Das Fieber ( Febris) oder die Pyrexie ist ein Zustand erhöhter Körperkerntemperatur mit einem Missverhältnis zwischen chemischer Wärmebildung und physikalischer Wärmeabgabe. Es tritt meistens als Begleiterscheinung der Abwehr gegen eindringende Viren, lebende Mikroorganismen oder andere als fremd erkannte Stoffe auf. Zudem kommt es als Begleiterscheinung bei bestimmten, insbesondere bösartigen Tumoren, Traumata oder seltener im Rahmen anders verursachter Entzündungsvorgänge vor. Die damit verbundenen Vorgänge beruhen auf komplexen physiologischen Reaktionen, zu denen unter anderem eine pyrogenvermittelte, vom Organismus aktiv herbeigeführte, geregelte und begrenzte Erhöhung der Körperkerntemperatur gehört. Letztere entsteht infolge einer Temperatursollwertänderung im hypothalamischen Wärmeregulationszentrum,P. A. Mackowiak: Physiological rationale for suppression of fever. In: Clin Infect Dis., 31, Suppl 5, 2000, S. S185–S189, PMID 11113022. beruht also auf einer gesteigerten Erregung und Erregbarkeit des Wärmezentrums im Zwischenhirn durch pyrogene Stoffe. Fieber ist damit ein Beispiel für eine regulierte Änderung der Homöostase.W. Kozak u. a.: Molecular mechanisms of fever and endogenous antipyresis. In: Ann N Y Acad Sci., 917, 2000, S. 121–134, PMID 11268336. Zur Messung, Feststellung, Verlaufsbeurteilung oder zum Ausschluss der bei Fieber erhöhten Körpertemperatur wird ein Fieberthermometer verwendet.

Etymologie Das Wort „Fieber“ geht auf das mittelhochdeutsche (auch biever, bieferVglo. etwa Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990), S. 118.) zurück, dieses von althochdeutsch , nachweisbar seit dem 9. Jahrhundert und entlehnt aus lateinisch , eigentlich „Hitze“.F. Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage

Das Wort „Pyrexie“ von altgriechisch , , „Fieber haben“, geht auf griechisch , , „brennende Hitze“, „Fieber“, zurück.Dictionary.com (englisch) Vergleiche , „Feuer“, und daraus „pyrogen“, „Fieber erzeugend“.

Temperaturregulation Fieber ist in den meisten Fällen nicht Ursache von Krankheit, sondern Teil der Antwort des Organismus auf eine Erkrankung. Die häufige Praxis, Fieber ab einer bestimmten Höhe symptomatisch zu senken, um vermeintlichen Schaden vom Kranken abzuwenden, entspricht oft nicht dem Forschungsstand der Fieberphysiologie. Anstelle einer routinemäßigen Senkung des Fiebers ab einer bestimmten Temperatur wird empfohlen, eine symptomatische Therapie an der Befindlichkeit und an sekundären Risiken des Fiebers für bestimmte Patientengruppen zu orientieren.H. J. Thompson: Fever: a concept analysis. In: J Adv Nurs., 51(5), 2005, S. 484–492. PMID 16098165.Till Reckert: Beratung zum Umgang mit Fieber und Abbau der Fieberangst. (PDF; 5,0 MB) In: Kinder- und Jugendarzt. 42/43, 2011, S. 695–698.

Fieber unterscheidet sich grundsätzlich von ungeregelten Zuständen der Hyperthermie. Bei diesen sind keine Pyrogene beteiligt, weshalb eine medikamentöse antipyretische Therapie auch wirkungslos bleibt. Die Temperatur bleibt dabei erhöht, obwohl der Organismus an der Grenze seiner gegenregulatorischen Möglichkeiten versucht, seine Temperatur zu senken. Solche Überhitzung kann bei überstarker Erwärmung durch die Umgebung und/oder im Rahmen kräftiger körperlicher Bewegung vorkommen, ferner selten bei einer gestörten Temperaturregulation im Rahmen neurologischer Krankheiten oder bei der malignen Hyperthermie.

