mini|hochkant=2.0|Kolonialreiche 1898, vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, dem Boxeraufstand und dem Zweiten Burenkrieg
Als Kolonialismus wird die dauerhafte Inbesitznahme von Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der dort ansässigen Bevölkerung durch eine auswärtige Macht bezeichnet. Kolonisten und Kolonialisierte stehen einander dabei kulturell in der Regel fremd gegenüber, was bei den Kolonialherren im neuzeitlichen Kolonialismus mit dem Glauben an eine kulturelle Überlegenheit über die sogenannten „Naturvölker“ und teils an die eigene rassische Höherwertigkeit verbunden war.Osterhammel 1995, S. 19–21. Diese Vorstellung wurde durch frühe Theorien einer soziokulturellen Evolution gestützt. Die Kolonisierung der Welt durch europäische Nationen war sowohl Folge als auch Triebkraft der Ideologie des Eurozentrismus.Hans Köchler: Demokratie und neue Weltordnung: ideologischer Anspruch und machtpolitische Realität eines ordnungspolitischen Diskurses. AG Wissenschaft und Politik, 1992, S. 9, 26. Als Akteure beteiligten sich Privatleute, Firmen und Staaten, die Kolonialisierungen zunächst meist förderten oder absicherten. Auf längere Sicht gerieten die eingerichteten Kolonien fast alle in staatliche Hand. Koloniale Herrschaft war jedoch weder auf europäische Akteure noch auf die Neuzeit beschränkt. Auch außerhalb Europas entstanden Herrschaftssysteme mit charakteristischen Merkmalen des Kolonialismus, darunter militärische Eroberung und Besiedlung, die politische und wirtschaftliche Unterordnung einheimischer Bevölkerungen sowie die Abschöpfung von Ressourcen und Arbeitskraft. Dazu zählen insbesondere die arabisch-muslimischen Eroberungen und Herrschaftsbildungen seit dem 7. Jahrhundert, das omanische Kolonialreich in Ostafrika sowie koloniale Herrschaftsformen des späten Osmanischen Reiches.
Der Ausdruck Kolonialismus bezeichnet neben dem politischen Sachverhalt der Kolonialherrschaft auch eine historische Phase, die Kolonialzeit bzw. das Zeitalter des neuzeitlichen europäischen Kolonialismus, das im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit beginnt: Nachdem zunächst die Portugiesen auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien ab 1415 Stützpunkte außerhalb Europas in Besitz genommen hatten, bildeten europäische Mächte seit der ersten Amerikareise von Christoph Kolumbus 1492 Kolonialreiche in Übersee: neben Portugal und Spanien bald auch die Niederlande, England und Frankreich. Der Kolonialismus ging mit der europäischen Expansion einher. Im Zuge der Amerikanischen und der Französischen Revolution erklärten erste Kolonien ihre Souveränität gegenüber ihren jeweiligen Kolonialmächten: die USA 1776, Haiti 1804 und die meisten lateinamerikanischen Länder zwischen 1809 und 1825. Dennoch erreichte die Aufteilung der Erde unter den europäischen Mächten im 19. und 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Die Zeit des Spätkolonialismus war von neuen geopolitischen Akteuren geprägt, darunter auch ehemalige Kolonien selbst. Am Wettlauf um die koloniale Aufteilung Afrikas waren schließlich auch Belgien, Italien und Deutschland beteiligt; in Asien suchte vor allem Russland zu expandieren; und an der Wende zum 20. Jahrhundert kamen die USA und Japan als Kolonialmächte hinzu. Im Zeitalter des Imperialismus, für das der Kolonialismus prägend war, stellten wirtschaftliche Gewinnerwartungen, die Sicherung künftiger Rohstoffbasen aber auch Machtrivalitäten und Prestigefragen wichtige Motive für den Erwerb außereuropäischer Besitzungen dar. Erst der Zweite Weltkrieg (1945) und die Gründung der Vereinten Nationen als Organisation gleichberechtigter und gleichwertiger Staaten leiteten die allmähliche Entkolonialisierung ein. Die Dekolonisation Afrikas etwa erfolgte größtenteils zwischen 1960 und 1975. Wegen neuer oder weiterhin bestehender Abhängigkeiten und bis heute anhaltender imperialistischer Bestrebungen spricht man für die ausgehende und die Nach-Kolonialzeit aber auch von postkolonialen und neokolonialen Verhältnissen.
