Sonstiges Einwohner: 56.479 (2021) 61.378 (2011) ca. 118.000 Gesamt Bevölkerungsdichte: 1.107 Einwohner/km² 925 Einwohner/km²1.063 Einwohner/km² Gesamt Nikosia (, [], auch Leykosia; , ) ist eine geteilte Stadt im Zentrum der Mittelmeerinsel Zypern und Hauptort des gleichnamigen Bezirkes. Nikosia ist die Hauptstadt der Republik Zypern, der Nordteil zudem De-facto-Hauptstadt der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern.
Geschichte Der Pedieos, längster Fluss Zyperns, spielt eine große Rolle für die Gründung und das Wachstum von Nikosia. Er gilt neben den fruchtbaren Böden, dem gemäßigten Klima und dem Schutz durch die umliegenden Berge als Grund dafür, dass sich Menschen im heutigen Nikosia niederließen. Erste Siedlungen entstanden in der Umgebung während der Kupfersteinzeit (4000–2500 v. Chr.), zahlreiche archäologische Funde weisen auch auf eine Besiedlung während der Bronzezeit (2500–1050 v. Chr.) und während der Geometrischen Zeit (1050–750 v. Chr.) hin.
mini|Satellitenbild von Nikosia
Die Stadt ist seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen. Das Prisma des Asarhaddon von 673/672 v. Chr. erwähnt einen König Unasagusu von Lidîr.Rykle Borger: Die Inschriften Asarhaddons, Königs von Assyrien (= Archiv für Orientforschung. Beiheft 9). Weidner, Graz 1956, S. 59–61; dazu Reinhard Senff: Soloi 1. In: Der Neue Pauly (DNP). Bd. 11, Metzler, Stuttgart 2001, Sp. 703; A.T. Reyes, Archaic Cyprus: A Study of the Textual and Archaeological Evidence, Oxford 1994,58,160 und O. Masson, Encore les royaumes chypriotes de la liste d’Esarhaddon, Cahier du centre d’études chypriotes 22, 1992, 27-29. Der antike Name war Ledra. Die erste bekannte Siedlung aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. wurde an der Nordseite des Pedieos begründet und wuchs dann über das Südufer hinaus. Während der byzantinischen Zeit (650 bis 1191 n. Chr.) wuchs die Stadt und entlang des Flusses bildeten sich die ländlichen Vororte Strovolos und Lakatamia. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts n. Chr. wurde Nikosia als Hauptstadt der byzantinischen Insel Zypern erwähnt und erste zeitgenössische Mauerbefestigungen wurden errichtet.
Königreich Zypern Im Jahr 1191 eroberte Richard Löwenherz im Rahmen des Dritten Kreuzzugs Zypern. 1192 verkaufte er die Insel an Guido von Lusignan, der fortan über sie herrschte. Deshalb stand die Insel von 1192 bis 1489 als Königreich Zypern unter Kontrolle des Hauses Lusignan. Zu dieser Zeit war Nikosia von Verteidigungsanlagen umgeben und der Pedieos floss noch durch das Zentrum von Nikosia, die heutige Altstadt. Die Stadt erreichte einen Höhepunkt ihrer Entwicklung: die Lusignans schufen eine moderne Stadt, die als Sitz der Könige von Zypern und der lateinischen Kirche diente. Gleichzeitig entstanden prunkvolle gotische Bauwerke wie die Hl.-Sophien-Kathedrale, welche zu osmanischer Zeit in eine Moschee umgewandelt wurde. Für damalige Verhältnisse war Nikosia mit 25.000 Einwohnern eine Großstadt.
Flut von 1330 Im November 1330 ereignete sich die vielleicht schwerwiegendste Überflutung auf der ganzen Insel. Heftige Regenfälle sollen dafür gesorgt haben, dass der Pedieos in einer Sturzflut entwurzelte Bäume und Geröll nach Nikosia gespült hat. Weil sich Bäume und Geröll im Zentrum Nikosias an einer Brücke verfingen, staute sich das Wasser innerhalb der Stadtbefestigung bis auf über 9 Meter an. Die Folgen der Sturzflut waren nicht nur zerstörte Gebäude, sondern auch zwischen 2000 und 6000 Opfer. Das Ausmaß der Überschwemmung hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Einwohner von Nikosia, die sich zu dieser Zeit eine Katastrophe solchen Ausmaßes nicht erklären konnten. König Hugo IV. ordnete daraufhin ein dreitägiges Fasten und einen Tag der Prozession an. In historischen Berichten wird auch erwähnt, dass eine Prozession jedes Jahr am gleichen Tag zum Gedenken an die Toten stattfand.
