Der Friedhof I der Georgen-Parochialgemeinde, vormals Georgenfriedhof genannt, ist ein historischer Bestattungsort der Altberliner Bürgerfamilien und mit Einweihung in 1814 der älteste erhalten gebliebene der Friedhöfe der Berliner Evangelischen St. Georgen-Gemeinde. Die Anlage unter Trägerschaft der Evangelischen Friedhofsverbands Berlin Stadtmitte ist ein aktiver Begräbnisplatz und steht unter Denkmalschutz als Garten- und Kulturdenkmal. Er befindet sich im Ortsteil Prenzlauer Berg, Greifswalder Straße 229/234 (historische Adresse Königsthor 16) und grenzt an den 1857 eröffneten Neuen Friedhof St. Marien-St. Nikolai, zu dem ein Durchgang möglich ist.

Geschichte links|mini|Hügel vor dem Bernauischen Tor (später: Königstor) um 1770 mit dem Kirchturm von St. Georgen; rechts des Weges seit 1814 der Gemeindefriedhof

Am 30. April 1814 erwarb die St. Georgen-Gemeinde von der Witwe des Königlichen Hauptmanns von Winterfeldt deren „Weinbergsstück“ links vor dem damaligen Königstor für den Preis von 1000 Thalern Friedrichs d’or, um dort einen neuen Kirchhof anzulegen. Er ersetzte den 1693 an der Langen Scheunengasse, der späteren Kleinen Alexanderstraße angelegten Georgenkirchhof, der aufgehoben worden war, nachdem seitens des Magistrats verfügt worden war, dass „in bewohnten Gegenden keine Leichen beerdigt werden sollen“.

Bereits am 29. Mai desselben Jahres wurde der Zuckersieder-Meister Johann Christian Düring dort beigesetzt. Der Kirchhof erhielt zu dieser Zeit im Volksmund die Bezeichnungen „Weinbergskirchhof“ oder „Düring’scher Begräbnisplatz“. Das schlichte Eisen-Denkmal, das darauf hinwies, dass er als Erster diesem Ort in der Hoffnung auf Ewiges Leben anvertraut wurde, ist nicht mehr erhalten.

Der Liederdichter und Schriftsteller Emanuel Christian Gottlob Langbecker (31. August 1792–24. Oktober 1843) beschrieb die Atmosphäre des Ortes 1827 in der Publikation Geschichte der St. Georgen-Kirche in Berlin mit folgenden Worten:

Während auf dem Koppeschen Friedhof die Armen der Gemeinde kostenfrei beigesetzt wurden, war der Georgen-Kirchhof für die wohlhabenderen Bürger, Gewerbetreibende und Kaufleute attraktiv, die die Bestattungsgebühren aufbringen konnten. Viele dieser Honoratioren der Berliner Stadtgesellschaft sicherten sich schon zu Lebzeiten ein Erbbegräbnis und ließen Mausoleen, Gruften, Wandgräber oder andere architektonische Denkmäler für ihre Familien errichten.

mini|hochkant|Erbbegräbnisse Witwe Christina Bötzow, geb. Brederlow (links, 1823) und Rentier Carl Schwendy (rechts, 1822) in der historischen Friedhofsmauer

Die Anlage des Friedhofs ist durch unregelmäßige Grabfelder mit Haupt- und Queralleen strukturiert. Die Beisetzungen erfolgen, bis auf die Erbbegräbnisse, die sich an prominenten Stellen der Anlage befinden, im Reihengrab. Historische Elemente, wie die ursprüngliche Friedhofsmauer mit den ersten Erb- und Pastorenbegräbnissen aus der Zeit ab 1815, sind bis heute erhalten geblieben.

Wegen der hohen Belegungsrate waren frühzeitig Erweiterungen der Fläche notwendig. Im Jahr 1827 wurde ein auf der Westseite angrenzendes Ackerstück in der Größe von 99 Ruten für 190 Thaler in „klingenden brandenburgischen Silbercourant“ von den St. Nikolai-/St. Marien-Kirchen angekauft. Allein im September 1837 verstarben 432 Mitglieder der Gemeinde. Epidemien wie Cholera, Krankheiten wie Tuberkulose sowie hohe Kinder- und Müttersterblichkeit führten zu einem enormen Bedarf an Begräbnisplätzen. Da die Feuerbestattung in Berlin erst ab 1911 erlaubt war, erfolgten Bestattungen im Sarg, was zu einer drastischen Flächenknappheit führte. Verstorbene wurden in Zink­särgen beigesetzt, um den Körper für die Wiederauferstehung zu konservieren. Diese Bestattungsform trug zur Platznot bei, und viele Särge sind noch heute in den Gräbern erhalten. Im Juli 1840 kaufte die Kirchengemeinde einen Teil des angrenzenden Grundstücks der „Koeppe’schen“ Erben, Fuhrmann Johann Friedrich Köppen und seinen Söhnen, an der heutigen Heinrich-Roller-Straße in der Größe von drei Morgen und 32 Quadratruten für 2000 Silbercourant hinzu. Im Jahr 1848 konnte dann der neue Friedhof an der Landsberger Allee / Friedenstraße eröffnet werden, um mehr Fläche für die Beisetzungen zu schaffen.

