miniatur|hochkant=1.6|Erstdruck 1857 Der Nachsommer mit dem Untertitel Eine Erzählung (1857) ist ein Roman in drei Bänden von Adalbert Stifter. Das Werk gehört zu den großen Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts. Beschrieben wird ein idealisierter, vom Leben abgeschirmter, teilweise synthetischer Weg eines jungen Menschen in das Erwachsenwerden.

Inhalt Stifter erzählt im Nachsommer eine Bildungs-, Liebes- und Familiengeschichte. Darin sind die Lebensverläufe zweier spiegelbildlich aufeinander bezogener Paare so ineinander verschlungen, dass das jüngere Paar Erfüllung findet, wo das ältere nur einen Nachsommer erlebt. Die Negativerfahrungen des älteren Paares schaffen Einsicht, Orientierung und materielle Bedingungen als Voraussetzung für das gelingende Leben der Jüngeren.

Kapitelübersicht miniatur|Notizen und Anmerkungen Stifters, mit denen er während des Schreibens den Stoff organisierte Erster Band Die Häuslichkeit Der Wanderer Die Einkehr Die Beherbergung Der Abschied Der Besuch Die Begegnung

Zweiter Band Die Erweiterung Die Annäherung Der Einblick Das Fest Der Bund

Dritter Band Die Entfaltung Das Vertrauen Die Mitteilung Der Rückblick Der Abschluss

Inhalt des ersten Kapitels miniatur|Eigennutz und Vaterland. Lesung aus dem ersten Kapitel (LibriVox 2009, Sprecher: Rolf Kaiser)

Im ersten Kapitel des ersten Bandes, Die Häuslichkeit, beschreibt der Ich-Erzähler Heinrich Drendorf, der Name wird erst III,5 genannt, sein Heranwachsen in der nicht benannten „Stadt“, nach Meinung der Interpreten Wien. Seine Familie bewohnt anfangs zur Miete die erste Etage eines Stadthauses: „Wir hatten in der Wohnung jedes ein Zimmerchen“ (9), später ein eigenes Haus mit Garten in der Vorstadt. Der vielbeschäftigte Vater, der sich, aus einfachen ländlichen Verhältnissen stammend, vom Angestellten zum Eigentümer eines erfolgreichen Handelsgeschäftes hochgearbeitet hat und nur selten „einen Augenblick abkargen“ (10) kann zu müßiger Betrachtung, ermöglicht seinem Sohn wie auch der Tochter Klotilde eine ihm selbst versagte, am Menschenbild der idealistischen Philosophie orientierte Erziehung, und zwar mit einer ruhigen Strenge, die auch die Mutter, „eine freundliche Frau“ (11), aus „Furcht vor dem Vater“ nicht zu durchbrechen wagt. Schon zu Beginn scheint hier in der Person des Vaters, der im Laufe seines Lebens eine Bibliothek und eine kleine Kunstsammlung angelegt hat und bei dem „kein Zimmer die Spuren des unmittelbaren Gebrauches zeigen“ (10) darf, eine Vorstellung von Ordnung hindurch, die nach dem antiken Leitsatz unum est verum pulchrum et bonum Schönheit und Sittlichkeit eng aneinander bindet – wenngleich dies immer wieder, sei es beabsichtigt oder unbeabsichtigt, von den Anklängen des kaufmännischen Pragmatismus durchbrochen wird: „Als wir nach und nach heran wuchsen, wurden wir immer mehr in den Umgang der Eltern gezogen, der Vater zeigte uns seine Bilder, und erklärte uns manches in denselben. Er sagte, daß er nur alte habe, die einen gewissen Werth besitzen, den man immer haben könne, wenn man einmal genöthigt sein sollte, die Bilder zu verkaufen.“ (15). Auch wird hier schon ersichtlich, dass die Besinnung auf das Alte der Bildung förderlich sei, wie dann folgend die Kunstbetrachtung einer Naturbetrachtung gleicht, wenn der Vater ausführt, dass zu einem gelungenen Werk Bewegung gehöre, dann aber in der „Bewegung doch wieder eine Ruhe herrsche“ und „Ruhe in Bewegung […] die Bedingung eines jeden Kunstwerkes“ (ibd.) sei, womit sich die Grundlegung der künstlerischen Ästhetik in der Rezeption der Schöpfung schon andeutet.

