Neudietendorf ist ein Ortsteil der Landgemeinde Nesse-Apfelstädt im thüringischen Landkreis Gotha. Der Ort ist der Verwaltungssitz der Landgemeinde.
Geografie Neudietendorf liegt am Südrand des Thüringer Beckens im Tal der Apfelstädt. Im Ort mündet der aus Mühlberg kommende und durch mehrere Karstquellen gespeiste Weidbach in die Apfelstädt. Wenige Kilometer südwestlich des Ortes befindet sich das Burgensemble Drei Gleichen, dessen Burgen auf den Höhenzügen der Eichenberg–Gotha–Saalfelder Störungszone errichtet wurden.
Geschichte mini|Der Waidmühlstein mini|Das Hauptgebäude des Altenhofs mini|Die Gottersche Siedlung in der Zinzendorfstraße mini|Eine Herrnhuter Manufaktur (ehem. Siegellackfabrik Lilliendahl, seit 15. Dez. 1998 Kita) mini|Die Bahnhofstraße mini|Haus des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes mini|Krüger-Villa
Ersterwähnung Der Ort Dietendorf wurde als Ditendorp erstmals im Jahre 1147 in Verbindung mit dem Adelsgeschlecht von Dietendorf urkundlich erwähnt. Günther von Dietendorf und seine Söhne waren Zeugen bei einem Vertrag des Mainzer Erzbischofs Heinrich I. Felix von Harburg mit dem Kloster Ichtershausen.
Wichtig bei der Betrachtung der Bebauungsentwicklung von Dietendorf ist die Tatsache, dass die Apfelstädt früher einen anderen Verlauf hatte: Sie floss vom heutigen Feuerwehrgelände aus in nördlicher Richtung parallel zur heutigen Zinzendorfstraße, um dann südlich der heutigen Ingerslebener Straße nach Osten abzubiegen und wenige hundert Meter weiter in das Flussbett zu münden, in dem sie heute noch verläuft. Das Gebiet der Gartenstraße und des westlich davon liegenden heutigen Ortsteils sowie das Gelände der Gotter- und der Goethestraße waren südlich des Flusses und somit auf Dietendorfer Flur. So wundert es nicht, dass dieses Gelände bei heftigem Hochwasser besonders betroffen ist.
Mittelalter Durch zahlreiche Schenkungen und Käufe war das Kloster Georgenthal zu den bedeutendsten Grundbesitzern in Mittelthüringen aufgerückt. Auch in Dietendorf erwarb dieses Kloster umfangreichen Besitz. Gegenüber Dietendorf befand sich, durch die Apfelstädt getrennt, das Rittergut Altenhof in der Zinzendorfstraße. Dieses kam im Jahr 1306 in den Besitz der Herren von Wittern. Aufständische Bauern zerstörten um Ostern 1525 im Verlauf des Bauernkrieges diesen Rittersitz und auch das nahe Kloster Ichtershausen. Großen Einfluss übte auch die Stadt Erfurt auf ihre Umlandgemeinden aus, um das Waidmonopol zu sichern.H. Müllerrod: Waidanbau in Thüringen. Artikelserie, zusammengefasst in: Gothaer Heimatbrief. Gotha 1994, Heft 18, S. 50–55. 1575 wurde das Rittergut durch aufständische Bauern zerstört.
Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) brachten große Not über die Bewohner von Dietendorf. Die Menschen starben vor Hunger, und ihre Wohnhäuser wurden fast alle zerstört. So kann man davon ausgehen, dass fast alle Häuser ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts neu errichtet wurden. Es entstand die heutige Siedlungsstruktur. Weitsichtige Ortseinwohner zogen damals (1667) einen wichtigen Schluss. Die mit vielen Holzteilen erbauten Häuser würden im Falle eines Brandes sehr schnell ein Raub der Flammen. Deshalb organisierten sie – wie urkundliche Hinweise belegen – eine Feuerbekämpfung. In dieser Zeit spielte auch der Anbau der Färbepflanze Waid in Dietendorf eine große Rolle. In über 300 Dörfern Thüringens wurde damals diese Pflanze gesät, geerntet und verarbeitet.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts begann eine für die Musikgeschichte erwähnenswerte Entwicklung mit den beiden Organisten und Komponisten Heinrich Nagel und Johann Peter Kellner. Der bekannte Flügelbauer Carl Bechstein verbrachte zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier seine Kindheit und schulische Jugend und erwarb seine musikalische Bildung. Dietendorf und Neudietendorf gehörten zum Amt Wachsenburg, welches 1640 zum Herzogtum Sachsen-Gotha, ab 1672 zum Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg und 1826 zum Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha kam.