Fieber ist einer der häufigsten Beratungsanlässe in einer allgemeinmedizinischen oder pädiatrischen Praxis.Nach W. Fink, G. Haidinger: Die Häufigkeit von Gesundheitsstörungen in 10 Jahren Allgemeinpraxis. In: Z. Allg. Med. 83 (3), 2007, S. 102–108. Zitiert nach Womit sich Hausärzte hauptsächlich beschäftigen. In: MMW-Fortschr. Med. 149. Jg., Nr. 16, 2007.

Evolution Fieber ist eine gesteuerte, durch endogene Pyrogene und deren Antagonisten geregelte Erhöhung der Körpertemperatur und daher an entsprechende Mechanismen der Thermoregulation gebunden.W. Kozak, M.J. Kluger, J. Tesfaigzi, A. Kozak, K.P. Mayfield, M. Wachulec, K. Dokladny (2006): Molecular Mechanisms of Fever and Endogenous Antipyresis. Annals of the New York Academy of Sciences 917 (1): 121-134. doi:10.1111/j.1749-6632.2000.tb05376.x Dementsprechend zeigen nur gleichwarme Tierarten mit endogener Wärmeentwicklung (Endotherme), also Vertreter der Säugetiere und der Vögel, echtes Fieber, das völlig vergleichbar der Reaktion beim Menschen ist.Matthew J. Kluger: Fever. Its Biology, Evolution, and Function. Princeton University Press 1979. ISBN 9781400869831, Chapter 3: The Evolution of Fever. Experimente mit wechselwarmen Tieren, wie Reptilien, Amphibien und Fischen, haben aber gezeigt, dass auch bei diesen Organismen die experimentelle Infektion mit Bakterien eine Erhöhung der Körpertemperatur bewirkt. Da diese Tiere die Körpertemperatur nur durch ihr Verhalten beeinflussen können, indem sie eine wärmere oder kältere Umgebung aufsuchen, ist ihnen diese Reaktion aber nur möglich, wenn sie entsprechende Möglichkeiten des Verhaltens haben. Wird dies im Experiment verhindert, erfolgt keine Veränderung der Körpertemperatur. Gleichzeitig wurde gezeigt, dass die Temperaturerhöhung die Überlebensrate der Tiere steigert, die Erhöhung also adaptiv ist.Matthew J. Kluger: Fever. Its Biology, Evolution, and Function. Princeton University Press 1979. ISBN 9781400869831, Chapter 4: The Adaptive Value of Fever. Die Erhöhung der Körpertemperatur bei wechselwarmen Tieren entspricht also dem Fieber bei gleichwarmen, entsprechend wurde die Reaktion schon als „Verhaltensfieber“ umschrieben.Antje Findeklee: Fisch kuriert sich mit Verhaltensfieber. Artikel, www.spektrum.de, veröffentlicht am 10. Juli 2013. Die wenigen Studien, die für Fieberreaktionen bei wechselwarmen Wirbeltieren vorliegen, deuten auf einen Mechanismus vermittelt durch Prostaglandine wie Prostaglandin E2 hin. Dies ist ein Hinweis auf einen alten, evolutionär über lange Zeiträume konservierten Mechanismus bei allen Wirbeltieren.Krzysztof Rakus, Maygane Ronsmans, Alain Vanderplasschen (2017): Behavioral fever in ectothermic vertebrates. Developmental and Comparative Immunology 66: 84-91. doi:10.1016/j.dci.2016.06.027

Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass auch wirbellose Tiere wie Insekten bei Infektionen mit einer Erhöhung der Körpertemperatur, also „Verhaltensfieber“, reagieren können, und dass auch bei ihnen dadurch die Immunantwort auf Infektionen positiv beeinflusst wird.Iwona Wojda (2017): Temperature stress and insect immunity. Journal of Thermal Biology 68: 96–103. doi:10.1016/j.jtherbio.2016.12.002 Da Insekten zu den Urmündern gehören, Wirbeltiere zu den Neumündern (Deuterostomia) ist das ein Indiz dafür, dass entsprechende Mechanismen evolviert sein können, bevor sich diese Gruppen aufgesplittet haben, das war vermutlich bereits im Präkambrium der Fall. Angenommen wird ein Zusammenhang mit der sogenannten Hitzeschockantwort (englisch heat shock response),vgl. heat-shock-response Artikel, Spektrum Lexikon der Biologie, abgerufen am 8. August 2023. einer zellulären Reaktion auf Temperaturerhöhung und andere Stressfaktoren, die sogar bei Prokaryoten schon existiert.

