mini | rechts | alternativtext=Ein Eingang zu einem Grundstück und ein Schild, auf welchem das Wort ANDRA steht | ANDRA-Standort Saudron Die Agence nationale pour la gestion des déchets radioactifs (ANDRA, deutsch etwa „Nationale Agentur für das Management radioaktiver Abfälle“) ist eine staatliche Organisation in Frankreich, die für die Entsorgung und insbesondere die Endlagerung der dort anfallenden radioaktiven Abfälle zuständig ist. Sie wurde am 7. November 1979 als Institut des Commissariat à l’énergie atomique (CEA) gegründet und per Gesetz vom 30. Dezember 1991 in eine eigene Körperschaft des öffentlichen Rechts umgewandelt. Ihr Sitz befindet sich in Châtenay-Malabry bei Paris.
Geschichte, Aufgaben, Aktivitäten
Radioaktive Abfälle entstanden in Frankreich bereits seit den 1930er Jahren, zunächst in geringer Menge und vor allem aus der Anwendung von Radionukliden in der Nuklearmedizin. Mit dem Beginn des Atomzeitalters und der Gründung der Kernforschungseinrichtung Commissariat à l’énergie atomique (CEA) 1945 nahm die Menge dieser Abfälle deutlich zu. Zwar gab es bereits zu dieser Zeit Regeln im Umgang mit ihnen, aber die Lagerung war nicht zentral organisiert. Die Abfälle wurden an Standorten des CEA zwischengelagert. Nachdem in den 1950er und 1960er Jahren Kernkraftwerke sowie die französische Atomstreitmacht entstanden waren, beschloss der CEA die Einrichtung eines Zwischenlagers in unmittelbarer Nähe seiner Wiederaufbereitungsanlage in La Hague im Département Manche in der Region Normandie. Dieses Lager namens Centre de stockage de la Manche (CSM) wurde im Januar 1969 eröffnet und zunächst von dem Unternehmen Infratome betrieben. Von 1967 bis 1969 beteiligte sich Frankreich zudem an zwei internationalen Kampagnen zur Verklappung von Nuklearabfall, gab dies jedoch anschließend auf. In den 1970er Jahren, insbesondere nach der Ölpreiskrise 1973, intensivierte Frankreich die zivile Nutzung der Kernenergie noch weiter. Schließlich wurde der CEA von der Regierung beauftragt, eine Organisation zu schaffen, die für alle Fragen der Lagerung von Atommüll zuständig sein sollte. So entstand 1979 die ANDRA, zunächst als Abteilung des CEA.
Zu den ersten Aufgaben der ANDRA gehörte die Behandlung schwach und mäßig radioaktiver Abfälle und ihre Lagerung an der Erdoberfläche. Sie übernahm den Betrieb des Zwischenlagers CSM in La Hague, richtete dort ein Auffangsystem für das Abwasser ein und stellte technische Standards und administrative Regeln für die Behandlung radioaktiver Abfälle auf. Zudem sollte sie Konzepte für die Endlagerung hochaktiver Abfälle erarbeiten. Diese wurden seit dem Ende der 60er Jahre an den CEA-Standorten La Hague und Marcoule nördlich von Avignon zwischengelagert. Alle Konzepte für die Endlagerung beruhten auf dem Grundprinzip der Lagerung in tiefen geologischen Formationen. Ab 1982 arbeitete die ANDRA mit anderen europäischen Ländern zusammen, die an derselben Thematik arbeiteten und Standorte untersuchten bzw. überwachten, insbesondere im belgischen Mol (Granit), im ehemaligen Salzbergwerk Asse in der Bundesrepublik Deutschland und im Felslabor Grimsel in der Schweiz (Granit). 1987 begannen Geologen der ANDRA, vier mögliche Standorte in Frankreich auf ihre Eignung zu untersuchen, und zwar in der Départements Deux-Sèvres (Granit), Maine-et-Loire (Schiefer), Ain (Salz) und Aisne (Ton). Diese Aktionen stießen jedoch auf vehementen lokalen Widerstand, zumal sie ohne vorherige Zustimmung und Kenntnis der betroffenen Bevölkerung und ihrer politischen Vertreter begonnen worden waren. 1989 erließ Premierminister Michel Rocard ein einjähriges Moratorium und betraute das Parlament mit der Frage der Atommüll-Endlagerung.
Im Bereich der schwach und mäßig aktiven Abfälle legte die ANDRA in den 1980er Jahren Standards für ihre Behandlung fest, die großenteils auf den Erfahrungen und technischen Entwicklungen am CSM beruhten. Angesichts der begrenzten Aufnahmekapazität des CSM suchte sie ab 1984 einen Standort für ein weiteres Lager für solche Abfälle. Ausgewählt wurde schließlich ein Areal im Département Aube auf dem Territorium der Gemeinde Soulaines-Dhuys. Die Genehmigung zur Errichtung wurde 1989 erteilt; 1992 ging die neue Einrichtung namens Centre de stockage pour les déchets de faible et moyenne activité (CSFMA) in Betrieb.
