem es gelungen war, bis in die illustresten Kreise der Pariser Gesellschaft aufzusteigen und zum Freund höchster Aristokraten zu werden, darunter des Herzogs de La Trémoille, der Prinzessin Mathilde Bonaparte sowie des britischen Kronprinzen und späteren Königs Eduard VII. Haas war, durch Fürsprache des Generals Gaston de Galliffet, sogar die Aufnahme in den Jockey-Club de Paris gelungen. In diesem 1835 gegründeten Club, der gesellschaftlich wohl geschlossensten Institution von Paris, gab es zu Lebzeiten Prousts neben den Rothschilds nur noch ein jüdisches Mitglied, Charles Haas, der von sich sagte: »Ich bin der einzige Jude, der es fertiggebracht hat, von der Pariser Gesellschaft anerkannt zu werden, ohne grenzenlos reich zu sein.«Die eiskalte Sphäre der Hocharistokratie, von Marie-Luise Scherer in: Der Spiegel, 12.02.1984 Zugleich war Haas ein Frauenheld und eine Zeitlang der Liebhaber von Sarah Bernhardt. Proust hatte Haas über Montesquiou und dessen Freund, Prinz Edmond de Polignac, kennengelernt. Nachdem Haas der Regierung von Kaiser Napoleon III. als Berater für Denkmäler und Kunst gedient hatte, beriet er später Adlige bei ihren Kunstankäufen.Book Review | A Jewish Outsider in Paris, momentmag.com, 2019 Obwohl Haas eher ein guter Bekannter als ein enger Freund Prousts wurde, wählte der Autor diese bewunderte Ausnahmeerscheinung einige Jahre nach dessen Tod, um einen der Haupthelden seiner Romanfolge zu kreieren: Charles Swann, der biographisch, äußerlich und in vielen Wesenszügen Haas gleicht.William Howard Adams: Prousts Figuren und ihre Vorbilder. Mit Fotos von Paul Nadar. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, S. 58–61