mini|Alfred Schütz Alfred Schütz, auch Alfred Schutz, (* 13. April 1899 in Wien, Österreich-Ungarn; † 20. Mai 1959 in New York City) war ein aus Österreich stammender Soziologe, der als Begründer der phänomenologischen Soziologie gilt und sich – ausgehend von Edmund Husserl, Henri Bergson und Max Weber – der Frage der Intersubjektivität widmete.
Biographischer Hintergrund Beruflicher Werdegang Am 13. April 1899 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren, erwarb Alfred Schütz 1917 vorzeitig auf dem Wiener Esterhazy-Gymnasium sein Reifezeugnis („Notmatura“), meldete sich im März desselben Jahres freiwillig zum Dienst im Österreichisch-Ungarischen Heer und wurde mehrfach ausgezeichnet.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahm Schütz ein Studium der Rechtswissenschaften, Ökonomie und Philosophie an der Universität Wien auf, schloss 1921 die staatswissenschaftlichen und juristischen Staatsprüfungen sowie Rigorosa ab und erwarb den akademischen Grad eines Doktors der Jurisprudenz.Dirk Kaesler (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. Band I, 5. Aufl., S. 338, Verlag C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54749-4 Von 1921 bis 1925 war er Sekretär des Österreichischen Bankenverbands und arbeitete seit 1924 als Rechtsberater des Wiener Bankhauses Kompaß Allgemeine Kredit- und Garantiebank.Sabine Sander: Dialogische Verantwortung. Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2017, S. 62, ISBN 978-3-8467-6220-2 Ab 1929 war Schütz als Prokurist für die Wiener Privatbank Reitler & Co. tätig. Nachdem die Bank 1938 durch die Nationalsozialisten übernommen und Schütz entlassen worden war, ging dieser nach Frankreich ins Exil. Dort arbeitete er als Rechtsberater für die Pariser Bank R. Gaston-Dreyfus & Co. und verhalf anderen Juden zur Flucht aus dem Großdeutschen Reich.
Beim deutschen Einmarsch in Österreich war Schütz auf einer Geschäftsreise in Paris. Er wollte zu seiner Familie zurückreisen, doch sein Freund und geschätzter Kollege Aaron Gurwitsch überredete ihn dazu, in Paris zu bleiben. Schütz’ Frau Ilse löste den Haushalt in Wien auf und beantragte die Auswanderung.
Die Zerschlagung der Tschechoslowakei veranlasste Schütz dazu, seine Emigration in die USA in die Wege zu leiten. Gemeinsam mit seiner Familie übersiedelte er am 14. Juli 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an Bord der „New Amsterdam“ nach New York (USA). Dort schloss er sich Emil Reitler (1886–1949), dem ehemaligen Besitzer der Bank Reitler & Co., und seinen Wiener Berufskollegen Robert Lambert und Paul Jeral an. Gemeinsam berieten sie ehemalige Kunden von Reitler & Co. in Finanzfragen. Nach dem Krieg reiste Schütz wiederholt nach Europa, um alte Geschäftskontakte wiederzubeleben.
Neben seiner Arbeit als Finanzberater widmete sich Alfred Schütz in seiner Freizeit der Soziologie.Michael D. Barber: The Participating Citizen – A Biography of Alfred Schutz. State University of New York Press, Albany 2004, S. 19f., ISBN 0-7914-6141-6. 1956 erhielt er eine Anstellung als Full Professor of Sociology and Social Psychology an der New School for Social Research in New York und konnte es sich erstmals finanziell erlauben, sich voll seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zu widmen.Dirk Kaesler (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. Band I, 5. Aufl., S. 313, Verlag C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54749-4
Wissenschaftlicher Werdegang Schütz’ Denken war u. a. von der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ geprägt, die Ende des 19. Jahrhunderts von Carl Menger gegründet worden war. Die Menger-Schüler Friedrich von Wieser und Ludwig von Mises waren Lehrer Schützens in Wien, ebenso der Rechtsphilosoph Hans Kelsen und der dem Wiener Kreis nahestehende Felix Kaufmann. Auch seine Freunde Fritz Machlup und Erich Vögelin beeinflussten Schütz; Vögelin regte ihn an zur Lektüre von Henri Bergson, einem Vertreter der Lebensphilosophie des 19. Jahrhunderts, und Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie. 1932 erschien Schütz’ erste und zu Lebzeiten einzige Monographie Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie (1932), die die Sozialwissenschaften nachhaltig beeinflusste. Durch die Freundschaft mit Aron Gurwitsch, einem aus Litauen stammenden Philosophen, den Schütz in Paris kennengelernt hatte, intensivierte sich seine Beschäftigung mit Husserls Phänomenologie.