Die Entstehung von Neudietendorf und der Herrnhuter Brüdergemeine Die Anfänge Im Jahre 1734 erwarb Reichsgraf Gustav Adolf von Gotter das verwahrloste Lehnsgut Alte Hof (Zinzendorfstr. 16), das gegenüber Dietendorf am linken Apfelstädtufer lag. Graf Gotter besaß bereits im Nachbarort das Schloss Molsdorf und wollte seinen Einfluss in der Gegend durch den Zukauf von Ländereien vergrößern.
Er gründete 1736 auf dem Altenhof eine Textilmanufaktur. Obwohl der Aufbau der Wollmanufaktur rasch voranschritt und auch die Arbeitersiedlung von 12 Häusern im Jahre 1736 auf 26 Wohnhäuser in 1737 angewachsen war, misslang Gotters Plan: Er konnte nicht rentabel genug produzieren und erhielt von der herzoglichen Finanzverwaltung auch keine Steuerbefreiung. Gotter drohte der Bankrott, und der Großteil seiner Arbeiter verließ bereits Neudietendorf. Die von ihm errichteten Häuser stehen heute noch in der Zinzendorfstraße vom ehemaligen Gasthof Drei Rosen bis zur heutigen Oberschule, dem ehemaligen Erdmuth-Dorotheen-Haus.
Von 1737 bis 1742 hatte Graf Gotter etwa 74 neue Ansiedler gezogen, wie aus einem Verzeichnis von 1742 hervorgeht. In der finanziellen Schieflage half Gotter 1742 der Zufall: In Gotha machte er die Bekanntschaft von Herrnhutern, die im Herzogtum Gotha eine Niederlassung aufbauen wollten und auf der Suche nach einer passenden Immobilie waren. Sie traten mit Graf Gotter in Verhandlungen um den Verkauf des Rittergutes und der neuen Siedlung. Die Generalkonferenz (damalige Leitung der Brüdergemeine) erteilte die Genehmigung zum Abschluss eines Kaufvertrags zwischen Graf Gotter und dem Kaiserlichen Geheimrat und Grafen Promnitz, einem schlesischen Adeligen und Mitglied der Brüdergemeine, der am 10. Dezember 1742 unterzeichnet wurde. Friedrich war offensichtlich nur der Strohmann für die Herrnhuter Gemeine, die das Gut und die Siedlung für 20.000 Reichstaler mit allen dazugehörigen Rechten erwarb. Gotter versuchte noch, aus dem Verkauf Gewinn herauszuschlagen, was ihm aber nicht gelang, da seine missliche Lage den Käufern bereits bekannt war.
Die ersten Familien kamen aus Böhmen und Mähren und siedelten sich bereits im Januar 1743 an. Diese zehn Familien standen der Brüdergemeine nahe und gaben der Siedlung den Namen „Gnadenthal“. Der Name konnte jedoch aufgrund eines Einspruchs des Konsistoriums in Gotha nicht beibehalten werden, weil er „zu fromm“ war. Im Jahre 1806 erhielt aber die älteste Missionsstation in Südafrika den Namen „Gnadenthal“. Die Station erreichte eine derartige Bedeutung, dass Nelson Mandela, der erste nicht weiße Präsident Südafrikas, seinen Regierungssitz in „Gnadenthal“ umbenannte. Der Name „Gnadenthal“ ist dennoch aus dem Ort nicht verschwunden: Seit 1999 wird der Weg entlang des Friedhofs „Gnadenthaler Weg“ genannt.Faltblatt aus 1968 der Herrnhuter Brüdergemeine in Neudietendorf, zusammengestellt von Helmut Schiewe, Pfarrer von 1965 bis 1984, mit einer Einleitung von Klaus Biedermann, Pfarrer von 1998 bis 2006.
Das Bemühen um kirchliche Selbständigkeit Graf Gotter beantragte 1743 beim Gothaer Herzog Friedrich III. und dem kirchlichen Oberkonsistorium für die neue Ansiedlung das Patronatsrecht, d. h. einen eigenen Pfarrer und Lehrer zu berufen und außerhalb der geltenden Staats- und Kirchengesetze nach Art der Brüdergemeine eine eigene kirchliche Ordnung aufzubauen. Die kirchliche Selbständigkeit hatte man bereits für die Brüderorte Niesky, Gnadenfrei und Gnadenberg in Preußen erreicht. Das Patronatsrecht bedeutete in diesem Fall die Befreiung von den Kirchen- und Landesgesetzen. Das war jedoch im damaligen Herzogtum Gotha schier unmöglich, da Staat und Kirche quasi eine Einheit bildeten, die ein Durchbrechen dieser Ordnung als revolutionär ansah. So erhielten die Brüder am 11. Januar 1743 eine Ablehnung ihres Antrags. Die Herrnhuter konnten die bereits erbauten Häuser und die Manufaktur sofort übernehmen und im Gutshaus eine Kirche einrichten.
