Der Aralsee (sprich Áralsee;Aralsee bei duden.de. ; usbekisch Orol dengizi; ; im Altertum OxianaAralsee in Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon, 5. Auflage, Band 1, Leipzig 1911, S. 219.) war ein großer, abflussloser Salzsee in Zentralasien. Mit ursprünglich rund 68.000 Quadratkilometern Ausdehnung (beinahe die Fläche Bayerns) war der Aralsee bis Anfang der 1960er Jahre der viertgrößte Binnensee der Erde.

Die zunehmende Austrocknung des Sees seit etwa 1960 gilt als eine der größten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen. Durch die lang andauernde Austrocknung zerfiel der See um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert in mehrere erheblich kleinere Teile: Nördlicher Aralsee, Westlicher Aralsee und der dazwischen liegende Barsakelmessee. Den größten Teil der ehemaligen Seefläche nimmt die Wüste Aralkum ein.

Der Aralsee beziehungsweise seine Überreste liegen innerhalb der Aralo-Kaspischen Senke in einem Becken, dem Tiefland von Turan, und gehören zu Kasachstan, zu Usbekistan sowie teils zu beiden Staaten. Der etwas weiter südlich in Turkmenistan liegende, ursprünglich mit dem Aralsee verbundene Aibugirsee wurde schon früher abgetrennt. Aufgrund der lagebedingten geringen Niederschläge und hohen Sommertemperaturen herrschen Halbwüsten- und Wüstenklimate vor.

Vorgeschichte und Lage mini|links|Aralsee mit dem Amudarja-Flusssystem, darunter dessen vermutetes altes Flussbett, Oxus, nördlicher Usboi am Fuß des Berges Kaplankyr und dem Westlichen Usboi (Karte: 1903) Aufgrund natürlicher Klimaschwankungen und tektonischer Bewegungen war der Spiegel des Aralsees mehrmals großen Schwankungen unterworfen. Während des Oligozäns herrschte ein deutlich feuchteres Klima. Über den größten Teil der Aralo-Kaspischen Niederung erstreckte sich ein riesiges Binnenmeer. Das Sarmatische Meer – ein Teil der Paratethys – war über das Kaspische Meer mit dem Schwarzen Meer verbunden.The geological evolution of the Black Sea, UNEP/DEWA/GRID, Eine Verbindung der Paratethys zum Mittelmeer und dadurch zum Atlantik bestand nach der alpidischen Orogenese nicht mehr, da nach gängiger Lehrmeinung die heutige Verbindung zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer erst zu einem späteren Zeitpunkt entstand.

Nach Ablagerung der sarmatischen Schichten im Obermiozän fiel das Ustjurt-Plateau trocken. Die Aral-Senke entstand durch tektonische Bewegungen vor drei bis fünf Millionen Jahren im Zeitalter des Pliozäns. Sie hoben und senkten die Region rund um den Aralsee. Diese veränderten den Verlauf der Flüsse, hauptsächlich des Amudarja und dessen Nebenflüsse, zu denen der Usboi gehörte. Es bildete sich ein Binnenmeer in der Aralo-Kaspischen Senke, in das das Ustjurt-Plateau als Halbinsel hineinragte. Es bildeten sich natürliche Kanäle zwischen dem kaspischen und dem aralischen Teil, letzterer zerfiel in die Sarykamysch-Senke und die Senke des heutigen Aralsees.Arved Schultz: Die natürlichen Landschaften von Russisch-Turkestan: Grundlagen einer Landeskunde. Walter de Gruyter, 2016, ISBN 3-11-158891-2, ISBN 978-3-11-158891-9. (S. 17/18 online bei Google Books)

Die Abnahme der Niederschläge im Holozän (Nacheiszeit) und die damit relativ verstärkte Verdunstung sowie die Ablagerung von Sedimenten führte zum Absinken des Wasserstandes. Die Verbindungen zum Kaspischen und zum Schwarzen Meer wurden schließlich unterbrochen und die große zusammenhängende Wasserfläche in einzelne Seen aufgeteilt. Sicher ist, dass die großen Gewässer vom Mittelmeer bis zum Aralsee die Überreste des Urozeans Tethys darstellen.