So lässt mit der sittlichen Reifung Heinrichs auch die Strenge der väterlichen Erziehung nach, weicht einer Forderung von Verantwortung im allmählichen Übertrag der Verwaltung der Rente (die dem Erbe von Heinrichs Großonkel entstammt) auf den Jungen und ermöglicht sogar eine Offenheit, diesen sein Ziel und seinen Sinn erst finden zu lassen, wo gesellschaftliche Konvention das Gegenteil forderte: „[…] was die Leute meinem Vater übelnahmen [war], er hätte mir einen Stand, der der bürgerlichen Gesellschaft nützlich ist, befehlen sollen, damit ich demselben meine Zeit und mein Leben widme und einmal mit dem Bewußtsein scheiden könne, meine Schuldigkeit getan zu haben.“ „Gegen diesen Entwurf sagte mein Vater, der Mensch sei nicht zuerst der menschlichen Gesellschaft wegen da, sondern seiner selbst willen. Und wenn jeder seiner selbst willen auf die beste Art da sei, so sei er es auch für die menschliche Gesellschaft. Wen Gott zum besten Maler auf dieser Welt geschaffen hätte, der würde der Menschheit einen schlechten Dienst tun, wenn er etwa ein Gerichtsmann werden wollte.“ Da Gott „'es schon so [lenke], dass die Gaben gehörig verteilt sind, so dass jede Arbeit getan wird, die auf Erden zu tun ist“, solle jeder „seinem innern Drang“ folgen, „der einem zu einem Dinge führt.“ (17). Ähnlich äußert sich später Heinrichs Mentor Risach: „[J]e größer die Kraft [der Anlage] ist, um so mehr glaube ich wirkt sie nach den ihr eigentümlichen Gesetzen, und das dem Menschen innewohnende Große strebt unbewusst der Äußerlichkeiten seinem Ziele zu, und erreicht desto Wirkungsvolleres, je tiefer und unbeirrter es strebt.“ (III,2)

Die Offenheit, die hier der Entwicklung des Sohnes gegeben wird, ist gleichermaßen von Anklängen eines Gedankens der Entelechie wie Prädestination bestimmt, wie auch denen der Nützlichkeit und Ordnung. Gerade vor denen, die behaupten, „sie seien zum Wohle der Menschheit Kaufleute, Ärzte, Staatsdiener geworden“ (18) aber ist zu warnen, denn „in den meisten Fällen ist es nicht wahr“, hatten diese doch vielmehr oft nur „Geld und Gut“ im Sinn, als das beschworene Gemeinwohl. Das Gute aber ist nicht nur von diesen, sondern von jedweden Zwecken frei: „Gott hat uns auch nicht bei unseren Handlungen den Nutzen als Zweck vorgezeichnet, weder den Nutzen für uns, noch für andere, sondern er hat der Ausübung der Tugend einen eigenen Reiz und eine eigene Schönheit gegeben, welchen Dingen die edlen Gemüter nachstreben. Wer Gutes tut, weil das Gegenteil dem menschlichen Geschlechte schädlich ist, der steht auf der Leiter der sittlichen Wesen schon ziemlich tief.“ (19). Damit ist im ersten Kapitel das Programm des Romans schon gegeben. Die natürliche Ordnung, die nicht aus dem Zwang der Gesellschaft, sondern aus dem rechtschaffenen Menschen heraus sich bildet, schafft Sittlichkeit und Schönheit in einem – jedoch nicht als letztes vollkommenes Ergebnis, sondern in der Bewegung der lebenslangen Reifung, der zugesellt ist die ebenso notwendige Ruhe der Verinnerlichung.

Heinrichs Entwicklung und der Rosenhof Heinrich erweitert seine theoretischen Kenntnisse um Erfahrungsbereiche der arbeitenden Menschen und der Natur: Er studiert die landwirtschaftlichen, handwerklichen und industriellen Techniken und Produktionswege von den Materialien zu den Produkten und erforscht auf Wanderungen im Stadtumland und dann im Hochgebirge Pflanzen, Tiere und Gesteine, zeichnet sie und vergleicht die vielfältigen Formen mit den wissenschaftlichen Klassifikationen. Beim Blick von den Hohen Bergen fallen ihm die strukturellen Ähnlichkeiten mit mikroskopisch kleinen Gebilden auf, etwa den Eiskristallen auf einer Fensterscheibe, und er hat das „Bestreben […] dem Entstehen dieser Erdoberfläche nachzuspüren und durch Sammlung vieler kleiner Tatsachen an den verschiedensten Stellen sich in das große und erhabene Ganze auszubreiten“ (I,2). Als er vor einem Gewitter Schutz sucht, locken ihn die voll erblühten Rosen an einer Hauswand in den Asper- respektive Rosenhof, wo ihn der ältere Besitzer, der Gastfreund, freundlich aufnimmt. Dessen Name, Gustav Freiherr von Risach, hört er I,5 von Dorfleuten und erst III,3 persönlich von ihm. Durch regelmäßige Besuche im Rosenhaus vertieft sich die Beziehung, und der Gastfreund wird zu Heinrichs Mentor und Vorbild.

Der gebildete und vielseitig interessierte Gutsherr, Sammler, Naturforscher hat vor Jahren den alten Aspermeierhof erworben und nach ökologischen Gesichtspunkten zu einem gut organisierten, effektiven landwirtschaftlichen Betrieb ausgebaut und ein „gesegnetes ein von Gott beglücktes Land“ geschaffen. Am Beispiel der Wetterprognose zeigt er dem Besucher, dass die Menschen durch genaue Naturbeobachtungen von Insekten, Vögeln, Pflanzen usw. über die technischen Messinstrumente hinaus Erkenntnisse gewinnen können, da „jedes Wissen Ausläufe hat, die man oft nicht ahnt“ und dass „man die kleinsten Dinge nicht vernachlässigen soll, wenn man auch noch nicht weiß, wie sie mit den größeren zusammenhängen“. Dieses Natursystem nutzt er und versucht es zu optimieren, z. B. durch Bodenveredelung, Anpflanzung dazu passender Pflanzen, die als Nahrung für Insekten und für Vögel dienen. Voraussetzung des Erfolgs ist die gewissenhafte Arbeit und der sorgfältige Umgang: „Den Wert dieser Pflanzen kann keiner vollständig ermessen, als der sie pflegt“. Neben dem Bauernhof hat Risach das „Schreinerhaus“ aufgebaut: eine Restaurierungswerkstatt für alte Möbel und Geräte mit einer Sammlung von Bauplänen und Ornamentzeichnungen des Meister Eustach. Dessen Bruder Roland durchstreift die ländlichen Gebiete und kauft im Auftrag Risachs altes restaurierungswürdiges Kunsthandwerk auf, um diese Werte vor dem Verfall zu erhalten. Denn es „wohnt in den alten Geräten […] ein Reiz des Vergangenen und Abgeblühten, der bei dem Menschen, wenn er in die höheren Jahre kömmt, immer stärker wird. Darum sucht er das zu erhalten, was der Vergangenheit angehört, wie er ja auch eine Vergangenheit hat […] Alte Gewohnheiten haben etwas Beruhigendes, sei es auch nur des Bestehenden und immer Geschehenen“ (I,4).

Der Gastfreund hat in einer tempelartigen Ausgestaltung auf der zentralen Marmortreppe seines Hauses eine Mädchenskulptur aufgestellt, die er auf einer Italienreise in Gerümpel gefunden und alsbald erworben hat und die sich zuhause, gereinigt und poliert, als ein marmornes antikes Kunstwerk entpuppt. Ziemlich genau in der Mitte der Erzählung berichtet Heinrich – wiederum ist ein Gewitter im Spiel – von einem Erweckungserlebnis vor diesem Mädchenbildwerk, das ihm den Zugang zur Kunst eröffnet und in dem sich zugleich seine erwachende Liebe zu Natalie, der Tochter von Risachs Freundin Mathilde, spiegelt. In Heinrichs Phantasien verschmelzen die Statue und Natalie und auch eine dritte Gestalt, Nausikae, die ihm bei seiner Odysseelektüre lebendig wird: „Die Stirne, die Nase, der Mund, die Augen, die Wangen hatten […] das Freie, das Hohe, das Einfache, das Zarte und doch das Kräftige, welches auf den vollständig gebildeten Körper hinweist, aber auch auf einen eigentümlichen Willen und eine eigentümliche Seele […] Natalie stammte also gleichsam aus dem Geschlechte, das vergangen war, und das anders und selbstständiger war als das jetzige“ (I,7).

Heinrich und Natalie Regelmäßig zur Rosenblüte kommen Natalie und Mathilde von ihrem nahe gelegenen Schloss, dem Sternenhof, ins Rosenhaus, wo auch Heinrich immer wieder Station macht. Vor den voll erblühten Rosen an der Wand des Herrenhauses geschieht – meditative Einkehr vor den Blumen – eine zeremonielle Aufstellung, in die auch Heinrich eingereiht wird, ohne noch um deren Bedeutung zu wissen. Erst in III,4, im Rückblick, erzählt ihm Risach von seiner unglücklich verlaufenden Jugendliebe, die sich erst im Alter verwirklicht hat. Allmählich, unter der wissenden, aber sich nicht einmischenden Begleitung von Risach und Mathilde, im Bannkreis der Rosen, vertieft und festigt sich die Liebe zwischen Heinrich und Natalie, die beide lange in sich verschließen.