Gailingen am Hochrhein ist eine Gemeinde im Landkreis Konstanz in Baden-Württemberg. Gailingen ist ein staatlich anerkannter Erholungsort.

Geographie Lage Gailingen liegt zwischen 400 (Rheinufer) und 630 Metern (Rauhenberg) über Normalnull. Der Dorfkern liegt auf einer alten Flussterrasse des Rheins und erstreckt sich über weite Teile des Südhangs des Rauhenbergs, auf dem noch Reste der Burg „Bürglischloss“ und der Burg Rauhenberg zu finden sind. mini|Zollamt Gailingen-Brücke (2021)

Nachbargemeinden Die Gemeinde grenzt im Norden an das zur Gemeinde Gottmadingen gehörende Dorf Randegg, im Osten an die Schweizer Gemeinden Buch und Ramsen im Kanton Schaffhausen, im Süden an die Stadt Diessenhofen im Kanton Thurgau und im Westen an Dörflingen im Kanton Schaffhausen. Nach einem 700 Meter breiten Stück Schweizer Territoriums wird im Westen außerdem die Gemarkung der deutschen Exklave Büsingen erreicht, das auf halbem Weg nach Schaffhausen liegt.

Gemeindegliederung Zur Gemeinde Gailingen am Hochrhein gehören das Dorf Gailingen, der Weiler Obergailingen und die Häuser Lochmühle, Rheinburg und Rheinhalde und Strandweg. Im Gemeindegebiet liegen die abgegangenen Ortschaften Aufhofen, Gaishütte und Hofstetten.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VI: Regierungsbezirk Freiburg Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007174-2. S. 731–732

Geschichte Gailingen wurde erstmals im Jahre 965 urkundlich erwähnt. Der Name geht auf einen alemannischen Sippenführer Gailo zurück, der den Ort wohl im 5. Jahrhundert gegründet hat. Der Ort gehörte zunächst den Herren von Gailingen, den vermutlichen Erbauern des Bürglischlosses, ehe er 1465 unter Landeshoheit der Habsburger kam. Im Rahmen der Gebietsveränderungen durch den Reichsdeputationshauptschluss fiel die Gemeinde 1806 an das Großherzogtum Baden.

Eine Besonderheit Gailingens war jahrhundertelang der hohe jüdische Bevölkerungsanteil. Nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs war den ersten Juden 1657 die Ansiedlung erlaubt worden, die zwei Jahrzehnte später die mildtätige Bruderschaft Chewra Kadischa gründeten und mit der Anlage eines bis heute gut erhaltenen jüdischen Friedhofes begannen. 1830 weihte man in Gailingen, das von 1827 bis 1925 der Sitz eines Bezirksrabbinates war, eine Synagoge ein, die bis zur Reichspogromnacht 1938 Bestand hatte; gesprengt wurde sie am 10. November wie auch die Synagogen von Konstanz, Wangen und Gottmadingen durch die SS-Verfügungstruppe III./‚Germania‘ aus Radolfzell. mini|Türklopfer aus der Gailinger Synagoge (1836) in der Sammlung des Jüdischen Museums der Schweiz. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Hälfte der Einwohner des Ortes jüdisch (1862: 990 jüdische Einwohner gegenüber 982 Christen). Obwohl sie keine politischen Rechte besaßen, prägten Juden den Ort wirtschaftlich und kulturell. Von 1870 bis 1884 hatte die Gesamtgemeinde einen jüdischen Bürgermeister, Leopold Guggenheim. Gailingen war damals nicht nur die zweitgrößte Gemeinde in der Landgrafschaft Nellenburg (nach Stockach und noch vor Radolfzell und Singen), sondern besaß auch eine der größten israelitischen Gemeinden Badens. Das Gemeindeleben mit unter der Leitung berühmter Rabbiner und Lehrer geschaffenen religiösen und sozialen Einrichtungen (Rat- und Schulhaus, zentrale Wasserversorgung, Krankenhaus, Altersheim) galt bis zur Zeit des Nationalsozialismus als mustergültig.Alemannia Judaica: Bürgerhaus Gailingen – ein Zentrum der jüdischen Geschichte und Kultur am Hochrhein und Bodensee Die dort geübte westjiddische Mundart wurde von Florence Guggenheim-Grünberg dokumentiert.Florence Guggenheim-Grünberg: Gailinger Jiddisch (= Lautbibliothek der deutschen Mundarten. Band 22). Göttingen 1961.

Ab 1862 nahm die jüdische Bevölkerung in Gailingen stetig ab. Aufgrund der neu-eingeführten Niederlassungsfreiheit zogen viele jüdische Familien in größere Städte, um ihre berufliche und finanzielle Aussichten zu verbessern. 1898 war die Seniorenpension Friedrichsheim als „Asyl für israelitische und arme Kreise in Gailingen“ eröffnet worden.

