mini|Stadtkirche Meiningen – Zentrum und Symbol der Meininger Wendebewegung Die Wende in Meiningen beschreibt die politische Wende 1989/90 in der Stadt Meiningen, die ein bedeutendes Zentrum dieser Umwälzung im heutigen Südthüringen bildete.Lexikon zur Stadtgeschichte Meiningen, Bielsteinverlag 2008, S. 235. DDR-weiter Ausgangspunkt und Zentrum der Wende war die „Friedliche Revolution“ in der sächsischen Stadt Leipzig.

Ein besonderes Merkmal der Meininger Wendebewegung war die hauptsächliche Organisation und Durchführung der Bewegung durch die evangelische Kirche. Als Keimzelle und Hauptkraft fungierte die Basisgruppe für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ der evangelischen Kirchengemeinde Meiningen. Solche Basisgruppen existierten in allen größeren Kirchengemeinden in der DDR. Die Meininger Basisgruppe hielt bereits ab 1982 Zusammenkünfte in Form von Friedensgebeten in der Meininger Stadtkirche ab und gründete 1983 den „Gesprächskreis für Frieden und Ökologie“. Ab Oktober 1989 formierten sich die Meininger Kulturschaffenden, die Großkundgebungen und Bürgerforen organisierten. Im November 1989 kam als weitere starke Kraft der Kreisverband des Demokratischen Aufbruchs hinzu. Die organisierte Wendebewegung war in Meiningen bis Ende Mai 1990 aktiv.Absatz – Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche, Verlag Börner, Meiningen 1999.

Verlauf Meiningen in den 1980er Jahren Zu der verhältnismäßig großen Wendebewegung in Meiningen trug neben den allerorts üblichen staatlichen Repressalien und Überwachungen durch die Staatssicherheit erheblich eine besondere Situation in der Stadt ähnlich wie in anderen vernachlässigten ostdeutschen Städten bei. Die Kreisstadt Meiningen lag im äußersten Südwesten der DDR direkt an der innerdeutschen Grenze zu Bayern. Die einstige in Kultur und Finanzwirtschaft traditionsreiche Residenzstadt, geprägt von wenig Industrie und einer überwiegend bürgerlichen Bevölkerung, wurde von der DDR-Regierung als unbedeutend eingestuft. Das schlug sich auch im Verteilungssystem bei Konsumgütern und Lebensmitteln nieder, wo Meiningen auf der untersten Stufe rangierte. Die Meininger mussten reisen, um ihren Bedarf decken zu können.Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche – Rückblick, Verlag Börner, Meiningen 1999, S. 8, 18, 51.

Die in der sozialistischen Mangelwirtschaft begrenzten Kapazitäten flossen im Bezirk Suhl vornehmlich in die Bezirksstadt Suhl, die der Staat zu einer schnell wachsenden, großen sozialistisch geprägten Stadt ausbaute. Für viele andere Städte und Gemeinden des Bezirkes blieben somit kaum Mittel übrig. Infolgedessen war auch die Meininger Bausubstanz und Infrastruktur dem Verfall preisgegeben. Ab den 1980er Jahren fanden deswegen zahlreiche Notabrisse von Wohngebäuden in der südlichen und westlichen Altstadt statt, die sich auf Grund von nicht mehr sanierungsfähigen Häusern bis in die 2000er Jahre fortsetzten. Es gab in der Stadt mit ihren 25.000 Einwohnern stets um die 1.400 wohnungssuchende Familien und Einzelpersonen, was zusammen mit rund 5.000 Bürgern ein Fünftel der Einwohnerschaft betraf. Hinzu kam eine große Umweltverschmutzung. So wuchs in Meiningen und seinen Umlandgemeinden die Unzufriedenheit besonders stark.

