Die Arbeiterwohlfahrt e. V. (AWO) ist ein dezentral organisierter deutscher Wohlfahrtsverband, der auf persönlichen Mitgliedschaften in seinen Ortsvereinen aufbaut. Sie ist einer der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege und mit rund 210.000 hauptamtlichen Mitarbeitern einer der großen Arbeitgeber in Deutschland.

Ihre Hauptaufgabe ist es, sozial schlechter gestellte Menschen zu unterstützen. Heutzutage betreut sie hauptsächlich Menschen mit Behinderungen und Senioren, betreibt aber beispielsweise auch Kindergärten, offene Ganztagsschulen, psychiatrische und forensische Kliniken, Einrichtungen für Ferienfreizeit und Beratungsstellen für Migranten, Asylbewerber und Menschen in Notlagen. Sie bekennt sich zu den Werten des freiheitlich-demokratischen Sozialismus.

Geschichte

Entstehung und frühe Entwicklung während der Weimarer Republik (1919–1923) mini|Historisches Schild am Gebäude der AWO in Lüdenscheid (2008)mini|Marie Juchacz (um 1919)Am 13. Dezember 1919 gründete Marie Juchacz (1879–1956), die zu den ersten Frauen in der Nationalversammlung gehörte, die AWO als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD. Neben ihr waren u. a. Elfriede Ryneck (2. Vorsitzende), Lore Agnes, Walter Friedländer, Robert Görlinger, Julius Moses, Louise Schroeder, Grete Vogel, Hedwig Wachenheim und Jeannette Wolff Gründungsmitglieder.Gründung der AWO Reichspräsident Friedrich Ebert beschrieb sie mit dem Motto „Arbeiterwohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft“. Zunächst versuchte sie, vor allem die Not der durch den Ersten Weltkrieg Geschädigten zu lindern, indem sie Nähstuben, Suppenküchen,Von der Suppenküche zur sozialen Anwaltschaft, bei AWO Düsseldorf (abgerufen am 21. Oktober 2023) Werkstätten zur Selbsthilfe und Beratungsstellen einrichtete. Später entwickelte sie sich zu einer Hilfsorganisation für alle sozial bedürftigen Menschen.

Im Jahr 1920 veröffentlichte der Hauptausschuss die ersten vorläufigen Richtlinien für seine Arbeit und die Tätigkeiten der wachsenden Anzahl von Ortsausschüssen und -einrichtungen. Die Arbeiterwohlfahrt konnte in dieser frühen Phase keine bedeutenden Ressourcen aufbauen und finanzierte sich größtenteils aus „Arbeitergroschen“, veranstaltete eine eigene Lotterie und verkaufte Arbeiter-Wohlfahrtsmarken.

Im Januar 1925 beschloss die AWO bei einer Vertreterkonferenz in Berlin die Bildung eines Hauptausschusses und das Entstehen von elf Fachkommissionen. Im April desselben Jahres wurde die Arbeiterwohlfahrt e. V. beim Amtsgericht Berlin-Mitte eingetragen. 1926 erschien unter der Leitung von Hedwig Wachenheim zum ersten Mal die Zeitschrift Arbeiterwohlfahrt mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren. 1928 etablierte die Organisation eine eigene Schule, die Wohlfahrtsschule der Arbeiterwohlfahrt zur Ausbildung kommender Fürsorgerinnen und Fürsorger in Berlin und bildete in den folgenden Jahren viele Frauen und Männer für soziale Berufe aus. Schule und Geschäftsstelle des Hauptausschusses bezogen ein Gebäude am heutigen Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg.

In den Jahren nach der Gründung entwickelte sich die AWO zu einer bedeutenden Organisation. 1931 engagierten sich mehr als 130.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in rund 2.500 Ortsausschüssen mit verschiedenen lokalen Einrichtungen.

Entwicklung während des Nationalsozialismus (1933–1945) Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers wurde die AWO zunächst erfolglos gleichzuschalten versucht und dann aufgelöst und verboten. Einige Mitglieder arbeiteten illegal weiter, so Johanna Kirchner, die mithalf, bedrohte Personen aus der Arbeiterbewegung ins Exil zu schleusen.