Im Oktober 1940 wurden die 200 noch verbliebenen Gemeindemitglieder in das Konzentrationslager Gurs deportiert. Damit war die jüdischen Gemeinde von Gailingen endgültig und gewaltsam erloschen. Aufgrund der engen Beziehungen zur benachbarten Schweiz gelangten Judaica und andere Überbleibsel dieser Gemeinde in das Jüdische Museum der Schweiz, wo einige dieser Objekte ausgestellt sind.

Ab 1950 besaß der Landkreises Konstanz die Seniorenpension Friedrichsheim. 2004 kam das Heim zum damaligen Gesundheitsverbund Hegau-Bodensee-Hochrhein Kliniken, und von 2012 bis 2016 war es Teil des Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz.„Die Seniorenpension Friedrichsheim war 1898 als „Asyl für israelitische und arme Kreise in Gailingen“ eröffnet worden, erlebte eine wechselvolle, vor allem jüdische Geschichte und kam 1950 in den Besitz des Landkreises Konstanz, der hier eine Altenpension eröffnete.“

Politik Verwaltungsgemeinschaft Gailingen bildet mit Büsingen am Hochrhein und Gottmadingen eine vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft.

Gemeinderat Die Kommunalwahl vom 26. Mai 2019 führte bei einer Wahlbeteiligung von 61,69 % (+ 14,89) zu folgendem Ergebnis:

Partei / Liste Stimmenanteil ± Sitze ± CDU/UWG 36,87 % − 7,33 % 4 − 1 FWG 31,20 % − 0,9 % 4 ± 0 Sozialökologische Liste 31,94 % + 8,24 % 4 + 1mini|Gailingen mit der Pfarrkirche St. Dionysius

Außerdem ist der Bürgermeister Mitglied des Gemeinderates.

Bürgermeister 1833–1841: Michael Held 1841–1845: Johann Nepomuk Schneble 1845–1852: Michael Held 1852–1856: Johann Nepomuk Auer 1856–1859: Peter Heidel 1859–1869: Christian Schneble 1869–1870: Matthias Auer 1870–1884: Leopold Hirsch Guggenheim 1884–1891: Conrad Auer 1891–1921: Oswald Auer 1921–1928: Otto Schneble 1928–1933: Josef Ruh 1933–1935: Friedrich Hermann 1935–1939: Alois Sproll 1939–1944: Willi Becher 1944–1945: Emil von Ow 1945–1946: Josef Ruh 1946–1948: Karl Auer 1948–1954: Richard Schneble 1954–1971: Martin Schneble 1971–1986: Ernst Ege 1986–2018: Heinz Brennenstuhl seit 2018: Thomas Auer

Partnergemeinde Mit Liebschützberg in Sachsen ist Gailingen partnerschaftlich verbunden.

Wappen

Wirtschaft und Infrastruktur mini|Eingangsbereich zum Neurologischen Fach- und Rehabilitationskrankenhaus Seit 1950 existieren die Schmieder-Kliniken, seit 1972 das Jugendwerk – beides neurologische Rehabilitationszentren (das Jugendwerk für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene).

Seit 1977 ist die Gemeinde als Erholungsort staatlich anerkannt.

In den 1950er- und 1960er-Jahren produzierte in Gailingen das Unternehmen Gebrüder Schneble das ähnlich einem Hobel funktionierende handgeführte „Parallelmesser Schnittfix“ zum Schneiden justierbar dicker Brot-, Gemüse-, Käse- oder Wurstscheiben.Altes und Schönes: Schnittfix II Parallelmesser der Gebrüder Schneble aus Gailingen. Abgerufen am 25. Januar 2019.

Verkehr Durch Gailingen verlaufen am Rheinufer die Eurovelo-Routen 6 (Atlantik – Schwarzes Meer) und 15 (Rheinradweg)Eurovelo 15 Bodensee bis Basel auf de.eurovelo.com. Auf derselben Trasse verlaufen die D-Routen 6 (Donauroute) und 8 (Rhein-Route)D-Netz auf dem Radroutenplaner Deutschland und die Schweizer Veloland-Route 2 (Rhein-Route)Veloland Route 2 Kreuzlingen bis Schaffhausen auf schweizmobil.de.

