mini|Die Jungfrau Finnland, die als nationale Personifikation gilt, beschützt das (aus schwedischer Zeit stammende) Gesetzbuch (Lex) gegen den russischen Doppelkopfadler (Gemälde von Eetu Iso, 1899)
Die Finnen (; ) sind ein finno-ugrisches Volk in Nordeuropa und die Titularnation Finnlands. Finnische Minderheiten gibt es auch in den Nachbarländern, Nachkommen finnischer Auswanderer leben vor allem in Nordamerika.
Als Finnen (bzw. „Finnländer“) werden unabhängig von ethnischer oder sprachlicher Zugehörigkeit auch die Staatsbürger Finnlands bezeichnet. Dieser Artikel behandelt nur die ethnischen Finnen. Andere im Land lebende Gruppen sind u. a. Finnlandschweden und Samen.
Ethnonym Die überwiegende Mehrheit der Finnen spricht die finnische Sprache, die zur uralischen und innerhalb dieser zur finnougrischen Sprachfamilie gehört.
Die genaue Definition des Begriffs „ethnischer Finne“ kann variieren, insbesondere was die Frage betrifft, inwieweit die schwedischsprachigen Bevölkerungsteile Finnlands, die sogenannten Finnlandschweden, den ethnischen Finnen zuzurechnen sind, obwohl sie in der Regel Schwedisch als Muttersprache sprechen. Viele Finnlandschweden selbst betrachten sich nicht als ethnische Minderheit Finnlands, sondern als „schwedischsprachige Finnen“ und ihre Kultur als integralen Bestandteil der finnischen Kultur.Zitat von der Website der Schwedischen Volkspartei: The Swedish speaking Finns generally don’t label themselves as an ethnic minority. With regards to identity, the Swedish speaking element is usually considered as an integral part of Finnish culture, although expressed in another language than Finnish. , Zugangsdatum 17. Mai 2008.
Das finnische Statistikamt klassifiziert die Bevölkerung Finnlands nach Staatsbürgerschaft, Geburtsland und Muttersprache, jedoch nicht nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit.Vgl. Kuka on ulkomaalainen? Finnisches Statistikamt, Zugangsdatum 17. Mai 2008. Demnach waren im Jahr 2007 etwa 91,2 % der Einwohner finnisch- und 5,5 % schwedischsprachig.The Population of Finland in 2007 Finnisches Statistikamt, Zugangsdatum 17. Mai 2008.
Ausländische Statistiken behandeln die Finnlandschweden oft als eine von den Finnen unterschiedene Ethnie. So gibt der Fischer Weltalmanach im Jahr 2015 an, dass 92 % der Bevölkerung Finnlands Finnen und 6 % Finnlandschweden seien.Eva Berié: Fischer Weltalmanach 2015. Fischer, Frankfurt am Main 2014, S. 155. Das im Brockhaus-Verlag erschienene Jahrbuch Harenberg Aktuell 2008 sprach sogar von 93 % Finnen und 6 % Schweden (nicht Finnlandschweden)Heike Pfersdorff: Harenberg Aktuell 2008. Brockhaus, Mannheim 2007, S. 574. ebenso das vom Spiegel herausgegebene Jahrbuch 2005Stephan Burgdorff, Hauke Janssen: Jahrbuch 2005. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2004, S. 268. und das CIA World Factbook., Zugangsdatum 17. Mai 2008.
Auch die genaue Abgrenzung zu anderen Finnougriern ist oft eine Definitionsfrage. So gibt es in Schweden, Russland (Karelien) und Norwegen alteingesessene finnischstämmige Minderheiten (siehe unten), die manchmal als Finnen, manchmal als eigene Volksgruppen angesehen werden.
Des Weiteren sind durch Auswanderung in den letzten 200 Jahren auch in Kanada und in den USA, hier vor allem im Nordwesten des heutigen Bundesstaates Michigan, nennenswerte finnische bzw. finnischstämmige Bevölkerungsgruppen entstanden.
Geschichte der Finnen
mini|Heutige Verbreitung der Standardsprachen des s.g. finno-permischen Zweigs der finnougrischen Sprachen Die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts umstrittene sprachliche Verwandtschaft von Finnen und Ungarn gilt heute als bewiesen; beide Gruppen stammen demnach von gemeinsamen finnougrischen und damit uralischen Vorfahren ab. Die Zuordnung der uralischen Sprachgruppe zu einer größeren uralaltaischen Sprach- und Völkerfamilie (und damit eine Verwandtschaft mit den zur altaischen Gruppe zählenden Turk- und mongolischen Völkern) wird inzwischen als überholt betrachtet. Noch nicht vollständig geklärt ist, wie nah die Finnen mit dem Volk der Samen verwandt sind, die ebenfalls eine finnougrische Sprache sprechen. Die nächsten Verwandten der Finnen sind die Karelier, die oft zu den Finnen selbst gerechnet werden, und die Esten.
