Diyarbakır (; , , , , , griechisch Ἄμιδα Amida) ist nach Gaziantep die zweitgrößte Stadt Südostanatoliens in der Türkei. Diyarbakır liegt auf einem Basaltplateau am rechten Tigrisufer in Südostanatolien. Seit einer Gebietsreform ist die Stadt eine Büyükşehir Belediyesi; damit ist sie flächen- und einwohnermäßig identisch mit der Provinz. Bereits im Altertum war sie unter dem Namen Amida bedeutend. In der Stadt leben heute überwiegend Kurden und Zaza.
Name Der antike Name der Stadt erscheint erstmals in assyrischen Geschichtsquellen aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. als Amida oder Amed. In griechischen und lateinischen Quellen erscheint sie als Amido und Amida. Nach der Eroberung durch die arabischen Armeen tauchen auch die Namen Amid und Schwarzes Amid auf. Der Zusatz Schwarz soll sich auf die Farbe des Basalts beziehen, aus dem viele Gebäude der Stadt erbaut sind.
Der arabische Name Diyarbekir mit der Bedeutung Land der Bekr wurde dem Gebiet um Amida nach der Niederlassung der arabischen Stammesgruppe der Bakr im späten 7. Jahrhundert verliehen.Edward Lipiński: The Aramaeans: their ancient history, culture, religion. Peeters, Leuven 2000, S. 136. Hauptort dieses Gebietes war die Stadt Amida, und mit der Zeit ging der Name der Gegend auf die Stadt selbst über.
Christlich-syrische Traditionen leiten den Namen Diyarbekir hingegen vom aramäischen Dayr Bekir (= „erste Kirche“, oder „Kirche der Jungfrau [Maria]“) in Anlehnung an die Mutter-Gottes-Kirche (Meryem Ana Kilisesi) in der Stadt ab. Die Kirche ist laut lokaler Tradition eine der ältesten Kirchen überhaupt und soll aus dem 2. Jahrhundert stammen; die ältesten erhaltenen Teile stammen allerdings aus der Spätantike.
Die moderne Türkei hat den Namen Diyarbekir 1937 in Diyarbakır (Gebiet des Kupfers) umgewandelt. Kurden verwenden die aramäische Bezeichnung Amed in Anspielung auf das antike Volk der Meder, als deren Nachfolger sie sich sehen. Etymologisch besteht allerdings keine Verbindung des aramäischen Amed bzw. Amid mit den Medern.Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Völker. C. H. Beck, München, S. 202: „Im Rahmen der Verwandtschaftsverhältnisse der iranischen Sprachen lassen sich solche Assoziationen aber nicht nachweisen.“
Gliederung Per Gerichtsentscheid erhielt die Stadt am 28. Dezember 1993 ein Oberbürgermeisteramt und wurde zur Großstadtkommune erklärt. Das Stadtgebiet umfasst seitdem 2060 km². Die Stadt besteht aus 82 Stadtvierteln (Mahalle) und vier Kommunen: Bağlar, Kayapınar, Sur und Yenişehir. Diese Kommunen sind gleichzeitig Landkreise der Provinz Diyarbakır. Nach der Gebietsreform von 2014 wurden alle Kommunen der restlichen Landkreise in der Provinz direkt dem Oberbürgermeister unterstellt.
Politik Bei den Kommunalwahlen 2014 wurde Gültan Kışanak (BDP) zur Oberbürgermeisterin gewählt. Da die BDP bemüht war, mehr politische Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herzustellen, das Kommunalrecht aber eine formelle Doppelspitze für das Bürgermeisteramt nicht kennt, wurde in den von der BDP gewonnenen Bürgermeisterämtern formell jeweils ein Stellvertreter des anderen Geschlechts mit gleichen Rechten berufen. In Diyarbakır war der Stellvertreter Fırat Anlı. In den Medien werden sie Co-Bürgermeister genannt. Am 25. Oktober 2016 wurden beide wegen Verdachts auf Terrorvergehen festgenommen. Am 1. November wurde Cumali Atilla als Zwangsverwalter eingesetzt. Anlı kam am 14. Juli 2017 unter Auflagen frei. Kışanak wurde 2019 wegen „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ zu 14 Jahren und drei Monaten verurteilt.
