mini|Stammbaum der Welfen. Die älteste erhaltene Darstellung eines mittelalterlichen Adelsgeschlechtes entstand wohl in der alten welfischen Grablege, dem Kloster Weingarten, in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Fulda, Hochschul- und Landesbibliothek, Handschrift D 11, fol. 13v (Kat.- Nr. II.A.20).
Die Welfen sind neben den Kapetingern und den Reginaren das älteste noch bestehende Hochadelsgeschlecht Europas. Seit dem 8. Jahrhundert urkundlich nachgewiesen, erreichte die Dynastie einen ersten Machthöhepunkt im Hochmittelalter im Heiligen Römischen Reich, als sie Herzöge von Bayern und Sachsen sowie als Widersacher der Staufer einen Kaiser stellte. In der Neuzeit standen die Welfen erneut im Zenit, als sie zu Kurfürsten und Königen von Hannover sowie zu Königen von Großbritannien und Irland aufstiegen. Derzeitiges Oberhaupt der Welfen ist Ernst August von Hannover.
Überblick Die ursprünglich fränkische, aus dem Maas-Mosel-Raum stammende Familie war eng mit dem Kaiserhaus der Karolinger verwandt, von dem sie mit einer Grafschaft in Oberschwaben und in einer Seitenlinie im Jahr 888 mit dem Königreich Burgund belehnt wurde. Mit Welf III., Herzog von Kärnten und Markgraf von Verona, starb die Familie 1055 im Mannesstamm aus. Daraufhin heiratete seine Schwester Kunigunde in die oberitalienische Familie d’Este ein, von der die jüngeren Welfen abstammen. Diese stellten – mit Unterbrechungen – von 1070 bis 1180 die Herzöge von Bayern, von 1137 bis 1180 die Herzöge von Sachsen und ab 1235 die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg.
1692 erlangte die im Teilfürstentum Calenberg-Göttingen regierende Linie die Kurfürstenwürde von Hannover. Mit Georg I. bestiegen die Welfen 1714 als Erben der Stuarts den britischen Thron, den sie bis 1901 innehatten. Das Kurfürstentum wurde auf dem Wiener Kongress 1814 zum Königreich Hannover erhoben und bis 1837 von den britischen Monarchen in Personalunion regiert. Danach herrschte der nach Deutschland entsandte Sohn des englischen Königs, dessen Nachfolger 1866 nach der Annexion Hannovers durch Preußen ins Exil ging. Eine ältere Linie regierte im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, das 1814 zum Herzogtum Braunschweig wurde. Nach dem Aussterben dieser Linie 1884 fiel der Braunschweiger Thron an die im österreichischen Exil lebende hannoversche Linie, die ihn aber erst 1913 einnehmen konnte. Ihre Herrschaft endete am 8. November 1918 mit der Abdankung Ernst Augusts, des letzten Welfenherzogs infolge der Novemberrevolution.
Geschichte Es wird zwischen den älteren und den jüngeren Welfen unterschieden, bei den älteren zudem zwischen den burgundischen (auch Rudolfinger genannt) und schwäbischen Welfen, deren Stammburg bei Weingarten (Altdorf) im Schussental lag. Der verwandtschaftliche Zusammenhang zwischen diesen beiden Linien ist aufgrund der Namensgleichheit wahrscheinlich, aber nicht gesichert. Woher der Name Welf (italienisch: Guelfi, englisch: Guelph) rührt, ist unbekannt. Erst über 700 Jahre nach der urkundlichen Ersterwähnung des frühmittelalterlichen Geschlechts entstand im Spätmittelalter (nach 1485) zur Erklärung dieses Namens die Welfensage.
Die älteren Welfen Die fränkisch-burgundischen Welfen Die burgundischen Welfen stammen nach der weithin akzeptierten Ansicht Josef Fleckensteins aus der fränkischen Herrschaftsschicht und treten urkundlich erstmals im 8. Jahrhundert mit Graf Ruthard († um 790) auf, der als einer der Stammväter der Familie giltJosef Fleckenstein: Über die Herkunft der Welfen und ihre Anfänge in Süddeutschland. In: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels (= Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte. Bd. 4). Hrsg. von Gerd Tellenbach. Albert, Freiburg 1957, S. 71–136. Dem hat Wolfgang Hartung widersprochen: Die Herkunft der Welfen aus Alamannien. In: Karl-Ludwig Ay, Lorenz Maier, Joachim Jahn (Hrsg.): Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft (= Forum Suevicum. Bd. 2). UVK, Konstanz 1998, S. 23–55 (Digitalisat, PDF). Auf die Tücken personengeschichtlicher Forschungen zum Mittelalter hat mit „zum Teil etwas kühnen Hypothesen“ hingewiesen Werner Hechberger: Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter. Ostfildern 2005, S. 306–328, hier S. 316. und nach 746 Besitz an Maas und Mosel, also im Kerngebiet der karolingischen Macht, erwarb. Seit der Mitte des 8. Jahrhunderts waren die Welfen auch in Oberschwaben begütert, am bekanntesten davon ist ihr Besitz in Weingarten (damals Altdorf).
