Ingersleben ist ein Ortsteil der Landgemeinde Nesse-Apfelstädt im thüringischen Landkreis Gotha und liegt unmittelbar südwestlich von Erfurt.
Geografie Ingersleben liegt am Fluss Apfelstädt kurz vor deren Mündung in die Gera im Marienthal unweit des Erfurter Ortsteils Molsdorf. Nachbarorte sind Neudietendorf im Westen sowie Stadtteile von Erfurt im Norden, Osten und Südosten. Bis zur Stadtmitte von Erfurt (Domplatz) sind es etwa 10 km Luftlinie. Zum Mühlenbetrieb durchfließt den Ort der Mühlgraben, der etwas oberhalb der Obermühle aus der Apfelstädt abgezweigt wird.
Geschichte Von der Erstbesiedlung bis 1945 mini|Steinbogenbrücke über den Mühlgraben von 1812 unterhalb der Untermühle (2011) mini|Untermühle Wie archäologische Funde nachweisen, befand sich nahe Ingersleben, nördlich der Apfelstädt-Mündung, eine Siedlung aus der Jungsteinzeit. Der Ortskern von Ingersleben liegt im Bereich einer Siedlung aus der Zeit des Thüringer Reichs. Auch die Endung -leben im Ortsnamen weist auf eine Siedlung um 300 nach Chr. hin.
Urkundlich wurde Ingersleben 1111 erstmals im Reinhardsbrunner Klosterbrief erwähnt. Über Jahrhunderte bestimmten die erstmals 1351 genannten Herren von Ingersleben die Geschichte des Ortes und der im Zentrum gelegenen Wasserburg. Ob ein Zusammenhang mit den magdeburgischen von Ingersleben aus Ostingersleben besteht, ist unklar.
Seit 1380 hatten auch die Herren von Gleichen Güter im Ort. Im Sächsischen Bruderkrieg 1450 wurden Dorf und Burg stark in Mitleidenschaft gezogen. 1506 wurde der Name des Ortes selbst erstmals in einer Handschrift gefunden. Vorherige Namen waren u. a. Ingrisliebe, Ingrisleven, Ingerikesleiben und viele andere Schreibweisen.Unser Blatt, Mai 2011 1518 verkaufte Dittrich von Ingersleben das inzwischen entstandene Rittergut. 1602 wurde es durch den reichen Erfurter Waidhändler Hans von Ziegler vom verschuldeten Vorbesitzer Ernst Melchior von Kromsdorf erworben. Danach wurde der Adelssitz zwischen 1609 und 1622 vollständig umgebaut. 1622 ließ Otto Heinrich von Ziegler anlässlich seiner Heirat mit Maria von Wangenheim einen großen Torbogen und ein schönes Hofportal errichten, das die Wappen beider Familien zeigt. Nach dem Aussterben der Grafen von Gleichen gehörte der Ort ab 1631 zur unteren Grafschaft Gleichen. Im Jahre 1651 erließ Herzog Ernst der Fromme aus Gotha eine Feuerrüstungsordnung, nach der die Orte im Herzogtum Sachsen-Gotha eigene Feuerwehren bereitzustellen hatten. Im Jahr 1718 wurde in Ingersleben durch Anschaffung einer handbetriebenen Feuerlöschpumpe („Feuerspritze“) und Zusammenstellung einer Feuerwehrmannschaft die Freiwillige Feuerwehr gegründet.Urkundlich belegt im Heimatmuseum des Ortes
Ingersleben war 1677–1688 von Hexenverfolgung betroffen. Drei Frauen gerieten in Hexenprozesse, Anna Mainhardt wurde 1678 hingerichtet.Ronald Füssel: Die Hexenverfolgungen im Thüringer Raum, Veröffentlichungen des Arbeitskreises für historische Hexen- und Kriminalitätsforschung in Norddeutschland, Band 2, Hamburg 2003, S. 254f.
1786 ging das Rittergut in den Besitz des Barons von Münchhausen über, der als Hofmarschall in Gothaischen Diensten stand. 1883 wurde es durch den Ökonomierat Robert Wagner erworben, der 1894 die vorhandene „Villa“ im Schlosspark durch einen großzügigen Flügel erweitern ließ und damit ein repräsentatives schlossähnliches Herrenhaus mit Saal und Gesellschaftsräumen schuf. 1942 ging das Rittergut an Horst und Siegismund von Zakrzewski. Das Herrenhaus wurde nach 1945 abgerissen.
