Die mongolischen Sprachen bilden eine in Asien und Europa vor allem in der Mongolei, in China und Russland, vereinzelt auch in Afghanistan verbreitete Sprachfamilie von etwa 15 relativ nah verwandten Sprachen mit rund 7,5 Mio. Sprechern. Sie unterscheiden sich nicht so sehr im Wortschatz, dafür stärker in der Morphologie (Formenbildung) und Syntax.

Nur in der Inneren Mongolei in China ist die traditionelle mongolische Schrift Standard,Minglang Zhou: Multilingualism in China: The Politics of Writing Reforms for Minority Languages 1949–2002. Walter de Gruyter, 2003, ISBN 3-11-017896-6, S. 294. Google Books die mongolischen Schriftsprachen in anderen Ländern werden im kyrillischen Alphabet geschrieben.

mini|350px|Verbreitungsgebiete der Mongolischen Sprachen mini|350px|Sprachen der Welt: Mongolische Sprachen hellgrün

Mongolisch als Untergruppe der altaischen Sprachen Die mongolischen Sprachen werden oft in einen genetischen Zusammenhang mit den tungusischen und turkischen Sprachen gestellt und mit diesen als „altaische Sprachfamilie“ zusammengefasst.zuweilen als „transeurasischen/makro-altaischen Gruppierung“ zusammengefasst; Martine Robbeets: Hirse und Bohnen, Sprache und Gene: Die Herkunft und Verbreitung der transeurasischen Sprachen. Forschungsbericht 2015 - Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Die zweifelsohne vorhandenen typologischen und lexikalischen Übereinstimmungen zwischen mongolischen, tungusischen und turkischen Sprachen lassen sich jedoch auch durch eine gegenseitige Beeinflussung infolge von Sprachkontakten anstatt durch genetische Verwandtschaft erklären. Dazu ausführlich der Artikel Altaische Sprachen.

Die bedeutenden Sprachen

Folgende mongolische Sprachen haben mindestens 100.000 muttersprachliche Sprecher:

Sprache Sprecherzahl verbreitet in folgenden LändernMongolisch5 bis 6 Mio.Mongolei (davon 2,5 bis 3 Mio. Chalcha-Dialekt),China (Innere Mongolei) Burjatisch450.000Russland, Mongolei, China Oiratisch350.000Mongolei, China Santa (Dongxiang)250.000China Kalmückisch (Kalmyk)180.000Russland Mangghuer 150.000China Dagurisch (Daur, Dahuren) 100.000China Ordos (Urdus)100.000China

Klassifikation Die genetische Einheit der mongolischen Sprachen ist völlig unstrittig, allerdings wird die innere Struktur dieser Sprachfamilie – vor allem auch wegen der relativ großen Ähnlichkeit der meisten Sprachen, die zu Abgrenzungsproblemen führt – durchaus rege diskutiert. Die traditionelle Klassifikation in einen west- und ostmongolischen Hauptzweig, sowie in eine Restkategorie sogenannter Randsprachen war ausschließlich areal statt genetisch motiviert, wobei die aktuelle, aber nicht die historische Verteilung der Sprachen zugrunde gelegt wurde.

Die vorliegende stärker genetisch orientierte Klassifikation basiert vor allem auf V. Rybatzki, Intra-Mongolic Taxonomy. In: J. Janhunen (Hrsg.): The Mongolic Languages (2003). Zur Klassifikation wurde der Umfang der lexikalischen Gemeinsamkeiten der einzelnen Sprachen herangezogen.

Mongolisch (14 Sprachen, 7,5 Mio. Sprecher) Dagur (Nordost-Mongolisch) Dagur (alternativ Dahur, Tahur, Daur, Dahuren u. a.) (100 Tsd.) Burjat (Nord-Mongolisch) Chamnigan (Mongol-Chamnigan) (2 bis 3 Tsd.) (bilingual mongol.-tungus.) Burjatisch (Buryat, Buryaad) (450 Tsd.) Chalcha-Oirat (Zentral-Mongolisch) Chalcha-Ordos Mongolisch (5 bis 6 Mio.) Jerim-Dialektgruppe: Chortschin, Jasagtu, Jarut, Jalait-Dörbet, Gorlos Juu-Uda-Gruppe: Aru Chortschin, Baarin, Ongniut, Naiman, Aochan Josotu-Gruppe: Charatschin, Tümet Ulan-tsab-Gruppe: Tschachar, Urat, Darchan, Muumingan, Dörben Küüket, Keschigten Shilingol-Gruppe: Üdzümütschin, Khuutschit, Abaga, Abaganar, Sönit Dialektgruppe der äußeren Mongolei: Chalcha, Chotogoit, Darchat, Tsongol, Sartul, Dariganga Ordos (Urdus) (100 Tsd.) Oirat-Kalmyk Oiratisch (Oirat, Oyirad) (350 Tsd.) Kalmückisch (Kalmyk) (180 Tsd.) Shira Yugur (Süd-Zentral-Mongolisch) Shira Yughur (Dongbu Yugu, Ost-Yughur, Nggar) (3 Tsd., ethnisch 6 Tsd.) Monguor-Santa (Südost-Mongolisch) Mongghuol (Huzhu Mongghul, Monguor, Tu) (150 Tsd., ethnisch 200 Tsd.) Mangghuer (Minhe Mangghuer) (25 Tsd.) Bonan (Bao'an, Paoan, Paongan) (6 Tsd.) Kangjia (0,4 Tsd.) (erst in den 1990er Jahren entdeckt) Santa (Sarta, Dongxiang, Tungxiang, Tung) (250 Tsd.) Moghol (Südwest-Mongolisch) Mogholi (Moghol) (200 Sprecher, ethnisch 3 Tsd.)