Nach der Familienlegende führen die Welfen ihren Stammbaum bis auf Edekon zurück, einen hunnischen oder skythischen Fürsten zur Zeit Attilas um 450 und Vater des Odoaker. Die gesicherte Stammreihe der Familie beginnt jedoch erst mit dem für 819 bezeugten Graf Welf I., nach Fleckensteins Ansicht ein Nachfahre Graf Ruthards. Er gehörte zweifellos zur obersten Führungsschicht im Fränkischen Reich, denn ihm gelang es, seine Machtposition durch die Verheiratung seiner beiden Töchter Judith († 843) und Hemma († 876) mit zwei Karolingern, Kaiser Ludwig dem Frommen († 840), dem Sohn und Nachfolger Karls des Großen, und mit dessen Sohn, König Ludwig dem Deutschen († 876), auszubauen und zu festigen.
Welfs Sohn Konrad der Ältere war einer der engsten Vertrauten seines Schwagers, Kaiser Ludwigs des Frommen, und beteiligte sich an der Vermittlung der Erbteilung zwischen dessen Söhnen. Zunächst baute er sich eine starke Machtposition in Oberschwaben auf, durch Heirat erwarb er auch im Westfrankenreich Besitz und wurde 849 Graf von Paris. 859 wechselte er von der Seite seines Schwagers Ludwigs des Deutschen auf die Seite von dessen Rivalen und Halbbruder Karl dem Kahlen, dem Sohn seiner Schwester Judith, wodurch er sämtliche Ämter und Grafschaften im Ostfrankenreich verlor, aber im Westen durch die Grafschaft Auxerre entschädigt wurde. Er begründete damit die burgundische Linie der Welfen, die im Jahr 888 mit seinem Enkel Rudolf I. den Thron des Königreichs Burgund (Hochburgund) bestieg und 1032 mit Rudolf III. erlosch. Mit Adelheid, der Gemahlin Ottos des Großen, stellte auch diese Linie eine frühe Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs. Als Witwe des italienischen Königs Lothar II. rief sie Otto nach Italien und führte ihm durch Eheschließung die Eiserne Krone, die langobardisch-italienische Königskrone, zu. Ihre Wahl des ersten Ottonen bewirkte die Entstehung von Reichsitalien, was eine jahrhundertelange, oft problematische Italienpolitik der römisch-deutschen Herrscher des Mittelalters zur Folge hatte.
Welf II., wahrscheinlich ein weiterer Sohn Konrads, wurde Graf im Linzgau und Alpgau und ist der Stammvater der schwäbischen Welfen, wobei die familiären Zusammenhänge nicht nur zwischen ihm und Konrad, sondern auch zwischen ihm und seinen Nachkommen nicht genau bekannt sind. Erst mit Rudolf I., der 935 bezeugt ist, und seinem Bruder Konrad, der als Heiliger Konrad von Konstanz bekannt ist und die beide Urenkel Welfs II. sein können, setzt gesicherte Information wieder ein.
Die schwäbischen Welfen Die schwäbischen Welfen gründeten ihre Macht auf umfangreichen Allodial- und Lehnsbesitz in Schwaben, Rätien und Bayern.
Um die Mitte des 9. Jahrhunderts kam das mittlere Schussental als Grafschaft Schussengau in Besitz des schwäbischen Zweiges der Welfen (laut Josef Fleckenstein ursprünglich Franken aus dem Maas-Mosel-RaumJosef Fleckenstein: Über die Herkunft der Welfen und ihre Anfänge in Süddeutschland. In: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels (= Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte. Bd. 4). Hrsg. von Gerd Tellenbach. Albert, Freiburg 1957, S. 71–136, hier S. 105–107.), die bei Altdorf auf dem Martinsberg eine Pfalz errichteten, ihre neue Stammburg. Um 935 gründeten die Welfen in Altdorf ein Frauenkloster, das als Grablege (Familiengrab) ihres Geschlechts bestimmt war, aber bereits 1053 durch einen Brand zerstört wurde. Die Nonnen wurden zunächst auf den Martinsberg umgesiedelt. Welf III., ein Urenkel Rudolfs I., wurde 1047 zum Herzog von Kärnten ernannt, mit ihm erlosch die Familie im Mannesstamm aber auch schon acht Jahre später.