Venezianische Zeit 1489 kam Zypern unter Kontrolle der Venezianer. Die Expansion des Osmanischen Reiches und dessen Einnahme Konstantinopels verstärkten die Bedeutung Zyperns als europäischen Vorposten in Asien. Im Angesicht dieser Gefahr und in Vorbereitung auf einen osmanischen Angriff rissen die Venezianer die mittelalterlichen Verteidigungsmauern von Nikosia ab und die bis heute sichtbaren Stadtmauern von Nikosia entstanden. Deshalb änderte sich das Stadtbild drastisch. Der Pedieos wurde zwischen 1567 und 1570 aus dem Stadtzentrum umgeleitet und fließt bis heute außerhalb der Stadtmauern nördlich an Nikosia vorbei. Die im Durchmesser neun Kilometer große alte Stadtbefestigung wurde abgerissen und durch die neuen Stadtmauern ersetzt, die einen Durchmesser von drei Kilometern um das Stadtzentrum haben. Die nach den Plänen von Giulio Savorgnano mit elf Bastionen, einem tiefen Graben und drei Stadttoren erbauten Mauern konnten dem osmanischen Angriff aber nicht standhalten. Ende Juli 1570 erreichte die Osmanische Armee unter Befehl von Lala Mustafa Nikosia und begann mit der Belagerung an den südlichen und südöstlichen Stadtmauern. Mit wiederholten Angriffen und Beschuss konnte die Moral der Verteidiger gebrochen werden, auch weil die venezianischen Einheiten unter Proviantmangel litten. Die Stadt wurde am 9. September 1570 nach sechs Wochen durch die osmanischen Truppen eingenommen und anschließend drei Tage lang geplündert.
mini|Nikosia im späten 16. Jahrhundert. Stich von Giovanni Francesco Camocio, um 1570
Der Titel des Vizegrafen von Nikosia war in venezianischer Zeit auch griechischen Adeligen zugänglich, meist gegen eine Zahlung an die Signoria von Venedig. „Visconti“ von Nikosia waren unter anderem:
Jahr Visconte Bemerkungen 1503 Jano (Jacopo) Podocataro 1507 Efgenios Singriticus 1508 Pietro Podocataro 1510–1511 Efgenios Singriticus Versuch einer dritten Amtsperiode gescheitert 1548–1550 Hieronimo Boustron 1548–1559 Hieronimo Boustron 1567 Tommaso Singriticus
Osmanische Zeit Mit der Einnahme von Famagusta im Juli 1571 stand ganz Zypern unter der Herrschaft des osmanischen Reiches. Nikosia blieb während dieser Zeit Hauptstadt der Insel und war als Verwaltungszentrum Sitz des türkischen Gouverneurs und des Erzbischofs der orthodoxen Kirche, welcher Oberhaupt der christlichen Bevölkerung (Reâyâ) war. Wie die gesamte Insel, die zu einem der ärmsten Gebiete des Reiches wurde, erlebte Nikosia einen Niedergang. 1572 führten die osmanischen Verwalter eine Erhebung der Bevölkerungszahlen durch. Viele Bewohner der Städte waren aufs Land geflohen und so zählte auch Nikosia nur 235 Steuerzahler.
Während der osmanischen Epoche wurde die Wasserversorgung Nikosias durch den Bau von Aquädukten ausgebaut. Das Arap-Ahmed-Pascha-Aquädukt entstand zwischen 1584 und 1587 und transportierte Wasser über 4 km aus Brunnen in der Nähe von Strovolos in die Stadt, wo es in Brunnen in den Stadtvierteln verteilt wurde. Zwischen 1801 und 1803 wurde zusätzlich das Silahtar-Aquädukt erbaut. Beide Aquädukte waren bis in die 1930er-Jahre im Einsatz, bis sie durch Rohre und weitere Brunnen im Umland ersetzt wurden.
Nach dem Russisch-Türkischen Krieg von 1877–1878 trat der Sultan Zypern am Rande des Berliner Kongresses an Großbritannien ab.
Britische Zeit Die ersten ausländischen Besucher nach der britischen Übernahme 1878 beschrieben Nikosia als schmutzige und vernachlässigte Stadt, ohne Abwassersystem und geplagt von stehenden Gewässern, die die Quelle von Infektionen und Malaria seien. Die Modernisierung erfolgte in mehreren Stufen. Zu den wichtigsten Veränderungen zählten unter anderem die Neuorganisation der Verwaltung, die Verbesserung der öffentlichen Hygiene und die Schaffung eines Straßennetzes, denn bis 1878 verband nur eine schlechte Straße Nikosia mit Larnaka.
In den 82 Jahren britischer Kontrolle fanden die größten und tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte von Nikosia statt. Während dieser Zeit übernahm Nikosia die Führung im Handel von Larnaka, das während der türkischen Herrschaft die europäischen Konsulate beherbergte sowie im Bildungs- und Kulturleben von Limassol.