Geographische Verbreitung nach Staaten Die mongolischen Sprachen sind in der Mongolei, China, Russland und Afghanistan verbreitet. Die folgende Tabelle zeigt die Verbreitung der Sprachen mit den aktuellen Sprecherzahlen in den einzelnen Ländern.

Mongolische Sprachen – Verteilung nach Staaten

Sprache Sprecherzahl verbreitet in folgenden LändernDAGUR  Dagur100.000China (Innere Mongolei, Xinjiang)BURJAT  Burjatisch450.000Russland 320.000, China 65.000, Mongolei 65.000Chamnigan3.000Russland (Transbaikalien) bilingual mongolisch-tungusischCHALCHA-OIRAT  Mongolisch5 bis 6 Mio.Mongolei 2,5 Mio. (hauptsächlich Chalcha), China (Innere Mongolei) 3 bis 3,5 Mio.Ordos (Urdus)100.000 China (Innere Mongolei)Oiratisch350.000Mongolei 200.000, China 150.000Kalmückisch150.000Russland (Kalmückien)SHIRA-YUGUR  Shira Yugur3.000China (Gansu)MONGUOR-SANTA  Mongghuol (Monguor)100.000China (Qinghai)Mangghuer30.000China (Qinghai)Bonan (Paoan)600.000China (Qinghai, Gansu)Kangjia400China (Qinghai) erst in den 1990er entdecktSanta (Dongxiang)600.000China (Gansu)MOGHOL  Mogholi200Afghanistan (bei Herat)

Lexikalischer Vergleich Dass die mongolischen Sprachen eng miteinander verwandt sind, zeigen die folgenden Wortgleichungen aus dem Grundwortschatz der wichtigsten modernen mongolischen Sprachen. Zusätzlich ist die protomongolische oder altmongolische Form, die Form des literarischen Mongolisch (seit dem 12. Jahrhundert in uighurischer Vertikalschrift überliefert, im 17. Jahrhundert fixiert) und die mittelmongolische Form (13. bis 16. Jahrhundert) aufgeführt.

BedeutungProto-Mongol.Literar.Mongol.Mittel-Mongol.ChalchaBurjatKalmykOrdosBaoanMonguorDagurYugurVater*abu abu abu aav aba awə abe abe aba . abaMutter*ebejebei ebej(evij, eej) ebı ewə . . . ewe .Sohn/Enkel *ači ači ači ač aša ačə ači . ači . .Bruder*akaaqa aqa (ax) axa axə axa . aga akaagaFrauenbrust*kökönkökün kokan xöx xüxen kökn göxö kugo kugo .hgönBlut*čisu čisu čisun cus šuhan cusn djusu čisoŋ cəsu čosčusunKopf*tolugaitoluɣai. tolgojtolgojtolɣa tologo. tolGui.toloɣuiAuge*nidün nidün nidun nüd nüde nüdn nüdün nedoŋ nudu nidenudunHand/Arm*garɣar qar gar gar ɣar Gar xar Gar .GarWasser*usuusun usun us uhan usn usun se . osoqusunFels*kadaqada qada xad xada xadə xada . Gada xadaGadaSee (der)*naɣurnaɣurna'urnuurnur nur nur . nur naur.3*gurbanɣurbanxurbangurav gurbangurwn gurwa goraŋ guran guarbangurwan4*dörbendörbendorbendöröv dürbendörwn dörwo deroŋ deran durub dörwen5*tabuntabuntabuntav(an) taban tawn tawun tavoŋ tawen tawan .

Quelle: S. Starostin, Altaic Etymological Database, Internet 2005. (Teilweise in Buchform erhältlich: S. Starostin (et al.), Etymological Dictionary of the Altaic Languages, Part 1 (A-K), Brill, Leiden 2003.)

