Das Ernst-Happel-Stadion (bis 1992 Praterstadion, manchmal auch Wiener Stadion genannt) ist ein Fußballstadion mit Leichtathletikanlage in der Leopoldstadt, dem 2. Gemeindebezirk der österreichischen Hauptstadt Wien. Es ist das Nationalstadion und mit 50.865 Zuschauerplätzen mit Abstand das größte Stadion Österreichs. Das nach Ernst Happel benannte Stadion zählt zur UEFA-Stadion-Kategorie 4. In ihm finden die Heimspiele der österreichischen Fußballnationalmannschaft statt. Ferner wurden zeitweise das ÖFB-Cup-Finale, Europacup-Spiele der Wiener Clubs und die Wiener Stadt-Derbys im Ernst-Happel-Stadion ausgetragen. Die Sportstätte war Austragungsort von sieben Partien der Fußball-Europameisterschaft 2008 (u. a. des Endspiels) und wurde im Hinblick auf das Turnier umfassend renoviert.

Eigentümer des Stadions ist die Stadt Wien (Magistratsabteilung 51 – Sportamt der Stadt Wien).

Infrastruktur Bei Konzerten im Stadion können auf dem Rasen bis zu 19.000 Plätze dazukommen. Neben den Sportstätten befinden sich in einem rund um das Stadion an- und teilweise unter das Stadiondach eingebauten Bürogebäude Dienststellen verschiedener Magistratsabteilungen der Stadt Wien.

Geschichte Bis 1945 Schon 1915 fasste die Stadt Wien die Errichtung eines Zentralstadions ins Auge. Etliche Entwürfe, darunter ein Stadion mit Schwimmbad und Autorennbahn am Schönbrunner Fasangarten, wurden eingereicht, konnten kriegsbedingt aber nicht realisiert werden.wien.gv.at: Nach Gründung der Republik kam es dann erneut zu einer großen Standortdebatte. Als Alternativen zum Prater standen unter anderem die Hohe Warte, der Augarten und der etwas entlegene Cobenzl in Diskussion.

„1928 beschloss der Gemeinderat der Stadt Wien anlässlich des 10. Jahrestages der Republik Österreich für eine Arbeiterolympiade 1931 eine Stadionanlage zu errichten. In der Wettbewerbsauslobung wurde die Planung einer Gesamtanlage gefordert, die alle Sportarten erfassen sollte, vom Fußball- und Schwimmsport bis zum Fahrrad und Motorradrennen, Hockey und Tennis, daneben aber auch einen Tanzring, ein Naturtheater, eine Festwiese und Erfrischungshallen.“Immo Boyken: Otto Ernst Schweizer, 1890–1965 – Bauten und Projekte. Abschnitt Stadion und Schwimmstadion in Wien, Edition Axel Menges, Stuttgart 1996, ISBN 3-930698-01-3, S. 120. Zum Wettbewerb wurden im Herbst desselben Jahres zwei österreichische Architekten (Hubert Gessner und das Büro Hoppe und Schönthal) und zwei deutsche (Otto Ernst Schweizer und das Büro Balser und Bromme) aufgefordert. „Das Programm eines solchen Sportparks orientierte sich stark an den Vorstellungen von Carl Diem und war von den Stadien in Frankfurt, Nürnberg und Köln beeinflusst.“ Für die Bearbeitung der Ideenentwürfe standen nur ca. sechs Wochen zur Verfügung. Während die beiden österreichischen Teilnehmer als Otto-Wagner-Schüler die Sportanlagen in klassische Garten- und Parkanlagen integrierten, lag der Schwerpunkt der deutschen im konstruktivistisch, funktionalen Ansatz. Schweizer, der drei verschiedene Konzepte ablieferte und einen Vorschlag machte zur Verlagerung des Projekts an den später realisierten Standort, wurde mit der Ausführung beauftragt.zit. nach Bernhard Hachleitner: Das Wiener Praterstadion / Ernst-Happel-Stadion – Bedeutungen, Politik, Architektur und urbanistische Relevanz. Dissertation Uni Wien, 2010. Die Fürsprache des Wiener Stadtrats und Sozialpolitikers Julius Tandler und Schweizers 1928 fertiggestellte Nürnberger Stadionanlage dürften dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.Stadien in Bayern – Städtisches Stadion Nürnberg., Webseite stadien-in-baden-wuerttemberg.de, abgerufen am 6. Juli 2023.

