mini|hochkant=1.7|Orpheus von Tieren umgeben. Römisches Mosaik des dritten Jahrhunderts (Palermo, Archäologisches Regionalmuseum) Die Orphiker () waren eine religiöse Strömung der Antike, die sich ab dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. oder schon früher in Griechenland, im griechisch besiedelten Süditalien und an der nördlichen Schwarzmeerküste ausbreitete. Sie beriefen sich auf den mythischen Sänger und Dichter Orpheus, in dem sie den Urheber ihrer Lehren und den Autor maßgeblicher orphischer Texte sahen. Ihr Bestreben war die Vorbereitung auf das von ihnen erwartete Fortleben der Seele nach dem Tod des Körpers. Bei der Orphik handelte es sich aber nicht um eine einheitliche Religionsgemeinschaft mit einer in sich geschlossenen Lehre, sondern um eine Vielzahl von autonomen Gruppen.

Entstehung und Frühzeit Die Orphik stammte vermutlich aus Thrakien, das als Heimat des Orpheus galt und von den Griechen als Barbarenland betrachtet wurde. Sie verbreitete sich in Griechenland – mit Schwerpunkten in Nordgriechenland und auf Kreta –, in den von griechischen Siedlern kolonisierten Gebieten Süditaliens und an der griechisch besiedelten Schwarzmeerküste. Eindeutig bezeugt ist orphisches Gedankengut erst im 5. Jahrhundert v. Chr., doch können die Anfänge viel früher liegen.

Die in der Forschung diskutierten Erklärungsansätze für die Entstehung und frühe Entwicklung sind spekulativ. Unklar ist insbesondere das Verhältnis der Orphik zu verwandten Phänomenen innerhalb der griechischen Religion wie dem Pythagoreismus, den eleusinischen Mysterien,Siehe dazu Fritz Graf: Eleusis und die orphische Dichtung Athens in vorhellenistischer Zeit. Berlin 1974, S. 1–8. verschiedenen Erscheinungsformen des Dionysos-Kults und der religiösen Philosophie des Vorsokratikers Empedokles. Im 5. Jahrhundert v. Chr. berichtete Herodot vom Verbot der Beisetzung in wollener Kleidung, einer Begräbnisvorschrift, die bakchisch (dionysisch) und orphisch genannt werde.Herodot 2,81. Empedokles, der ebenfalls im 5. Jahrhundert lebte, scheint sich als Orphiker betrachtet zu haben; einer Forschungshypothese zufolge ging er in seiner Dichtung nicht nur inhaltlich von orphischen Ideen aus, sondern lehnte sich auch formal an ein orphisches Vorbild an.Christoph Riedweg: Orphisches bei Empedokles. In: Antike und Abendland 41, 1995, S. 34–59. Vgl. Gábor Betegh: The Derveni Papyrus, Cambridge 2004, S. 372. Manche Ziele und Überzeugungen teilten die Orphiker mit den Pythagoreern, einer religiösen Gemeinschaft, die Pythagoras im 6. Jahrhundert v. Chr. in Süditalien gegründet hatte. Der Schriftsteller und Dichter Ion von Chios (5. Jahrhundert v. Chr.) behauptet, Pythagoras habe Gedichte, die er selbst schrieb, als Werke des Orpheus ausgegeben.Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen. Stuttgart 2001, S. 244f. und Anm. 7. Nach späteren Berichten gehörten in Italien lebende Pythagoreer zu den Autoren orphischen Schrifttums.Siehe dazu Peter Kingsley: Ancient Philosophy, Mystery, and Magic. Oxford 1995, S. 115 und die dort genannte Literatur. Gegenseitige Beeinflussung von Orphikern und Pythagoreern ist wohl anzunehmen. Entsprechende Hypothesen werden in der Forschung seit langem erörtert, doch erlaubt die ungünstige Quellenlage keine gesicherten Aussagen darüber, denn eindeutige Belege fehlen.Zur Frage der Abgrenzung der verschiedenen Strömungen und Traditionen siehe Walter Burkert: Kleine Schriften III. Mystica, Orphica, Pythagorica, Göttingen 2006, S. 43–45. Jedenfalls lassen die vorliegenden Berichte erkennen, dass die frühen Orphiker eine Protest- und Reformbewegung waren, die sich elitär von der Volksreligion abgrenzte und daher von ihrer Umwelt skeptisch betrachtet wurde. Im Gegensatz zu den Pythagoreern sind bei den Orphikern keine politischen Zielsetzungen erkennbar.Jean-Michel Roessli: Orpheus. Orphismus und Orphiker. In: Michael Erler, Andreas Graeser (Hrsg.): Philosophen des Altertums. Darmstadt 2000, S. 10–35, hier: 14f.; Radcliffe G. Edmonds III: Myths of the Underworld Journey, Cambridge 2004, S. 43–46, 103f.