In den 1930er Jahren wurden die Venetianischen Stadtmauern durch das Department of Antiquities unter Leitung von Peter Megaw restauriert, teilweise als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.Thomas W. Davis: A history of American Archaeology on Cyprus. The Biblical Archaeologist 52/4, 1989, 163–169. 1949 wurde das luxuriöse Ledra Palace Hotel eröffnet. Die britische Herrschaft dauerte bis 1960, als Zypern ein unabhängiger Staat wurde.
Völkerrechtlicher Status Die Stadt gehört völkerrechtlich in ihrer Gesamtheit zur Republik Zypern, die jedoch seit der Besetzung des Norden Zyperns durch türkische Streitkräfte und der Proklamation der Türkischen Republik Nordzypern im November 1983 de facto keine Hoheitsrechte über Nord-Nikosia ausübt. Seither wird die Stadt durch eine „Grüne Linie“ (, griechisch πράσινη γραμμή, türkisch yeşil hat) geteilt, die von Friedenstruppen der Vereinten Nationen, der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP), überwacht wird.
Im Ort befinden sich die Botschaft der Vereinigten Staaten, die Deutsche Botschaft, ein Büro des UNHCR und das Hauptquartier der UN-Friedenstruppen auf Zypern.
Stadtteile und angrenzende Vororte Nordteil ()
Südteil ()
Sehenswürdigkeiten Altstadt mini|Die Makariou Avenue im Zentrum am frühen Abend Im südlichen Teil der Altstadt herrscht reges kulturelles Leben mit einigen Restaurants und Kneipen, besonders in der Umgebung des Famagusta-Tores (πύλη Αμμόχωστου). Über die ganze Altstadt verstreut sind traditionelle Läden und Handwerksbetriebe. In der Ledrastraße, die an der Platía Eleftherías (Platz der Freiheit; Πλατεία Ελευθερίας) beginnt und bis zur Grünen Linie führt, befinden sich die größeren und moderneren Geschäfte. Die Laikí Jitoniá (Λαϊκή Γειτονιά; in etwa: lokale/traditionelle Nachbarschaft) ist ein vornehmlich touristisch genutzter Stadtteil.
Sowohl Nord- als auch Südteil der Altstadt verfielen aufgrund der teilungsbedingten Randlage. Seit einigen Jahren werden historische Gebäude, allem voran mittelalterliche zyprische und venezianische, restauriert. Am 3. April 2008 wurde in der Ledrastraße die erste Grenzübergangsstelle innerhalb der Altstadt (nur für Fußgänger) geöffnet.
Die knapp fünf Kilometer lange Venezianische Festungsmauer wurde 1567/1568 errichtet und umschließt mit elf Bastionen sternförmig die Altstadt. Fünf Bastionen liegen im Süden (im Uhrzeigersinn): Caraffa, Podocataro, Constanza, D’Avila, Tripoli, fünf im Norden: Roccas (türk. Kaytazağa), Mula (Zahra), Quirini (Cephane), Barbaro (Musalla), Loredano (Cevizli), die Bastion Flatro (Sibeli) schließlich ist geteilt, auf ihr befinden sich Grenzwachtposten beider Seiten sowie ein UN-Posten.
Süden der Stadt mini|Das Befreiungsdenkmal auf der Podokataro-Bastion mini|hochkant|Die Johannes-Kathedrale mini|Absperrungen an der Grünen Linie zwischen Nord- und Südteil der Stadt
Das Befreiungsdenkmal auf der Podokataro-Bastion wurde kurz nach der Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft 1960 aufgestellt. Die 1872 noch unter osmanischer Herrschaft errichtete Faneromeni-Kirche ist die wohl größte Kirche Nikosias. Die Johannes-Kathedrale wurde 1662 erbaut und im 18. Jahrhundert zur Kathedrale erhoben. Die Omeriye-Moschee, aus der im 14. Jahrhundert erbauten gotischen Klosterkirche St. Maria der Augustiner-Eremiten hervorgegangen. Das Ikonenmuseum ist in einem Seitentrakt des Erzbischöflichen Palastes untergebracht. Das Museum beherbergt mehr als 150 Ikonen und ist eine der weltweit bedeutendsten Ikonensammlungen. Museum des Nationalen Kampfes Das Zypernmuseum (Archäologisches Museum) liegt südwestlich knapp außerhalb der Altstadt. Es ist das bedeutendste archäologische Museum der Insel und vermittelt mit Fundstücken von der Jungsteinzeit bis zur byzantinischen Epoche ein geschlossenes Bild der Kulturgeschichte Zyperns. Das Haus des Kornessios ist eine Stadtvilla aus dem 18. Jahrhundert, das als Museum den Lebensstil der Oberschicht der damaligen Zeit präsentiert.