Kolonialismus ist begrifflich und der Bedeutung nach eng mit der Kolonisation durch Siedler verbunden. Beispiele dafür aus früheren Zeiten sind u. a. die antike griechische Kolonisation im Mittelmeerraum oder die mittelalterliche deutsche Ostkolonisation. Auch die arabisch-muslimischen Eroberungen seit dem 7. Jahrhundert waren mit der Ansiedlung von Eroberern in den unterworfenen Gebieten und der Errichtung neuer militärischer und administrativer Zentren verbunden. Der neuzeitliche, europäische Kolonialismus dagegen nahm die unterschiedlichsten Formen, Ausmaße und Wirkungsweisen an. Sowohl in den politischen Zentren der Kolonialmächte als auch in der Peripherie, d. h. in ihren Kolonien, zeigte sich ein breites Spektrum hinsichtlich der Organisation und Machtausübung sowie der Beteiligung der Kolonisierten am Herrschaftsapparat und an der Repression der Kolonialvölker.
Typen und Organisationsformen kolonialer Herrschaft Von übereinstimmenden Kernmerkmalen wie Über- und Unterordnung zwischen Kolonisten und Kolonisierten oder den ungleichen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Kolonialmächten und Kolonien abgesehen, sind die historischen Erscheinungsformen kolonialer Herrschaft äußerst vielfältig. So stellen auch die im Folgenden aufgeführten Typen kolonialer Herrschaftsregime und Wirtschaftsorganisation lediglich gemeinsame Nenner für im Einzelfall noch spezifischer gelagerte Ausformungen dar. Je nach Entstehungszusammenhang, Struktur und Ausdehnung der diversen historischen Sonderkonstellationen wird in der Literatur unterschieden zwischen Beherrschungskolonien, Siedlungskolonien, Integrationskolonien und Stützpunktkolonien.
mini|Verladen von Baumwollballen vor Lomé, Togo, 1885
Der Beherrschungskolonie lag zumeist eine militärische Eroberung nach vorheriger Kontaktaufnahme und Vororientierung zugrunde. Nicht Siedler, sondern aus dem Mutterland entsandte Kolonialbeamte bildeten dabei den Herrschaftsapparat, der die wirtschaftliche Ausbeutung der Kolonie ermöglichte. Die Verwaltungsbehörden in der Peripherie wurden von Kolonialbehörden in der Metropole beaufsichtigt. Von diesem Typ waren z. B. Indien als britische Kolonie, Togo als deutsche, Taiwan als japanische sowie die Philippinen als Kolonie der USA.Pelizaeus 2008, S. 20; Osterhammel 1995, S. 14. Auch außerhalb europäischer Kolonialreiche bestanden vergleichbare Herrschaftsformen, etwa im omanischen Ostafrika, wo sich territoriale Herrschaft und wirtschaftliche Expansion im 19. Jahrhundert mit einer auf versklavten afrikanischen Arbeitskräften beruhenden Plantagenwirtschaft verbanden.Abdul Sheriff: Slaves, Spices and Ivory in Zanzibar: Integration of an East African Commercial Empire into the World Economy, 1770–1873. Ohio University Press / James Currey, Athens/Oxford 1987.
Siedlungskolonien entstanden hauptsächlich infolge massenhafter Individualmigration, deren Träger ihre Heimatgebiete ohne Rückkehrabsicht verließen, oft aus wirtschaftlichen Motiven oder Nöten.Osterhammel 1995, S. 9. Die Siedlungskolonisten vertrieben dabei entweder die ansässigen Bevölkerungsgruppen oder unterwarfen sie sich und nutzten sie als Arbeitskräfte. Ihre mitgebrachte Kultur behielten die Siedler bei und übernahmen alsbald in Selbstregierung die politische Herrschaft in ihrem Siedlungsraum. Dabei unterschieden sich die Bedingungen wirtschaftlicher Machtausübung und Ressourcenerschließung beim Siedlungskolonialismus teils beachtlich. Während es bei den Neuenglandkolonien, bei Kanada, Australien, Neuseeland, Argentinien und Chile zur Verdrängung der als unnötig und unbrauchbar angesehenen Urbevölkerung kam, blieben Kolonien in Afrika abhängig von einheimischen Arbeitskräften, so in Algerien oder Südafrika. In karibischen Kolonien hingegen, darunter Jamaika und Kuba, wurden nach Ausrottung der angestammten Bevölkerung landfremde Arbeitssklaven importiert.Pelizaeus 2008, S. 21.
