mini|Bild, 1910 mini|Bild von Anne Anderson Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich ist ein Märchen (ATU 440 Ehemann). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an erster Stelle (KHM 1).

Inhalt mini|hochkant|Bild von Walter Crane, 1874 Einer Prinzessin fällt ihre goldene Kugel beim Spiel in den Brunnen, und ein Frosch bietet an, ihr zu helfen. Sie muss ihm dafür versprechen, seine Freundin zu werden und Teller und Bett mit ihm zu teilen. Als sie die Kugel zurück hat, geht sie nach Hause und vergisst den armen Frosch in seinem Brunnen. Doch der Frosch kommt an die Tür des Königsschlosses, und auf Drängen ihres Vaters, des Königs, bekennt sich die Prinzessin widerwillig zu ihrem Versprechen. Sie muss ihren Tisch mit dem Frosch teilen. Als jedoch der Frosch fordert, dass sie ihn mit in ihr Bett nehmen solle, ist ihre Abscheu so groß, dass sie den schleimigen und hässlichen Frosch an die Wand wirft. Im gleichen Augenblick verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen. Er war von einer bösen Hexe verwünscht worden. Nach dem Willen ihres Vaters führt er die Königstochter als seine Gemahlin in einer Kutsche in sein Königreich. Während der Fahrt brechen Heinrich, dem treuen Diener des jungen Königs, aus Freude über die Erlösung seines Herrn mit lautem Krachen die drei eisernen Ketten entzwei, die er (der „eiserne Heinrich“) sich hatte um sein Herz legen lassen, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war, damit sein Herz nicht aus Kummer zerspränge. Prinz und Prinzessin leben glücklich bis an ihr Lebensende.

Herkunft mini|Die in den Brunnen schauende Königstochter nach einer Illustration von Bernhard Wenig mini|Maximilian Lenz Froschkönig (1900) Grimms Anmerkung verortet das Märchen in Hessen, wo sie es wohl von Familie Wild hörten, und erzählt Der Froschprinz aus der Erstauflage nach. Eine dritte Erzählung aus dem Paderbörnischen (von Familie von Haxthausen) setzt so fort: Der erlöste Prinz gibt seiner Braut ein Tuch mit seinem Namen in Rot, das schwarz wird, wenn er tot oder untreu ist (vgl. KHM 56, 60, 89). Als er eine falsche Braut hat, folgt ihm die rechte mit ihren Schwestern als Reiter verkleidet und entgeht der Entlarvung, indem sie beim Sturz über ausgestreute Erbsen wie Männer fluchen (vgl. KHM 67). Er erkennt sie, als es unterwegs kracht und er dreimal ruft „Halt, der Wagen bricht“, worauf sie jeweils antwortet: „Ach nein, es bricht ein Band von meinem Herzen.“ Die Brüder Grimm schätzen das Märchen besonders alt, mit Verweis auf Georg Rollenhagen (Froschmeuseler, 1595), und sammeln epische Beispiele von harten Banden ums Herz. Sie zitieren auch den Kommentarteil von John Leydens Ausgabe von John Bellendens Complayant of Scotlande, der das Märchen mit einer Geschichte vom Wolf am Brunnen am Weltende in Verbindung bringt:

open the door, my hinny, my hart, open the door, mine ain wee thing; and mind the words that you and I spak down in the meadow, at the well-spring!