Nachkriegszeit und Bonner Republik (1946–1989) Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die AWO 1946 in Hannover als parteipolitisch und konfessionell unabhängige Hilfsorganisation neu gegründet. In der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR wurde sie nicht zugelassen. Eine Ausnahme bildete hier Ostberlin, wo die AWO bis zum Mauerbau im August 1961 als gesamtstädtischer Landesverband arbeitete. Details über die Neugründungsjahre sind aufgrund der verfügbaren Quellen nicht einfach zu rekonstruieren, bekannt ist jedoch, dass Marie Juchacz aus dem amerikanischen Exil mithilfe von Spenden Büchertransporte organisierte, um die SPD-Bibliothek neu auszustatten. Es wird davon ausgegangen, dass auch die Bibliothek der AWO mit entsprechenden Spenden bedacht wurde. Das AWO-Jahrbuch 1950/51 erwähnte die Bibliothek als neues zentrales Dienstleistungszentrum der Organisation.

Im Jahr 1959 hatte die AWO bundesweit 300.000 Mitglieder, 5.000 Ortsvereine, 353 Heime, 250 Kindergärten, 4.000 hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und über 70.000 Helferinnen und Helfer.

Ab November 1989 gründeten sich mit Unterstützung westdeutscher AWO-Verbände die ersten Ableger der Arbeiterwohlfahrt im Osten. Besonders hervorzuheben ist eine frühe Wiedergründung, noch zu DDR-Zeiten am 18. Februar 1990, 57 Jahre nach ihrem Verbot, in Sonneberg auf Initiative des bayerischen Landtagsabgeordneten Walter Knauer und des Sozialmanagers Edmund Fröhlich.Edmund Fröhlich, Theresia Danco (Hrsg.): Nach 57 Jahren: Die AWO gründet sich in Thüringen wieder. In: Quo vadis Freie Wohlfahrtspflege. Bank für Sozialwirtschaft; Köln, 1990

Zwei Jahre nach der Neugründung in Hannover begann die AWO ihre organisatorischen Verknüpfungen zur Sozialdemokratie zu lösen und entwickelte sich schrittweise zu einem der großen unabhängigen Verbände der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Deutsche Wiedervereinigung und jüngere Geschichte (seit 1990) Am 10. November 1990 schlossen sich die einzelnen Verbände der Arbeiterwohlfahrt in ganz Deutschland zusammen. Die AWO ist seitdem in ganz Deutschland tätig. Der Sitz des Bundesverbandes befindet sich in Berlin. Sie ist Trägerin des DZI-Spenden-Siegels.

Die Arbeiterwohlfahrt sieht sich selbst den Grundwerten Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verpflichtet und arbeitet im ehrenamtlichen wie im hauptamtlichen Bereich nach den Leitsätzen und dem Leitbild der AWO, das zumindest bei einigen Neueinstellungen auch für Mitarbeiter verbindlich ist.

Struktur und Organisation mini|Modernes AWO-Logo bis Mai 2008Die AWO gliedert sich in 30 Bezirks- und Landesverbände, 397 Kreisverbände und 3268 Ortsvereine. Die AWO wird bundesweit getragen von 317.767 Mitgliedern, 73.753 ehrenamtlichen und 230.873 hauptamtlichen Mitarbeitern. Die AWO unterhält in allen Bundesländern über 18.000 Einrichtungen und Dienste/Dienstleistungen, darunter: Heime inklusive Wohngemeinschaften Tagesstätten, etwa für Kinder und Jugendliche und für alte Menschen, dabei etwa 2.300 Kindertagesstätten deutschlandweitHinweis in: Vorwärts 7/8 2013, S. 13 Auskunfts- und Beratungsstellen, z. B. für Alte, Arbeitslose, Familien, Schwangere, Behinderte, Jugendliche, Ausländer ambulante Dienste insgesamt, darunter sozialpflegerische Dienste Beratungsstellen unterschiedlichster Art, einschl. Geschäftsstellen Tages- und Werkstätten für Arbeitslose, Werkstätten aller Art

Die AWO ist Trägerin von über 2.100 Heimen, darunter: Altenheime, Altenpflegeheime, Altenwohnheime, Tagespflegeheime Heime/Wohngemeinschaften für Behinderte/psychisch Kranke Wohnheime für Aussiedler und Ausländer Heime/Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche Aus-, Fort- und Weiterbildungsstätten Einrichtungen der Gesundheitshilfe wie z. B. Erholungs- und Kurheime Frauenhäuser

Im Rahmen der AWO sind zudem über 3.500 Selbsthilfe-, Helfer- und andere Gruppen Bürgerschaftlichen Engagements tätig, darunter:

in Altenclubs, Seniorengruppen in der Jugendhilfe/Jugendarbeit für chronisch Kranke und Behinderte gesundheitliche Selbsthilfe- und Kontaktgruppen Freiwilligenagenturen/-büros Helfergruppen für Menschen in besonderen Notlagen (etwa Arbeitslosen-Selbsthilfe, Frauen-Selbsthilfe) in der Familienhilfe

