mini|hochkant=1.3|Dresdner Zwinger

Der Zwinger ist ein höfischer Orangerie-, Fest- und Sammlungsbau in Dresden, der nach einem früheren Festungsteil benannt ist. Er wurde von 1711 bis 1728 durch August den Starken von Matthäus Daniel Pöppelmann und Balthasar Permoser geschaffen. Mit dem Bau der Sempergalerie 1855 wandelte sich die offene Dreiflügelanlage zur geschlossenen Vierflügelanlage. Nach der Zerstörung 1945 wurde der Zwinger bis 1963 wiederaufgebaut und ist seitdem Sitz des Mathematisch-Physikalischen Salons und der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Er gehört zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt und zu den bedeutendsten Bauwerken des Barocks.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Band I: Mitteldeutschland. Wasmuth. Berlin 1905. S. 67–68.

Lage mini|Dresdner Zwinger und seine Umgebung

Der Zwinger liegt unweit der Elbe und nimmt ein Areal am nordwestlichen Rand der Inneren Altstadt ein, das zum historischen Stadtkern Dresdens gehört. Er befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft weiterer bekannter Sehenswürdigkeiten, darunter das Residenzschloss und die Semperoper. Der Theaterplatz im Nordosten, die Sophienstraße im Südosten, der Postplatz im Süden, die Ostra-Allee im Südwesten sowie die Straße Am Zwingerteich im Nordwesten umgeben das Areal des Zwingers. Benachbarte Gebäude sind das Haus der Dresdner Kaufmannschaft im Westen, das Schauspielhaus im Südwesten, das Haus am Zwinger im Süden, das Taschenbergpalais im Südosten, der Westflügel des Schlosses mit dem Grünen Gewölbe im Osten, die Altstädtische Hauptwache im Nordosten, die Semperoper im Norden und der ehemalige Marstall im Nordwesten.

Geschichte Vorgeschichte Begriff „Zwinger“ Der Name Zwinger geht auf die im Mittelalter übliche Bezeichnung für einen Festungsteil zwischen der äußeren und inneren Festungsmauer zurück. Der Bau der ersten Stadtmauer lässt sich archäologisch für das letzte Viertel des 12. Jahrhunderts nachweisen. Eine urkundliche Erwähnung als civitas im Jahre 1216 weist auf eine geschlossene Dresdner Befestigungsanlage zu dieser Zeit hin. Anlässlich der Hussitenkriege wurde ab 1427 die Stadtbefestigung verstärkt und fast vollständig um eine zweite, äußere Mauer ergänzt. Diese Umbauten begannen in der Nähe des Wilsdruffer Tors. Stellenweise musste der alte Graben verfüllt und verlegt werden. Die dabei entstandenen Mauerzwischenräume werden allgemein „Zwinger“ genannt und wurden in Schlossnähe durch den Dresdner Hof zu eigenen Zwecken gärtnerisch genutzt. Die Lage dieses als Zwingergarten bezeichneten Areals ist für diese Zeit nur ungenau zwischen den Befestigungsanlagen an der Westseite der Stadt zu definieren.Gurlitt: Kunstdenkmäler Dresdens. H. 2, S. 313.Otto Richter: Verfassungsgeschichte der Stadt Dresden. Erster Band. Dresden 1885, S. 8–9. Seine Ausdehnung veränderte sich teilweise durch den späteren Festungsausbau und wird auf verschiedenen Kartenwerken unterschiedlich dargestellt; eine räumliche Nähe zum heutigen Zwingerareal ist jedoch vorhanden.

Der Zwingergarten erfüllte noch eine seiner Bezeichnung entsprechende Funktion als enger Festungsbereich zwischen der äußeren und inneren Befestigungsmauer. Auf den Zwinger traf dies schon bei Baubeginn im frühen 18. Jahrhundert nicht mehr zu, dennoch ging der Name auf ihn über. Zwar stehen die südwestlichen Gebäudebereiche des barocken Dresdner Zwingers mit dem Kronentor auf den heute noch sichtbaren Teilen der äußeren Festungsmauer; eine innere Festungsmauer gab es zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht mehr.Georg Dehio (Hrsg.): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Dresden. München und Berlin 2005, S. 52.