Mit einem am 30. Dezember 1991 promulgierten Gesetz wurde die ANDRA per Gesetz aus dem CEA herausgelöst und zu einer rechtlich eigenständigen Organisation. Das Gesetz präzisierte auch ihre Aufgaben: Forschung und Entwicklung zur langfristigen Behandlung von Nuklearabfall Betrieb der Endlager Planung und Errichtung neuer Endlager und Durchführung der dazu notwendigen Untersuchungen, Forschung hinsichtlich langfristiger Abfallbehandlungsprozesse Festlegung von Spezifikationen für die Konditionierung und Zwischenlagerung radioaktiver Abfälle im Zusammenwirken mit den Abfallerzeugern Inventur aller Nuklearabfälle auf dem Staatsgebiet
Für die Entwicklung eines Endlagerkonzepts wurden der ANDRA in diesem Gesetz 15 Jahre Zeit gegeben. Der Parlamentsabgeordnete Christian Bataille wurde beauftragt, Gemeinden zu finden, die zur Aufnahme eines unterirdischen Labors bereit waren. Als Ergebnis seiner Arbeit konnten ab 1994 die geologischen Erkundungen wieder aufgenommen werden, nun in den Départements Vienne (Granit), Gard, Meuse (Ton) und Haute-Marne (alle Ton).
Schließlich wurden 1996 die Kandidaturen der aneinander grenzenden Départements Meuse und Haute-Marne zusammengelegt und der Standort Bure ausgewählt. Die ANDRA reichte drei Anträge zur Errichtung unterirdischer Versuchsanlagen ein, neben Bure noch zwei weitere in den Départements Gard und Vienne. Nach einer großen Anti-Atom-Demonstration in Bure im August 1998 gab im Dezember 1998 die Regierung eine Entscheidung bekannt, die Resultat eines politischen Kompromisses war: die Standorte Gard und Vienne wurden aufgegeben – wobei die ANDRA dennoch die Möglichkeiten der Lagerung in Granitformationen weiter erkunden sollte –, das künftige Endlager musste reversibel gestaltet werden, und am Standort Bure wurde die Errichtung eines unterirdischen Labors in 500 Meter Tiefe beschlossen. Die Arbeiten begannen im Jahr 2000. Im November 2004 wurde die Tonschicht in 445 Meter Tiefe erreicht. Nachdem der Schacht eine Tiefe von 490 Meter erreicht hatte, wurden Strecken angelegt.
Für sehr schwach radioaktive Abfälle – vornehmlich aus dem Rückbau kerntechnischer Anlagen stammend – richtete die ANDRA im Département Aube im Gebiet der Gemeinden Morvilliers und La Chaise ein Lager ein, das im August 2003 als Centre de stockage pour les déchets de très faible activité (CSTFA) in Betrieb ging und später in Centre industriel de regroupement, d’entreposage et de stockage (Cires) umbenannt wurde, nachdem ab 2012 dort auch Abfälle aus anderen Aktivitäten gelagert wurden.
Im Dezember 2005 legte die ANDRA dem Forschungs- und dem Industrieminister die von ihr per Gesetz von 1991 verlangte Machbarkeitsstudie für ein atomares Endlager in tiefer geologischer Formation vor. Sie bestand aus zwei Teilen, einem betreffend Tonformationen und basierend auf den Erkenntnissen aus Bure, dem anderen betreffend Granitformationen und basierend auf Kollaborationen mit dem Ausland und auf geologischer Fachliteratur zu Granitformationen in Frankreich.
Die Ergebnisse des Berichts flossen in ein am 28. Juni 2006 verabschiedetes Gesetz ein, das die Aufgaben der ANDRA neu definierte: Planung und Errichtung eines reversiblen Endlagers für hochaktive Abfälle in der am Standort Bure untersuchten Tonschicht Suche nach einer Lösung für Abfälle mit schwacher Aktivität, aber langer Halbwertszeit Sanierung kontaminierter Standorte, deren Verantwortliche inaktiv sind Übernahme radioaktiver Abfälle oder Objekte aus Privatbesitz Inventur radioaktiver Materialien und Abfälle auf dem Staatsgebiet
Im März 2010 erhielt die ANDRA die Bewilligung, am Standort Bure eine auf 30 km2 erweiterte Zone geologisch auf ihre Eignung als Endlager zu erkunden. Ebenfalls 2010 erhielt das Endlagerprojekt den Namen Cigéo (Centre industriel de stockage géologique, „Industrielles Zentrum für geologische Lagerung“). Im Dezember 2011 wurde die Betriebserlaubnis des unterirdischen Labors bis 2030 verlängert.
Organisation
Die ANDRA hat die Rechtsform eines Établissement public à caractère industriel et commercial (EPIC) und ist damit eine Körperschaft des öffentlichen Rechts in Frankreich. Ihr Sitz ist in Châtenay-Malabry im Département Hauts-de-Seine. 2025 hatte sie etwas mehr als 800 Beschäftigte und ein Budget von 263 Millionen Euro. Sie steht unter der Aufsicht der Ministerien für Energie, Forschung und Umwelt. Geleitet wird sie von einem zehnköpfigen Direktorium (Comité de direction), dem als Generaldirektorin mit Stand 2026 Lydie Evrard vorsteht. Ihr Vorgänger im Amt war Pierre-Marie Abadie, der die Funktion von 2014 bis 2024 innehatte, bis er an die Spitze der Atomaufsichtsbehörde ASN berufen wurde.
Weblinks Eigene Homepage (französisch): ANDRA – la maitrise des déchets radioactifs (dt. ANDRA – Die Beherrschung radioaktiver Abfälle). In: andra.fr (31. Dezember 2011)
Einzelnachweise
Kategorie:Organisation (Nukleartechnik) Kategorie:Châtenay-Malabry Kategorie:Unternehmen (Île-de-France) Kategorie:Öffentliches Unternehmen (Frankreich) Kategorie:Organisation (Département Hauts-de-Seine) Kategorie:Unternehmensgründung 1979