„Menschensohn“ (, aramäisch bar enascha oder bar nascha) ist ein Ausdruck aus der hebräischen Bibel. Er bezeichnet dort zunächst einen Angehörigen der Gattung Mensch im Sinne von „Mensch“, „jemand“ oder „einer“, in der nachexilischen Prophetie und biblischen Apokalyptik dann einen bestimmten transzendenten Heilsmittler der Endzeit.

Im Neuen Testament (NT) erscheint der griechische Ausdruck ὁ υἱὸς τοὺ ἀνθρώπου (ho hyios tu anthropu, „der Sohn des Menschen“) fast ausschließlich in Eigenaussagen des Jesus von Nazaret, nur einmal als Aussage über ihn, immer in der dritten Person, nie als Aussage über andere. Alle anderen Hoheitstitel im Neuen Testament für Jesus (etwa „Sohn Gottes“, „Sohn Davids“, „Christus“ oder „Kyrios“) erscheinen nie als seine Eigenaussagen. Neutestamentler halten den Menschensohn-Titel daher für eine Selbstbezeichnung des historischen Jesus.

mini|Bamberger Apokalypse: Der Menschensohn unter den sieben Leuchtern. .

Jüdische Schriften Genesis Die Urgeschichte beschreibt die Weltentstehung als auf das menschliche Leben hingeordneten zielgerichteten Prozess der Schöpfung Gottes. Der erste Mensch erscheint unter dem Namen Adam als Urbild und Prototyp all seiner Artgenossen, wobei „Adam“ sowohl „Mensch“ als auch „Mann“ bedeuten kann. Jedoch gelten alle Menschen für die Bibel in der Polarität von Mann und Frau als zu Gottes Ebenbild geschaffene Wesen gleicher Art (). In klingt an, dass sie als Nachkommen Adams und Evas definitiv von Gott unterschiedene, den Bedingungen des Daseins unterworfene Sterbliche sind, die dennoch für die Bewahrung allen Lebens verantwortliche Abbilder und Partner Gottes bleiben. Daraufhin fragt :

Auf diese in Gottes Zuwendung begründete, empirisch nicht aufweisbare Menschenwürde bezieht sich die generische Bezeichnung Menschensohn in der Bibel, die heute auch geschlechtsneutral mit Menschenkind übersetzt wird.

Prophetie Mit Ezechiel rückt die Vision als Medium göttlicher Offenbarung in den Mittelpunkt prophetischer Rede. Dieser Prophet wird von Gott 87-mal als Menschensohn (ben adam) angeredet. Er ist der von Gottes Geist erfüllte Seher der Sünde des Gottesvolks (), der unter diesem verstockten Volk wohnen, ihm Gottes Gericht in Rätselworten ankündigen () und selbst darunter leiden ( u. a.) muss. Er darf dann aber auch den kommenden „guten Hirten“ (), die Sammlung ganz Israels in der Vision von der Auferweckung ausgetrockneter Gebeine () und das Weltgericht (; ; ) voraussehen und ankündigen, ja selbst in Bewegung setzen (). So ist die Anrede als Menschensohn einerseits Bestimmung zum Miterleiden des Gerichts Gottes über sein Volk, andererseits Auszeichnung zum Propheten der Endzeit für alle Völker.

Buch Daniel Das Buch Daniel beschreibt den, „der aussah wie der Sohn eines Menschen“, als zukünftigen Vertreter der Menschheit, dem JHWH nach dessen Endgericht seine Herrschaft über die kommende Welt, das Reich Gottes, übertragen werde. Dieser Figur wurde in der nachbiblischen jüdischen Apokalyptik auch Gottes Aufgabe als endzeitlicher Richter zugewiesen, und sie wurde mit dem Messias identifiziert.

In erscheint Gott selbst auf seinem Thron als einer, der aussah wie ein Mensch. Daran knüpft Daniels Vision vom Kommen Gottes zum Endgericht an, in der es heißt :

Diese Gestalt erscheint hier im Kontrast zu den vier Tiergestalten, die zuvor nacheinander aus dem ChaosEvolutionäre Entwicklung durch Konflikte und Kriege, also Chaos → Herrschaft des Chaos im Gegensatz zur Herrschaft der Ordnung, also evolutionärer Entwicklung im und durch den Frieden. (→ „Chaosmeer“)Martin Meisel: Chaos Imagined: Literature, Art, Science, Columbia University Press, 2016, ab S. 181. aufstiegen und die gewaltsame, sich steigernde unmenschliche Herrschaft antiker Großreiche verkörperten. Nach deren Vernichtung durch Gott bringt der Menschensohn Gottes Herrschaft weltweit zur Geltung.

Die Vision greift Motive aus der altorientalischen Religion Kanaans auf: Gottes Endkampf mit mythischen Gegenmächten, den Thronrat eines Pantheons, die Ablösung der Herrschaft eines alten durch einen jungen Gott. Diese Motive werden hier jedoch von spezifisch biblischer Prophetie her umgeformt: Gott allein erscheint zum Gericht, die anderen Throne bleiben unbesetzt. Das Gericht beginnt durch Aufdecken der bei Gott verzeichneten Rechtsverstöße („Bücher wurden geöffnet“, v. 10). Die im Gerichtsfeuer vernichteten Weltreiche sind keine Gegengötter, sondern von Gott selbst zugelassene und zeitlich befristete Mächte (v. 12). Der als „Großmaul“ charakterisierte König, der sich gegen drei Vorgänger behauptet (v. 8) und die „Heiligen“ verfolgt und vernichtet (v. 25), verweist auf Antiochos IV. Dieser versuchte, das an der Tora orientierte Judentum in den Jahren 166-164 in Judäa auszulöschen. Damit löste er die Aufstände der Makkabäer aus. Die Vision entstand vor dem Tod des Antiochos im Jahr 164. Dem werde, so Daniels Hoffnung, Gottes Endgericht und das menschliche Reich des Menschensohns folgen. Dieser erhält hier die Aufgabe, Gottes Willen weltweit zu realisieren. Indem Gott ihm seine Macht überträgt, schafft er den Völkerfrieden. Indem alle Völker diesem wahren, von Gott bestimmten Menschen dienen, ist die Sprachverwirrung unter ihnen endgültig überwunden. Der, der „aussah wie ein Mensch“, kann demnach als Vertreter der Gattung Mensch verstanden werden, der im Kontrast zu den irdischen Weltmächten die gottgewollte Bestimmung aller Menschen zum Partner und Ebenbild Gottes bei der Bewahrung der Schöpfung verkörpert und durchsetzt. Diese Rolle war in der Prophetie seit Micha und Jesaja einem künftigen Nachfahren König Davids, später Maschiach genannt, zugedacht. Hier dagegen wird die universale Durchsetzung des göttlichen Geschichtsplans nicht mehr von einem Menschen irdischer Herkunft, sondern von einem aus Gottes Bereich stammenden Wesen erwartet, und zwar nicht innergeschichtlich, sondern nach dem Abbruch der Weltgeschichte durch Gott selber.

Die nachfolgende Deutung der Vision bezieht die Gestalt auf die „Heiligen des Höchsten“. Der Ausdruck meint im Kontext das Gottesvolk Israel, zumindest die restlichen gläubigen Juden, die ihrem Gott in der vernichtenden Verfolgungssituation bis zuletzt die Treue halten. Der Menschensohn vertritt also auch ihre bleibende Erwählung, die in Gottes Theokratie nicht aufgehoben ist. Dies bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass Gott die Schöpfung, die durch immer neue Gewaltherrschaften beherrscht, deformiert und zerstört wird, eines Tages selbst – und dann endgültig – erneuern und damit Israels Bestimmung zum Volk Gottes für alle übrigen Völker bestätigen und verwirklichen werde.

Außerbiblische Apokalyptik Spätere apokalyptische Schriften des Judentums, die nicht in den Tanach aufgenommen wurden, griffen Daniels Vision auf und variierten ihre Motive. Die Bilderreden des Äthiopischen Henochbuchs (Kapitel 37–71) beschreiben eine Figur mit dem Aussehen eines Menschen als präexistente himmlische Gestalt bei Gottes Thron (48,3.6 f.; 62,7), die am Ende der Zeit nicht nur Gottes Weltherrschaft übernehmen (48,5; 69,26), sondern die Welt selbst richten werde (62,5; 69,27 ff.). Er wird sowohl dieser Menschensohn als auch der Auserwählte genannt. Nur im angehängten Kapitel 71 wird er mit dem Henoch der Urgeschichte identifiziert.

Das 4. Buch Esra verkündet im 13. Kapitel im Rahmen einer apokalyptischen Vision die Gestalt wie die eines Menschen, die – entgegen der Vision Daniels – als irdischer König aus dem Meer aufsteigt und dann auf den Himmelswolken fliegend ein unzählbares Heer der Feinde Gottes vernichtet und ein friedliches Heer sammelt. In der Deutung der Vision wird er als dieser Mensch bzw. der Mann (Adam) bezeichnet, durch den Gott die Schöpfung erlösen wird (13,25); er sei sein Sohn (13,32). Seine Aufgabe geht jedoch nicht über das hinaus, was seit Jesaja vom kommenden Davidnachkommen erwartet wurde: der Sieg über die gottfeindlichen Völker und die Sammlung der wahren Gläubigen aus Israel. Hier wurden prophetische Messiaserwartung und apokalyptische Menschensohnerwartung nach dem verlorenen Jüdischen Krieg miteinander verbunden und als kriegerisches Bild erneuert.

Beide Texte verwenden die Substantive der Menschensohn (1. Henoch) oder der Mensch (4. Esra) neben anderen Hoheitstiteln. Sie bezeichnen hier keinen beliebigen Repräsentanten der Gattung Mensch, sondern in je eigener Ausformung eine apokalyptische Richtergestalt, deren besondere Aufgabe die universale Durchsetzung von Gottes Willen im Zusammenhang des Weltendes ist.

Urchristliche Schriften Befund im Neuen Testament Der Befund im NT zeigt eine Reihe von Auffälligkeiten: Der griechische Ausdruck findet sich fast ausschließlich in den Evangelien. Er zeigt immer eine für griechisches Sprachempfinden ungewöhnliche doppelte Determination: „der Sohn des Menschen“. Er erscheint an insgesamt 82 Stellen; nach Abzug aller Parallelen bleiben 36 voneinander unabhängig formulierte Menschensohn-Logien. Alle diese Worte erscheinen als Eigenaussagen Jesu. Nur einmal erscheint der Ausdruck in einem indirekten Jesuszitat , ein anderes Mal als Verständnisfrage der Gesprächspartner Jesu . Jesus redet immer vom Menschensohn in der dritten Person, meist mit Bezug auf sein eigenes Handeln. Doch nie erscheint die Aussageform „Ich bin der Menschensohn“. Nur ein weiteres Mal, im Glaubensbekenntnis des urchristlichen Missionars Stephanus , erscheint der Begriff außerhalb der Evangelien als Fremdbezeichnung für Jesus, aber wiederum nicht als direkte Gleichung „Jesus [er] ist der Menschensohn“. In den Gemeindebriefen findet man sonst nur die Begriffe „Mensch“ , „Menschenkind“ (, Zitat von ) und das unbestimmte „eines Menschen Sohn“ ( und ) ohne direkten Bezug zum Namen Jesus. Keins der Menschensohn-Worte im NT zitiert Stellen aus dem Henoch- oder Esrabuch. Nur aus Daniels Vision finden sich direkte Zitate, Teilzitate oder Anspielungen darauf. Davon abgesehen unterscheiden sich Kontext und Gebrauch des Menschensohntitels in den Evangelien deutlich. Manche synoptischen Parallelen zu Jesusworten verwenden statt des Titels das Personalpronomen „Ich“ oder umgekehrt.

Synoptische Evangelien Die synoptischen Menschensohnworte sind nach der heute weithin anerkannten Zweiquellentheorie sowohl im Markusevangelium als auch in der nur dem Matthäus- und Lukasevangelisten vorliegenden gemeinsamen Logienquelle (abgekürzt Q) als auch in deren je eigenem Sondergut zu finden. Sie werden inhaltlich in drei Gruppen eingeteiltRudolf Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, S. 29 ff. Voransicht 91984:

Worte vom gegenwärtig wirkenden Menschensohn Diese Spruchgruppe ist sowohl bei Markus als auch in der Logienquelle zu finden. (gegenwärtige Hoheit): Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Zum Zeichen dieser „Vollmacht“ (griechisch exousia) zur Vergebung der Sünden, die nach damaligem jüdischen Verständnis nur Gott zustand, befiehlt Jesus einem Gelähmten dann, aufzustehen, sein Bett zu nehmen und fortzugehen. Denn so wie unheilbare Krankheiten als Folge einer Sünde galten, so war die unerwartete Heilung Zeichen der erfolgten Vergebung. Der Menschensohntitel begründet hier also Jesu gegenwärtiges Heilhandeln (siehe dazu Wunder Jesu). Die matthäische Variante begründet damit die Forderung Jesu an seine Jünger, ebenfalls Sünden zu vergeben. : So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat. Hier begründet der Titel Jesu Vollmacht, einzelne Gebote der Tora in einer Weise auszulegen, dass sie einer Heilung nicht im Wege stehen. (Q): Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!