Auf das frühere Vorhandensein einer Kirche des Hl. Petrus, die der Peterskirche in Erfurt zinspflichtig war, im Osten des Dorfes weisen zwei Straßennamen hin: Petrikirchhofplatz und Petrikirchhofstraße.
Seit 1945 Durch nächtlichen amerikanischen Artilleriebeschuss am 8./9. und 10. April 1945 gab es in Ingersleben 8 zivile Todesopfer, darunter drei Kinder. An Gebäuden waren erhebliche Schäden zu verzeichnen, als Erstes wurde der Kirchturm durch einen Volltreffer bis zum Glockenstuhl zerstört.Horst Benneckenstein: „Im Gasthof der Brüdergemeine Angriff geplant“. Thüringische Landeszeitung, 8. Mai 2009 Es folgte die amerikanische Besetzung mit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahme von Häusern und Ablieferung von Fotoapparaten. Am 13. Juni 1945 kamen beim Sprengen von Wehrmachtsmunition auf dem Mittelfeld fünf Ingerslebener und eine unbekannte Zahl von US-Soldaten ums Leben.
Ende Juni wurde die US-Armee durch die Rote Armee abgelöst. Es gab erneut Verhöre, Einquartierungen, Vieh-Wegnahmen und „Pflichtarbeit“ bei der Besatzungsarmee. Diese beschlagnahmte das Rittergut mit 326 ha Land, allen Wirtschaftsgebäuden und der „Villa“. Die Einwohnerzahl von Ingersleben nahm von gut 1.300 vor dem Krieg durch Zustrom von Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten auf zeitweise 2.000 zu. Es herrschte in den ersten Nachkriegsjahren große Not.
Die Gutsbesitzer-Familie wurde 1946 auf der Basis der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone entschädigungslos enteignet und des Landkreises verwiesen. 1947/48 kam es dann zum Abbruch der Villa, von Wirtschaftsgebäuden und des Torbogens mit benachbartem Milchhaus. Der Park mit „erlesenem altem Baumbestand“ wurde abgeholzt, das Parkgelände eingeebnet, parzelliert und auf ihm Neubauerngehöfte errichtet. Ein Teil diente als Schrottlagerplatz. Im Wirtschaftsbereich richtete sich die Abteilung Technik der LPG ein. mini|Die Kinderkrippe in Ingersleben im Mai 1958 Erhalten blieb als Rest des ehemaligen Ritterguts das Gutshaus, obwohl sein Abriss ebenfalls vorgesehen war. Es ist ein massiver Bau mit Fachwerkobergeschoss, der heute das Heimatmuseum Ingersleben beherbergt, für das sich engagierte Bürger seit 1979 eingesetzt hatten. Noch 1982 wurde das Hofportal von 1622 abgetragen, die Bauteile aber durch Mitglieder des Kulturbunds für einen späteren Wiederaufbau gerettet. Dieses Renaissance-Portal und der Torbogen wurden nach der Wende wieder aufgebaut und das Gutsgebäude erneuert, was durch Verleihung des Deutschen Fassaden-Preises 2004 besonders anerkannt wurde. Auch zahlreiche Innenräume des Heimatmuseums wurden einfühlsam restauriert. Besonders die Schwarze Küche aus der Zeit um 1700, das „Münchhausen-Zimmer“ und die große Diele mit Begleitstrichmalerei sind sehenswert. Die Räume mit heimatgeschichtlichem Inhalt zeigen u. a. Exponate zum Thüringer Waid sowie Sonderausstellungen. Ein Raum ist Leben und Werk der Schriftsteller-Schwestern Frieda von Bülow und Margarethe von Bülow gewidmet. Die Schwestern sind Namensgeberinnen (seit 1997) des von-Bülow-Gymnasiums im benachbarten Neudietendorf.