Auch für das Holozän sind deutliche Wasserstandsschwankungen belegt: In der Bronze- und der Eisenzeit (von 3000 bis 500 v. Chr.) lag der Wasserspiegel des Sees so tief, dass Menschen in 42 bis 46 Meter Höhe über dem Meeresspiegel siedelten. Rund 10 Meter höher wurden Siedlungen aus der Spätantike und dem frühen Mittelalter gefunden. Geologische Beobachtungen von Sedimentprofilen weisen darauf hin, dass der Seespiegel um 3000 und 1000 v. Chr. mit 65 bzw. 73 Metern deutlich höher als heute gelegen war und das Oxus-Delta überflutete. Vermutet wird, dass der Amudarja, der zuvor über den heute ausgetrockneten Usboi ins Kaspische Meer abgeflossen war, durch tektonische Bewegungen in den Aralsee umgeleitet wurde, sodass das Aralbecken vollständig gefüllt wurde und der gesamte See über die Sarykamysch-Senke wieder den Usboi erreichte. Vom 13. Jahrhundert bis Mitte des 16. Jahrhunderts dürfte der Amudarja erneut in das Kaspische Meer geflossen sein.Ryszard Kapuściński, Martin Pollack (Übersetzer): Imperium: sowjetische Streifzüge. AB – Die Andere Bibliothek. Berlin, 2015, ISBN 978-3-8477-2008-9, ISBN 3-8477-2008-2 Um das Jahr 1200 muss der See bereits einmal nahezu ausgetrocknet gewesen sein; eine Siedlung aus dem 13. Jahrhundert (Kerderi) lag nur 32 Meter über dem Meeresspiegel.

Neuere Forschung bis zur Gegenwart mini|371x371px|Karte des Aralsees von 1851 Bis ins 17. Jahrhundert verlagerte der Amudarja sein Flussbett so weit nach Osten, dass er die Sarykamysch-Senke nicht mehr erreichte und erneut in den Aralsee floss. Ab 1695 recherchierte Semjon Remesow in Moskau anhand bestehender Quellen für den ersten Sibirischen Atlas (bis 1701)Чертёжная книга Сибири (deutsch: Zeichenbuch von Sibirien) in Большая советская энциклопедия (deutsch: Große Sowjetische Enzyklopädie), abgerufen am 2. August 2024 und rückte damit auch den Aralsee ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, allerdings blieb die Ausdehnung des Sees im Wesentlichen schematisch, d. h. ohne Buchten und die meisten Inseln.Die vielen Gesichter des Aralsees. novastan.org, im Original von Lena Khassanova: МОРЕ МОЁ: КАК И ЧЕМ ЖИВЕТ АРАЛ (Mein Meer: Wie und was macht der Aralsee?), veröffentlicht auf Living Asia, 2. November 2016 Erst 1850 brachte die russische Marine eine erste genauere Karte heraus, für die der russische Admiral Alexei Butakow eine Forschungsreise unternahm.Butakow in Meyers Konversationslexikon. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892 In deutscher Sprache berichtete die Berliner Zeitschrift für allgemeine Erdkunde 1858 und 1866 darüber.

Seit Beginn der Messungen Ende des 18. Jahrhunderts bis zu den sowjetischen Eingriffen in den Wasserhaushalt ab den 1960er Jahren variierte die Höhe des Wasserspiegels über dem Meeresspiegel um 4,40 Meter. Er sank dabei zunächst von 51,84 Metern bis 1824 kontinuierlich auf ein Minimum von 49,10 Meter, um anschließend – unter immer wiederkehrenden Schwankungen – bis 1960 auf ein Maximum von 53,50 Meter anzusteigen: Jahr 1780 1824 1843 1857 1862 1880 1912 1920 1925 1930 1935 1948 1960 Wasserspiegel über Meer 51,8449,1051,1049.9050,1549,3553,3552,5053,1852,7653,2552,5653,50

Klima Im Tiefland von Turan herrscht semiarides Klima. Sie ist Teil der Eurasischen Steppe, wobei der Bewuchs der einer Trockensteppe ist. Begünstigt wird dies durch die Hochgebirge im Südwesten, Süden und Osten, die zum Beispiel den von Süden kommenden Monsun des Indischen Ozeans abhalten. Feuchtigkeit kommt hingegen im Sommer von nordatlantischen und europäischen Nordmeerwolkenmassen. Die dominierenden Winde kommen aus Westen sowie Nordwesten bis Nordosten. Örtliche Tiefdruckgebiete bedingen eine große Anzahl Wirbelstürme. Pro Jahr fallen zwischen 30 und 200 Millimeter Niederschlag, am See etwa 100 Millimeter. Die Niederschlagsverteilung ist sehr unregelmäßig. Es kann zu monatelanger Trockenheit, aber auch zu Schneefall kommen. Es ist möglich, dass der Aralsee vor 1960 die Luftfeuchtigkeit in Bodennähe zwischen 3 und 5 Prozent anhob und den jährlichen örtlichen Niederschlag um 10 mm erhöhte.

Verlandung 220x220px|mini|links|Aralsee 1985, von Norden mini|Animierte Karte vom Austrocknen des Aralsees mini| Desertifikation am Aralsee: Schiffe auf dem Trockenen (2006)

Die Hauptzuflüsse sind traditionell die Flüsse Amudarja (vom Süden her kommend) und Syrdarja (vom Osten). Ihnen werden seit der Stalinära (1929–1953) große Wassermengen für die künstliche Bewässerung riesiger Anbauflächen für Baumwolle in Kasachstan und Usbekistan entnommen. Durch den geringeren Zufluss sank seitdem der Wasserspiegel des Sees kontinuierlich.