Frühe stadträumliche Entwicklung im späteren Zwingerbereich mini|Plan der Stadt Dresden von 1750 mit den nach Lynar geschaffenen Festungsanlagen am Zwinger (linke Bildhälfte oben, Norden liegt rechts)

Bis weit in das 16. Jahrhundert hinein befand sich das Areal des heutigen Zwingerkomplexes noch außerhalb der Stadtbefestigung. Ab 1569 ließ der aus der Region um Florenz stammende Baumeister Rochus Quirin Graf von Lynar erhebliche Umgestaltungsarbeiten und Neubauten an den Festungsanlagen westlich des alten Schlosses für den Kurfürsten August durchführen. Bis 1572 setzte der Baumeister einen Teil der Arbeiten um. Dabei stellte sich heraus, dass eine Verlegung des Weißeritzarmes vorteilhaft ist, der das Gelände tangierend in die Elbe mündete. Daraufhin erneuerte Lynar bis 1573 seine Pläne und schlug Flussbettarbeiten sowie den Bau einer zusätzlichen Bastion vor. Westlich des Schlosses entstand die Bastion Luna. Auf dem Areal fand der spätere Zwingerbau im Barockstil Platz. Die Leitung für die erforderlichen Geländearbeiten übertrug Lynar auf den Zeugmeister Paul Buchner und den Zeugwart Andreas Hesse. Das von ihm 1574 erstellte Holzmodell gelangte später in die Sammlungen des Grünen Gewölbes.Gurlitt: Kunstdenkmäler Dresdens. H. 2, S. 327–328.

Anlage des Zwingergartens Die ersten Schritte zu einem Zwingergarten unternahm Kurfürst Moritz, als er 1549 eine solche Anlage nach dem Vorbild des Prager Schlossgartens durch seinen Hofgärtner Nicolaus Fuchs veranlasste. Der Kurfürst gilt zusammen mit Anna, der Gemahlin seines Bruders und Nachfolgers August, als Begründer des sächsischen Gartenbaus. Seine Gartenbaukenntnisse sind unter anderem dokumentiert in seinem Erlass „…zur Verbesserung des Bodens im Zwingergarten und Baumgarten den Schlamm und die gute Erde aus dem See beim Jacobshospital in die Gärten des vesten Baues (gemeint sind die Dresdner Befestigungsanlagen) zu schaffen.“Arno Naumann: Dresdens Gartenbau bis zur Gründungszeit der „Flora“ Gesellschaft für Botanik und Gartenbau in Dresden. Dresden 1896, S. 16.

Moritz’ Nachfolger, die Kurfürsten Christian I. und Christian II., förderten die Entwicklung der Gartenanlagen auf den Wällen und ließen im Zwingergarten neue Wege sowie Beete mit Steinumfriedungen anlegen.Arno Naumann: Dresdens Gartenbau bis zur Gründungszeit der „Flora“ Gesellschaft für Botanik und Gartenbau in Dresden. Dresden 1896, S. 14–18. Die große Anteilnahme des Hofes am Gartenbau unter der Regentschaft von Kurfürst Johann Georg II. förderte die Kultivierung vielfältiger Obstsorten. Ein Chronist dieser Zeit vermerkte: „…auch in dem sogenannten Zwinger-Garten, so hinter dem Churfürstlichen Residentz-Schlosse innerhalb der Fortification gelegen, vielerley Sorten Feygenbäume zu finden, worunter einige an dem Stamme eine völlige Mannesdicke halten, welche herrliche und überflüssige Früchte geben“.Arno Naumann: Dresdens Gartenbau bis zur Gründungszeit der „Flora“ Gesellschaft für Botanik und Gartenbau in Dresden. Dresden 1896, S. 22.

Errichtung des Zwingers unter August dem Starken mini|hochkant|Friedrich August I. (August der Starke, 1670–1733), der Bauherr des barocken Zwingers (Gemälde: Louis de Silvestre) mini|Der hölzerne Vorgängerbau des heutigen Zwingers, 1709

Die Regierungszeit von Kurfürst Friedrich August I. (August der Starke) ist mit einer intensiven baulichen Entwicklung der Stadt Dresden verbunden. Zum Beginn seiner Regentenzeit im Jahr 1694 waren die Dresdner Bauten durch eine Holzarchitektur geprägt. Schon die zuvor von ihm unternommene Cavalierstour durch Europa von 1687 bis 1689 hinterließ vielseitige Eindrücke und bestärkte ihn, seine Stadt durch ein neues architektonisches Bild so zu prägen, dass es den großen Vorbildern in Frankreich und Italien entsprach. So setzte er in besonderer Weise auf den künstlerischen und planerischen Einfluss französischer und italienischer Fachleute. Zu seinen wesentlichen Leistungen zählt die Veränderung des Stadtbildes durch repräsentative steinerne Bauten und großzügig geplante Gartenanlagen. Der Schlossbrand von 1701 bestärkte seine Bestrebungen auf Ausbau der Residenz und der Stadt, die damals 30.000 Einwohner zählte. Dem Zwingerprojekt schenkte Friedrich August I. durch die auf seinen Reisen gesammelten Erfahrungen große Aufmerksamkeit.