Am 1. Dezember 2009 wurde Ingersleben in die am gleichen Datum neuentstandene Gemeinde Nesse-Apfelstädt eingegliedert.StBA: Gebietsänderungen vom 02. Januar bis 31. Dezember 2009
Mit dem Dienstaustritt von Pfarrer Michael Göring im April 2013 wurde die Ingerslebener Pfarrstelle aufgelöst.Patrick Krug: 35 Jahre in Ingersleben. Verdiente Altersteilzeit: Pfarrer Michael Göring verabschiedet sich aus seinem Amt. Thüringische Landeszeitung, 1./2. Mai 2013 Nach Auflösung des Pfarramtes Ingersleben hat die Kreissynode des Kirchenkreises Gotha beschlossen, die Kirchgemeinde dem Pfarramt Neudietendorf zuzuordnen.Amtsblatt der Gemeinde Drei Gleichen vom 17. Januar 2014
Wappen Blasonierung: Geteilt von Blau über Gold; oben ein wachsender silberner goldgekrönter und -bewehrter Löwe; unten zwei schwarze ins Andreaskreuz gesetzte Streitkolben.
Das Wappen wurde am 18. Dezember 1997 genehmigt.
Der wachsende silberne goldgekrönte und goldbewehrte Löwe greift auf die Symbolik der Grafen von Gleichen zurück, die das Territorium über Jahrhunderte beherrschten. Die zwei ins Andreaskreuz gesetzten Streitkolben (Morgenstern) sind die Symbolik der aus dem Ort stammenden Herren von Ingersleben. Die älteste bekannte Darstellung des ingerslebenschen Symbols zeigt das Siegel des Fritz von Ingersleben aus dem Jahre 1368.
Das Wappen wurde vom Heraldiker Frank Diemar aus Erfurt geschaffen.Hartmut Ulle: Neues Thüringer Wappenbuch, Band 3, Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Genealogie Thüringen e. V., Sept. 1998, ISBN 3-9804487-3-8
Sehenswürdigkeiten Dorfkirche St. Maria mit altem Friedhof mit historischen Grabsteinen mini|Kirche St. Marien mini|Darstellung des Neuen Gutshauses (Villa) miniatur|Heimatmuseum (Hofseite) Über die Erbauung der Kirche ist urkundlich nichts Sicheres überliefert. Die Kirche sei, so berichten Aufzeichnungen aus 2. Hand, in einem Garten mitten im Dorfe erbaut und „Sankt Maria, der Mutter unseres Herrn geweiht worden.“ Das Jahr 1398 ist möglicherweise das Jahr der Erbauung des Turms und der Erweiterung des Kirchenschiffes nach Osten. Die Mauerfügung und an der Außenwand sichtbare Reste eines romanischen Bogenfeldes über dem alten Eingang deuten jedenfalls auf einen Bau im 12. oder 13. Jahrhundert. In der Ostwand hinter dem Altar hingegen sind Gewände dreier Fenster erhalten, die ins 14. Jahrhundert datiert werden müssen. 1527 kam der erste evangelische Prediger nach Ingersleben. Dem nun größeren Gewicht der Predigt – und deren Länge – wurde wohl bald mit dem Einbau von Kirchengestühl und Emporen Rechnung getragen. 1678 wurde die erste, 1688 die zweite Empore eingebaut. Der heutige, rundbogige Emporeneingang stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Von den hölzernen Einbauten dieser Zeit ist nichts mehr erhalten. Ein „Rittergutsstand“ derer „von Ziegler“ bewahrt heute die ältesten Holzteile der Kirche. Der mit Wappenmalerei reich geschmückte Emporenteil ist ausweislich der Inschrift 1647 erbaut worden. Die übrigen Emporen-Einbauten wurden gegen Ende des 17. Jahrhunderts geschaffen, eine Gewölbetonne ersetzte 1710 die vorher vermutlich flache Holzdecke. Damals wurden auch die Dacherker ins Kirchendach eingefügt. Umfangreiche Umbauten erfuhr das Kircheninnere in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die großen Fenster im Norden wurden durch die Mauern gebrochen, um den ursprünglich eher schummerigen Kirchenraum hell und licht zu machen. Der für die hiesige Gegend typische Kanzelaltar stammt aus dem Jahr 1771. Er wurde vom Ingerslebener Bürgermeister (Schultheiß) Schultze gefertigt.