Am 11. Dezember 1861 wurde an der Greifswalder Straße die Friedhofskapelle, ein spätklassizistischer Klinkerverblendbau von Christian Ludwig Couard, dem Zweiten Prediger der St. Georgen-Kirche, eingeweiht. Die Kapelle bestand aus einer kleinen Feierhalle mit zwei Fensterachsen und einem nördlich anschließenden apsisartigen Anbau. Im Kellergeschoss befand sich ein Leichenhaus, das zu dieser Zeit elfte in Berlin. Die Finanzierung des Baus erfolgte aus Mitteln des Leichenhaus-Baufonds des Berliner Magistrats. Diese Kapelle wurde im Jahr 1890 unter der Leitung der Gebrüder Gustav und Carl Gause erweitert, um den weiter wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Der Nordgiebel erhielt einen kleinen Anbau mit Nebenräumen für Prediger und Sargträger, der Keller wurde vergrößert, der Eingang erhielt eine Vorhalle.

In den 1930er Jahren wurden im Zusammenhang mit der Errichtung des Eingangstores auch Räumlichkeiten für einen Blumenladen an der Greifswalder Straße ergänzt.

Im Zweiten Weltkrieg erlitt der Friedhof schwere Zerstörungen durch Bombenangriffe und Artilleriefeuer in den Kämpfen um Berlin im April/Mai 1945. Bomben- und Granattreffer während der Fliegerangriffe rissen Trichter in Wege und Gräber, Grabsteine, Denkmäler und Mausoleen wurden beschädigt,Korrespondenz Friedhofsverwaltung vom 9. Dezember 1947 zum Grabmal Fickert „fast der ganze Zaun auf dem Friedhof am Königstor vernichtet“, die Friedhofsmauer an der Heinrich-Roller Straße durchbrochen.Korrespondenz Friedhofsverwaltung vom 9. Juli 1946 zum Grabmal Scholtze Das Pfarrhaus der Gemeinde nahe dem Alexanderplatz brannte durch Brandbomben aus; es wurden sämtliche Akten vernichtet – Verträge, Legate und Eigentümerlisten. „Durch die totale Zerstörung unseres Verwaltungsbüros […] haben wir unser gesamtes Aktenmaterial […] verloren. Dadurch ist uns der Zusammenhang mit den Angehörigen verloren gegangen“.Korrespondenz Friedhofsverwaltung vom 17. September 1949 der Verwaltung zur Grabstätte Rittergutsbesitzer Bollmann Nur die alten auf dem Friedhof gelagerten Friedhofsbücher blieben erhalten.Korrespondenz Friedhofsverwaltung vom 27. August 1947 zum Grabmal Rahm

Von der Friedhofskapelle blieb lediglich eine Ruine erhalten. Umfassende Wiederaufbauarbeiten waren notwendig, damit die Trauerhalle ab März 1951 erneut in Gebrauch genommen werden konnte.

Zwischen Mai und September 1945 entstand ein Massengrab für Zivilisten, Neugeborene, Kinder und Kriegsopfer aus dem Umfeld von Prenzlauer Berg, es wird in den Stellenbüchern als „Massengrab I Greifswalder Straße“ dokumentiert.

Der zerstörte Zaun öffnete den Friedhof für Plünderer: Türen und Fenster der seinerzeit noch zahlreichen Mausoleen wurden gestohlen und verheizt, Zinkdächer abgerissen, Grüfte eröffnet, Särge geplündert, Leichen geschändet, Ascheurnen entweiht. Ein Eigentümer dokumentierte: „Die Gruft erbrochen […], die Asche meines Bruders lag ausgeschüttet in einer Ecke der Kapelle.“Korrespondenz Friedhofsverwaltung vom 21. April 1951 zum Grabmal Scholtze

Die Inflation der 1920er Jahre, die Geldentwertungen in den Jahren 1945 und 1948, sowie die Beschlagnahmung der Vermögen der Kirchengemeinde durch die Sowjetische Militäradministration ließen von den einst hinterlegten Legaten nichts mehr übrig und die Gemeinde konnte den Verpflichtungen zur Instandsetzung und Pflege der aufwendigen Grabanlagen nicht nachkommen.Korrespondenz Friedhofsverwaltung zum Grabmal Rittergutsbesitzer Bollmann vom 17. September 1949