Friedensgebete und Montagskreis mini|Pfarrhaus Am Mittleren Rasen Um Veränderungen in der DDR-Gesellschaft zu erreichen, gründeten sich unter dem Dach der evangelischen Kirche Basisgruppen für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, so 1981 auch in Meiningen. Diese überwiegend aus jungen Christen bestehenden Gruppierungen konnten Anfang der 1980er Jahre wegen ihrer gesellschaftlichen Ziele nur unter dem Schutz der Kirche existieren. Eine dieser Gruppen hielt ab 1981 im Pfarrhaus „Friedensdekaden“ und 1982 unter Jugendwart Ulrich Töpfer das erste Friedensgebet in der Meininger Stadtkirche ab. 1983 bildete sich der „Gesprächskreis für Frieden und Ökologie“, der regelmäßig im Pfarrhaus Am Mittleren Rasen stattfand. Die Friedensgebete setzten sich dann bis 1989 an jedem ersten Dienstag im Monat fort. Die Ereignisse im Sommer 1989 und der steigende Zulauf zu den Friedensgebeten machte ab September eine wöchentliche Abhaltung der Friedensgebete in der Meininger Stadtkirche notwendig, die dort fortan jeden Dienstag durchgeführt wurden. Alle Friedensgebete begannen mit einem Orgelspiel, es folgte die Begrüßung der Teilnehmer, dann ein Gebet und eine Andacht, anschließend konnten sich mehrere Bürger mit persönlichen Beiträgen zu Wort melden. Im Pfarrhaus trafen sich weiter Jugendgruppen der Kirche zum allwöchentlichen Montagskreis, wo gesellschaftliche und politische Probleme erörtert wurden. Auch der Montagskreis bekam stärkeren Zulauf, darunter befanden sich auch nichtgläubige Oppositionelle.Absätze – Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche – Die Friedensgebete, Verlag Börner, Meiningen 1999, S. 59, 60, 185.

Im September 1989 fanden erste Protestaktionen einzelner kleiner meist jugendlicher Gruppen statt, bei denen Losungen an Brücken und Hauswänden angebracht wurden. Insgesamt sechs Personen von zwei dieser Gruppen konnte die Staatssicherheit ermitteln und inhaftieren, sie wurden aber am 13. Oktober nach den ersten großen Demonstrationen in Plauen und Leipzig wieder entlassen.Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche – Oppositionelle. Verlag Börner, Meiningen 1999, S. 144. Bei einem Festgottesdienst am 24. September in der Stadtkirche klagte der thüringische Landesbischof Werner Leich notwendige gesellschaftliche Veränderungen ein. Er sprach sich für eine Neufassung des Wahlgesetzes, für Reisefreiheit und offene Diskussionen und Gespräche zur Bewältigung der Missstände, aber auch für Besonnenheit aus.MfS Suhl: Bericht BSTK 000076 vom 26. September 1989.

Höhepunkte der Wende Der Herbst 1989 war der bedeutendste politische Zeitabschnitt in der tausendjährigen Geschichte der Stadt Meiningen. Zu den zahlreichen Ereignissen, deren Höhepunkte hier aufgeführt werden, zählten insgesamt 25 Demonstrationen, deren Teilnehmerzahlen sich zwischen 1.000 und 25.000 Menschen beliefen, weiterhin Bürgerforen, ein Runder Tisch und Warnstreiks.

Oktober 1989 Der Liedermacher und Texter Kurt Demmler, Mitunterzeichner der Resolution von Rockmusikern und Liedermachern für Demokratisierung und Medienfreiheit in der DDR, trat am 3. Oktober 1989 in Meiningen mit zwei Veranstaltungen auf. In einigen Liedern kritisierte er den DDR-Staat und trug anschließend die Resolution der Rockmusiker und Liedermacher und weiterhin eine Erklärung des Neuen Forums vor. Wissend um die Aktivitäten des bekannten Musikers, durchsetzten die MfS und verschiedene SED-Organe das Publikum mit zahlreichen Störenfrieden, die jedoch erst die zweite Veranstaltung nach einer Verstärkung ihres Personals empfindlich stören konnten.Generalmajor Lange, MfS: Bericht 152/89 über den Liederabend mit Kurt Demmler, Bezirksverwaltung Suhl am 4. Oktober 1989. Dennoch schrieb Demmler in das Gästebuch des Meininger Kulturhauses, Zitat: „So gut so Wut – der Dialog hat begonnen! Gute Macht, Freunde!“Kreisarchiv Meiningen

Die wöchentlichen Friedensgebete erlebten einen stark steigenden Zulauf. Anfang Oktober erwogen die kirchlichen Veranstalter um Ulrich Töpfer eine erste Demonstration nach dem Friedensgebet, konnten aber die Verantwortung für die zahlreichen Teilnehmer noch nicht übernehmen, die außerhalb der Kirche im Gegensatz zum Kircheninnenraum ungeschützt waren. Man wollte in jedem Fall friedliche Demonstrationen abhalten, aber die Zeit war noch nicht reif genug.

