mini|Zwillinge (William Adolphe Bouguereau: Caritas, 1859)
Zwillinge (lateinisch gemini) sind zwei Kinder einer Mutter, die in derselben Schwangerschaft herangewachsen sind und meistens auch in demselben Geburtsvorgang zur Welt kommen.Stichwort „Zwilling“ bei Duden online, abgerufen am 16. November 2024.Stichwort „Zwilling“ im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 16. November 2024.Stichwort „Zwilling“ in: Brockhaus, Wahrig, Deutsches Wörterbuch, 9. Auflage 2011, ISBN 978-3-577-07595-4Stichwort Zwillinge im medizinischen Wörterbuch Pschyrembel online, abgerufen am 16. November 2024.
Bei der seltenen Überschwängerung wachsen ebenfalls zwei oder mehr Kinder intrauterin gemeinsam heran. In der Zwillingsforschung werden Paare zweieiiger (dizygotischer) und eineiiger (monozygotischer) Zwillinge verglichen.
Wortherkunft Das neuhochdeutsche Wort Zwilling geht über mittelhochdeutsch zwillinc, zwin(e)linc auf althochdeutsch zwiniling zurück, das zu dem althochdeutschen Adjektiv zwinal „doppelt, zweifach, zugleich geboren“„Zwilling“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 18. November 2024. gebildet wurde, einer Ableitung zu einem Vorgänger des Zahlwortes zwei. Dies legt für Zwilling die Ausgangsbedeutung „Zweiling“ nahe.„Zwilling“, in: Wahrig Herkunftswörterbuch, online bei wissen.de, abgerufen am 18. November 2024.
Formen der Zwillingsbildung mini|Sonogramm eineiiger menschlicher Zwillinge (4. Woche p.c.) – es zeigt dichoriale Zwillinge, die weder Chorion noch Amnion gemeinsam haben.
Die beiden bekanntesten Formen der Zwillingsentstehung sind: Eineiige Zwillinge (monozygotisch) Die befruchtete Eizelle (Zygote) teilt sich im Verlauf der Entwicklung, die aus der Teilung hervorgegangenen Zellen ebenfalls und so fort. Kommt es in einem sehr frühen Entwicklungsstadium zu einer Auftrennung in zwei Zellpopulationen, so können zwei Embryonalanlagen entstehen. Beide sind dann aus einer einzigen befruchteten Eizelle hervorgegangen monozygotisch mit demselben Erbgut und somit denselben Erbanlagen. Abhängig vom Zeitpunkt der Trennung entstehen Zwillingsformen mit getrennten oder gemeinsamen Eihäuten von Chorion bzw. Amnion. Zweieiige Zwillinge (dizygotisch) Innerhalb eines Zyklus sind zwei Eizellen gereift und je von einem anderen Spermium befruchtet worden. Aus den zwei Zygoten entstehen dizygotisch Zwillinge mit verschiedenem Erbgut und jeweils eigenem Chorion und Amnion.
Drei weitere, überaus seltene Möglichkeiten der Entstehung von Zwillingen sind: Polkörperchenzwillinge Polkörperchen entstehen bei der Reifeteilung des Eies im Eileiter, haben normalerweise keinen Zellleib und werden von der Gebärmutter abgestoßen. Ausnahmsweise können Polkörperchen einen kleinen Zellleib behalten, der dann neben dem reifen Ei auch von Spermien befruchtet werden kann. Diese Zwillinge sind sich meistens nicht ähnlicher als normale zweieiige Zwillinge, da die Polkörperchen durch Meiose entstanden sind und zwei der Polkörperchen sich bezüglich des Erbgutes von der Eizelle unterscheiden, das dritte ist hingegen identisch. Zwillinge aus einer zweikernigen Eizelle In seltenen Fällen verfügt eine Eizelle über zwei Zellkerne. In einem solchen Fall können beide Kerne von Spermien befruchtet werden. Solche Zwillinge haben daher mütterlicherseits dieselben Erbanlagen, unterscheiden sich aber in den vom Vater geerbten Anlagen. Deswegen wird diese Form nicht zu den klassischen eineiigen Zwillingen gezählt. Sesquizygotische Zwillinge Diese Möglichkeit wurde bisher (Stand 2019) weltweit erst zweimal beobachtet. Zwei Spermien dringen dabei in dieselbe Eizelle ein. Es bilden sich drei Zellen: Für den Fall, dass ein X- und ein Y-Spermium eindringen, entstehen eine XX-Zelle (weiblich) aus dem Genmaterial der Eizelle und des X-Spermiums, eine XY-Zelle (männlich) aus der Eizelle und dem Y-Spermium, außerdem entsteht eine XY-Zelle, die nur väterliches Erbgut enthält. Während letztere Zelle abstirbt, teilen sich die beiden anderen Zellen und vermehren sich. Irgendwann teilt sich der Zellhaufen in zwei mit jeweils unterschiedlichen Anteilen an XX bzw. XY-Zellen, aus denen sich dann zwei Zwillinge entwickeln. Aus diesem Grunde können die Zwillinge intersexuelle Merkmale aufweisen.