Normale Körperkerntemperaturen und Temperaturbereiche bei Fieber

+ Körperkerntemperaturen und FieberJ. D. Hasday, I. S. Singh: Fever and the heat shock response: distinct, partially overlapping processes. In: Cell Stress Chaperones. 5(5), November 2000, S. 471–480, PMID 11189454. Spezies Basaltemperatur / °C Temperatur bei Fieber / °C Mensch 36,0–37,2 37,9–41,4 Pferd 37,5–38,2 38,3–39,3 Hund 38,1–39,2 39,3–42,2 Katze 38,0–39,0 39,4–40,9 Schwein 39,3–39,9 40,5–41,1 Ratte 37,9–38,2 38,6–39,4 Maus 36,5–37,2 37,8–39,3 Taube 39,7–40,7 41,0–41,5

Fieberphysiologie Fieber ist normale Wärmeregulation auf höherem Niveau mini|Typischer Verlauf eines Fiebers.Die grüne Linie zeigt den Sollwert, die rote die tatsächliche Kerntemperatur. Das oberste thermoregulatorische Zentrum ist die Regio praeoptica des Hypothalamus: Hier laufen afferente Signale z. B. von Wärme- und Kälterezeptoren aus der Haut des ganzen Körpers zusammen. Die Temperaturinformationen aus der Peripherie werden mit den zentralen Temperaturinformationen verglichen und integriert; es resultiert eine von hier gesteuerte thermoregulatorische Antwort mit einem der beiden folgenden Ziele: Wärmeverlust (Hemmung des sympathischen Nervensystems mit der Folge einer peripheren Gefäßerweiterung und Hauterwärmung sowie Schwitzen, beim Hund Hecheln etc.) oder Wärmeproduktion und -einsparung (Aktivierung des sympathischen Nervensystems mit peripherer Gefäßverengung und Hautkälte, Hemmung des Schwitzens, um den Wärmeabfluss zu hemmen, und ferner Kältezittern (Schüttelfrost) und Aktivierung des Stoffwechsels, um mehr Wärme zu bilden).

Ferner wird im Hypothalamus das Verhalten über die Wahrnehmung der Eigenwärme beeinflusst (Wechseln der Kleidung, Aufsuchen einer anderen Umgebung etc.). Bei einer normalen pyrogeninduzierten Fieberreaktion laufen diese Regulationsmechanismen genauso ab, sie sind also ebenfalls nur mit einer intakten Regio praeoptica des Hypothalamus möglich.J. A. Boulant: Role of the Preoptic-Anterior Hypothalamus in Thermoregulation and Fever. In: Clin Infect Dis. 31, 2000, S. 157–161. PMID 11113018 Daher friert man bei fieberhaft ansteigender Temperatur und fühlt sich an Händen und Füßen kalt an. Demgegenüber ist einem warm bis hin zum Schwitzen, wenn die Temperatur nach dem Fieber (oder bei Gabe eines fiebersenkenden Medikamentes) wieder sinkt.

Entstehung des Fieberanstiegs mini|Vereinfacht nach, (W): wärmesensitives Neuron; (C): kältesensitives Neuron; (I) temperaturinsensitives Neuron, weitere Beschreibung siehe Text In der Regio praeoptica des Hypothalamus finden sich verschiedene Neurone: Etwa 30 % sind wärmesensitiv (das heißt, sie feuern schneller, wenn die Temperatur steigt), über 60 % reagieren nicht auf Temperaturänderungen und weniger als fünf Prozent sind kältesensitiv. Es wird vermutet, dass der sogenannte Temperatursollwert durch einen Vergleich der Neuronenaktivität der temperaturinsensitiven Neurone mit den wärmesensitiven Neuronen entsteht. Insbesondere die Aktivität der kältesensitiven Neurone ist stark abhängig von excitatorischem und inhibitorischem Input benachbarter Neurone, während die wärmesensitiven Neurone vor allem Input aus der Peripherie bekommen. Die wärmesensitiven Neurone werden also ab einer bestimmten Temperatur aktiver und lösen im Endeffekt eine Regulation aus, die den Körper zu mehr Wärmeabgabe bringt.