mini|hochkant=1.4|Hungerstein in Děčín, Tschechien (2018)

Hungersteine sind nur bei Niedrigwasser im Flussbett oder auf Gewässergründen sichtbare große Steine. Der Name verweist auf die Gefahr einer Hungersnot bei Dürre.Stadt Worms: Hungersteine im Rhein

Auch in der Schifffahrt können niedrige Wasserstände für die Binnenschiffer hinderlich sein und Notzeiten bedeuten. Hungersteine sind oft mit Jahreszahlen oder Inschriften versehen, um an Niedrigwässer zu erinnern, im Gegensatz zu Hochwassermarken, die die Höchstwerte von Hochwassern festhalten.

Für eine Markierung von Tiefständen können auch Schotterflächen, wie an der Augustusbrücke in Dresden oder am Grenzübergang Schmilka, oder Felsen (Hungerfelsen), wie in Magdeburg und Torgau, genutzt werden.

Geschichte mini|Historische Aufnahme des Hungersteins in Tichlowitz (1904) mini|Historische Aufnahme des Hungersteins in Tetschen mini|Inschrift auf dem Hungerstein von Tetschen: Wenn Du mich siehst dann [weine]

Die Geschichte der Hungersteine reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Überliefert sind Jahresinschriften von 1417, 1473, 1616, 1654, 1666 u. a. Ins allgemeine Bewusstsein traten sie in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Darstellungen in Zeitungen und Reiseberichten. So schrieb die Teplitzer Zeitung am 30. August 1876: „Die Elbe bietet in Folge der anhaltenden Dürre einen traurigen Anblick, wie er seit 1842 nicht mehr vorgekommen ist: überall ragen die Hungersteine hervor und der Meterpegel an der Dresdner Elbbrücke wird vom Wasser gar nicht mehr berührt. Auf der böhmischen Strecke ist die Dampfschifffahrt bereits wegen der Dürre eingestellt, zwischen Dresden und Tetschen wird dieselbe in einigen Tagen aufhören, wenn kein Regen kommt.“Kleine Chronik. (Google-Digitalisat) In: Teplitzer Zeitung, 30. August 1876, Nr. 98.

1857 wird von einem Hungerstein in der Nähe von Zwingenberg im Neckar berichtet, in dem die Jahreszahlen 1590, 1766, 1814, 1822, 1832, 1834, 1842 und, damals aktuell, auch das Jahr 1857 eingehauen waren.Augsburger Tagblatt, No. 270. Freitag 2. Oktober 1857, S. 2138 (abgerufen am 9. März 2021)

1893 berichtete die Linzer Tages-Post, dass diese Steine zu Zeiten „als es noch keine meteorologischen Stationen gab“ die Jahre der Dürre markierten, wie besonders 1842 oder 1893. Sie nannte sie „die Marken der niedrigsten Wasserstände in dürrsten Jahren, eine eigenartige meteorologische Chronik“, und stellte fest, dass sie nicht nur in der Elbe, sondern auch in Flüssen wie Fulda und Weser vorkommen.Das Versiegen unserer Ströme. In: Linzer Tages-Post, 3. September 1893, S. 1. (abgerufen am 18. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB)

Auch über Hungersteine im Rhein wurde frühzeitig berichtet, so 1898 über Steine im Rheinbett bei Schaffhausen.Die Hungersteine. In: Linzer Tages-Post. 3. März 1998, S. 5. (abgerufen am 19. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB) Alfons Paquet beschrieb während seiner Rheinreise 1923 diese „Hungersteine, die jahrzehntelang im Wasser verborgen sind und bei ihrem Auftauchen Zeichen von Menschenhand verraten.“Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise. Societäts-Druckerei, Frankfurt am Main 1923, Kapitel 5. (Projekt Gutenberg, abgerufen am 19. August 2018)

1892 wurde berichtet, dass nach Erzählungen von Schiffern bei Tichlowitz ein großer Hungerstein liege, der die orakelhafte Inschrift trägt: „Wir haben geweint – Wir weinen – Und ihr werdet weinen“.Von der Elbe. In: Teplitz-Schönauer Anzeiger. 7. September 1892. (abgerufen am 19. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB)Von der Elbe. In: Prager Tagblatt. 21. Juli 1904, S. 2 f.; abgerufen am 3. September 2018 Diese Schiffersage wurde 1904 durch ein Foto bestätigt. Der Stein weist die Jahresangaben 1842, 1874, 1892 und 1904 aus und zeigt den deutschen Spruch „Wer einst mich sah, der hat geweint. Wer jetzt mich sieht wird weinen“, dem die Jahreszahl 1874 zugeordnet werden könnte.Michal Macháček: (PDF) 9. November 2015; historisches Foto eines Hungersteins auf S. 8 (tschechisch) (abgerufen am 19. August 2018) (auf Tschechisch) (Hungerstein bei Techlovie) (abgerufen am 19. August 2018)

