mini|Halsband und Ring der O sind gebräuchliche Symbole des BDSM BDSM ist die Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Sexualpräferenzen, die oft unschärfer auch als Sadomasochismus (kurz SM oder Sado-Maso) bezeichnet werden. Das mehrschichtige Akronym wird aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnungen Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism gebildet. Der Begriff BDSM umfasst eine Gruppe von sexuellen oder sexualisierten Verhaltensweisen, die unter anderem mit Dominanz und Unterwerfung, spielerischer Bestrafung sowie Lustschmerz oder Fesselspielen in Zusammenhang stehen. Es ist unklar, wie viele Menschen tatsächlich BDSM praktizieren oder von solchen Praktiken fantasieren; die empirischen Untersuchungen reichen von 2 bis 62 % der Bevölkerung. mini|Typische Szene aus Femdom-Sex. Hier werden durch die Top mehrere BDSM-Praktiken gleichzeitig angewendet: Schmerzzufügung durch Spanking, Keuschhaltung durch einen Peniskäfig und Demütigung durch die Tatsache, dass sie Kleidung trägt und er nackt ist („CFNM“).

Historische Bezüge zu sadomasochistischen Praktiken reichen weit zurück; ab der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand langsam die Subkultur aus der Lederszene und begann in den 1970er Jahren, sich selbst auch als solche zu definieren. Der Begriff BDSM entstand in den 1990er Jahren zunächst in der Alltagskultur und wird inzwischen auch in der wissenschaftlichen Literatur verwendet.

Einvernehmlicher Sadismus und Masochismus werden heute nur noch unter bestimmten Umständen in medizinische Klassifikationssysteme eingeordnet. Seit der Veröffentlichung des DSM-5 im Jahr 2013 schreibt die Fachwelt Paraphilien nicht mehr grundsätzlich Krankheitswert zu. Inzwischen hält eine interdisziplinäre Betrachtung (z. B. unter dem Einbezug moderner neurowissenschaftlicher Verfahren) Einzug in die Erforschung, und frühere psychopathologische Ätiologiemodelle weichen einem biopsychosozialen Modell ohne Pathologisierung. Die moderne Psychologie untersucht vor allem, ob es bei den Praktizierenden gemeinsame Charakter- oder Persönlichkeitsmerkmale gibt, die möglicherweise eine Erklärung für die Vorlieben liefern. Soziologische Untersuchungen beschäftigen sich unter anderem auch mit der Verteilung der einzelnen Präferenzen und deren Ausgestaltung in verschiedenen Gruppen der Subkultur.

In Literatur und Kunst gibt es zahlreiche Beispiele für sadomasochistische Praktiken. Zu den bekanntesten Autoren gehören Marquis de Sade und Sacher-Masoch, von denen auch die Begriffe Sadismus und Masochismus abgeleitet wurden. BDSM-Bezüge finden sich in der zeitgenössischen Musik, in Film, Fernsehen, im Theater und Marketing. BDSM als Thema in der Kunst ist häufig mit Fetischismus verbunden; es gibt viele Comics, Fotografien und Zeichnungen, die beide Themen porträtieren.

In der subkulturellen Szene der Praktizierenden haben sich bestimmte Verhaltensregeln, eine eigene „Sprache“, Sicherheitskonventionen und Symbole etabliert. Die Szene trifft sich beispielsweise bei Stammtischen und SM-Partys, inzwischen spielt auch das Internet für die Kommunikation innerhalb der Subkultur eine wichtige Rolle.

Grundlagen BDSM ist ein Sammelbegriff für bestimmte Arten sexuellen Verhaltens und Erlebens. Unter dem Begriff vereinigen sich verschiedene Subkulturen, die zum Teil sehr unterschiedliche Begriffe und eine eigene „Sprache“ verwenden. Alle Varianten des BDSM haben gemeinsam, dass sich die Beteiligten freiwillig aus ihrer Gleichberechtigung in ein verändertes Machtgefüge begeben. Der spielerisch unterlegene Partner (Szene-Jargon: devot, „Sub“ [abgeleitet von Submission/Unterwerfung] oder „Bottom“ [engl.: „unten“]) gibt dabei einen bestimmten/vereinbarten Teil der eigenen Autonomie ab und überlässt sie dem spielerisch überlegenen Partner (Szene-Jargon: dominant, „Dom[se]“, oder „Top“ [„oben“]) (Power Exchange, „Machtaustausch“).David M. Ortmann, Richard A. Sprott: Sexual Outsiders: Understanding BDSM Sexualities and Communities. Rowman & Littlefield, 2013, ISBN 978-1-4422-1736-2, S. 15–16 (englisch)Matthias Grimme: Das SM-Handbuch. Charon-Verlag, Hamburg 2014 (11. Auflage), ISBN 978-3-931406-01-1.