Orpheus, der angebliche Urheber der Orphik, wurde schon im 6. Jahrhundert v. Chr. zu den Argonauten gezählt, also eine Generation vor dem Trojanischen Krieg datiert. Ob es für diese mythische Gestalt ein reales historisches Vorbild gab und ob die Orpheus-Sage einen historischen Kern hat, ist unbekannt. In der Forschung gehen die Meinungen darüber auseinander.

Orphische Schriften Die reichhaltige Buchproduktion der Orphik, die schon für das 5. Jahrhundert v. Chr. bezeugt ist, hielt bis in die Spätantike an. Charakteristisch für die Orphiker ist einerseits ihre hohe Wertschätzung ihrer Bücher und andererseits der Umstand, dass sie ihre Lehrtexte anscheinend nicht in einer bestimmten Fassung dauerhaft als verbindlich fixierten, sondern immer wieder neu formulierten und auslegten.Zur Forschungsgeschichte, in deren Verlauf sich die Vorstellung einer fixierten orphischen Dogmatik als unzutreffend erwies, siehe Radcliffe Edmonds: Tearing Apart the Zagreus Myth: A Few Disparaging Remarks On Orphism and Original Sin. In: Classical Antiquity. Bd. 18, 1999, S. 35–73; Robert Parker: Early Orphism. In: Anton Powell (Hrsg.): The Greek World. London 1995, S. 483–510, hier: 485–487. Es handelt sich hauptsächlich um mythische Schilderungen der Weltentstehung (Kosmogonie) und Hymnen.

Die orphische Dichtung, das Schrifttum der Orphiker in Versform, als dessen Autor gewöhnlich Orpheus selbst galt, ist größtenteils verloren. Eine Anzahl von Gedichten liegt vollständig vor, ein anderer Teil der orphischen Dichtung ist nur bruchstückhaft erhalten oder aus Inhaltsangaben bekannt, von manchen Werken sind nur die Titel überliefert. Die Suda, eine byzantinische Enzyklopädie, nennt eine Reihe von Titeln. Diese Liste stammt wohl aus einer verlorenen, in der Epoche des Hellenismus von dem Grammatiker Epigenes verfassten Abhandlung über die orphischen Dichtungen. Das Versmaß der orphischen Dichtung ist immer der Hexameter.

Vollständig erhalten ist eine Sammlung von orphischen Hymnen. Es handelt sich um 87 Gedichte, deren Umfang zwischen sechs und dreißig Versen schwankt. Darin verherrlicht Orpheus als fiktiver Verfasser die von den Orphikern verehrten Gottheiten. Vermutlich wurden diese Dichtungen im 2. Jahrhundert für eine kleinasiatische Kultgemeinschaft geschaffen, vielleicht mit Verwertung älteren Materials.Gründliche Untersuchungen bieten Jean Rudhardt: Opera inedita. Essai sur la religion grecque & Recherches sur les Hymnes orphiques, Liège 2008, S. 165–325 und Anne-France Morand: Études sur les Hymnes orphiques, Leiden 2001.