Am 24. Oktober 1989 fand nach dem Friedensgebet in der Stadtkirche die erste Demonstration mit rund 1.000 Teilnehmern statt. Die Route führte durch die nördliche Innenstadt beginnend am Markt durch die Georgstraße, die Marienstraße, die heutige Neu-Ulmer-Straße und die Unteren Kaplaneistraße zurück zum Markt vorbei an den Kreisdienststellen des MfS und der SED. Als Beispiel der präzisen Beobachtungen der Friedensgebete durch die Stasi dient hier deren streng vertraulicher Bericht 78/89 vom 24. Oktober. Hier werden die Teilnehmer des Friedensgebets in 800 Jugendliche bis 25 Jahre, 180 Erwachsene bis 50 Jahre und 20 Kinder unterteilt sowie die Themen des Friedensgebets, die Losungen, Sprechchöre und Route der Demonstration genannt.Generalmajor Lange, MfS: Bericht Nr. 78/89 an den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Pechauf. Verfasst am 25. Oktober 1989. Die beschriebene Strecke wurde in den kommenden Monaten außer einigen wenigen Ausnahmen immer wieder für die nun wöchentlichen Demonstrationen genutzt. Ein entscheidendes Merkmal aller Demonstrationen war das Mitführen von brennenden Kerzen als Zeichen der Friedfertigkeit, die anschließend an den verschiedenen staatlichen Einrichtungen abgestellt wurden.FW Meininger Tageblatt: Zeit-Läufe. Ausgabe vom 26. September 2009. Um den wachsenden Druck von der Straße zu nehmen und den Einfluss der Kirche zu mindern, organisierte auf Veranlassung der SED-Parteiführung der Intendant des Meininger Theaters, Jürgen Juhnke, ein erstes Bürgerforum am 29. Oktober im vollbesetzten Großen Haus des Theaters.Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche – Konkurrenz den Friedensgebeten. Verlag Börner, Meiningen 1999, S. 133. Führende Mitglieder der SED und der Blockparteien mussten sich der Bevölkerung zur Rede und Antwort stellen. Weitere Foren im Theater folgten am 5. und 12. November. Nach dem Friedensgebet am 31. Oktober 1989 nahmen bereits rund 5.000 Bürger an der Demonstration teil.

November 1989 Am 1. November gründete sich nach einem Bürgerforum im Volkshaus der Arbeitskreis „Gruppe 21“. Er war der aktivste von mehreren Bürgerinitiativen, die die Meinung, Nöte und Wünsche der Bürger vertraten, sich für freie Wahlen einsetzten und sich gegen den Führungsanspruch einer Partei oder Organisation wandten.Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche – Initiativgruppen. Verlag Börner, Meiningen 1999, S. 155. mini|Gedenkstele an der Stadtkirche Der 7. November 1989 wurde zum bedeutendsten Tag in der politischen Geschichte der Stadt. In der Stadtkirche und davor auf dem Markt versammelten sich am Abend rund 25.000 Bürger zum Friedensgebet.Strohbusch: Das Licht kam aus der Kirche – Die Friedensgebete in der Stadtkirche. Verlag Börner 1999, S. 81–92. Während der Veranstaltung traf in der überfüllten Kirche die Nachricht ein, dass die DDR-Regierung zurückgetreten sei. Die emotionale Reaktion der Menschen war anschließend unbeschreiblich. Nach dem Friedensgebet formierte sich der größte Demonstrationszug während der Wende in Südthüringen mit etwa 25.000 Teilnehmern.Generalmajor Lange, MfS Suhl: Information Nr. 191/89 über die Demonstration vom 7. November 1989, verfasst am 8. November 1989. Er nahm diesmal eine andere, längere Route und führte zusätzlich am Rat des Kreises, dem Volkspolizeikreisamt und relativ nah an einer Kaserne der Sowjetarmee vorbei. Tausende brennende Kerzen krönten die Zäune, Simse und Mauern der staatlichen Dienststellen.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 fiel die Mauer. Kurz nach Mitternacht wurde der nur zehn Kilometer entfernte Grenzübergang Eußenhausen–Meiningen für die DDR-Bürger geöffnet. In den folgenden Tagen stauten sich die aus vielen Teilen der DDR stammenden PKWs bis in das Stadtgebiet zurück und sorgten tagelang für ein Verkehrschaos. Nach dem Friedensgebet am 14. November demonstrierten wieder rund 9.000 Bürger für freie Wahlen und Reformen. Am 19. November 1989 organisierten Mitglieder des Meininger Theaters, die der Bewegung Demokratie Jetzt angehörten, eine Großdemonstration. Der Zug mit rund 10.000 Menschen führte vom Theater zum Markt, wo mehrere Redner für Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit eintraten. Der Kreisverband des Demokratischen Aufbruchs konstituierte sich am 28. November in Meiningen, der hier zur führenden politischen Oppositionskraft wurde.

Dezember 1989