Konkrete erste Überlegungen führten bereits 1701 zu einem als „erstes Project“ bezeichneten Plan, der ein neues Schloss mit Gärten und Höfen vorsah. Der alte Orangerie- oder Zwingergarten erschien unzeitgemäß und nicht mehr den Bedürfnissen entsprechend. Einen gewissen Einfluss auf die Neigungen des Kurfürsten könnten Eindrücke ausgeübt haben, die er als Kind bei den höfischen „Comödienspielen“ sammelte, bei denen er als Diener eines Gärtners auftrat.Arno Naumann: Dresdens Gartenbau bis zur Gründungszeit der „Flora“ Gesellschaft für Botanik und Gartenbau in Dresden. Dresden 1896, S. 25. Der älteste erhaltene Plan stammt vom Hofarchitekten Marcus Conrad Dietze und trägt den Titel „Grund- und Aufzugsriss vom Schlosse zu Dresden, ist von Sr. Kgl. Majestät und Churfürstl. Durchlaucht zu Sachsen selbsten inventiret und ordonniret und von dero Architekte Dietzen allerunterthänigst verfertiget worden im Jahre 1703“. Darin ist ein architektonisch gestalteter Lustgarten an einer alten Bastei („zur scharfen Ecke“) der ehemaligen Befestigungsanlage verzeichnet.Adolph Canzler, Alfred Hauschild, Ludwig Neumann: Die Bauten …. 1878, S. 70–72. Der Kunsthistoriker Gurlitt beschreibt die Absichten des Kurfürsten im Bereich dieser alten Bastei als „Anlage eines Ehrenhofes“ mit der Nutzungsmöglichkeit für Festlichkeiten.Gurlitt: Kunstdenkmäler Dresdens. H. 2, S. 422.

Die Baugeschichte des barocken Zwingers begann im Jahre 1709, als im Auftrag Augusts des Starken ein von Holzgebäuden flankierter halbrunder Festplatz westlich des Schlosses, im Bereich des heutigen Theaterplatzes, entstand. Dieser eindrucksvolle, aber wetterunbeständige Holzbau blieb bis 1714 bestehen und nahm die Funktion des späteren Zwingers vorweg.Dirk Syndram, P. Ufer: Die Rückkehr des Dresdner Schlosses. 1. Auflage. edition Sächsische Zeitung, 2006, S. 63.

Die Arbeiten an den Bogengalerien, dem Nymphenbad und dem Gebäudetrakt des späteren Mathematisch-Physikalischen Salons begannen 1711. Mit diesem anspruchsvollen Vorhaben waren der Landesbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann und der Bildhauer Balthasar Permoser beauftragt. Unter Permoser arbeiteten weitere erfahrene Fachleute der Bildhauerei, wie Johann Benjamin Thomae, Paul Heermann, Johann Christian Kirchner, Johann Matthäus Oberschall und Johann Joachim Kretzschmar aus Zittau.Michael Kirsten: Der Dresdner Zwinger (= DKV-Kunstführer Nr. 576/0). 1. Auflage. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin o. J., S. 26.

Pöppelmann besuchte zur Vorbereitung und während der Ausführung des Zwingerbaus verschiedene europäische Städte, um mit eigenen Architekturstudien projektbezogene Anreize und vergleichende Eindrücke aufzunehmen. Er reiste 1710 auf Kosten seines Auftraggebers über Prag, Wien und Florenz nach Rom und Neapel. Der Kurfürst verfügte am 4. Januar 1710, „…daß der Landbaumeister Pöppelmann nachher nach Wien und Rom gehen soll umb deren Orthen sich der itzigen Arth des Bauens sowohl an Palaesten, alß Gärthen zu ersehen, …“. In Prag studierte er die kühnen Barockbauten von Christoph Dientzenhofer (St. Nikolaus auf der Kleinseite und die Klosterkirche in Breunau).Hermann Heckmann: Matthäus Daniel Pöppelmann und die Barockbaukunst in Dresden. Berlin 1986, S. 44–45.