Stadtrat Partei / ListeWahl 2019StimmenanteilSitzeHalkların Demokratik Partisi (HDP)62,3 %Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP)31,1 %Saadet Partisi (SAADET)3,1 %Cumhuriyet Halk Partisi (CHP)2,1 %
Bevölkerung Volkszählung/Berechnung Einwohnerzahl1930 30.000Michael Dumper, Bruce E. Stanley: Cities of the Middle East and North Africa: A Historical Encyclopedia. ABC-Clio, 2007, S. 1301970 149.5661980 235.6171990 373.8102000 545.9832007 665.6992008 799.447
Die Stadt wuchs nach 2008 rasant, nicht zuletzt durch zugezogene Bauern. Die Bevölkerung setzt sich mehrheitlich aus Zazas und Kurden zusammen; nur knapp 16 % betrachten sich selbst als ethnische Türken.haber.mynet.com Bis zum Völkermord an den Armeniern 1915, bei dem mehr als 150.000 Armenier aus Diyarbakır deportiert wurden, stellte die armenische Bevölkerung nach Zahlen des armenischen Patriarchats etwa 40 % der Gesamtpopulation der Stadt dar.Joost Jongerden: The Settlement Issue in Turkey and the Kurds. An Analysis of Spatial Policies, Modernity and War. BRILL. 2007, S. 235
Geschichte Assyrer, Perser, Seleukiden, Parther und Römer mini|Plan der Altstadt mit der römischen Stadtmauer In neuassyrischer Zeit war Amid die Hauptstadt der Provinz Bit Zamani,Emil Forrer: Die Provinzeinteilung des assyrischen Reiches (Leipzig: J. C. Hinrichs 1920), 29-30, Jacob J. Finkelstein, Cuneiform Texts from Tell Billa, Journal of Cuneiform Studies 7/4, 1953, 117. eines damaligen aramäischen Königreiches.
Nach jahrhundertelanger achämenidischer, seleukidischer und parthischer Herrschaft gelangte der Ort schließlich um 200 n. Chr. in römische Hand. In der Spätantike war Amida, zuvor trotz der Nähe zum Tigris eher unbedeutend, eine sehr wichtige römische Festung an der Grenze zum persischen Sassanidenreich. Sie wurde daher von Kaiser Constantius II. ab 349 stark befestigt, der dort sieben Legionen stationierte (da spätrömische Legionen kleiner waren als in früherer Zeit, entsprach dies einer Besatzung von etwa 7000 Mann). Die spätrömische Festungsmauer ist zu großen Teilen erhalten.
Kriege zwischen Römern und Persern Im Jahre 359 wurde Amida 73 Tage von dem Sassanidenkönig Schapur II. belagert und schließlich gestürmt (siehe Belagerung von Amida). Der römische Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus, damals dort als Soldat stationiert, beschrieb später, wie er mit zwei Kameraden aus der Stadt entkam und schließlich Melitene erreichte.
Auch später war der Ort in den römisch-persischen Kriegen heftig umkämpft: Anfang 503 konnte der Perserkönig Kavadh I. die Stadt nach einer wiederum wochenlangen Belagerung einnehmen, von der die Chronik des Zeitzeugen Josua Stylites, die Geschichte des Pseudo-Zacharias von Mytilene und etwas später auch der griechische Historiker Prokopios von Caesarea anschaulich berichten. Wenig später begannen umgekehrt kaiserliche Truppen mit der Belagerung der persischen Garnison in der Stadt. 505 ging sie schließlich gegen ein hohes Lösegeld wieder in römische Hand über, nachdem ein Großteil der Bevölkerung deportiert oder getötet worden war. Amida blieb weiter umkämpft und wurde schließlich im Jahre 638 von den Arabern erobert. Damit endete die antike Phase der Siedlung.
Christianisierung, Bistum Amida, Monophysitismus mini|150px|Eingang zur Marienkirche (Meryem Ana Kilisesi) Die älteste Kirche im Umkreis der Stadt wurde ab 2014 ausgegraben. Sie stammt aus der Spätantike und befand sich unterhalb der Zerzevan-Burg im Distrikt Çınar, etwa 13 km von Çınar entfernt, das wiederum südlich von Diyarbakır liegt, und barg aramäische Inschriften. Der örtliche Friedhof ist noch einmal 150 Jahre älter. Die Kirche war mindestens bis zum Jahr 639 in Gebrauch, als Muslime die Stadt eroberten., in: Hürriyet Daily News, 11. September 2015.
Das Bistum von Amida war bereits auf den Konzilien von Nikaia (325) und von Konstantinopel (381) vertreten und gehörte zum Patriarchat von Antiochien. Nach dem Konzil von Chalcedon (451) wurde Amida ein Hort des Monophysitismus und eine Diözese der Syrisch-orthodoxen Kirche, zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert zeitweilig auch Sitz des syrisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien (vor dessen Übersiedlung in das Kloster Zafaran). Berühmtester Bischof war Dionysius bar Salibi († 1171), letzter Metropolit Dionysius Abd al-Nur Aslan (1851–1933).