Integrationskolonien vereinten Elemente von Beherrschungs- und Siedlungskolonien. Die Schlüsselstellungen der Verwaltung besetzten mutterländische Kolonialbeamte, die sich auf eine mit politischen Mitwirkungsrechten operierende, durch Nachzug und Nachkommenschaft bedeutend anwachsende Siedlerschicht stützten, so die Kreolen in den spanischen Kolonien Südamerikas. Ihre Bewohner hatten formal die gleichen Rechte wie die Einwohner des Mutterlandes und genossen eine weitgehende lokale Autonomie. Man konnte die Kolonialherrschaft hier ökonomisch auf bereits existierende leistungs- und besteuerungsfähige Ackerbausysteme gründen.Pelizaeus 2008, S. 20; Osterhammel 1995, S. 11 und 14.
Stützpunktkolonien waren zunächst mit militärischen Mitteln geschaffene und geschützte Handelsstützpunkte, die nicht auf großräumige Binnenkolonisation, sondern auf kommerzielle Erschließung des jeweiligen Hinterlandes zielten. Wo solche Stützpunktkolonien zum Zweck der Vernetzung planmäßig angelegt wurden, dienten sie der Sicherung einer Handelshegemonie der jeweiligen Mutterländer. Beispiele dafür waren neben den niederländischen und portugiesischen Stützpunkten in Afrika und Asien auch die omanischen Stützpunkte und Herrschaftszentren entlang der ostafrikanischen Küste, die in ein weitreichendes Handelsnetz für Elfenbein und versklavte Menschen eingebunden waren. Die weltpolitischen Ambitionen der seinerzeit führenden Seemacht Großbritannien hatten seit dem 18. Jahrhundert die Anlage von miteinander vernetzten Stützpunkten zur Folge. Dabei ging es nicht mehr nur um den Schutz von Handelsinteressen; das Netz der britischen Kolonien erlangte vielmehr nun ein globalstrategisches Eigengewicht. Dabei kamen zu den Flottenstützpunkten von Gibraltar über Sues bis Kapstadt bedeutsame „Hafenkolonien“ wie Singapur und Hongkong. Als einzig modernisierungsfähiger Kolonietypus hat sich auf längere Sicht der Militärstützpunkt erwiesen, der über die Ära der Kanonenboote hinaus in die der taktischen Luftwaffe weist.Osterhammel 1995, S. 15; Pelizaeus 2008, S. 20 f.
Wirtschaftliche und soziale Motive und Merkmale Bis zum 11. Jahrhundert beherrschten Byzantiner und Sarazenen das Mittelmeer. Die Bekämpfung der Sarazenengefahr, die ausgiebig Seeräuberei betrieben, durch Pisa und Genua, beendete deren Vorherrschaft. Später übten sich die Italiener selber in Seeräuberei, besonders an den Küsten Kleinasiens. Es wurden häufig Kapergesellschaften zur Finanzierung solcher Unternehmungen gegründet und oft konnte gar nicht zwischen Handelsmissionen und Piraterie getrennt werden. Auch für die Bewohner Andalusiens bildete die Kaperei maurischer Schiffe und die Landung an afrikanischen Küsten, bei denen man raubte und Gefangene zu Sklaven machte, ein einträgliches Geschäft. Durch die Zurückdrängung arabisch-syrischer Händler im Rahmen der Kreuzzüge konnten nun auch die italienischen Stadtstaaten mit der Levante und dem Orient unmittelbar Handel treiben. Besonders das europäische Bevölkerungswachstum seit etwa 1000 (Höchststand um 1300) kurbelte diesen Fernhandel an.
Die Krise des 14. Jahrhunderts mit Pest und Stadtflucht betraf auch den Adel. Dieser hatte sich, infolge des allmählichen Niedergangs der feudalen Strukturen, auf Luxusgüter als Zeichen standesgemäßer Lebensführung zum Statuserhalt konzentriert. Durch die anarchischen Zustände im Rahmen der Reconquista konnten sich die Adligen besonders in Kastilien vom spanischen König große Landschenkungen sichern. Auch die regelmäßigen Einfälle ins (noch) verbliebene Maurenland der iberischen Halbinsel waren zu wichtigen Einnahmequellen für diesen geworden. Der Adel beteiligte sich zunehmend auch an wirtschaftlichen Unternehmungen wie dem Thunfischhandel (der ähnlich wichtig für die Ernährung und den Handel war wie die Salzheringe im Norden Europas) und baute dazu eigene Flotten auf. An der europäischen Entdeckung der Goldküste Guineas waren daher auch Schiffe des Adels von Anfang an beteiligt. Und auch die Besiedlung von Inseln im Atlantik wurde von großen Vasallen des spanischen Königs begonnen; erst später folgte die Krone selbst.