Gesundheit ist ein körperlicher und geistiger Zustand eines Menschen oder der Zustand einer Gruppe (bspw. Familiengesundheit, Bevölkerungsgesundheit). Dazu gibt es verschiedene Definitionen. Das Wiedererlangen von Gesundheit wird als Gesunden, Gesundwerden oder Genesen bezeichnet. Der gesunde körperliche Zustand wird als Salubrität bezeichnet.
Etymologie Der Begriff leitet sich von althochdeutsch gisunt „wohlbehalten, lebendig, heil; Gesundheit“ her. Dieses kommt von germanisch sunto „rege, rüstig, gesund“. Es ist sprachlich verwandt mit „geschwind“, das sich von sṷento herleitet.Heinrich Schipperges †: Gesundheit. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 486.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 253 und 255.
Definitionen Gesundheit ist ein in kultureller und historischer Hinsicht vielschichtiger Begriff. Je nach wissenschaftlicher Disziplin wird er unterschiedlich verstanden, und auch der subjektive Gesundheitsbegriff jedes Einzelnen variiert stark, z. B. abhängig von Alter, Geschlecht, Bildung und kulturellem Hintergrund. Einem naturwissenschaftlich verstandenen engen Begriff von Gesundheit nach dem bio-medizinischen Modell steht ein ganzheitlicher Begriff von Gesundheit gegenüber. Gesundheit kann sich auf den einzelnen Menschen beziehen und als Zustand des körperlichen wie geistigen Wohlbefindens oder der physischen und psychischen Funktions- und Leistungsfähigkeit begriffen werden. Gesundheit (lateinisch sanitas) kann auch als Gegenbegriff zu Krankheit (früher auch Ungesundheit, lateinisch insanitas genannt)Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52). Königshausen & Neumann, Würzburg 1991, ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 181. gefasst werden und beschreibt dann den wünschenswerten „Normal“-Zustand (als normatives KonzeptAxel W. Bauer: Gesundheit als normatives Konzept in medizintheoretischer und medizinhistorischer Perspektive. In: Ilona Biendarra, Marc Weeren (Hrsg.): Gesundheit – Gesundheiten? Eine Orientierungshilfe. Würzburg 2009, S. 31–57.) als Abwesenheit von Krankheit. Aus soziologischer Perspektive lässt sich Gesundheit als die Möglichkeit der körperlichen und sozialen Rollenerfüllung definieren.Leitbegriffe der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung abgerufen am 3. November 2024 Gesundheit kann auch auf ein Kollektiv, z. B. die Bevölkerung, bezogen werden und beschreibt dann das Ausmaß einer geringen Krankheitslast in einer Population.
Es gibt eine Vielzahl von Gesundheitsdefinitionen, die sich hinsichtlich ihrer grundlegenden Annahmen unterscheiden lassen.Alexa Franke: Modelle von Gesundheit und Krankheit. 3., überarbeitete Auflage. Huber, Bern 2012. Die nachfolgende Aufzählung stellt einige davon vor:
Definition der Weltgesundheitsorganisation: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, deutsche Übersetzung (PDF; 177 kB) (“Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.”) Dem Philosophen Friedrich Nietzsche wird folgende Definition zugeschrieben: „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ Nach dem Soziologen Talcott Parsons ist Gesundheit eine funktionale Voraussetzung von Gesellschaft.Talcott Parsons: Struktur und Funktion der modernen Medizin. In: König, Renè; Margret Tönnesmann (Hrsg.): Probleme der Medizin-Soziologie (= Sonderheft 3 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychiatrie). 1958, S. 10–57. Eine andere häufig zitierte Definition von Parsons lautet: „Gesundheit ist ein Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums, für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben für die es sozialisiert worden ist.“Talcott Parsons: Definition von Gesundheit und Krankheit im Lichte der Wertbegriffe und der sozialen Struktur Amerikas. In: Alexander Mitscherlich, Tobias Brocher, Otto von Mering, Klaus Horn (Hrsg.): Der Kranke in der modernen Gesellschaft. Kiepenheuer & Witsch, Köln / Berlin 1967, S. 57–87. Gesundheitswissenschaftliche Definition: In den Gesundheitswissenschaften wird häufig auf Antonovsky und dessen Konzept der Salutogenese Bezug genommen.Aaron Antonovsky: Salutogenese. Zur Entmystifizierung von Gesundheit. Tübingen 1997; Franke, Alexa: Salutogenetische Perspektive (2015) Gesundheit wird nicht als normaler, passiver Gleichgewichtszustand (Homöostase) und nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern als labiles, aktives und sich dynamisch regulierendes Geschehen (Heterostase) und als einer der extremen Pole auf dem Kontinuum von Krankheit und Gesundheit verstanden. Gesundheit besitzt eine körperliche, psychische, soziale und ökologische Dimension und kann deshalb nicht alleine durch naturwissenschaftliche und medizinische, sondern muss zusätzlich auch durch psychologische, soziologische, ökonomische und ökologische Analysen erforscht werden.Klaus Hurrelmann und Oliver Razum (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften. 6., durchgesehene Auflage. Beltz/Juventa, Weinheim 2016. Von anderen Gesundheitswissenschaftlern wird Gesundheit in Anlehnung an die Definition der WHO verstanden als „Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet.“Klaus Hurrelmann: Gesundheitssoziologie. Juventa, Weinheim 2010; Matthias Richter, Klaus Hurrelmann (Hrsg.): Soziologie von Gesundheit und Krankheit. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11009-3. Im Verständnis von Hurrelmann ist Gesundheit ein angenehmes und durchaus nicht selbstverständliches Gleichgewichtsstadium von Risiko- und Schutzfaktoren, das zu jedem lebensgeschichtlichen Zeitpunkt immer erneut in Frage gestellt ist. Gelingt das Gleichgewicht, dann kann dem Leben Sinn und Freude abgewonnen werden, es ist eine produktive Entfaltung der eigenen Kompetenzen und Leistungspotentiale möglich, und es steigt die Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu integrieren und zu engagieren.Klaus Hurrelmann: Gesundheitswissenschaften. Springer, Heidelberg 1999.Klaus Hurrelmann: Gesundheitssoziologie. Juventa, Weinheim 2010; Hurrelmann, Klaus / Franzkowiak, Peter: Gesundheit (2015) doi:10.17623/BZGA:224-i023-1.0 Hurrelmann definiert Gesundheit für das Englische an anderer Stelle als: “Health is composed of physical, psychological, and social aspects which influence each other reciprocally. Health is closely connected to individual and collective value systems and behaviour patterns which are manifest in personal life styles. It is a state of equilibrium which must be continuously maintained during the life course.”Klaus Hurrelmann: Human Development and Health. Springer, New York, S. 5. Pflegewissenschaftliche Definition: Monika Krohwinkel identifiziert Wohlbefinden und Unabhängigkeit als subjektiv empfundene Teile der Gesundheit. „Krankheit und Gesundheit sind ‚dynamische Prozesse‘, die für die Pflege als Fähigkeiten und Defizite erkennbar sind.“Monika Krohwinkel u. a.: Der pflegerische Beitrag zur Gesundheit in Forschung und Praxis. Agnes-Karll-Institut für Pflegeforschung (DBfK), (Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Bd. 12), Nomos-Verl.-Ges., Baden-Baden 1992, ISBN 3-7890-2729-4. Die Entwicklungspsychologie beschäftigt sich mit subjektiven Gesundheitsdefinitionen von Kindern und Jugendlichen. Deren Begriff von Gesundheit ist abstraktInge Seiffge-Krenke: Gesundheit als aktiver Gestaltungsprozess im menschlichen Lebenslauf. In: Rolf Oerter, Leo Montada: Entwicklungspsychologie, PVU, Weinheim Basel Berlin, 4. Auflage, 1998, S. 836. und wird in negativer Abgrenzung von Krankheit verstanden. Psychische Dimensionen („keine Sorgen haben“) sind jedoch bereits im Jugendalter wichtige Bestandteile des Begriffes von Gesundheit. Historische Definition von der Antike bis ins 19. Jahrhundert: Im Konzept der Humoralpathologie ist Gesundheit Eukrasie (ein Gleichgewicht wohltemperierter Körpersäfte und Temperamente).Heinrich Schipperges †: Gesundheit. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 486.Vgl. auch Wolfram Schmitt: Theorie der Gesundheit und „Regimen sanitatis“ im Mittelalter. Medizinische Habilitationsschrift Heidelberg 1973; revidierte Buchhandelsausgabe: Medizinische Lebenskunst. Gesundheitslehre und Gesundheitsregimen im Mittelalter (= Medizingeschichte. Band 5). Berlin/Münster 2013.
Gesundheitsrisiken Die Gesundheit des Menschen wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Medizinisch-wissenschaftlicher Konsens über die weltweit bedeutendsten Risikofaktoren für vorzeitige Sterblichkeit und Krankheit besteht unter anderem zu:
Bluthochdruck Tabakkonsum gesundheitsschädliche Ernährung erhöhter Blutzucker Übergewicht Luftverschmutzung
Verhaltensbezogene, umweltbedingte und sozioökonomische Faktoren wirken dabei häufig zusammen.
Die ökologische Dimension von Gesundheit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnete 2021 den Klimawandel als „die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit“. Bereits 2009 hatte eine Kommission der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet den Klimawandel als „größte globale Gesundheitsbedrohung des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet.
Zu den gesundheitlichen Folgen zählen demnach unter anderem:
Hitzebelastung häufigere Extremwetterereignisse veränderte Verbreitung von Infektionskrankheiten Beeinträchtigung der Ernährungssicherheit Beeinträchtigung der Wasserversorgung veränderte UV-Strahlung erhöhtes Allergierisiko durch Pollenflug Auswirkungen auf die psychische Gesundheit
Die verschiedenen Risiken und auch die ökologischen Belastungen treffen sozial benachteiligte und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen, wie Kinder, Jugendliche und Vorerkrankte, überdurchschnittlich stark.
Soziale Ungleichheit und Gesundheit
Sozialepidemiologische Untersuchungen belegen, dass Menschen aus sozioökonomisch besser gestellten Schichten in Deutschland gesünder sind und eine längere Lebenserwartung haben als Menschen, die über geringere Bildung, Einkommen und Berufsstatus verfügen.Thomas Lampert, Lars Eric Kroll: Einfluss der Einkommensposition auf die Gesundheit und Lebenserwartung. DIW Discussion Paper 527/2005Thomas Lampert, Thomas Ziese: Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit. Expertise des Robert Koch-Instituts zum 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. BMGS, Bonn 2005. Es zeigen sich schichtspezifische Unterschiede beim Gesundheits- und Krankheitsverhalten, z. B. Ernährung oder Rauchen, was zu einer gesundheitlichen Ungleichheit, zu Unterschieden in der Mortalität und Morbidität führt. Die Gründe dafür liegen nach MielckAndreas Mielck: Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion. Bern 2005, ISBN 3-456-84235-X, S. 58. in Unterschieden in den gesundheitlichen Belastungen, z. B. Belastungen am Arbeitsplatz, Unterschieden in den Bewältigungsressourcen, z. B. soziale Unterstützung, und Unterschieden in der gesundheitlichen Versorgung, z. B. Arzt-Patient-Kommunikation.