Als Einkommensverteilung (oder Distribution) wird in der Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik die Verteilung der Einkommen auf die einzelnen Wirtschaftssubjekte als Resultat des Marktergebnisses bezeichnet.

Allgemeines Die Einkommensverteilung ist Bestandteil der distributiven Wirtschaftspolitik.Gerhard Bäcker, Gerhard Freiling, Reinhard Bispinck, Gerhard Naegele, Klaus Hofemann, Jennifer Neubauer: Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland. 2007, S. 47 (google.de). Als Einkommen werden in der Volkswirtschaftslehre die Faktoreinkommen bezeichnet, die durch den Einsatz von Produktionsfaktoren erzielt werden. Faktoreinkommen entstehen durch das Marktgeschehen und wandern durch Investition, Konsum, Produktion oder Sparen teilweise zu anderen Wirtschaftssubjekten. Als Wirtschaftssubjekte kommen Unternehmen (Faktoreinkommen: Unternehmerlohn) und Privathaushalte (Arbeitseinkommen) in Betracht. Im Regelfall erzielt ein Privathaushalt oder Unternehmer durch Einsatz der Arbeitskraft Arbeitseinkommen; er kann jedoch auch über andere Produktionsfaktoren verfügen (Kapital erbringt Kapitalertrag, Boden den Bodenertrag in Form der Miete oder Pacht).Heinz-J. Bontrup: Volkswirtschaftslehre. 2004, S. 680 (google.de).

Arten Unterschieden werden:Gablers Wirtschafts-Lexikon. Band 2, Th. Gabler, 1984, ISBN 3-409-30333-2, Sp. 1211. Die primäre Einkommensverteilung des Volkseinkommens ergibt sich unmittelbar aus den Marktprozessen (Kauf und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen). Beispielsweise erzielt der Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt ein Arbeitseinkommen, der Arbeitgeber auf dem Gütermarkt einen Gewinn. Die sekundäre Einkommensverteilung ist das Ergebnis staatlicher Umverteilung (redistributive Politik) durch Steuerpolitik, Sozialpolitik und Bereitstellung öffentlicher Güter. Die personelle Einkommensverteilung erfolgt auf die einzelnen Einkommensbezieher (Arbeitslohn an Arbeitnehmer, Dividende an Aktionäre), die funktionale Einkommensverteilung ist die Verteilung auf die am Produktionsprozess beteiligten Produktionsfaktoren (Arbeitseinkommen beim Faktor Arbeit, Bodenrente beim Boden, Kapitalertrag beim Faktor Kapital). Redistributive Politik sorgt für eine Umverteilung der Einkommen etwa durch Sozialtransfers, die an Bevölkerungsgruppen mit sozialen Risiken (Arbeitslosigkeit, Behinderung, Krankheit, Rentner) fließen. Die aus dem Marktprozess resultierende Einkommensverteilung wird dabei durch staatlich veranlasste Umverteilung korrigiert.

Personelle Einkommensverteilung Die personelle Einkommensverteilung zeigt, wie das Einkommen einer Volkswirtschaft auf einzelne Personen oder Gruppen (z. B. Privathaushalte) verteilt ist. Es können zwei Arten unterschieden werden: Verteilung der Markteinkommen: Primäre Einkommensverteilung oder Verteilung der verfügbaren Einkommen: Sekundäre Einkommensverteilung Das verfügbare Einkommen entspricht dem Markteinkommen zuzüglich der Renten und anderer Transferzahlungen sowie geldwerter Vorteile (Beispiele: der Staat zahlt für bestimmte Personen Beiträge in die Rentenversicherung, weil diese die Beiträge nicht tragen können; bestimmte Personen brauchen keinen Rundfunkbeitrag zu zahlen und haben dadurch einen geldwerten Vorteil) abzüglich der geleisteten Einkommensteuern und Vermögensteuern, Sozialbeiträge, monetären Sozialleistungen und anderer sonstigen laufenden Transfers (z. B. Solidaritätszuschlag). Wenn man die Haushalte oder Personen nach der Höhe ihres Einkommens aufsteigend ordnet, lässt sich an der Lorenz-Kurve ablesen, wie viel Prozent der Haushalte wie viel Prozent der Einkommen beziehen.

mini|Abb. 1: Lorenzkurve Die personelle Einkommensverteilung kann mittels verschiedener Ungleichverteilungsmaße zusammengefasst und anschließend analysiert werden. Die am häufigsten verwendeten Indikatoren sind der Gini-Koeffizient und Quantilverhältnisse. Zunehmend wird der Theil-Index angewendet.