Verhaltenskodex Die Freiwilligkeit als entscheidendes Kriterium gilt grundsätzlich bei allen sexuellen Handlungen. Um bei potenziell risikobehafteten Aktivitäten Einvernehmlichkeit zwischen den Beteiligten sicherzustellen und damit die verwendeten Praktiken von strafbarer sexueller Gewalt klar abzugrenzen, gibt es in der BDSM-Szene weitgehend akzeptierte Verhaltensregeln. Die Einvernehmlichkeit zwischen den Beteiligten grenzt BDSM sowohl rechtlich als auch ethisch von Vergehen oder Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung und von Gewalt und Missbrauch ab. Die Einwilligung zu einem sadomasochistischen Geschehen kann demnach nur geben, wer die Folgen seiner Zustimmung hinreichend abschätzen kann. Generell muss es möglich sein, die Einwilligung jederzeit zu widerrufen, beispielsweise mit einem vorher vereinbarten Signalwort, einem sogenannten Safeword.

Diese Grundprinzipien werden seit den 1990er Jahren unter der englischen Bezeichnung safe, sane and consensual (SSC) zusammengefasst. Dies bedeutet so viel wie „sicher, mit klarem Verstand und in gegenseitigem Einverständnis“. Einige Anhänger des BDSM bevorzugen einen etwas anderen Verhaltenskodex mit der englischen Bezeichnung RACK (risk-aware consensual kink), was etwa so viel bedeutet wie „risikobewusstes, einvernehmliches sexuelles Handeln“; sie wollen damit stärker die das Risikopotenzial betreffende Eigenverantwortung der beteiligten Partner betonen.Craig J. Forsyth, Heith Copes: Encyclopedia of Social Deviance. SAGE Publications, 2014, ISBN 978-1-4522-4033-6, S. 609.

Trotz der umfangreichen Konventionen im Bereich Sicherheit kommt es auch im BDSM-Bereich zu Übergriffen. Eine 2015 veröffentlichte Studie der National Coalition for Sexual Freedom mit 4598 Personen aus den USA ergab, dass 29 % der Befragten im Zusammenhang mit BDSM eine Verletzung der vereinbarten Rahmenbedingungen erlebt hatten. 8,9 % der Befragten wurden ohne ihre Einwilligung oral, anal oder vaginal penetriert (12,5 % Frauen, 3 % Männer, 10,6 % Queer und 8,7 % Transgender). Nur 29 Personen brachten diese Vorfälle zur Anzeige, obwohl 96 von ihnen eine Verletzung erlitten hatten, die medizinische Hilfe erforderte.National Coalition for Sexual Freedom: Consent Violations Survey, 2015 (PDF; 767 kB) abgerufen am 30. Mai 2020 (englisch)

Weitverbreitete Rollenmodelle

Beim BDSM nehmen die Beteiligten häufig klar eine von zwei BDSM-Rollen ein. Die Sexualpraktiken sowie die jeweiligen Sexualpräferenzen je nach Geschlecht werden als Maledom bzw. Femdom bezeichnet.

Top und Bottom mini|hochkant=0.85|Halsband, wie es häufig von Bottoms getragen wird. Es dient als Symbol der Unterwerfung.

Im BDSM nennt man den Partner Top (engl. oben) oder Dom, der die aktive Rolle in einer meist durch die Ausübung von Schmerz, Erniedrigung oder Unterwerfung geprägten BDSM-Handlung hat. Der als Bottom (engl. unten) oder Sub bezeichnete Partner setzt sich für eine bestimmte Zeit freiwillig solchen Handlungen aus und ist der sogenannte passive Teil. Häufig ist der Bottom derjenige, der zum Beispiel durch seine Festlegung von Grenzen und Tabus die Handlung im Wesentlichen bestimmt. Dieser Rahmen wird im Allgemeinen durch ausgiebige Kommunikation im Vorfeld der eigentlichen Handlung bestimmt, bei der auch sicherheitsrelevante Aspekte wie Safeword, gesundheitliche Einschränkungen etc. besprochen werden.David M. Ortmann, Richard A. Sprott: Sexual Outsiders: Understanding BDSM Sexualities and Communities. Rowman & Littlefield, 2013, ISBN 978-1-4422-1736-2, S. 38 ff.

Switch Einige BDSM-Anhänger switchen, das bedeutet, sie übernehmen sowohl die dominante als auch die devote Rolle. Sie praktizieren dies entweder innerhalb einer einzigen Handlung oder nehmen diese unterschiedlichen Rollen in unterschiedlichen Sessions mit demselben oder mit unterschiedlichen Partnern ein.David M. Ortmann, Richard A. Sprott: Sexual Outsiders: Understanding BDSM Sexualities and Communities. Rowman & Littlefield, 2013, ISBN 978-1-4422-1736-2, S. 20.