Verglichen mit Wilhelm Grimms ursprünglicher Handschrift schildert der Text der Erstauflage besonders die Spielszene am Brunnen ausführlicher. Die Dialoge sind lebendiger, z. B. „von deinem goldnen Tellerlein essen und in deinem Bettlein schlafen“ (vgl. KHM 53), die Redensart das war in den Wind gesprochen verschwand später wieder. Das jetzt dreimalige Krachen der Bande vom Herzen entspricht den drei Stadien der Handlung, auch die Beschreibung des Wagens mit Gold und das goldene Tellerlein, wie eingangs die Goldkugel, tragen zur Abrundung bei. Die Formel In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat leitet das erste Märchen der Sammlung erst ab der 3. Auflage ein und wurde aus KHM 127 Der Eisenofen entlehnt.Beatrix Burghoff: „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat ...“ Die KHM 1 - 25. In: Heinz Rölleke, Lothar Bluhm (Hrsg.): «Redensarten des Volks, auf die ich immer horche». Das Sprichwort in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (= Sprichwörterforschung. Band 11). Verlag Peter Lang, Bern 1988, ISBN 3-261-03819-5, S. 27–28. Die Auflage letzter Hand ist noch ausführlicher. Eingangs sind jetzt die Schönheit der Tochter und ihre Goldkugel durch die Sonne unterstrichen bzw. parallelisiert, die sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Wilhelm Grimm arbeitet subtil die Parallele zwischen Brunnen- und Bettszene heraus, als die Tochter jeweils sitzt und weint. Sie betont den Standesunterschied zum „Wasserpatscher“ (ab 3. Aufl., vgl. KHM 7), „der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt“. Es häufen sich Diminutive wie Händchen, Tellerlein, Bettlein, dagegen fehlt des Frosches Ausdruck „Ich will bei dir schlafen“.Lutz Röhrich: Der Froschkönig. In: Wilhelm Solms, Charlotte Oberfeld (Hrsg.): Das selbstverständliche Wunder. Beiträge germanistischer Märchenforschung (= Marburger Studien zur Literatur. Band 1). Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag, Marburg 1986, ISBN 3-925944-02-8, S. 8. Hans-Jörg Uther stellte fest, Wilhelm Grimms Handschrift betone die Kindlichkeit der Königstochter und das moralische Vatergebot, spätere mündlich beeinflusste Fassungen mehr die intime Begegnung mit dem Frosch.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 2–3.

Der Name Heinrich wird in der von den Brüdern Grimm verantworteten Ausgabe von Hartmann von Aues Der arme Heinrich 1815 als für einen Diener passend, weil volksmäßig bezeichnet. Den Namen Froschkönig fanden sie in Rollenhagens Von Bröseldieb, des meuseköniges sons, kundtschaft mit dem froschkönig, wo auch in der Vorrede vom eisernen Band die Rede ist. Der Vers „Königstochter jüngste / Mach mir auf“ steht schon in Friedrich David Gräters Bragur 3 (1794, S. 241–242).Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 1–2.

Die von Grimm zitierte Erzählung in Leydens Complaynt of Scotland ist bis heute der früheste Beleg des Märchens. Ein Singvers des Frosches findet sich schon 1794 in Friedrich David Gräters Über die teutschen Volkslieder und ihre Musik. Mittelalterliche Textstellen, wie sie den Brüdern Grimm aufgefallen waren, bewegen sich nur im sprichwörtlichen Bereich (Si quis amat ranam, ranam putat esse DianamRöhrich, Lutz: Der Froschkönig. In: Solms, Wilhelm und Oberfeld, Charlotte (Hrsg.): Das selbstverständliche Wunder. Beiträge germanistischer Märchenforschung. Marburg 1986. S. 15. (Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag; Marburger Studien zur Literatur, herausgegeben von Wilhelm Solms, Band 1; ISBN 3-925944-02-8) – Wenn wer einen Frosch liebt, hält er den Frosch für Diana; in gremium missa post rana sinum petit ipsa – So der Frosch in den Schoß kommt, wollt er gern in den Busen), ebenso eine antike in Petronius’ Das Gastmahl des Trimalchio (Kap. 77, über einen Neureichen: qui fuit rana, nunc est rex – Der ein Frosch war, ist jetzt König)Heinrich Tischner: . Auch Versuche der Herleitung aus altorientalischen Quellen stützen sich nur auf Einzelmotive. Das Bild von Eisenbanden ums Herz ist schon mittelalterlich belegt, es lebt vielleicht fort in Redensarten wie mir fällt ein Stein vom Herzen.Röhrich, Lutz: Froschkönig. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. S. 410–424. Berlin, New York, 1987.