Der Ansatz der Phänomenologie bei Husserl besteht darin, zu analysieren, wie Gegenstände als Phänomene („Erscheinungen“) vom Bewusstsein wahrgenommen werden, da sie nur als solche überhaupt wahrgenommen werden können. Husserl hatte den Versuch unternommen, neuropsychologische Erkenntnisse auszuschließen, da der Sinn seiner Meinung nach keine naturalistische Zugangsweise verlange, sondern eine deskriptive und nach allgemeinen Strukturen fragende Untersuchung des Bewusstseins. Damit der wahre Wesensgehalt einer Sache erkannt werden könne, müssten wir eine (phänomenologische) Reduktion vornehmen, die uns einen neutralen Blick auf die Dinge des Lebens erlaube. Auch war für Husserl das Denken selbst nicht existent, da wir stets nur von etwas „denken“ könnten.
Schütz knüpfte an die Phänomenologie Husserls und dessen Vorstellung der „Lebenswelt“ als intersubjektiv sinnvoller Welt an. Vor diesem Hintergrund fragte er nach den Prozessen der sozialen Konstitution von Sinn. In Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt versuchte Schütz die „Verstehende Soziologie“ Max Webers phänomenologisch zu fundieren. Ausgehend von Husserls Philosophie der Lebenswelt konzipierte Schütz eine Soziologie des Alltags und der damit verbundenen Arbeit.
Im amerikanischen Exil fand Schütz nur schwer Anschluss an die wissenschaftliche Gemeinschaft, die zu dieser Zeit von Talcott Parsons und dessen Strukturfunktionalismus dominiert war. Der Austausch zwischen Schütz und Parsons, den ihr Briefwechsel dokumentiert, scheiterte schließlich. Schütz fand auf andere Weise Zugang zur amerikanischen Sozialwissenschaft: Einerseits wurde er Vorstandsmitglied der International Society of Phenomenology und 1941 Mitherausgeber der von Marvin Farber gegründeten Zeitschrift Philosophy and Phenomenological Research, andererseits begann er 1943 an der New School for Social Research in New York zu lehren. Diese Hochschule hatte sich zum Ziel gesetzt, aus Europa in die USA emigrierte Sozialwissenschaftler zu unterstützen. Von 1952 bis 1956 war Schütz an der New School Chairman of the philosophy department und wurde 1956 dort schließlich zum Full Professor of Sociology and Social Psychology berufen. Er starb aber bereits drei Jahre später, 1959. Sein geplantes und bereits begonnenes Hauptwerk Strukturen der Lebenswelt wurde postum von seinem Schüler Thomas Luckmann vollendet. Ebenso erschien ein Großteil seiner Artikel erst postum, gesammelt in Collected Papers I–III (1962, 1964, 1966), (deutsch: Gesammelte Schriften I–III, 1971).
Im Folgenden soll die theoretische Position dargestellt werden, die Schütz in Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt (1932), in Reflections on the Problem of Relevance (1970) (deutsch: Das Problem der Relevanz 1971) und in den Aufsätzen entwickelt hat, die sich in den Collected Papers I–III (1962, 1964, 1966) bzw. Gesammelten Aufsätzen I–III (1971) finden.
Die phänomenologische Begründung der Soziologie In seiner Bemühung, eine philosophische Grundlegung der Sozialwissenschaften und dabei insbesondere der Soziologie zu erarbeiten, folgt Alfred Schütz dem Vorhaben Max Webers, Soziologie als strenge Wissenschaft auf handlungstheoretischer Basis zu begründen. Schütz kritisiert dabei an Weber, dass dieser zwar die Werkzeuge zum Verstehen des sozialen Sinns von Handlungen geschaffen hat, eine philosophische Begründung des Sinnverstehens aber unterlässt. Für Weber besteht soziales Handeln in der Verknüpfung von Verhalten und subjektivem Sinn. In seiner „Verstehenden Soziologie“ geht es vor allem darum, zu klären, wie ein wissenschaftlicher Beobachter den subjektiven Sinn, den ein Akteur mit seinem Handeln verbindet, erfassen kann. Er bestreitet dabei, dass dieser Sinn dem Akteur selbst unverfälschter oder zuverlässiger zugänglich ist als dem wissenschaftlichen Beobachter. Schütz setzt hingegen beim Handelnden selbst an und fragt nach der Konstitution subjektiven Sinns, d. h. wie der Akteur selbst Sinn erzeugt und erfährt. Dem wissenschaftlichen Beobachter ist der subjektive Sinn einer Handlung, wie ihn der Handelnde selbst erfährt, nicht zugänglich und sein Verständnis kann nie identisch mit dem des Akteurs sein.