Besondere Aufmerksamkeit wurde nach 1900 dem Hungerstein in Tetschen geschenkt, über den mit Zeichnungen 1904Ein „Hungerstein“ bei Tetschen. In: Neuigkeits-Welt-Blatt (Wien). 14. August 1904, S. 9. (mit Zeichnung vom Hungerstein bei Tetschen (Děčín)) (abgerufen am 18. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB) und 1906Die Hungersteine in der Elbe. In: Illustrierte Kronenzeitung (Wien). 23. August 1906, S. 11. (mit Zeichnung vom Hungerstein bei Tetschen (Děčín)) (abgerufen am 18. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB) und Fotos 1911Der Hungerstein in der Elbe. In: Das interessante Blatt. 31. August 1911, S. 3. (mit Foto vom Hungerstein in Tetschen) (abgerufen am 18. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB)Zur Hitzewelle in Oesterreich: Die sogenannten „Hungersteine“ im Elbeflussbett werden durch die kolossale Wasserabnahme wieder sichtbar. In: Österreichs Illustrierte Zeitung, 30. Juli 1911, S. 10 (mit Foto vom Hungerstein in Tetschen) Digitalisat von ANNO ÖNB; abgerufen am 18. August 2018 in Wiener Zeitungen berichtet wurde. Dieser Stein wurde nicht nur durch seine enorme Größe, sondern vor allem durch die Inschrift „Wenn du mich siehst, dann weine“ berühmt. 1904 war in Zeitungen zu lesen, dass tagtäglich ganze Wallfahrten zu diesem Stein stattfanden. Der Schiffseigner Franz Mayer soll durch die Schiffersage zum Tichowitzer Stein angeregt worden sein, einen ähnlichen Spruch einmeißeln zu lassen, versehen mit Datum und seinem Namen.Die Dürre und deren Folgen. In: Deutsches Südmährerblatt, 12. August 1904, S. 10; Digitalisat von ANNO ÖNB; abgerufen am 3. September 2018. Zum Schutz des Steines ließ das Wasserbauamt ferner diesen Stein ummauern.Von der Elbe-Schiffahrt. In: Wiener Zeitung, 8. September 1904, S. 6; Digitalisat von ANNO ÖNB; abgerufen am 3. September 2018. Ein Bild dieses Steins wurde auf Tausenden von Ansichtskarten in alle Welt verschickt.Die Hungersteine im Elbstrome. In: Znaimer Wochenblatt, 29. August 1906, S. 7; Digitalisat von ANNO ÖNB; abgerufen am 4. September 2018 1938 fügte der Pumpenfabrikant Frantisek Sigmund einen ähnlichen Spruch in tschechischer Sprache hinzu: „Mädchen, weine und klage nicht, wenn es trocken ist, spritze das Feld“ (siehe auch unten in der Tabelle).Hladové kameny vylézají (Hungersteine tauchen auf). Český hydrometeorologický ústav - Ústí nad Labem (Tschechisches Hydrometeorologisches Institut - Ústí nad Labem) (tschechisch) abgerufen am 4. September 2018Hladový kámen (Hungersteine). decin.estranky.cz, 27. August 2008 (tschechisch) abgerufen am 4. September 2018 Beide Sprüche sind großteils noch heute lesbar, während der überlieferte Spruch auf dem Tichowitzer Stein abgeschabt und überschrieben wurde. Die Anlage wurde von 1904 bis 1926 schrittweise zu einem Denkmal umgestaltet.

1904 wurde auch über einen im Spreewald-Dorf Trebatsch bei Berlin gefundenen Hungerstein mit der Inschrift „Wenn Ihr diesen Stein wiedersehen werdet, so werdet Ihr weinen, so flach war das Wasser im Jahre 1417“ berichtet.Die „Hungersteine“ in der Elbe. In: Neuigkeits-Welt-Blatt (Wien). 11. August 1904, S. 36. (abgerufen am 18. August 2018) (Digitalisat von ANNO ÖNB) Der Cottbuser Anzeiger soll 1904 über einen weiteren Hungerstein im Spreewald berichtet haben, der sich im Schwielochsee bei Jessern befindet und die Inschrift „Wenn du mich siehst wirst Du weinen“ aufweist.Günter Bayerl, Dirk Mayer (Hrsg.): Die Niederlausitz vom 18. Jahrhundert bis heute: Eine gestörte Kulturlandschaft? Münster / New York / München / Berlin 2002, ISBN 3-8309-1197-1, S. 209. (Google-Digitalisat)

1925 wurde von drei Hungersteinen in der Mur im Stadtgebiet von Graz mit Inschriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert berichtet.Die Hungersteine der Mur. In: Bregenzer/Vorarlberger Tagblatt, 28. Januar 1925, S. 3; Digitalisat von ANNO ÖNB; abgerufen am 4. September 2018Hungersteine in der Mur. In: (Neuigkeits) Welt Blatt, 28. Januar 1925, S. 5; Digitalisat von ANNO ÖNB; abgerufen am 4. September 2018

Bekannte Hungersteine Gewässer Ort Bemerkungen Bild Elbe Děčín (Tetschen) linkes Elbufer, unterhalb der Tyrš-Brücke Der ca. 6 m³ große Stein markiert mit verschiedenen Jahreszahlen die Niedrigwasserstände der Elbe. Die älteste lesbare Inschrift stammt von 1616. Ältere Inschriften (1417, 1473) wurden im Laufe der Zeit durch ankernde Schiffe abgerieben. Der Stein ist zudem mit dem tschechischen Spruch „Mädchen, weine und klage nicht, wenn es trocken ist, spritze das Feld“ („Neplač holka, nenaříkej, když je sucho, pole stříkej“.) versehen. Dieser Spruch wurde wahrscheinlich 1938 vom Pumpenfabrikant Frantisek Sigmund angebracht. Der Spruch entstand in Anlehnung an den älteren deutschen Spruch „Wenn du mich siehst, dann weine“.iDNES.cz: Labe je 24 centimetrů pod hladinou sucha, odhalilo všechny hladové kameny (Die Elbe liegt 24 cm unter dem Trockenpegel und enthüllt alle Hungersteine), 25. Juli 2018, (auf Tschechisch) (abgerufen am 18. August 2018)