Nur fragmentarisch überliefert oder aus Inhaltszusammenfassungen bekannt sind folgende Dichtungen: die alte orphische „Theogonie“, ein Gedicht, das die Entstehung des Kosmos, der Götter und der Menschen behandelt. Der Peripatetiker Eudemos von Rhodos, der im 4. Jahrhundert v. Chr. lebte, soll eine Inhaltswiedergabe verfasst haben. Auf ihn beruft sich der spätantike neuplatonische Philosoph Damaskios, der mehrere Varianten des Mythos skizziert.Damaskios, Über die ersten Prinzipien 123–124, hrsg. von Leendert Gerrit Westerink: Damascius: Traité des Premiers Principes, Band 3, Paris 1991, S. 159–165. Die „Heiligen Reden (hieroí lógoi) in 24 Rhapsodien“. Sie schildern ebenfalls die mythische Urgeschichte des Kosmos. Erhalten sind 176 Fragmente. Die Datierungsansätze für die Gestalt des Textes, aus der die überlieferten Bruchstücke stammen, schwanken zwischen dem späten 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. Die verlorene Urfassung dürfte in der Frühzeit der Orphik entstanden sein. Nur aus Zitaten bekannt sind ein Hymnus an Zeus, den der Neuplatoniker Porphyrios zitiert, und einer an Dionysos, auf den der spätantike Gelehrte Macrobius in seinen „Saturnalien“ wiederholt Bezug nimmt. Im 2. Jahrhundert berichtete der Schriftsteller Pausanias von hymnischen Gesängen, die Orpheus verfasst habe und die von den Lykomiden, den Angehörigen eines athenischen Priestergeschlechts, bei ihren Kulthandlungen gesungen würden. Pausanias meinte, die Hymnen des Orpheus würden an Schönheit nur von denen Homers übertroffen.Pausanias 9,27,2; 9,30,4; 9,30,12. die „orphischen Argonautika“ (Orphéōs Argōnautiká „Die Argonautenfahrt des Orpheus“), ein spätantikes Gedicht von 1376 Hexametern. In dieser Version der Argonautensage erzählt Orpheus vom Argonautenzug. Dabei spielt er selbst eine maßgebliche Rolle in der Heldenschar, die auf dem Schiff Argo eine abenteuerliche Fahrt unternimmt, um das Goldene Vlies zu erbeuten. Zwar steht Orpheus schon in hohem Alter, doch ohne ihn könnte das Vorhaben nicht gelingen. Die Argonauten brechen von ihrer griechischen Heimat aus auf und fahren zunächst nach Kolchis an der Ostküste des Schwarzen Meeres, wo sie sich das Vlies aneignen. Auf der Rückfahrt gelangen sie über den Fluss Tanaïs (Don) in den äußersten Norden des eurasischen Festlands. Dort erreichen sie den Okeanos, den Strom, der die bewohnte Welt ringförmig umfließt. Darauf wenden sie sich nach Westen und umschiffen erst Nord- und dann Westeuropa; der Heimweg führt durch die Straße von Gibraltar.

mini|Stücke des Derveni-Papyrus Der Derveni-Papyrus, eine 1962 in der Grabstätte A der Derveni-Gräber bei Thessaloniki aufgefundene Schriftrolle, enthält Fragmente eines Kommentars zu einer ansonsten unbekannten Version des orphischen Schöpfungsmythos, aus welcher der Kommentator einzelne Verse zitiert, die er allegorisch auslegt. In dieser Version spielt Zeus als Schöpfer die Hauptrolle. Der Kommentator distanziert sich nachdrücklich von einem aus seiner Sicht verfehlten vordergründigen, buchstäblichen Textverständnis. Der Papyrus wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. beschriftet, der Kommentar stammt aus dem späten 5. oder frühen 4. Jahrhundert v. Chr. und das kommentierte Gedicht dürfte noch wesentlich älter sein.Den Kommentar analysieren Alberto Bernabé: The Derveni Theogony: Many Questions and Some Answers. In: Harvard Studies in Classical Philology. Bd. 103, 2007, S. 99–133 und Gábor Betegh: The Derveni Papyrus, Cambridge 2004. Zur Datierung siehe Walter Burkert: Kleine Schriften III. Mystica, Orphica, Pythagorica, Göttingen 2006, S. 50f.

Zu den verlorenen Schriften zählen die „Orakel“ (chrēsmoí), die „Weihen“ (teletaí), die „Mischkrüge“ (kratḗres), der „Mantel“ (péplos), das „Netz“ (díktyon), die „Physik“ (physiká, über Kosmologie) und die „Sternkunde“ (astrologiká).

Lehren Das Interesse der Orphiker richtete sich in erster Linie auf die Entstehung des Kosmos, der Götterwelt und der Menschheit und auf das Schicksal der Seele nach dem Tod. Ihre mythische und poetische Denk- und Ausdrucksweise bewirkte, dass ihre Lehren nicht in klarer, verbindlicher Form fixiert und dogmatisiert wurden, sondern einen fluktuierenden Charakter behielten und unterschiedlich interpretierbar waren.

Kosmologie Die orphische Kosmogonie (Weltentstehungslehre) macht in ihrer ältesten bekannten Version, die Eudemos von Rhodos aufzeichnete, die Nacht zum Anfang aller Dinge.Damaskios, Über die ersten Prinzipien 124, hrsg. von Leendert Gerrit Westerink: Damascius: Traité des Premiers Principes, Band 3, Paris 1991, S. 162f. Der Schöpfungsvorgang erstreckt sich nach der alten orphischen Dichtung über sechs Generationen, wie aus einem Zitat bei Platon hervorgeht, wonach Orpheus „die Ordnung des Gesangs“ mit dem sechsten Geschlecht enden lässt.Platon, Philebos 66c.