Dieses Problem des Fremdverstehens betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen Wissenschaftler und handelndem Subjekt. Wenn der Sinn einer Handlung nämlich nur demjenigen verständlich ist, der sie ausführt, nicht aber dem jeweils „Anderen“, stellt sich die Frage, wie unsere alltägliche Kommunikation als funktionierend empfunden werden kann. Wie ist gesellschaftliches Zusammenleben möglich, ohne den subjektiven Sinn zu kennen, den Andere mit ihren Handlungen verbinden? Schütz zufolge greifen Akteure im Alltag auf bestimmte Methoden zurück, die es ihnen ermöglichen, von einem intersubjektiv geteilten Sinn auszugehen. Er untersucht die Bedingungen und Prinzipien, die diese Erzeugung von intersubjektivem Sinn leiten.
Soziale Handlung, Sinn und Subjektivität Vorerst geht die Analyse Schütz’ aber vom Ego, dem Erleben des einsamen Ichs aus. Bergson folgend, ergibt sich für Schütz sinnhaftes Handeln erst in der Reflexion des Ichs auf bereits vergangene Erlebnisse. Während des Vollzugs einer Handlung, also während des Handelns selbst, kann ihr vom Akteur kein Sinn beigelegt werden. Erst durch den Rückgriff auf den Entwurf oder Plan, der zu der Handlung führte, kann diese einen subjektiven Sinn entfalten. „Nur das Erlebte ist sinnvoll, nicht aber das Erleben“ (Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: S. 49). Schütz unterscheidet strikt zwischen dem Handeln als Tätigkeit (lateinisch actio) und der Handlung als gedanklichen Entwurf (actum), wobei das Handeln das Sinnhafte in der Handlung (im „Handlungsentwurf“) findet. Diese Trennung zwischen Handeln und Handlung hebt Schütz’ Zugangsweise von der Webers ab, an dieser kritisiert Schütz:
„Weber macht zwischen Handeln als Ablauf und vollzogener Handlung, zwischen dem Sinn des Erzeugens und dem Sinn des Erzeugnisses, zwischen dem Sinn eigenen und fremden Handelns, bzw. eigener und fremder Erlebnisse, zwischen Selbstverstehen und Fremdverstehen keinen Unterschied. Er fragt nicht nach der besonderen Konstitutionsweise des Sinnes für den Handelnden, nicht nach den Modifikationen, die dieser Sinn für den Partner in der Sozialwelt oder für den außenstehenden Beobachter erfährt, nicht nach dem eigenartigen Fundierungszusammenhang zwischen Eigenpsychischem und Fremdpsychischem, dessen Aufklärung für eine präzise Erfassung des Phänomens ‚Fremdverstehen‘ unerläßlich ist“ (Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: S. 5).
In der Auseinandersetzung mit Webers Sinnbegriff stellt Schütz fünf Sinnschichten dar. Auf der Ebene der ersten Schicht ist Sinn unabhängig von einem konkreten Anderen, er wird vielmehr Dingen der Umwelt zugeschrieben (z. B. eine Tür lässt sich öffnen). Der zweite Sinnbegriff richtet sich auf die Existenz eines Anderen (z. B. weil jemand klopft, öffne ich die Tür), während der dritte schon das Verhalten des Anderen antizipiert (ich öffne die Tür und grüße). In der vierten Sinnschicht kommt es zu einer wechselseitigen Verhaltensorientierung, in der sich die Handlungen des Akteurs an dem erwarteten Verhalten des Anderen orientieren (ich überlege, ob ich ihn empfangen soll oder nicht). Aus diesen vier Schichten ergibt sich ein konstitutiver Sinnzusammenhang für den Handelnden selbst, d. h. für sein eigenes Verständnis der Handlung. Davon unterscheidet Schütz aber die fünfte Sinnstufe, die der Sinndeutung durch Andere. Die Aufgabe der Soziologen als möglicher „Anderer“ ist es, diese vierschichtige Sinnkonstitution des Handelnden zu verstehen.