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der Gründer der Herrnhuter Gemeine, weilte zu dieser Zeit in Amerika. Anfang 1743 kam er zurück und erfuhr von der Ansiedlung bei Dietendorf, die von Bischof Polycarp Müller noch unterstützt wurde. Mit Schreiben vom 1. März 1743 – er hatte von der ablehnenden Entscheidung der Gothaer Regierung noch keine Kenntnis – befahl er, dass die brüderischen Familien, die erst vor wenigen Wochen nach Neudietendorf gezogen waren, am 20./21. Mai 1743 den Alte Hof verlassen sollen. Zinzendorf wollte vermeiden, dass sich die Herrnhuter Bewegung zu einer neuen Kirche entwickelte und sah in der Neudietendorfer Ansiedlung die Gefahr einer Kirchenbildung. Zudem erkannte er als Jurist die Aussichtslosigkeit von Kirchenfreiheiten im streng lutherischen Herzogtum Gotha.
Die Wiederbesiedlung Neudietendorfs Über die Situation der Neudietendorfer Brüdergemeine tagte vom 1. bis 12. Juli 1743 in Hirschberg eine Synode der Brüder. Man war sich darüber einig, dass eine Brüdergemeine nicht unbedingt kirchlich unabhängig sein müsste. Sie sollte nur den Geist der Gemeine in sich tragen, jedoch der Landeskirche angehören und dem Landeskonsistorium untergeordnet sein. Zinzendorf wünschte eine rein lutherische Brüdergemeine in Neudietendorf, die der Landeskirche angeschlossen ist, aber den Geist der Brüdergemeine trage. Das war das Signal für eine erneute Besiedlung Neudietendorfs. Im Oktober 1743 zählte man wieder 32 Personen.
Während der günstigen Weiterentwicklung der Neudietendorfer Gemeine traf im Juni 1747, für die Neudietendorfer völlig unerwartet, der herzogliche Befehl aus Gotha ein, dass Neudietendorf wie jede andere Kirchgemeinde des Landes organisiert werden soll, die herrnhutischen Versammlungen eingestellt werden, die öffentlichen Morgen- und Abendandachten vom Pfarrer gehalten werden müssen, das Herrnhuter Gesangbuch außer Kraft gesetzt wird, alle Kontakte zu Herrnhut eingestellt werden.
Man wandte sich an die stets vermittlungsbereite Herzogin, die jedoch auch nicht helfen konnte. Am 13. Januar 1748 wurden die Neudietendorfer aufgefordert, sich innerhalb von drei Monaten zu fügen oder den Ort zu verlassen. Die Bürger beugten sich nicht, sondern verließen im April 1748 den Ort. Zurück blieben nur der Gastwirt, der Pächter und der Inspektor der Gutshäuser. Vier Jahre war der Ort verlassen.
Neubesiedlung ab 1753 Zinzendorf richtete 1749 auf einer Konferenz in London den Blick wieder auf Neudietendorf. 1752 beauftragte er den Freiherrn Günther Urban Anton von Lüdecke, den damaligen Besitzer von Trebus und Ortsherrn von Niesky, das Neudietendorfer Rittergut zu kaufen und auch eine Verfügung zu unterschreiben, mit der er die Gemeinde der Gothaer Landesregierung mit all ihren Rechten und Verpflichtungen unterwarf. Der Herzog in Gotha hatte zu erkennen gegeben, dass die Neudietendorfer ihre besonderen brüderischen Versammlungen und Einrichtungen behalten könnten, wenn sie nur im Gottesdienst die bestehenden lutherischen Ordnungen anerkennen würden.
Neudietendorf erfuhr eine erneute Besiedlung. Der Ort bekam am 27. Oktober 1753 einen neuen Pfarrer: Johann Friedrich Frühauff. Frühauff war ehedem Hauslehrer des Generalsuperintendenten in Gotha und besaß das volle Vertrauen der Brüdergemeine, deren Mitglied er auch geworden ist. Zunächst predigte er vor nur zehn abendmahlsberechtigten Gemeindemitgliedern, konnte aber bald ob seiner guten Predigten so viele Gottesdienstbesucher zählen, dass der Kirchenraum nicht ausreichte.
Im Jahre 1755 besuchte Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700–1760) den Ort.