Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin mit 2.000 Mitgliedern und 40 regionalen Arbeitsgruppen. Er möchte für Toleranz und Demokratie werben und zur Auseinandersetzung mit politischem Extremismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Minderheiten beitragen. Der Verein ist nach eigenen Angaben unabhängig, überparteilich und konfessionell ungebunden.

Aufgaben und Ziele Laut Satzung sind die Ziele des Vereins die folgenden:

Der Verein will historische Erinnerungsarbeit zum Nationalsozialismus und zur SED-Diktatur mit gegenwartsbezogenem Engagement für die Mitgestaltung der demokratischen Zivilgesellschaft verbinden.

Er realisiert Kultur-, Bildungs- und Informationsveranstaltungen und -projekte, organisiert politische Initiativen und berät zivilgesellschaftliche Gruppen. Daneben erstellt er Angebote für Schulen sowie für die Aus- und Weiterbildung, um über Struktur und Funktionsweise totalitärer Systeme aufzuklären und zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus beizutragen. Im Allgemeinen setzt er sich für die Förderung von Toleranz „auf allen Gebieten der Kultur“ und des Völkerverständigungsgedankens ein.Vereinssatzung. S. 1.

Geschichte Den Anstoß zur Gründung des Vereins gab im Jahre 1989 der ehemalige Widerstandskämpfer Heinz Putzrath, langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS), die die Interessen der sozialdemokratischen NS-Opfer vertrat. Die AvS litt darunter, das die meisten ihrer Mitglieder bereits hochbetagt waren und die Organisation auszusterben drohte. In dieser Situation entwickelte Putzrath das Konzept einer Organisation mit dem Namen Wider das Vergessen – Pro Demokratie. Diese sollte eine Plattform auch für andere, nicht sozialdemokratische NS-Gegner sowie für Sozialdemokraten werden, die in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR verfolgt worden waren. Putzrath konnte schließlich den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel von diesem Projekt überzeugen, der allerdings, anders als Putzrath es geplant hatte, eine überparteiliche Initiative schuf.Vgl. Kristina Meyer: Die SPD und die NS-Vergangenheit 1945–1990 (= Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Band 18), Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1399-6, S. 499 f.

Der Verein wurde am 19. April 1993 von Vertretern des öffentlichen Lebens verschiedener Parteien gegründet. Motivation hierfür waren auch die rassistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen zwischen 1991 und 1993 wie in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Politiker, Wissenschaftler, Pädagogen, Gewerkschafter, Journalisten und Leiter von Gedenkstätten. Gründungsvorsitzender des Vereins war Hans-Jochen Vogel. Ihm folgte 2000 Hans Koschnick nach, der das Amt bis 2003 ausübte, woraufhin bis 2012 Joachim Gauck der Vorsitzende war, bis dieser zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Sein Nachfolger war Wolfgang Tiefensee bis Ende 2014, als er Wirtschaftsminister in Thüringen wurde. Ende 2015 wählte die Mitgliederversammlung Bernd Faulenbach zum neuen Vorsitzenden, der wiederum vom ausgeschiedenen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle, in diesem Amt beerbt wurde.

Die seit der Gründungsversammlung geltende Vereinssatzung wurde bei Mitgliederversammlungen am 31. Oktober 1996, am 21. November 2003, am 11. November 2006 und am 22. November 2014 sowie auf der Vorstandssitzung am 18. November 2016 geändert.

Vorsitzende des Vereins NameAmtszeitrand|100px|Hans-Jochen VogelHans-Jochen Vogel1993–2000rand|100px|Hans KoschnickHans Koschnick2000–2003rand|100px|Joachim GauckJoachim Gauck2003–2012rand|100px|Wolfgang Tiefensee (2004)Wolfgang Tiefensee2012–2014 rand|100px|Bernd FaulenbachBernd Faulenbach2015–2020 rand|100pxAndreas Voßkuhleseit 2020

Organisationsstruktur alternativtext=|mini|Die Regionalen Arbeitsgruppen (RAGs) und Landesarbeitsgemeinschaften (LAGs) des Vereins, Stand Juni 2018

Vorsitzender seit November 2020 ist Andreas Voßkuhle, stellvertretende Vorsitzende sind Christine Lieberknecht und Linda Teuteberg. Im Dezember 2021 wurde Cem Özdemir als zusätzlicher stellvertretender Vorsitzender und Eva Schmierer als Schatzmeisterin in den Vorstand gewählt. Vorsitzende des Beirats ist Rita Süssmuth. Die Geschäftsführung des Vereins hat Michael Parak inne.