mini|links|Praterstadion auf einer Luftaufnahme 1932 Die Grundsteinlegung erfolgte schließlich unter Bürgermeister Karl Seitz im November 1928. Der Entwurf sah „nicht nur eine Sportarena, sondern zugleich ein multifunktionales Sportzentrum mit Trainingsplätzen, Turnhallen, einer Radrennbahn und einer Badeanlage vor“Alois Schörghuber: Praterstadion, Wien, 1931., In: "Hundert Häuser, ORF, 24. Mai 2018, abgerufen am 3. Juli 2023. und wurde nach Plänen von Schweizer und des österreichischen Bauingenieurs Rudolf Saliger von 1929 bis 1931 in 23 Monaten erbaut und am 11. Juli 1931 eröffnet. Die ursprünglich geplante Stadionüberdachung entfiel aus Kosten- und Zeitgründen. Schweizer leitete auch den Bau des benachbarten Stadionbads (mit 400.000 m² Grundfläche das größte Freibad Europas). Nach der Lage im Wiener Prater hieß die Anlage Jahrzehnte lang Praterstadion. Dieses galt damals als modernstes Stadion Europas, insbesondere wegen seiner kurzen Entleerungszeit von nur sieben bis acht Minuten. Anfänglich hatte es ein Gesamtfassungsvermögen von circa 60.000 Personen. Nach seiner Eröffnung fanden hier neben sportlichen auch immer wieder politische Veranstaltungen statt. Auf die „wollten aber weder die Sozialdemokratie noch die Christlichsozialen verzichten. Meist waren es nicht die Parteien selbst, die das Stadion für Massenveranstaltungen nutzten, sondern Vorfeldorganisationen (ASKÖ, Arbeitersängerbund), beziehungsweise die Christlich-deutsche Turnerschaft oder die Katholische Kirche. Am 12. Juni 1932 hielt der Gau Wien der Christlich-deutschen Turnerschaft Österreichs sein 2. Gau-Turnfest im Wiener Stadion ab.“Bernhard Hachleitner: Das Wiener Praterstadion / Ernst-Happel-Stadion – Bedeutungen, Politik, Architektur und urbanistische Relevanz., Dissertation Uni Wien, 2010, online abrufbar.

In der Zeit des Nationalsozialismus (1938–1945) wurde das Stadion zu militärischen Zwecken, als Kaserne und Planungsbüro sowie als Sammelstelle zur Deportation von Juden missbraucht. Zwischen 11. und 13. September 1939, nach dem Beginn des Überfalls auf Polen, wurden über tausend „polnisch-stämmige“ Wiener Juden auf Anordnung Reinhard Heydrichs in Gewahrsam genommen. Sie wurden in den Gängen von Sektor B unterhalb der Tribünen inhaftiert. An 440 Inhaftierten wurden vom Naturhistorischen Museum Wien vom 25. bis zum 30. September rassische Untersuchungen vorgenommen (Kraniometrie (Schädelmessung) u. ä.). Am 30. September wurden 1038 Inhaftierte in das KZ Buchenwald deportiert. Bereits am nächsten Tag fanden im Stadion wieder Fußballspiele statt. 44 Männer wurden Anfang 1940 freigelassen, 26 wurden 1945 befreit, der Rest wurde in KZ ermordet. Im Jahr 1988 erhielt eines der überlebenden Opfer, Fritz Kleinmann, vom österreichischen Staat für die Haft im Stadion eine Entschädigung von umgerechnet 62,50 Euro. Im VIP-Bereich erinnert eine 2003 auf private Initiative entstandene Gedenktafel an die Vorfälle.David Forster: ; auf zdf.de, 7. Mai 2008

1944 wurde das Stadion bei Bombenangriffen auf das Planungsbüro der Wehrmacht schwer beschädigt.

Seit 1945 mini|links|Amtliche Eintrittskarte von 1961 zu den Veranstaltungen zum 30-Jahre-Jubiläum mini|Ansicht von Süden mini|Westportal mini|Gedenktafel am Westportal

Nach Kriegsende und dem Wiederaufbau wurde das Stadion wieder seiner ursprünglichen sportlichen Nutzung übergeben. Das „Spiel gegen Frankreich im Dezember 1945 sollte bei der Bildung eines österreichischen Nationalbewusstseins helfen. Die Gastgeber gewannen 4:1. Um ein neues Bild von Österreich zu zeichnen, war die Instandsetzung des Stadions ein vorrangiges Ziel. 1948 befand es sich wieder in einem ähnlichen Zustand wie vor dem Krieg. Mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder wurde eine Erweiterung Thema, und schon 1959 wurde das Fassungsvermögen von rund 60.000 auf 90.000 Zuschauer vergrößert, davon 65.000 als Stehplätze. Damit wurde das Stadion eines der größten in einheitlich geschlossener Bauweise, also wie aus einem Guss errichtet, weltweit. Dass die Erweiterung von 1956 bis 1959 in gleicher Weise wie der Bestand errichtet wurde, war keiner gestalterischen Idee des Ingenieurs Friedrich Baravalle-Brackenburg und des Architekten Theodor Schöll geschuldet, sondern dem Pragmatismus. Aus 13 Entwurfsideen wurde jene realisiert, für die keine Stützen in den zweiten Rang gestellt werden mussten, um den neuen Rang zu tragen.“Raphael Gregorits: Dem Prater sein Stadion., In: Fußballmagazin Ballesterer, 2. Juni 2023, abgerufen am 2. Juli 2023. Der Zuschauerrekord wurde mit 90.726 Zuschauern am 30. Oktober 1960 beim Fußball-Länderspiel Österreich-Spanien (3:0) erzielt. 1965 wurde das Fassungsvermögen jedoch wieder reduziert.