Name und Besitz der Welfen gingen auf den Sohn seiner Schwester Kunigunde oder Kunizza über, die etwa zwanzig Jahre zuvor den italienischen Markgrafen Alberto Azzo II. d’Este geheiratet hatte; er ist der Stammvater der jüngeren Welfen aus dem Hause Este; dieses war ebenso wie die Welfen ursprünglich ein fränkisches Geschlecht aus dem Umkreis Karls des Großen, das er in der Lombardei mit der Verwaltung von Grafschaften betraut hatte.
Die jüngeren Welfen (Haus Welf-Este, Herzöge von Bayern und Sachsen, ab 1070) mini|Karte der Herzogtümer Sachsen und Bayern vor 1180 Welf IV., der Sohn Kunigundes und Alberto Azzos, wurde im Jahr 1070 von König Heinrich IV. zum Herzog von Bayern ernannt. 1056 gründete Welf IV. nach der Verlegung der Stammburg bei Altdorf auf die benachbarte Veitsburg bei Ravensburg auf dem Altdorfer Martinsberg ein neues Benediktinerkloster, das mit Mönchen aus Altomünster besiedelt wurde, die heutige Abtei Weingarten; die Altdorfer Nonnen besiedelten im Gegenzug das Kloster Altomünster. 1073 gründete Welf IV. auch das Kloster Rottenbuch als Augustinerchorherrenstift.
Mit Welf IV. und seinen Söhnen Welf V. und Heinrich dem Schwarzen begann die Zeit, in der die Familie im Kaiserreich in der Opposition gegen die Staufer die zentrale Rolle spielte, insbesondere, nachdem Heinrich durch seine Ehe mit der Billungerin Wulfhild, Erbin der Gebiete um Lüneburg, die Machtstellung der Welfen in Sachsen begründete, sowie beider Sohn Heinrich der Stolze durch seine Ehe mit Gertrud von Sachsen, der einzigen Tochter des Kaisers Lothar III., dessen brunonischen Hausbesitz um Braunschweig und gegen Ende seines Lebens zusätzlich den Titel eines Herzogs von Sachsen erwarb. Während die Herzogsämter in Bayern und Sachsen erbliche Fahnlehen des Reiches waren, die als solche auch wieder entzogen werden konnten, waren die ererbten Hausgüter in Schwaben und nunmehr auch in Niedersachsen Allodialbesitz, der das eigentliche Vermögen der Familie bildete.
Der sich aufgrund der Doppelherrschaft in den beiden größten Herzogtümern des Reiches andeutende Schritt zum römisch-deutschen Königtum gelang den Welfen jedoch vorerst nicht. Anstelle Heinrichs des Stolzen wurde 1138 der Staufer Konrad III. gewählt – Heinrichs Machtfülle und sein Temperament erschienen den anderen Fürsten zu bedrohlich. Als Konrad von Heinrich den Verzicht auf eines seiner beiden Herzogtümer verlangte, kam es zum Streit, der Verhängung der Reichsacht über Heinrich und dem Entzug beider Herzogtümer. Zwar konnte Heinrich Sachsen gegen alle Angriffe bewahren, er starb aber bereits ein Jahr später, noch ehe er das 32. Lebensjahr vollendet hatte.
mini|hochkant=0.9|Welfen-Stammwappen vom Grab Welfs VI. und Welfs VII. in St. Johannes Baptist im Kloster Steingaden, ursprünglich als blauer Löwe auf goldenem Grund koloriert (um 1200; heute im Bayerischen Nationalmuseum, München)
Nach dem Tod Heinrichs des Stolzen übernahm zunächst sein Bruder Welf VI. die Führung des Hauses und die Verwaltung der welfischen Stammgüter in Schwaben, da Heinrich der Löwe, der einzige Sohn Heinrichs des Stolzen, noch nicht volljährig war. 1142 gelang es ihm, von Konrad III. die Rückgabe des Herzogtums Sachsen an Heinrich den Löwen zu erreichen. Markgraf Welf VI. gründete 1147 das Prämonstratenserkloster Steingaden als weiteres Hauskloster neben Weingarten und Rottenbuch. Er wurde neben seinem vorverstorbenen Sohn Welf VII. im Steingadener Welfenmünster beigesetzt; zwölf ältere Welfen, die zwischen 990 und 1126 gestorben sind, liegen in der Basilika St. Martin in Weingarten bestattet, darunter Welf II., Welf III., Welf IV., Welf V. und Heinrich der Schwarze.