Der Verein gliedert sich in 40 regionale Arbeitsgruppen, die jeweils durch mindestens eine Sprecherin oder einen Sprecher repräsentiert werden. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. Der Verein ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert. Daneben erhält er projektbezogene Förderungen und Zuwendungen.

Kooperationen Ein großer Teil der Veranstaltungen des Vereins findet in Kooperation mit anderen Einrichtungen, Organisationen und Unternehmen statt. Zu den Partnern auf überregionaler Ebene gehören die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Hanns-Seidel-Stiftung, die Friedrich-Naumann-Stiftung, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, das Anne Frank Zentrum, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, das American Jewish Committee, der Zentralrat der Juden in Deutschland und das Internationale Auschwitz-Komitee. Auf lokaler und überregionaler Ebene arbeitet der Verein mit Gedenkstätten, Bildungsträgern und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammen.

Projekte und Veranstaltungen Der Verein führt auf lokaler, regionaler und bundesweiter Ebene jährlich etwa 500 Veranstaltungen und Projekte durch.

Historisch-politische Bildung Im Bereich der historisch-politischen Bildung werden Seminare, Workshops und andere Projekte veranstaltet, oft in Zusammenarbeit mit Gedenkstätten und Zeitzeugen, in denen die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Unrecht, das unter der SED-Diktatur begangen wurde, thematisiert werden. So war der Verein u. a. Mitveranstalter des „Geschichtsforum 1989–2009: Europa zwischen Teilung und Aufbruch“, einer wissenschaftlichen und erinnerungspolitischen Großveranstaltung aus Anlass des 20. Jubiläums der friedlichen Revolutionen in Deutschland und Ostmitteleuropa wie beispielsweise der Tschechoslowakei.Information. In: geschichtsforum09.de. In dem Projekt „Kinder über den Holocaust“ wurden Berichte jüdischer Kinder veröffentlicht, die den Holocaust im besetzten Polen überlebt haben; ergänzend dazu wurde eine didaktische Handreichung herausgegeben. Auf der Grundlage der Berichte entstand in Zusammenarbeit mit dem Theater der Jungen Welt Leipzig ein Theaterstück.Uraufführung am 17. Mai 2009, In: theaterderjungenweltleipzig.de. Mit zu den zahlreichen Projekten auf regionaler Ebene zählen die Aufarbeitung der Geschichte des KZ-Außenlagers Hailfingen-Tailfingen in Baden-Württemberg im Rahmen eines Gedenkstättenprojekts. In Sachsen-Anhalt führt die dortige regionale Arbeitsgruppe zusammen mit dem Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen an zahlreichen Schulen eine Veranstaltungsreihe zur DDR-Geschichte durch. In: sachsen-anhalt.de.

Seit dem Jahr 2010 führt der Verein gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung ein Projekt zur historisch-politischen Bildung in der Einwanderungsgesellschaft durch. Vor dem Hintergrund des wachsenden Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden neue Ansätze für die Vermittlung von Diktatur- und Demokratiegeschichte entwickelt. Ausgehend von den Ergebnissen von Fachgesprächen mit Experten sowie den Erfahrungen aus verschiedenen Workshops soll ein Handbuch zur „Praktischen Geschichtsvermittlung in der Einwanderungsgesellschaft“ für Lehrer und andere Multiplikatoren der historisch-politischen Bildung erarbeitet werden. In: geschichte-einwanderungsgesellschaft.de.

Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements Der Verein berät und unterstützt zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich auf lokaler und regionaler Ebene mit Geschichte auseinandersetzen und sich gegen politischen Extremismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung von Minderheiten wenden. Unter anderem führt der Verein ein Argumentationstraining gegen rechtsextreme Stammtischparolen durch. Im Rahmen von Seminaren werden Schüler zu Argumentations-Trainern ausgebildet, die wiederum Gleichaltrige dabei unterstützen können, auf rechtsextreme Äußerungen und Parolen zu reagieren.

Im Jahr 2010 richtete der Verein, gefördert vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, ein Internet-Portal für Bürgerengagement ein. Unter dem Motto „Sie tun Gutes – Wir reden drüber“ werden gemeinnützige Projekte, Initiativen und Vereine aus dem gesamten Bundesgebiet, die auf ehrenamtlichem Engagement basieren, vorgestellt. Darunter finden sich so unterschiedliche Einrichtungen wie die „Aktion Zivilcourage“ in Pirna, der Förderkreis Görlitzer Synagoge oder die Geschichtswerkstatt Rostock mit der von ihr herausgegebenen Zeitschrift Zeitgeschichte regional.Informationen auf der Seite „Sie tun Gutes – Wir reden drüber“.

Beratung zum Thema Rechtsextremismus mini|Logo der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus

Mit der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus stellt der Verein ein Beratungsangebot bereit, das anonym im Internet nutzbar ist. Die Beratung steht allen Menschen offen, die direkt oder durch ihr Umfeld mit Rechtsextremismus konfrontiert sind, die Informationen zur rechtsextremen Szene suchen oder die sich für ein demokratisches Zusammenleben engagieren wollen. Die Beratung steht in Form von E-Mail-Beratung, als Einzelchat oder Gruppenchat zur Verfügung. Bei Bedarf können Kontakte zu regionalen Einrichtungen, Projekten und Netzwerken vermittelt werden. Besucher der Internetseite finden dort zudem umfangreiche Informationen zum Thema.

Politikberatung und Initiativen Gegen Vergessen – Für Demokratie nimmt Aufgaben im Bereich der Politikberatung wahr und beteiligt sich mit politischen Initiativen am öffentlichen Diskurs zu folgenden Themen:

Zwangsarbeiterentschädigung Der Verein hat sich unter der Führung seines Gründungsvorsitzenden Hans-Jochen Vogel aktiv an den öffentlichen Diskussionen über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern beteiligt. Diese Diskussionen mündeten in die Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die die Auszahlung von Entschädigungssummen an die noch lebenden Betroffenen aus einem von Bund und Wirtschaft getragenen Fonds verwaltete.

Rechtsextremismus Der Verein hat wiederholt öffentliche Erklärungen zum Thema Rechtsextremismus abgegeben. Hierzu gehört der Appell an die Politik, eine auf Kontinuität angelegte Förderpolitik für die Bekämpfung von Rechtsextremismus zu etablieren,„Münchner Appell“ vom 17. November 2007, auf sowie die Aufforderung an den Gesetzgeber, im Hinblick auf ein NPD-Verbot die Verfahrensregeln für ein Verbot verfassungswidriger Parteien zu überprüfen.

Rehabilitierung sogenannter Kriegsverräter 1998 und 2002 wurden nationalsozialistische Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege sowie Urteile gegen Wehrmachtsdeserteure mit dem Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege durch den Deutschen Bundestag aufgehoben. Von der NS-Militärjustiz wegen Kriegsverrats Verurteilte waren hiervon zunächst ausgeschlossen und wurden erst im September 2009 pauschal rehabilitiert. Der Verein hat sich hierfür u. a. mit Informationsveranstaltungen und mit wissenschaftlicher Expertise vor dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages eingesetzt.Basis des Engagements des Vereins waren die in einer Buchpublikation vorliegenden Forschungsergebnisse von Wolfram Wette und Detlef Vogel: Wolfram Wette, Detlef Vogel (Hrsg.): Das letzte Tabu. NS-Militärjustiz und Kriegsverrat. Aufbau Verlag, Berlin 2007.

Entschädigung Euthanasie-Geschädigter