1984 bis 1986 wurden die Zuschauerplätze „nach dem sog. Knotenpatent (von Erich Frantl, Hofstädter, Zemler und Raunicher) mit 277 m auf 223 m und einer Auskragung von 50 m zur Stadionmitte überdacht. Es gehört damit zu einem der weitestgespannten Dachkonstruktionen der Welt“.Structurae online, Internationale Datenbank und Galerie für Ingenieurbauwerke, abgerufen am 3. Juli 2023. Mit der Aufstockung und der Überdachung veränderte der einst flach gestreckte, nur ca. 14 m hohe Stadionbau als Architekturikone der Moderne, dessen Glasfassade man in den 1950er Jahren abgebaut hatteInnenaufnahme der ursprünglichen Glasfassade, undatiert., Martin Gerlach, jun., Sammlung Wien Museum.Aussenaufnahme der ursprünglichen Glasfassade, undatiert., Buchcover Stadion Wien, Otto Ernst Schweizer, Text Immo Boyken, Photogr. Martin Gerlach, Edition Menges, Stuttgart 2011. sein Aussehen.Ernst-Happel-Stadion, Fotogalerie., In: Structurae online, Internationale Datenbank und Galerie für Ingenieurbauwerke, abgerufen am 3. Juli 2023.

Zur Wiedereröffnung am 29. Oktober 1986 wurde ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland ausgetragen, welches Österreich mit 4:1 gewann. Auch das Finale des Europapokals der Pokalsieger 1969/70 zwischen Manchester City und Górnik Zabrze (2:1) wurde im Praterstadion ausgetragen. Im Gegensatz zu den Endspielen der UEFA Champions League und des Meistercups war es mit 7.968 Zuschauern nicht ausverkauft, wozu auch das Regenwetter beitrug. Nach dem Tod des ehemaligen österreichischen Spitzenspielers und Trainers Ernst Happel wurde das Stadion 1992 nach ihm benannt.

Von 2014 bis zum Sommer 2016 trat der SK Rapid Wien übergangsweise im Happel-Stadion an, da das alte Gerhard-Hanappi-Stadion durch den Neubau des Allianz Stadions ersetzt wurde. Der FK Austria Wien wich während des Umbaus der Generali Arena von 2016 bis zu der Neueröffnung der Arena im Jahr 2018 in das große Wiener Stadion aus.stadionwelt.de: Artikel vom 3. Februar 2016

Höhepunkte 30. Oktober 1960: Fußball-Länderspiel Österreich – Spanien 3:0, Tore durch Helmut Senekowitsch (1:0), Horst Nemec (2:0) und Erich Hof (3:0), 90.000 ZuschauerÖsterreich gegen Spanien vom 30. Oktober 1960, weltfussball.at 27. Mai 1964: Inter Mailand – Real Madrid 3:1, 72.000 Zuschauer (Finale des Europapokals der Landesmeister 1963/1964) 29. April 1970: Manchester City – Górnik Zabrze 2:1, 7.968 Zuschauer (Finale Europapokals der Pokalsieger 1969/1970) 12. April 1978: FK Austria Wien – Dynamo Moskau 2:1 / 5:4 (i. E.), 72.000 Zuschauer (Rückspiel Halbfinale Europapokal der Pokalsieger 1977/1978) 29. Oktober 1986: Fußball-Länderspiel Österreich – Deutschland 4:1, Tore durch Anton Polster (1:0 und 2:1) und Reinhard Kienast (3:1 und 4:1), 55.000 Zuschauer, Eröffnung des renovierten Praterstadions (Komplettüberdachung)Österreich gegen Deutschland vom 29. Oktober 1986, weltfussball.at 27. Mai 1987: FC Porto – FC Bayern München 2:1, 55.000 Zuschauer (Finale des Europapokals der Landesmeister 1986/1987) 23. Mai 1990: AC Mailand – Benfica Lissabon 1:0, 57.500 Zuschauer (Finale des Europapokals der Landesmeister 1989/1990) 26. April 1994: SV Casino Salzburg – Inter Mailand 0:1, 47.500 Zuschauer (1. Finalspiel des Europapokals des UEFA-Pokal 1993/1994) 24. Mai 1995: Ajax Amsterdam – AC Mailand 1:0, 49.730 Zuschauer (Finale der UEFA Champions League 1994/1995) 29. Juni 2008: Deutschland – Spanien 0:1, 51.428 Zuschauer (Finale der Fußball-Europameisterschaft 2008)

Fußball-Europameisterschaft 2008