Formen eineiiger Zwillinge mini|Eineiige Zwillinge (die Carlsons)
Ursache für die verschiedenen Entwicklungen von eineiigen Zwillingen ist die Spezialisierung der Zellen in den ersten Tagen nach der Befruchtung. Sind die Zellen in den ersten drei Tagen noch gleich, so spezialisieren sie sich danach: Einige bilden den ernährenden Teil (Trophoblast, bildet die Plazenta), die anderen den embryonalen Teil (Embryoblast). Bei dieser Spezialisierung wird die äußere Eihaut (Chorion) gebildet, einige Tage später entsteht die innere Eihaut (Amnion). Diese Eihäute können nicht nachträglich aufgeteilt werden. Je nachdem, ob die Trennung in zwei Keimanlagen vor oder nach der Bildung der äußeren Eihaut abgeschlossen war, besitzt jeder Embryo sein eigenes Chorion (dichoriale Zwillinge) oder beide Zwillingsembryonen befinden sich im gemeinsamen Chorion. Entsprechendes gilt für die innere Eihaut.
Aufteilung des Keimes bis zum 3. Tag nach der Befruchtung (dichoriale Zwillinge) Es findet eine vollständige Teilung statt. Beide Teile des Keimes nisten sich unabhängig voneinander in der Gebärmutter ein. Es entstehen zwei Plazenten und zwei Fruchtblasen. Aufteilung zwischen dem 3. und 7. Tag nach der Befruchtung (monochorial-diamniote Zwillinge) Es findet eine vollständige Teilung des embryonalen Anteils statt, jedoch nicht mehr des ernährenden Anteils. Die beiden Embryonen nisten sich gemeinsam in der Gebärmutter ein und es entstehen zwei Fruchtblasen. Die Kinder werden aber von einer gemeinsamen Plazenta versorgt, wodurch das Risiko eines fetofetalen Transfusionssyndroms besteht. Aufteilung nach dem 9. Tag nach der Befruchtung (monochorial-monoamniote Zwillinge) Die beiden Embryonen teilen sich die Plazenta und die Fruchtblase. Findet die Aufteilung erst nach dem 13. Tag nach der Befruchtung statt, kann die Teilung häufig nicht mehr vollständig erfolgen; es kommt so zur Bildung siamesischer Zwillinge.Kai J. Bühling: Risikofaktoren in der Schwangerschaft. In: Kai J. Bühling, Wolfgang Friedmann (Hrsg.): Intensivkurs Gynäkologie und Geburtshilfe. 2. Auflage. München 2009, S. 164 f. Unterschiedliche Geschlechter In seltenen Fällen zeigen eineiige Zwillinge verschiedene Geschlechter. Aus einer befruchteten Eizelle mit den Geschlechtschromosomen XY kann bei den nachfolgenden Furchungsteilungen eine Zelle mit einem Zellkern entstehen, der kein Y-Chromosom erhalten hat. Dieser Chromosomenverlust einer Stammzelle beruht auf einer fehlerhaften Mitose. Ein Zwilling ohne Y-Chromosom entwickelt sich zum Mädchen, das unter den Folgen des Turner-Syndroms leiden kann.
Formen zweieiiger Zwillinge mini|Zwei befruchtete menschliche Eizellen
Zweieiige Zwillinge entstehen, wenn innerhalb eines Zyklus zwei Eizellen reifen und befruchtet werden. Daher können zweieiige Zwillinge auch von unterschiedlichem Geschlecht sein. Diese müssen nicht im selben Geschlechtsakt befruchtet werden. Die beiden Eisprünge müssen nicht zwangsläufig gleichzeitig erfolgen, sie geschehen jedoch meist innerhalb von rund 24 Stunden, da sich danach die hormonelle Situation der Frau so verändert, dass kein weiterer Eisprung möglich ist.
Durch den zeitlichen Abstand zwischen den beiden Eisprüngen besteht die Möglichkeit, dass die Eizellen von zwei unterschiedlichen Vätern befruchtet werden. Schon in der griechischen Mythologie gibt es mit den beiden Dioskuren Castor und Pollux ein Beispiel für solche „Halbzwillinge“.Armin Grunwald, Peter Hocke: Castor. In: Nadine Marquardt, Verena Schreiber (Hrsg.): Ortsregister. transcript Verlag, 2014, ISBN 978-3-8394-1968-7, S. 57 ().