Etymologie und Mythologie mini|Sumbles Tochter Signe wird den Finnen vom Dänenkönig Gram geraubt (Darstellung von F. W. Heine, 1921) Am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. erwähnt der römische Historiker Tacitus in seinem Werk Germania die Fenni und Aestii, die jenseits der germanischen Völker siedelten, meinte damit aber wahrscheinlich die Samen und Balten und nicht Finnen und Esten.Tacitus: Germania. Reclam, Stuttgart 2006, S. 57f. Die Reichschronik Gesta Danorum des Saxo Grammaticus überliefert den Namen eines Königs der Finnen namens Sumble (auch als Sumle und Sumli auftretend), von dem sich der Landesname Suomi und somit der Volksname Suomalaiset ableiten soll.sagazorm.net: Finnish Kings – Sumble Finnische Überlieferungen hingegen kennen keinen König dieses Namens.
Die (jüngere) Snorra-Edda (bzw. ihr Prolog) erwähnt einen norwegischen König namens Säming, der wohl von den Samen abstammteRichard M. Meyer: Altgermanische Religionsgeschichte. Severus Verlag, Hamburg 2013, S. 211.Jurij Kusmenko: Darstellung der Samen in der altwestskandinavischen Literatur. Berlin 2011, S. 2 (PDF).Jurij Kusmenko: Hinweise in der skandinavischen Mythologie. Berlin 2011, S. 30–33 (PDF)., und die (ältere) Edda (bzw. die Völundarkviða) erzählt von drei Söhnen eines Königs der Finnen, die gegen den Schwedenkönig gekämpft haben sollen. Einer dieser Söhne, Wieland der Schmied, entspricht offenbar Ilmarinen, dem Haupthelden des finnischen Nationalepos Kalevala.
Finnische Mythologie und samische Mythologie haben die nordische Mythologie und die nordgermanische Religion ebenso stark beeinflusst wie umgekehrt die finnische und samische Mythologie von der nordgermanischen beeinflusst wurde.Wilhelm Wägner: Unsere Vorzeit, Band 1 (Germanische Göttersagen). Neufeld und Henius Verlag, Berlin 1922, S. 20f.
In einigen nordgermanischen und altenglischen Sagen wurden alle Finnen und Samen gleichermaßen als Kvenen sowie das gesamte von ihnen bewohnte Gebiet als Kvenland (Nordnorwegen, Nordschweden, Finnland) bezeichnet. Heute werden nur noch die Angehörigen einer zahlenmäßig kleinen Untergruppe der Finnen in Norwegen Kvenen genannt.
Ethnogenese und Landnahme
mini|Die Landnahme der ersten Finnen (Darstellung von Axel Gallén, 1894) Vom Ural kommend, breiteten sich finno-permische bzw. protofinnische Völker ab dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung über Nordosteuropa nach Skandinavien und ins Baltikum aus, womit ihre Aufspaltung bzw. allmähliche Trennung einherging. Zuerst lösten sich die Permier bzw. Biarmier/Bjarmen (die Vorfahren der Komi/Syrjänen und Udmurten/Wotjaken) aus der Völkerfamilie und ließen sich am Weißen Meer nieder, während die Wolga-Finnen nach Südwesten zogen.Willi Stegner (Hrsg.): Taschenatlas Völker und Sprachen. Klett-Perthes, Gotha/Stuttgart 2006, S. 39, 41. Dann führten unterschiedliche klimatisch-geographische Bedingungen und die dadurch bedingte verschiedene Lebensweise auch zur unterschiedlichen Entwicklung der Samen und Ostseefinnen. Letztere wiederum schieden sich räumlich in Finnen nördlich des Finnischen Meerbusens und Esten südlich davon.