Session BDSM-Handlungen finden während einer festen Zeitspanne meist in Form eines erotischen Rollenspiels statt; ein einzelnes BDSM-Spiel wird Session genannt. Viele der innerhalb von BDSM ausgeübten Praktiken wie Schmerzzufügung, Erniedrigung oder Unterwerfung würden ohne den Zusammenhang zur speziellen sexuellen Vorliebe als unangenehm empfunden. Geschlechtsverkehr wie etwa Oral-, Vaginal- oder auch Analverkehr kann innerhalb einer Session vorkommen, ist jedoch nicht essenziell.

Sicherheit mini|hochkant|Um eine solche Hängebondage sicher durchzuführen, ist neben theoretischem Wissen auch praktische Erfahrung notwendig

Neben den allgemeinen Empfehlungen für Safer Sex erfordern BDSM-Sessions im Regelfall weitergehende Sicherheitsmaßnahmen als sogenannter „Vanillasex“, d. h. als ein Sexualleben ohne BDSM-Elemente. Damit die Handlungen stets in dem von den Teilnehmern gewünschten Rahmen bleiben, haben sich in der BDSM-Szene eine Reihe von Sicherheitskonventionen etabliert. Dieses Dogma der Sicherheit wird damit erklärt, dass BDSMler versuchen, sich damit von der inhärenten Konnotation von Sex und Gewalt zu lösen. Sie wenden sich damit gegen die Unterstellung, dass BDSM grundsätzlich gefährlich, krankhaft und missbräuchlich sei.Meg Barker, Alessandra Iantaffi, Camel Gupta: Kinky clients, kinky counselling? The challenges and potentials of BDSM. In: Lindsey Moon (Hrsg.): Feeling Queer or Queer Feelings: Radical Approaches to Counselling: Sex, Sexualities and Genders. Routledge, London 2007, ISBN 978-0-415-38521-3, S. 106–124 (englisch)

Um die Einvernehmlichkeit der Praktiken sicherzustellen, wird – besonders zwischen unbekannten Partnern – generell zu einem intensiven Vorgespräch über die Wünsche der Beteiligten und den Verlauf sowie die Grenzen der geplanten Aktivitäten geraten.Jill D. Weinberg: Consensual Violence. Univ of California Press, 2016, ISBN 978-0-520-29066-2 Negotiated Consent, S. 54 ff. Entsprechende detaillierte Gespräche sind allgemein üblich,Bill Henkin, Sybil Holiday: Consensual Sadomasochism: How to Talk About It and How to Do It Safely. Daedalus Publishing Company 1996, ISBN 1-881943-12-7, S. 80–94 (englisch) meist werden diese im Laufe einer Beziehung zunehmend informeller.David M. Ortmann, Richard A. Sprott: Sexual Outsiders: Understanding BDSM Sexualities and Communities. Rowman & Littlefield Publishers, 2012, ISBN 978-1-4422-1735-5, S. 38 ff. (englisch) Zusätzlich wird in der Regel auch ein Safeword vereinbart, bei dessen Nennung die Handlung zu jeder Zeit unmittelbar abgebrochen werden muss. Bei realen Treffen virtuell angebahnter Kontakte stellen einige BDSM-Organisationen und -Websites Cover-Möglichkeiten zur Verfügung, die als Schutz bei Blinddates dienen.Datenschlag – Der Papiertiger: Covern vgl. SMJG – Covern

Das breite Spektrum unterschiedlichster BDSM-„Spielzeuge“ sowie angewandter physischer und psychischer Manipulations- und Kontrolltechniken macht häufig Detailwissen aus unterschiedlichen Gebieten wie Anatomie, Physik oder Psychologie notwendig. Praktische Sicherheitsaspekte sind generell von entscheidender Bedeutung. Etliche verwendete Techniken lassen sich nicht intuitiv anwenden und erfordern neben Wissen auch Übung und Anleitung. Dies kann z. B. in speziellen Workshops oder durch die Anleitung erfahrener BDSMler erreicht werden. In einer Studie von 2009 gaben 85 % der befragten 1405 praktizierenden BDSMler (überwiegend US-Amerikaner) an, einen Mentor zu haben und mit ihm sowohl praktisches wie auch theoretisches Wissen ausgetauscht zu haben.David M. Ortmann, Richard A. Sprott: Sexual Outsiders: Understanding BDSM Sexualities and Communities. Rowman & Littlefield Publishers, 2012, ISBN 978-1-4422-1735-5, S. 38, Studie durchgeführt von CARAS (Community-Academic Consortium for Research on Alternative Sexualities), 2009 (englisch)