Seit den 1960er Jahren bis 1997 sank der Wasserspiegel um 18 Meter von 53 Meter auf 35 Meter und die Fläche des Sees ging um 44,3 Prozent auf 29.630 Quadratkilometer zurück. Das Wasservolumen reduzierte sich um 90 Prozent, gleichzeitig vervierfachte sich der Salzgehalt.Ernst Giese, Gundula Bahro, Dirk Betke (1998): Umweltzerstörungen in Trockengebieten Zentralasiens (West- und Ost-Turkestan). Ursachen, Auswirkungen, Maßnahmen. S. 59.

Die Geographin Taissia Budnikowa, die beim Internationalen Fonds zur Rettung des Aralsees (IFAS) und in Almaty tätig war und den Aralsee seit 1977 untersuchte, gab an, davon überzeugt zu sein, dass bis Ende der 1970er Jahre niemand hätte vorhersagen können, dass der Aralsee austrocknen werde, man sei von üblichen Pegelschwankungen ausgegangen sowie von der Gewissheit, dass das fehlende Wasser aus dem wasserreichen Norden der Sowjetunion den Aralsee erhalten könne. (Der Dawydow-Plan sah damals vor, Wasser insbesondere aus den westsibirischen Flüssen Ob und Irtysch durch einen Kanal nach Süden zum Aralsee umzuleiten. Der Plan wurde 1986 aufgegeben.) Erst danach, als sich die Küstenlinie in den flacheren Regionen schon mehrere Kilometer in einem Jahr zurückzog, hätten „alle großen Forschungsinstitute aus Kasachstan, Usbekistan, Moskau und Leningrad“ gewusst, dass die Austrocknung ein realistisches Szenario sei. Bis zur politischen Öffnung der beiden ehemaligen Sowjetrepubliken kannten lediglich Wissenschaftler, hohe Beamte und die Bewohner die damit verbundenen ökologischen Probleme des Sees.

Damals zerfiel der Aralsee durch Verlandung in zwei Hauptteile: den südlichen Großen Aralsee und den nördlichen Kleinen Aralsee. 1990 wies der Große Aralsee eine Fläche von etwa 33.000 Quadratkilometern auf, der Kleine Aralsee eine Fläche von etwa 3000 Quadratkilometern. Der Aibugirsee stellte vormals einen sich südwestlich des Großen Aralsees weit über 100 km nach Süden streckenden Teil des Aralsees dar, der sich allerdings schon vor 1960 abgetrennt hatte.

Zwischen November 2001 und Juni 2002 wurde die Wosroschdenijeinsel zur Halbinsel. Sie war noch im 19. Jahrhundert die drittgrößte, gegen 1960 die zweitgrößte Insel des Aralsees. Die Insel Barsakelmes war vor 1960 die zweitgrößte und verlandete etwa 1995/96. Die im Norden gelegene Insel Kokaral, vor 1960 die größte Insel, verlandete Ende der 1960er Jahre im Westteil und gegen Ende 1989 im Osten, was zur Teilung in Kleinen Aralsee und Großen Aralsee führte. Die noch 1960 am Ufer gelegenen Städte Aral (russisch: Aralsk) am Nordufer und Mujnak am Südufer liegen heute aufgrund der Verlandung 30 beziehungsweise etwa 80 Kilometer entfernt von der Uferlinie, auch andere ehemalige Hafenstädte, Bade- und Uferorte liegen heute mitten in der Wüste, teilweise mehr als 100 Kilometer vom heutigen Ufer entfernt.

Die jeweils aktuelle Größe des Aralsees war abhängig von der Witterung und den Niederschlagsmengen. Daher variierten die zu verschiedenen Zeitpunkten erhobenen Messwerte zu seiner Flächenausdehnung und Tiefe erheblich. Infolgedessen wichen auch die diesbezüglichen Angaben in vielen Quellen deutlich voneinander ab.

Der Wasserspiegel sank im Großen Aralsee im Sommer 2003 schneller als vorausgesagt. Die Oberfläche lag nur noch 30,5 Meter über dem Meeresspiegel. Damit lag sie 3,5 Meter niedriger, als in den frühen 1990er Jahren prognostiziert worden war. In den tiefsten Bereichen des Großen Aralsees ist das Wasser der unteren Schichten salziger und schwerer als das an der Oberfläche, es findet keine Vermischung statt. So wird nur das oberflächennahe Wasser des Großen Aralsees im Sommer aufgeheizt und verdunstet deshalb schneller als erwartet.