Nutzungsberechtigte von Erbbegräbnisanlagen versuchten, diese einst teuer gekauften Stellen zu verkaufen: „Die Altberliner Bürgerfamilien, die früher Abnehmer derartiger Stellen, besonders auf dem Friedhof am Königstor waren, sind ihres Vermögens verlustig gegangen und andere Reflektanten melden sich seit Jahren überhaupt nicht mehr.“Korrespondenz Kirchmeister Koch zum Grabmal Kaufmann Wilhelm Buhlmann vom 20. Mai 1952 Personal- und Materialmangel in Ost-Berlin erschwerten und verhinderten die Renovierung und den Neubau von Familiengrablegen. Baumaterial war hierfür nicht zu erhalten und musste aus West-Berlin beschafft werden.Korrespondenz Kirchmeister Koch zum Grabmal Schlachtermeister Wilhelm Fickert vom 18. Oktober 1957 Die Ostzonen-Lage isolierte nach Westdeutschland oder ins Ausland geflüchtete Eigentümer und erschwerte ihre Möglichkeiten, in den Grabstätten ihrer Vorfahren bestattet zu werden. In der Folge der Umstände endete in den 1950er Jahren die Ära der Erbbegräbnisse auf dem Friedhof I der St. Georgen Gemeinde nach 140 Jahren.

In den 1950er und 1960er Jahren wurden die beschädigten Mausoleen abgerissen, deren Grüfte verfüllt. Unter anderem die Kapellen der Familien Rentier Schmidt (ab 1920 Rentier Gause, Baujahr um 1863), Möbelhändler Müller (Baujahr um 1865), Rentier Martiny (Baujahr um 1871), Schlächtermeister Müller (Baujahr um 1860), Rentier Eltschig (ab 1929 Kaufmann Carl Meier, Baujahr um 1866, Neugotik mit sieben Terrakotta-Türmchen), die an die 100 Jahre lang das Bild des Friedhofs bestimmt hatten, fielen dem Abriss anheim. Fünf Särge der Familie Griebenow wurden in das Mausoleum Trobach umbestattet, das neugotische Mausoleum aus der Zeit um 1852 in der Friedhofsmauer in Folge der Kriegseinwirkungen wegen Einsturzgefahr abgerissen.Totenbücher der Erbbegräbnisse (1815–1945) Nur sieben Mausoleen sind bis heute erhalten geblieben (Stand: 2026).

In der Nachkriegszeit wurden ebenfalls die Hakenkreuze auf den Grabsteinen auf dem im Nationalsozialismus eingerichteten Ehrenhain entfernt, das Friedhofspersonal wurde erneuert.Korrespondenz Kirchmeister Koch vom 12. Juni 1951 zum Grabmal Scholtze

Im Jahr 1968 erfolgte die Fusionierung der Georgengemeinde mit der Parochialgemeinde, wodurch der Friedhof für die Beerdigung von Mitgliedern beider Gemeinden zur Verfügung stand. Der Magistrat von Ost-Berlin beschloss allerdings 1970 im Einvernehmen mit der evangelischen Kirchengemeinde den Friedhof zu schließen, um die Fläche nach Auslaufen der Liegefristen zu bebauen. In der fast 30 Jahre andauernden Schließung konnte die Natur sich ungehindert entfalten und überwucherte die verwitterten Grabanlagen.

mini|hochkant|Die Trauernde, Figur auf dem Friedhof, Grabmal Schuldirektor Emil Strohmann

Nach dem Mauerfall und den folgenden organisatorischen und verwaltungstechnischen Änderungen erlaubte der neue Berliner Senat wieder Bestattungen auf dem Friedhof, eine umfassende Sanierung der Anlage fand statt. Die geplante Umwidmung nicht mehr benötigter Flächen des Georgen-Parochial- und des benachbarten Neuen Friedhofs St. Marien-/St. Nikolai zu Bauland wurde nach Einsprüchen von Anliegern vorerst gestoppt.

Auf dem Plateau hat sich ein einmaliges Erbbegräbnisquartier erhalten. Herausragend auf dem höchsten Punkt des Friedhofs gelegen, bilden die Kleinarchitekturen eine Art Bekrönung des Geländes. Wie in der realen Stadt, wird hier auch von einer „Stadtkrone“ gesprochen. Der Grabtempel der Familie Pintsch, die Mausoleen Zeitler, Wolff, Trobach-Schildert und Dellschau, die Wandgräber und die Gittergrabstätten prägen wie öffentliche Bauten und Kirchen in der Stadt die Erscheinung der „Totenstadt“.