Bildung Die Gemeinde verfügt mit der Hochrheinschule Gailingen über eine Grund- und Werkrealschule.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Bauwerke mini|hochkant|links|Turm der St.-Dionysius-Kirche mini|Rheinbrücke Diessenhofen–Gailingen mini|Villa Rheinburg mini|Jüdischer Friedhof Die Gemeinde Gailingen weist eine Reihe architektonisch interessanter, mitunter auch denkmalgeschützter Bauten auf. Zu den wichtigsten Bauwerken gehören: die Nikolaus-Kapelle aus dem 12. Jahrhundert in ObergailingenNikolauskapelle Obergailingen. die 1907–1911 erbaute neugotische katholische Pfarrkirche St. Dionysius,Kirchengemeinde St. Dionysius Gailingen das Bürgerhaus (früher das jüdische Schulhaus) mit dem angrenzenden Synagogen-Gedenkplatz, der jüdische Friedhof aus dem 18. Jahrhundert, das um 1750 erbaute Liebenfelsische Schlösschen mehrere historische Weintrotten, z. B. die auf das Jahr 1564 datierte „Randegger Trotte“Retter der Randegger Trotte und die ehemalige „Klostertrotte in der Steig“ aus dem 17. Jahrhundert, sowie die gedeckte Holzbrücke über den Rhein hinüber zur schweizerischen Stadt Diessenhofen. das Bürglischloss, auch Burg Gailingen oder Bürgli Schloss genannt, ist die Ruine einer Spornburg auf einem nach Süden vorspringenden 565 m ü. NN hohen Sporn des Rauhenbergs etwa 1000 Meter nördlich der Gemeinde Gailingen am Hochrhein. Die Landhaus-Villa „Schloss Rheinburg“ wurde 1866 von Franz Arthur Rausch, dem Spross einer vermögenden Schaffhauser Handelsfamilie, im Stil der Neorenaissance erbaut. Die Villa, die hoch über dem nördlichen Rheinufer bei Gailingen thront, wurde vom bedeutenden Schweizer Architekten Leonhard Zeugheer entworfen.Schloss Rheinburg; abgerufen am 20. März 2025

Gedenkstätten Auf dem Jüdischen Friedhof unterhalb des Bürgli-Schlosses erinnert seit 1948 ein Gedenkstein an die Gailinger Juden, die 1940 in der Wagner-Bürckel-Aktion ins KZ GursFotografie der Deportation von Juden. Online beim Landesarchiv Baden-Württemberg (PDF; 1,42 MB), S. 31, abgerufen am 6. Mai 2012 deportiert wurden und der Shoa zum Opfer fielen. Am Synagogenplatz gedenkt die Bürgerschaft seit 1976 mit einem Gedenkstein und einer Gedenktafel der 1938 vernichteten Synagoge der jüdischen Gemeinde. Der jüdische Friedhof wurde etwa 1650 angelegt. Der älteste Grabstein datiert von 1695; die bislang letzte Beisetzung war 1980; er zählt an die 1.244 Grabsteine.Gudrun Trautmann: Wenn Häuser Geschichten erzählen. In: Südkurier, 25. August 2020.

Das Jüdische Museum Gailingen befindet sich im Bürgerhaus Gailingen. Es sind die Räume des ehemals jüdischen Schul- und Gemeindehauses. In diesem Dokumentationszentrum der jüdischen Geschichte und Kultur am Bodensee und Hochrhein werden gerettete Thora, Gebetsschals, Bücher und Fotos gezeigt. Besucher aus Israel sind stark vertreten.Uli Fricker: Von wegen stiller Winkel. Jüdisches Museum in Gailingen fertiggestellt. In: Südkurier, 12. September 2014.

Natur mini|Der Rhein bei Gailingen

Neben der beliebten Landschaft und der nahen Schweizer Grenze locken im Sommer vor allem der Rheinuferpark und die Schifffahrt. Außerdem wird an den Südhängen in Gailingen auf rund 18 Hektar Wein angebaut. Der Abschnitt des Hochrheins, an dem Gailingen liegt – Auslauf aus dem Bodensee (Untersee) bis zum Rheinfall bei Schaffhausen – zählt zu den schönsten Flussläufen Europas.

Hoch über dem Dorf befindet sich der Aussichtspunkt Bürglischloss mit dem 1998 erstellten Aussichtsturm. Bei guter Fernsicht reicht das Bergpanorama von Vorarlberg bis zu den Berner Alpen.

Seit 2004 ist der Kalk-Trockenrasen am Gailinger Berg ein eigenes Naturschutzgebiet.

Persönlichkeiten Ehrenbürger Friedrich Georg Schmieder (1911–1988), Neurologe, Psychiater und UnternehmerGisela Stärk: Stets für seine Mitmenschen da. In: Südkurier vom 17. Februar 2009 Ferdinand Kleibrink, Pfarrer Leo Schreiber, zwei Tage nach seinem 80. Geburtstag zum Ehrenbürger ernannt. Heinz Brennenstuhl, Bürgermeister a. D.

Söhne und Töchter der Gemeinde Moses Bloch (1804–1841), Rabbiner Leopold Löwenstein (1843–1923), Rabbiner, Historiker und Autor Carl Roesch (1884–1979), Künstler Karl Brachat (1901–1971), Pädagoge und Politiker (CDU) Detlef Schreiber (1930–2003), Architekt

Literatur

Weblinks

Gemeinde Gailingen Ein Spaziergang in Bildern durch Gailingen

Einzelnachweise

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