Im Gegensatz zu eineiigen Zwillingen ist bei zweieiigen Zwillingen eine familiäre Häufung nachgewiesen. Die Neigung zu Zwillingsgeburten wird mütterlicherseits vererbt: Die Wahrscheinlichkeit von Zwillingsgeburten ist bei Schwestern von Zwillingsmüttern mehr als verdoppelt. Neben Stammbaumanalysen belegen auch die Populationsunterschiede eine genetische Komponente.Zwillinge, Drillinge, Vierlinge – So hoch ist die Wahrscheinlichkeit für Mehrlinge, t-online.deStimmt's: Doppelte Chance. Auf: zeit.de vom 29. November 2007 In: web.archive.org.
Häufigkeit von Zwillingsgeburten bei Menschen mini|Zwei eineiige Zwillingspaare:Die Handballschiedsrichter Bernd und Reiner Methe (links) und Andreas und Marcus Pritschow (rechts).
Weltweit ist im Schnitt jede 40. Geburt eine Zwillingsgeburt. Hierbei gibt es jedoch regionale Unterschiede: Bei den Yoruba ist es zum Beispiel jede 20. Geburt, in Japan nur jede 100. In Europa wurde eine deutliche Häufigkeitsabnahme von Norden nach Süden nachgewiesen. In Deutschland brachte 2006 eine von 64 Schwangeren Zwillinge zur Welt., Stand 2006, de.statista.org. Die Zahl der Zwillingsgeburten steigt aufgrund von Hormonbehandlung und künstlicher Befruchtung stetig an. Beispielsweise stieg in Andalusien die Zahl der Zwillingsgeburten von 10,9 pro 1000 Geburten im Jahr 2000 auf 16,2 pro 1000 Geburten im Jahr 2009 an.E. G. Mesa, J. A. Peral: Incidence and costs of multifetal pregnancies in Andalusia (2000–2010). In: Twin research and human genetics: the official journal of the International Society for Twin Studies. Band 14, Nummer 5, Oktober 2011, S. 484–489, . doi:10.1375/twin.14.5.484. PMID 21962143.
2015 gab es in Österreich laut Statistik Austria 1.292 statistik.at 15. November 2015. Zwillingsgeburten, in Deutschland waren es 2006 laut Statistischem Bundesamt 10.538, von insgesamt 673.000 Geburten und in der Schweiz kam es nach dem Bundesamt für Statistik zu 1.208 Zwillingsgeburten im Jahr 2007., Stand 2007 Das bedeutete für Deutschland im Jahr 2006, dass eine Schwangere mit der Wahrscheinlichkeit von 1,57 % Zwillinge erwartete, die Chance in Österreich 2015 lag bei 1,53 %.
Die Verteilung der Geburtenraten eineiiger zu zweieiigen Zwillingen verändert sich signifikant nach Jahr und Region zwischen 1:4 bis 1:1. Die Geburtenrate eineiiger Zwillinge erweist sich über die Jahre und Regionen als nahezu konstant. In den reichen Ländern nehmen zweieiige Mehrlingsgeburten in den letzten Jahren zu. Wichtigste Ursache der Zunahme liegen im steigenden Lebensalter der Gebärenden und den Fertilitätsbehandlungen.
Mütter von Zwillingen Analysen von Daten aus dem 19. Jahrhundert aus Utah von einmal verheirateten Frauen aus monogamen Ehen, die mindestens das 50. Lebensjahr erreicht haben, lassen den Schluss zu, dass die knapp acht Prozent Mütter von Zwillingen grundsätzlich eine bessere Konstitution haben. Für die vor 1870 geborenen Zwillingsmütter war das Sterberisiko um 7,6 % geringer, für die zwischen 1870 und 1899 geborenen um 3,3 %. Im Laufe des Lebens bekamen sie auch mehr Einlingskinder, die Zeit zwischen zwei Geburten war um durchschnittlich zwei Wochen kürzer, die Spanne zwischen erster und letzter Geburt war um einige Monate länger, und der Zeitpunkt der letzten Niederkunft war im Schnitt später.Zwillingsmütter leben länger. Auf: science.orf.at vom 11. Mai 2011. Große Frauen in gutem Ernährungszustand haben eine um 25 bis 30 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit Zwillinge zu bekommen.Zwillinge, Drillinge, Vierlinge – So hoch ist die Wahrscheinlichkeit für Mehrlinge. Auf: t-online.de aktualisiert am 19. November 2022.
Obwohl bei älteren Frauen die Fruchtbarkeit abnimmt, bekommen diese deutlich öfter mehreiige Zwillinge oder Mehrlinge. Nach einer 2006 in den Niederlanden veröffentlichten Studie könnte die Ursache in der Mehrproduktion eines Hormons liegen, welches die Eizellreifung auslöst. Dies ist möglicherweise der Grund für häufigere, doppelte Eisprünge innerhalb eines Zyklus.
Anschauungen über Zwillinge in der Antike