Varianten 38 deutsche Varianten von Märchentyp AaTh 440 sind belegt, die meisten im Küstenraum, v. a. Mecklenburg und Ostpreußen, sowie durch Grimms Sammeltätigkeit in Hessen. Weitere Fassungen finden sich in Nord- und Osteuropa, selten außerhalb Europas z. T. vermischt mit anderen Tierbräutigammärchen. Neuere Varianten sind oft von Grimms Froschkönig abhängig, was man an der Handlungsstruktur nachweisen kann. Lutz Röhrich stellt fest, dass die Handlung fast immer wie hier von der Notlage der Frau motiviert ist und binäre Oppositionen zeigt: Verwünschung/Erlösung, Mangel/Behebung, Versprechen/Einhaltung, Verweigerung/Hingabe, Fesselung/Befreiung, Hinausgehen/Heimkehr. Die Verse sind verschieden, aber markieren stets den Kulminationspunkt der Handlung, als das Unerwartete geschieht und das Tier das Versprechen einklagt.

Die Prinzessin wird vom spielenden Kind zur heiratenden Frau, entsprechend vergeht in manchen Varianten mehr Zeit bis zum Schlossbesuch des Tieres, das auch eine Schlange sein kann. Der Prinz wird durch ihre intime Begegnung vom Tier zum Menschen (vgl. KHM 101, 108). Die Ekelszene ähnelt Sagen vom Schlangenkuss, auch hier kann das Tier ein Frosch oder eine Kröte sein, aber die Erlösung misslingt. Anders als in Tierbräutigammärchen (KHM 88, 127) erfolgt die Erlösung nicht durch Liebe und Selbstüberwindung, sondern eher vorherbestimmt gegen die Intention der Heldin. Dass sie die eigentliche Handlungsträgerin ist, macht auch das Fehlen der Vorgeschichte von der Verwünschung des Prinzen verständlich. Ein Kuss zur Erlösung ist erst in Varianten ab Ende des 19. Jahrhunderts belegt.Uther, Hans-Jörg: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Berlin 2008. S. 3. (de Gruyter; ISBN 978-3-11-019441-8) Der eiserne Heinrich ist hier mystischer Bruder des Prinzen (vgl. KHM 6, 136). Manche Herausgeber fanden ihn so überflüssig, dass sie ihn weg ließen. In Varianten wie der in Grimms Anmerkung bezieht er sich dagegen auf die Braut und leitet einen zweiten Erzählabschnitt ein. Die Handlung spielt meist bei Hof, doch aus der Perspektive der einfachen Leute, bis hin zu sozialkritischen Zügen von der Demütigung einer stolzen Prinzessin (vgl. KHM 52).Röhrich, Lutz: Der Froschkönig. In: Solms, Wilhelm und Oberfeld, Charlotte (Hrsg.): Das selbstverständliche Wunder. Beiträge germanistischer Märchenforschung. Marburg 1986. S. 18–19. (Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag; Marburger Studien zur Literatur, herausgegeben von Wilhelm Solms, Band 1; ISBN 3-925944-02-8) Der König-Vater wurde von Wilhelm Grimm zur moralischen Instanz ausgebaut, später psychoanalytisch als Über-Ich der Heldin gedeutet oder als zu autoritär kritisiert.

Vgl. das russische Märchen Die Froschkönigin. Vgl. Oda und die Schlange (zur Rede des Frosches: „... und deine goldene Krone, die mag ich nicht“ auch Der weiße Wolf) in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch, ferner in Ulrich Jahns Volksmärchen aus Pommern und Rügen Nr. 5 De Koenigin un de Pogg’, Nr. 6 Die Königstochter und die Schorfkröte („Für Gold und Silber … nicht“).

Deutungen mini|Bild von Paul Friedrich Meyerheim mini|Illustration von Clara Miller Burd, 1919 Der Märchenphilologe Lutz Röhrich beobachtet, dass Psychologen gerade auch dieses Märchen als Reifungsvorgang deuten. Die goldene Kugel stellt eine Beziehung her, bringt die Geschehnisse 'ins Rollen', das Mädchen will sich jedoch noch nicht verschenken, es ist die verlorene, goldene Welt der Kindheit. Im Kinder- oder Gesellschaftsspiel kann das Ballzuwerfen Liebe bedeuten. Der tiefe Brunnen wurde als Eingang zum Uterus oder Unbewussten gedeutet (s. a. KHM 24, 91), der Frosch als Phallus. Deutlich habe das Märchen etwas mit Sexualität und den durch radikale Veränderung ausgelösten Angstgefühlen zu tun.