Islamisierung, türkisches Fürstentum, Perser und Osmanen In der Schlacht von Amida wurde dann 973 der mit Byzanz verbündete Herrscher von Melitene, Mleh der Große, vernichtend von einem abbasidischen Heer geschlagen. In den folgenden Jahrhunderten war die Stadt Teil verschiedener türkischer Fürstentümer wie der Inaliden, Ortoqiden und Aq Qoyunlu. Anfang des 16. Jahrhunderts eroberten die Safawiden aus dem Iran die Stadt. Doch kurze Zeit später unterlagen sie in der Schlacht bei Tschaldiran 1514 den Osmanen unter Sultan Selim I. Die Safawiden versuchten noch, Diyarbakır zurückzugewinnen, indem sie es belagerten, mussten sich aber am 10. September 1515 vor einer überlegenden Streitmacht unter Bıyıklı Mehmet Paşa, die auch kurdische Kontingente enthielt, aus dem Raum Diyarbakır zurückziehen.Abfolge der Ereignisse nach Martin van Bruinessen: The Ottoman Conquest of Diyarbekir and the Administrative Organisation of the Province in the 16th and 17th Centuries. In: Hendrik Boeschoten, Martin van Bruinessen (Hrsg.): Evliya Çelebi in Diyarbekir. The relevant section of the Seyahatname. Herausgegeben mit Übersetzung, Kommentar und Einleitung. Band 1, 1988, ISBN 978-90-04-66074-8, S. 13–28, doi:10.1163/9789004660748_007, hier S. 16. Die Stadt wurde in der Folge Hauptstadt des Eyâlet Diyarbakır, dessen erster Vorsteher Mehmet Paşa wurde, und 1867 des Vilâyet Diyarbakır.
Vernichtung der religiösen Minderheiten 1895 fanden Massaker gegen die christliche Minderheit statt. Im Ersten Weltkrieg war Diyarbakır unter dem Vilâyet-Gouverneur Mehmed Reşid Schauplatz des Völkermords an den Armeniern und desjenigen an den syrischen Christen. Der letzte Erzbischof musste 1915 die Stadt verlassen, nachdem im gesamten Bistum bis zu 500.000 Christen von Kurden und Türken getötet worden waren.
In der Stadt besteht, wenn auch seit 1933 ohne eigenen Bischof, eine syrisch-orthodoxe Gemeinde mit der Meryemana-Kirche als Zentrum, eine der ältesten Kirchen der Stadt und zeitweilig Patriarchalresidenz. Die Syrisch-katholische Kirche war im 19./20. Jahrhundert durch einen Patriarchalvikar vertreten, doch dominierte weiterhin die syrisch-orthodoxe Kirche. Ab dem 12. Jahrhundert gab es auch einen Bischof der ostsyrischen Kirche des Ostens. Erzbischof Joseph I. von Amida wurde 1681 katholisch und begründete damit das chaldäisch-katholische Patriarchat in Diyarbakır, das 1830 in ein Erzbistum umgewandelt wurde.
Seit 1966 ist der chaldäisch-katholische Bischofsstuhl von Diyarbakır nominell wieder besetzt, doch residiert sein Inhaber in Istanbul. Heute leben nur noch wenige aramäische Christen (türkisch Süryani) ständig in der Stadt. Die Armenier bilden eine kleine Restgemeinde um ihre auf das 15. Jahrhundert zurückgehende Theodor-Kirche.Encyclopædia Iranica
Am 22. Oktober 2011 wurde die während des Völkermords an den Armeniern zerstörte St.-Giragos-Kathedrale (Surp Giragos) nach ihrer Restaurierung mit einer Zeremonie eröffnet.Surp Giragos Kilisesi üç kavmin barış dualarıyla açıldı, Artikel der Radikal vom 23. Oktober 2011 (türkisch) Die Kathedrale wurde 1371 erbaut und ist nach der Kirche zum Heiligen Kreuz auf der Insel Akdamar die bedeutendste armenische Kirche der Türkei. Die Restaurierungsarbeiten kosteten 3 Millionen Dollar, dauerten drei Jahre und wurden durch den Staat und Spenden finanziert.Church bells ring in a corner of Turkey once the site of Armenian genocide. The Washington Post. 4. Oktober 2013. Abgerufen am 4. Oktober 2013 Der 29 m hohe Kirchturm, der ebenfalls 1915 zerstört worden war, ist inklusive einer Glocke wieder aufgebaut worden. Im Gegensatz zur Kirche bei Akdamar, ist die Kathedrale im Besitz der armenischen Gemeinde und ist nicht staatlich. Nach der Zerstörung des Turmes 1915 wurde die Kathedrale für verschiedene Zwecke genutzt, ehe sie 1960 wieder der armenischen Gemeinde übergeben wurde. 1980 wurde sie wieder verstaatlicht und dem Zerfall überlassen.
Kurdenkonflikt In den 1970er Jahren kam es zu einem massiven Zustrom von Menschen, zumeist Kurden, der die Stadt rasch stark wachsen ließ. Bis 2002 galt für Diyarbakır jahrelang der Ausnahmezustand (OHAL).