Irgendwann zwischen dem Beginn unserer ZeitrechnungWalter Markov, Alfred Anderle, Ernst Werner, Herbert Wurche: Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte, Band 1. Bibliographisches Institut, Leipzig 1979, S. 314ff. und dem Jahr 700Alfred Hackman: Die Ältere Eisenzeit in Finnland. Unikum, Barsinghausen 2013, S. 324–330. drangen finnische Stämme nach Süd- und Westfinnland vor. Die samischen Nomaden (Rentierzüchter) wurden in der Folgezeit von den finnischen Ackerbauern nach Norden abgedrängt.Detlev Wahl: Lexikon der Völker Europas und des Kaukasus. Meridian-Verlag, Rostock 1999, S. 72ff. Vermutlich auf dem Landweg über die Karelische Landenge kam der finnische Stamm der Tavasten (auch als Tavastier, Tavastländer, Hämen, Hämier, Jemen bezeichnet) nach Mittelfinnland, teilweise auf dem Seeweg über den Finnischen Meerbusen kamen die „eigentlichen Finnen“ von Estland nach Südwestfinnland. Die den Tavasten auf etwas nördlicherer Route folgenden Karelier ließen sich in Südostfinnland nieder. Üblicherweise wird von diesen drei Hauptstämmen ausgegangen („eigentliche Finnen“, Tavasten und Karelier), gelegentlich aber auch von nur zweiLeo Mechelin (Hrsg.): Finland im 19ten Jahrhundert. Edlunds, Helsingfors 1899, S. 49–59. (die „eigentlichen Finnen“ als Untergruppe der Tavasten) oder sogar vier (die Savolaxen in Ostfinnland als Mischvolk aus Tavasten und Kareliern).Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Völker: von Aborigines bis Zapoteken. (Google Books ab S. 127.). Beck, München 2004.
Zur Herausbildung des heutigen finnischen Volkes kam es erst im späten Mittelalter und der Neuzeit, da in Finnland – im Gegensatz zu Dänemark, Schweden und Norwegen – keine frühe Reichseinigung unter einem nationalen Königtum stattgefunden hatte. Die Clans der „eigentlichen Finnen“, der Tavasten und der Karelier lagen im ständigen Kampf um Jagdreviere, Fischgründe und Acker- bzw. Weideland – sowohl gegeneinander als auch gegen Schweden, Russen und Samen. Erst im Selbstbehauptungskampf gegen Schwedische Kreuzzüge und russisches Ausgreifen nach Karelien begannen allmählich zunächst die „eigentlichen Finnen“ mit den Tavasten zu verschmelzen. Noch im 16. Jahrhundert verheerten Tavasten und Karelier gegenseitig ihre jeweiligen Gebiete, dann verschmolzen auch sie allmählich miteinander – allerdings nicht vollständig, denn die unter russische Herrschaft gelangten Karelier nahmen eine getrennte Entwicklung. Anders als die übrigen Finnen assimilierten die Karelier übrigens auch jene Reste der Permier, die von den Russen ebenfalls nach Norden abgedrängt worden waren.
Christianisierung und Indoeuropäisierung
mini|Veränderungen der Territorialgrenzen zwischen Schwedischem und Russischem Reich vom 14. bis 18. Jahrhundert Das Christentum war nicht erst mit den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert zu den Finnen gekommen. Vereinzelte schwedische, dänische, norwegische und deutsche Händler und Missionare hatten schon im 11. Jahrhundert (archäologische) Spuren in Süd- und Westfinnland hinterlassen; auf schwedischen Handelsplätzen wiederum kamen finnische Händler mit dem Christentum in Kontakt.Simo Heininen, Markku Heikkilä: Kirchengeschichte Finnlands. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, S. 12ff. In drei Kreuzzügen wurden zuerst die „eigentlichen Finnen“, dann die Tavasten und schließlich ein Teil der Karelier zum Katholizismus bekehrt und schwedischer Herrschaft unterworfen. Ein anderer Teil der Karelier hatte im 13. Jahrhundert das orthodoxe Christentum angenommen, und im 14. Jahrhundert begannen orthodoxe Russen, vom Kloster Walaam aus nicht mehr nur in Karelien, sondern auch in Lappland zu missionieren. Nach schwedisch-russischen Auseinandersetzungen wurde Finnland 1323 im Vertrag von Nöteborg geteilt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde die Macht der katholischen Kirche durch die auch Finnland in Mitleidenschaft ziehenden dänisch-schwedischen Unionskriege erschüttert.Simo Heininen, Markku Heikkilä: Kirchengeschichte Finnlands. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, S. 52ff. Als von den Schweden die Reformation auch in Finnland eingeführt wurde, waren russische Mönche bereits durch Karelien und Lappland bis in den hohen Norden vorgedrungen und versuchten, auch die Samen zum orthodoxen Glauben zu bekehren.