Sprachperioden und Schriftsysteme Man teilt die mongolische Sprache historisch in folgende Perioden ein: Altmongolisch – Mongolisch vor dem 13. Jahrhundert Das Altmongolische steht noch nahe am Proto-Mongolischen, dem Konstrukt einer Protosprache, aus der alle mongolischen Sprachen hervorgegangen sind. Es enthält bereits manche Lehnwörter aus anderen Sprachen wie Kitan, den frühen Rouran-Sprachen und aus dem Chinesischen der Tang-Dynastie.Vovin, Alexander 2004. ‘Some Thoughts on the Origins of the Old Turkic 12-Year Animal Cycle.’ Central Asiatic Journal 48/1: 118–32.Vovin, Alexander. 2010. Once Again on the Ruan-ruan Language. Ötüken’den İstanbul’a Türkçenin 1290 Yılı (720–2010) Sempozyumu From Ötüken to Istanbul, 1290 Years of Turkish (720–2010). 3–5 Aralık 2010, İstanbul / 3–5 December 2010, İstanbul: 1–10. Am Ende der altmongolischen Periode wurde die vertikale uighurische Schrift von den Mongolen übernommen. Mittelmongolisch – Mongolisch vom 13. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts Mittelmongolisch ist in Texten in chinesischer Transkription erhalten (wichtigster Text ist „Die geheime Geschichte der Mongolen“, ca. 1240), aber auch in der tibetischen Phags-Pa-Schrift und zweisprachigen Glossaren. Ältestes erhaltenes Schriftzeugnis von etwa 1225 ist jedoch der Stein des Yisüngge, eines Neffen Dschingis Khans. Am Ende dieser Periode erfolgte die Konversion der Mongolen zum (tibetischen) Buddhismus (17. Jahrhundert). Deswegen wurden viele Übersetzungen aus dem Tibetischen oder dem Sanskrit veröffentlicht und buddhistische Termini ins Mongolische übernommen oder übersetzt. In der mittelmongolischen Zeit beginnt die Differenzierung der mongolischen Dialekte, die sich später zu den heutigen mongolischen Sprachen entwickelten. Modernes Mongolisch – Mongolisch seit dem 17. Jahrhundert sowie Klassisches Mongolisch – Klassische Schriftsprache seit dem 17. Jahrhundert Im 17. Jahrhundert erfolgte der Übergang zur modernen gesprochenen Sprache, aber auch die Fixierung der klassischen Schriftsprache, die auf alt- und mittelmongolische Stufen zurückgeht. Die gesprochenen Formen des Mongolischen haben sich von der Schriftsprache sehr weit entfernt.

Die mongolischen Sprachstufen kann man u. a. an der Veränderung des altmongolischen anlautenden /p-/ deutlich machen. Es wurde mittelmongolisch zu /h-/, im modernen Mongolischen (auch in der klassischen Schriftsprache) verschwindet es ganz. Beispiel: altmongolisch pon > mittelmongolisch hon > lit. mongolisch on „Jahr“.

Zu den Schriftsystemen des Mongolischen siehe auch die Artikel Mongolische Sprache und Mongolische Schrift.

Sprachliche Charakteristik Typologische Merkmale Typologisch weisen die mongolischen Sprachen große Ähnlichkeit mit den beiden anderen Gruppen der altaischen Sprachen (Turkisch und Tungusisch) auf, finden sich aber auch bei uralischen und paläosibirischen Sprachen.

Die wichtigsten typologischen Charakteristika der mongolischen Sprachen sind:

Mittelgroße Phoneminventare und einfache Silbenstruktur, kaum Konsonantencluster. In der Regel sieben Vokale (das „türkische“ /ı/ ist mit /i/ zusammengefallen). Die Vokale können nach ihrer Artikulationsstelle (vorn-hinten), Rundung (gerundet-ungerundet) und Höhe (hoch-tief) eingeteilt werden. Diese Klassifikation ist für die Vokalharmonie von entscheidender Bedeutung.

Artikulationsort vorn hintenRundungungerundetgerundetungerundetgerundethochiü utiefeöao

Vokalharmonie zwischen letztem Vokal des Stamms und folgendem Suffix, die auf verschiedenen Vokaloppositionen beruht, vor allem auf der Artikulationsstelle „vorne-hinten“ („Palatale Vokalharmonie“). Einige mongolische Sprachen, z. B. Mogholi und Tu, haben die Vokalharmonie verloren. Beispiel aus dem Chalcha: mal-aar „durch das Vieh“ (INSTR) nom-oor „durch das Buch“ (INSTR)

Eine durchgehend agglutinative Wortbildung und Flexion, und zwar nahezu ausschließlich durch Suffixe. Jedes Morphem hat eine spezifische Bedeutung und grammatische Funktion und ist – abgesehen von den Erfordernissen der Vokalharmonie – unveränderlich. Adjektive werden in den modernen mongolischen Sprachen nicht flektiert, sie zeigen keine Kongruenz mit ihrem Bestimmungswort, dem sie vorausgehen. (Allerdings weisen die älteren Sprachstufen Reste einer Kongruenz in Numerus und Geschlecht auf.) Bei der Verwendung von Quantifizierern (Zahlwörter, Mengenangaben) entfällt die Pluralmarkierung. Es gibt keine Artikel. Es gibt kein grammatisches Geschlecht, auch nicht bei den Pronomina. Wichtig für mongolische Sprachen ist das Konzept der Konverben (ähnlich Partizipien), die als Ersatz für Nebensätze verwendet werden. Dazu unten Beispiele aus dem Chalcha. Das Verbum steht am Satzende, die normale Satzfolge ist SOV (Subjekt-Objekt-Verb).

Nominalbildung