Eine sinnlich eindrückliche Darstellung der Einkommensverteilung oder von Einkommensungleichverteilung ist die Parade der Einkommen des niederländischen Ökonomen Jan Pen, Grundlage zur Erstellung der korrespondierenden Lorenzkurve und der Auswertung zum Gini-Index.

Darstellung mittels Gini-Koeffizient Das häufigste Instrument zur Darstellung der Einkommensverteilung ist die volkswirtschaftliche Kennzahl des Gini-Koeffizients. Der Wert bezeichnet absolute Gleichverteilung (alle Personen besitzen gleich viel), der Wert absolute Ungleichverteilung (eine Person besitzt alles, alle anderen nichts).

Je nach Statistik kann ein Land die unterschiedlichsten Gini-Koeffizienten der Einkommensverteilung haben; dies liegt an der Art der Berechnung. Angaben können nur dann für Vergleiche eingesetzt werden, wenn für alle Angaben die gleichen Berechnungsmethoden (die gleiche Quantilisierung, die gleiche Einkommensart usw.) angewandt wurden. Korrekterweise müsste zusammen mit dem Gini-Koeffizienten immer angegeben werden, welche Messauflösung ihm zugrunde liegt, denn die Ungleichheit innerhalb der Quantile wird nicht erfasst.

Darstellung nach der Palma-Kennzahl Die Gini-Kennzahl wird allmählich durch die Palma-Kennzahl ersetzt, die auf der Beobachtung gründet, dass Änderungen in der Einkommensverteilung hauptsächlich in den untersten vier Dezilen und im obersten Dezil stattfinden, während der Anteil der übrigen Dezilen sich wenig ändern von Land zu Land. Damit soll die Palma-Kennzahl aussagekräftiger und zugleich leichter zu verstehen sein.Alex Cobham, Andy Sumner: Is It All About the Tails? The Palma Measure of Income Inequality. (cgdev.org, PDF).

nach Quantilen Aus der Datenbasis erhält man die Höhe der Einkommen und die zugehörigen Einkommensbezieher. Diese werden zunächst nach Einkommenshöhe sortiert (Pen-Parade) und dann in gleich große Gruppen (Quantile) unterteilt. Anschließend werden die Summen der in den einzelnen Quantilen enthaltenen Daten gebildet. Teilt man die Einkommensbezieher in 10 Gruppen ein, spricht man von Dezilen, bei 100 Gruppen von Perzentilen. Oft verwendet werden das zehnte, fünfzigste und neunzigste Perzentil (entsprechend dem ersten, fünften und neunten Dezil). Dabei stellt das fünfzigste Perzentil den Medianwert dar, also genau die Einkommenshöhe, die sich in der Mitte befindet. Das zehnte Perzentil gibt die Lohnhöhe an, die von 10 % der Beschäftigten nicht überschritten wird. Um die Ungleichverteilung zu beschreiben, werden die Summen der Quantile in Relation zueinander gesetzt. In der Literatur wird davon ausgegangen, dass die Lohnhöhen bis zum zehnten Perzentil für die Gering- oder Unqualifizierten und die Löhne ab dem neunzigsten Perzentil für die Hochqualifizierten stehen. Andere häufigere Quantile sind 30 (für die Armutsgefährdung), oder 25 und 75 (Quartile, Einkommensviertel), sowie die Quintile (Einkommensfünftel).

Vergrößert sich der Unterschied zwischen den einzelnen Quantilen, spricht man von zunehmender Lohnspreizung, verkleinert er sich, spricht man von Lohnkompression.

Datenerhebung Deutschland Die Einkommenshöhen werden im Fünfjahresrhythmus vom Statistischen Bundesamt mittels freiwilliger Selbstauskunft von einer Bevölkerungsstichprobe erfragt und die Gesamtheit der Einkommen statistisch hochgerechnet (Einkommens- und Verbrauchsstichprobe EVS, maximal 0,3 % aller Haushalte, ca. 55.000 bis 60.000 Haushalte). Erfahrungsgemäß nimmt mit zunehmendem Einkommen und Vermögen die Auskunftsbereitschaft der Befragten ab; das Statistische Bundesamt berücksichtigt deshalb nur Haushaltsnettoeinkommen bis zur Abschneidegrenze von 18.000 €/Monat. Die höchsten Einkommen sind in den Verteilungsberechnungen nicht enthalten. Ebenfalls nicht erhoben werden nicht entnommene Gewinne Selbstständiger.Statistisches Bundesamt: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe – Aufgabe, Methode und Durchführung. S. 9. In: Fachserie 15 Heft 7, Wirtschaftsrechnungen, Artikelnummer: 2152607089004, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2013. Nicht einbezogen werden Personen in Gemeinschaftsunterkünften, beispielsweise Bewohner von Pflegeheimen, sowie Obdachlose.Statistisches Bundesamt: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe – Einkommensverteilung in Deutschland. S. 7. In: Fachserie 15 Heft 6, Wirtschaftsrechnungen, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2012.

Regelmäßig sind dadurch die statistisch erhobenen Gesamteinkommen Selbstständiger und aus Vermögen, beispielsweise Kapitalerträge und Mieten, niedriger als die tatsächlichen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Die tatsächliche Ungleichverteilung ist deshalb größer als die statistisch errechnete, offiziell veröffentlichte.

2008 betrug die Abweichung der statistischen Selbstständigen- und Vermögenseinkommen der EVS (139 Mrd. Euro) zu der gleichartigen Einkommensumme der VGR (477 Mrd. Euro) rund 338 Mrd. Euro – etwa 71 % dieser Einkommen wurden durch die EVS nicht erfasst und sind in den Verteilungsrechnungen und somit in den Ungleichverteilungsmaßen wie dem Gini-Index oder der Reichtumsquote nicht dargestellt. Laut Statistischem Bundesamt „deutet dies auf eine grundsätzliche Problematik der Messung von Selbstständigen- und Vermögenseinkommen in (freiwilligen) Haushaltserhebungen hin“.Statistisches Bundesamt: Qualität der Ergebnisse der EVS 2008. In: Fachserie 15 Heft 7, Wirtschaftsrechnungen. Einkommens- und Verbrauchsstichprobe. Aufgabe, Methode und Durchführung. S. 39. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2013.

Einkommensverteilung in wichtigen Industrieländern mini|Anwendung des Gini-Koeffizienten zur Bestimmung von Einkommensungleichheit (2014)

Entwicklung der Einkommensungleichheit seit Beginn des 20. Jahrhunderts Nach einer Studie der Ökonomen Anthony Atkinson, Thomas Piketty und Emmanuel Saez stellt sich die Einkommensentwicklung in wichtigen Industrienationen folgendermaßen dar: Journal of Economic Literature. 2011, S. 3–71. Atkinson/Piketty/Saez untersuchten den Anteil des reichsten Prozents aller Einkommensbezieher in den vergangenen 100 Jahren in 22 Ländern. Sie nutzten dafür Steuertabellen aus diesen Ländern. Die Zahlen für Deutschland reichen leider nur bis 1998. vgl. Weltweit nahm die Einkommensungleichheit von 1910 zu 1992 zu.Anthony Atkinson, Thomas Piketty, Emmanuel Saez: Top Incomes in the Long Run of History. In: Journal of Economic Literature. 2011, S. 11. Dabei nahm der Anteil der Super-Reichen am weltweiten Gesamteinkommen von 1910 bis 1970 ab, von 1970 bis 1992 zu.

Der World Inequality Report 2018 – erstellt aufgrund der Daten der World Inequality Database (WID) – schätzt die aktuelle globale Einkommens- und Vermögensungleichheit.wir2018.wid.world (Kurzfassung in deutscher Sprache). Er wurde von Facundo Alvaredo, Lucas Chanel, Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman herausgegeben. Der Bericht beschreibt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich seit 1980 rund um den Globus zugenommen hat. In Europa nahm die Ungleichheit weniger stark zu, während in Nordamerika und Asien der Anstieg rasch erfolgte. Im Nahen Osten, in Afrika und in Brasilien verharrte die Einkommensungleichheit auf sehr hohem Niveau. Am größten ist sie im Nahen Osten, wo die obersten 10 % der Bevölkerung 60 % des Nationaleinkommens erhalten. Im Dezember 2021 erschien der World Inequality Report 2022.

1910 bis 1970er Jahre In Großbritannien und den Vereinigten Staaten verdiente das Prozent an der Spitze der Einkommenspyramide 1910 rund ein Fünftel aller Löhne und Gewinne; die zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise halbierten den Anteil der Reichsten bis 1950. In Deutschland und Frankreich dagegen erhielt 1910 das reichste Prozent aller Einkommensbezieher rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung. Während der Nazi-Zeit in Deutschland wurden die Reichen wieder reicher. Sie gewannen während des Aufschwungs vor dem Krieg – viele auch durch die Enteignung jüdischen Vermögens – fünf Prozentpunkte hinzu. 1950 waren es in Westdeutschland noch elf, in Frankreich noch neun Prozent.