Über 800 selbstständige Einrichtungen, Initiativen und Organisationen haben sich der AWO auf allen Ebenen als korporative Mitglieder angeschlossen.Zu diesem Abschnitt

Partner der AWO Das Bundesjugendwerk der AWO ist der eigenständige Kinder- und Jugendverband der AWO. Es wurde 1978 gegründet. Das Bundesjugendwerk der AWO arbeitet als Dach der Landes- und Bezirksjugendwerke eng mit seinen Gliederungen zusammen und veranstaltet für die haupt- und ehrenamtlich Engagierten Arbeitstagungen, Seminare und Treffen. Das Bundesjugendwerk mischt sich – als Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche – in politische Diskussionen ein. auf der Homepage der AWO Die AWO ist Gründungsmitglied der Aktion Mensch.

Korporative Mitglieder Vereinigungen mit sozialen Aufgaben können sich der Arbeiterwohlfahrt als korporatives Mitglied anschließen. Die AWO kann so die Basis ihrer eigenen Arbeit verbreitern, neue Aufgaben aufgreifen und Verbündete zur Durchsetzung ihrer sozial- und fachpolitischen Ziele gewinnen.

AWO International Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Naturfreunde Deutschlands Notmütterdienst Sozialverband Deutschland

Vorsitzende

1919–1933: Marie Juchacz, SPD, Ehrenvorsitzende bis zu ihrem Tod 1956 1946–1949: Robert Görlinger, SPD 1949–1965: Heinrich Albertz, SPD, später Regierender Bürgermeister von Berlin 1965–1971: Lotte Lemke, SPD, Ehrenvorsitzende bis zu ihrem Tod 1988 1971–1983: Kurt Partzsch, SPD, Ehrenvorsitzender bis zu seinem Tod 1996 1983–1989: Hermann Buschfort, SPD 1989–1991: Otto Fichtner, SPD 1991–2004: Manfred Ragati, SPD, Ehrenvorsitzender 2004–2008: Wilhelm Schmidt, SPD Die Bundeskonferenz 2008 beschließt die Einführung eines Präsidiumsmodells und damit eine Umstrukturierung des Bundesverbandes. Seit November 2008 hat die AWO so einen hauptamtlichen Vorstand und ein ehrenamtliches Präsidium. 2008–2009: Rainer Brückers 2010–2020: Wolfgang Stadler Vorsitzender des Vorstands 2021–2022: Jens Michael Schubert ab 2022: Brigitte Döcker Vorsitzende des Vorstands ab 2022: Claudia Mandrysch Vorständin, ab 2024 Teil einer Doppelspitze ab 2024: Dr. Marvin Deversi Vorstandsmitglied in Doppelspitze Unter dem Motto „Demokratie sozial und gerecht. Mit uns.“ tagte am 18. und 19. Juni 2021 die Bundeskonferenz der Arbeiterwohlfahrt. 167 Delegierte und das Präsidium verabschiedeten verschiedene Beschlüsse und wählten erstmals eine Doppelspitze zum Vorsitz des Präsidiums: Kathrin Sonnenholzner und Michael Groß folgen Wilhelm Schmidt in seinem Amt.

Ehrenamtliche Präsidenten (seit 2008)

von 2008 bis 2021: Wilhelm Schmidt seit 2021: Kathrin Sonnenholzner und Michael Groß

Auszeichnungen der AWO Die Marie-Juchacz-Plakette ist eine Ehrenauszeichnung, die von der Arbeiterwohlfahrt verliehen wird. Sie ist die höchste Auszeichnung dieses Verbandes. Namensgeberin ist die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, Marie Juchacz. Die Auszeichnung wird an Mitglieder der Arbeiterwohlfahrt verliehen, die besonderes Engagement für den Verein gezeigt haben und politisch für die Belange der AWO eingestanden sind.

Mit dem Lotte-Lemke-Preis werden Institutionen, Organisationen, Vereine, Verbände, deren Vertreter, aber auch Einzelpersonen ausgezeichnet, die mit ihrem Handeln den einzelnen Leitsätzen und Aussagen des Leitbildes der AWO entsprechen, die nachhaltig soziale Projekte, Initiativen, national wie internationale wohlfahrtspflegerische Aufgaben der AWO entwickelt, gestaltet, unterstützt und gefördert haben. Benannt ist der Preis nach der langjährigen Vorsitzende der AWO Lotte Lemke.

Mit der Verleihung des Heinrich-Albertz-Friedenspreises zeichnet der Bundesverband der AWO seit 1999 eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens für ihr Engagement für den sozialen Frieden aus.

Kontroversen

Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung