Quintus Fabius Maximus Rullianus (oder Rullus; † nach 295 v. Chr.) war ein aus der römischen Patrizierfamilie der Fabier stammender römischer Staatsmann und Feldherr. Er war im Zeitraum von 322 bis 295 v. Chr. insgesamt fünfmal KonsulZur Ämterlaufbahn des Fabius Maximus Rullianus siehe: T. Robert S. Broughton: The Magistrates Of The Roman Republic. Band 1: 509 B.C. – 100 B.C. (= Philological Monographs. Bd. 15, Teil 1, ). American Philological Association, New York NY 1951, S. 147 f. (Magister equitum 325), S. 149 f. (Konsul I 322), S. 156 f. (Diktator 315), S. 161–163 (Konsul II 310), S. 164 (Konsul III 308), S. 175 (Konsul IV), S. 177–179 (Konsul V 295), (Unveränderter Nachdruck 1968). und gelangte zu großem Ruhm durch seine Erfolge im Zweiten und Dritten Samnitenkrieg, vor allem durch seinen 295 v. Chr. errungenen entscheidenden Sieg in der Schlacht von Sentinum. Als Censor 304 v. Chr. machte er Teile des Reformwerks des früheren Censors Appius Claudius Caecus rückgängig. Nach der Meinung des Althistorikers Karl-Ludwig Elvers war er der bedeutendste Angehörige der Fabier im 4. Jahrhundert v. Chr. Seine Rolle in den Samnitenkriegen wurde aber von spätrepublikanischen römischen Annalisten, teilweise unter Rückprojektion der Laufbahn seines Urenkels Quintus Fabius Maximus Verrucosus, stark ausgeschmückt, sodass viele von Titus Livius überlieferte Details seines Lebens unhistorisch sind.
Leben Abstammung; frühes Leben Quintus Fabius Maximus Rullianus war ein Sohn des dreimaligen Konsuls Marcus Fabius Ambustus. Die beiden Cognomina werden ihm in den Fasti Capitolini und anderen Quellen regelmäßig beigelegt. Die Bedeutung des Beinamens Rullianus ist unbekannt.
Das erste in den Quellen belegte Amt von Fabius’ Cursus honorum ist die kurulische Ädilität, die er 331 v. Chr. bekleidete. In dieser Eigenschaft soll er von einer Sklavin informiert worden sein, dass die gehäuft auftretenden Todesfälle in vornehmen Familien durch von Frauen an ihren Ehemännern verübte Giftattentate verursacht worden seien.Titus Livius, Ab urbe condita 8, 18, 4 f.; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 2, 5, 3 (nach Livius); Orosius, Historiae adversus paganos 2, 10, 2 (nach Livius).
Als Nächstes erwähnt der römische Geschichtsschreiber Titus Livius, der neben dem griechisch-sizilischen Geschichtsschreiber Diodor die maßgebliche Quelle für Fabius’ Leben darstellt, dass Letzterer 325 v. Chr. der Magister equitum des römischen Diktators Lucius Papirius Cursor war.Livius, Ab urbe condita 8, 29, 9; Zonaras, Epitome Historion 7, 26. Laut der Darstellung des Livius begab sich der Diktator, als er sich mit Fabius schon in Samnium befand, zur Einholung neuer Auspizien wieder nach Rom zurück. Inzwischen missachtete Fabius den Befehl des Diktators, nicht allein den Kampf gegen die Samniten zu führen, und erkämpfte gegen diese bei Imbrinium einen großen Sieg. Papirius war dennoch über dieses Verhalten seines Untergebenen verärgert und wollte ihn nach dem strengen Kriegsrecht hinrichten lassen. Da er durch seine harte Vorgangsweise die Soldaten empörte, musste er die Exekution des Magisters equitum um einen Tag verschieben. Fabius nutzte diese Gelegenheit zur Flucht nach Rom, wo er sich beim Senat über den Diktator beklagte. Doch als dieser ebenfalls in der Hauptstadt eintraf, ordnete er die erneute Verhaftung des Fabius an. Dessen alter Vater rief die Comitien und Volkstribunen vergeblich um Hilfe für seinen Sohn an. Der Diktator beharrte auf seinem Recht; und erst als das Volk dies anerkannte, ließ er sich durch dessen flehentliches Eintreten für Fabius dazu bewegen, nicht länger auf seinem Exekutionsbefehl zu bestehen.Livius, Ab urbe condita 8, 31, 1 – 36, 1; Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 2, 7, 8 und 3, 2, 9; Frontinus, Strategemata 4, 1, 39; Cassius Dio, Römische Geschichte, Fragment 33, 1-7; u. a.
Dieser von Livius geschilderte Konflikt zwischen Fabius und Papirius ist laut der Meinung des Althistorikers Friedrich Münzer unhistorisch; er sei vielmehr dem erst 100 Jahre später tatsächlich aufgetretenen Streit zwischen dem Diktator Quintus Fabius Maximus Verrucosus und seinem Magister equitum Marcus Minucius Rufus im Zweiten Punischen Krieg frei nachgebildet. Laut Livius erwähnte bereits der älteste römische Geschichtsschreiber Quintus Fabius Pictor das feindliche Verhältnis von Papirius zu Fabius Rullianus und den Sieg des Letzteren über die Samniten. Münzer hält diese Angaben für glaubwürdig und nimmt an, dass Fabius Pictor sie der Familienüberlieferung der Fabier entlehnt habe. Aus diesen beiden Fakten und dem bekannten Konflikt zwischen Fabius Verrucosus und seinem Magister equitum sei dann von spätrepublikanischen römischen Annalisten die Kontroverse zwischen Papirius und Fabius Rullianus erfunden und ausgestaltet worden.
Fabius wurde 322 v. Chr. erstmals Konsul, wobei er Lucius Fulvius Curvus zum Amtskollegen hatte.Livius, Ab urbe condita 8, 38, 1; u. a. Livius berichtet für dieses Jahr im Anschluss an seinen Hauptgewährsmann, dass der Diktator Aulus Cornelius Cossus Arvina einen großen Sieg über die Samniten errungen habe. In einer kritischen Anmerkung konstatiert der römische Historiker aber, dass nach anderen Quellen vielmehr die beiden Konsuln erfolgreich gegen die Samniten gekämpft hatten und daher einen Triumph über dieses Volk feiern durften. Auch habe Fabius aus Apulien reiche Beute heimgebracht.Livius, Ab urbe condita 8, 39, 16. Die römischen Triumphalfasten verzeichnen ebenfalls den Triumph des Fabius über die Samniten. Nach der Meinung von Friedrich Münzer ist der Bericht über den Sieg der Konsuln glaubwürdiger als jener, der den Triumph dem Diktator zuschreibt. Im folgenden Jahr 321 v. Chr. war Fabius der erste Interrex nach dem Frieden, welcher der für die Römer mit einer schweren Niederlage endenden Schlacht an den Kaudinischen Pässen folgte.Livius, Ab urbe condita 9, 7, 14.
Weitere Rolle im Zweiten Samnitenkrieg 315 v. Chr. amtierte Fabius Rullianus erstmals als Diktator, wobei Quintus Aulius Cerretanus als sein Reiteroberst fungierte. Für die Geschichte dieses Jahres liegt der verhältnismäßig knappe Bericht des antiken Geschichtsschreibers Diodor vor, der nach Einschätzung der modernen Altertumswissenschaft einen glaubwürdigen älteren römischen Annalisten, vielleicht Fabius Pictor, als Gewährsmann heranzog. Seine Darstellung ist daher – hier wie auch im Folgenden – dem ausführlichen Bericht des Livius vorzuziehen, da dieser sich auf die unzuverlässige jüngere Annalistik stützte, welche die überlieferten älteren Schlachtberichte zugunsten des Rullianus fälschte und mit unhistorischen Details ausschmückte.
Laut Diodor zogen im Jahr 315 v. Chr. die beiden Konsuln mit der römischen Hauptmacht nach Apulien. Unterdessen zog ein samnitisches Heer gegen Latium. Nach neuen Rekrutierungen marschierten Rullianus und Aulius mit ihren Truppen den Samniten entgegen und stießen mit diesen an der Grenze des römischen Machtbereichs zusammen. Nahe Tarracina beim Pass von Lautulae kam es zur Schlacht. Die Römer erlitten erneut eine schwere Niederlage; viele ihrer Soldaten fielen, während die übrigen flohen. Der Reiterführer Aulius kämpfte aber weiter, bis er getötet wurde.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 19, 72, 2-9. Der unglaubwürdige Bericht des Livius versucht hingegen die Schlappe der Römer zu verschleiern. Nach ihm sei Aulius bereits in einem ersten Reitergefecht gefallen; dann habe der Diktator von Rom Verstärkungen erhalten, die ihm sein Verwandter, der neu ernannte Magister equitum Gaius Fabius Ambustus, zugeführt habe. In einer zweiten Schlacht gegen die Samniten habe Rullianus nun einen Sieg erringen können.Livius, Ab urbe condita 9, 22, 1 – 24, 1.
313 v. Chr. soll Fabius Rullianus laut der Darstellung Diodors zum zweiten Mal das Amt des Diktators ausgeübt haben. In dieser Eigenschaft sei es ihm gelungen, Fregellae zurückzuerobern. 200 vornehme, romfeindliche Bürger dieser Stadt habe er nach Rom verbracht und dort auf dem Forum enthaupten lassen. Anschließend habe er einen Vorstoß nach Kampanien unternommen, hier Calatia und die Burg von Nola eingenommen, reiche Beute gemacht und seinen Soldaten erobertes Land als Neubesitz übereignet.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 19, 101, 3. Alle anderen erhaltenen Quellen kennen diese Diktatur des Fabius nicht; nach ihnen war 313 v. Chr. vielmehr Gaius Poetelius Diktator. Deswegen könnte bei Diodor ein Fehler oder eine Geschichtsfälschung im Sinne des Geschlechts der Fabier vorliegen.
Zum zweiten Mal zum Konsulat gelangte Fabius 310 v. Chr. zusammen mit Gaius Marcius Rutilus Censorinus.Fasti Capitolini zum Jahr 310 v. Chr.; Livius, Ab urbe condita 9, 33, 1; Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 20, 27, 1; u. a. Damals hatten sich die Samniten mit den Etruskern gegen Rom verbündet; und gemeinsam belagerten ihre Truppen die römische Festung Sutrium. Diodor berichtet, dass beide Konsuln mit ihrem Heer zum Entsatz von Sutrium nach Etrurien zogen und einen Sieg errangen. Da aber die Samniten in das mit Rom verbündete Apulien einfielen, musste sich Marcius von Fabius trennen und mit seinen Streitkräften dem neuen Kriegsschauplatz zuwenden. Fabius vermochte mit den ihm verbliebenen Truppen nicht mehr der feindlichen Übermacht vor Sutrium standzuhalten und beschloss, ihr in den Rücken zu fallen. Er zog unbemerkt vom Feind durch das Territorium der Umbrer nach Mitteletrurien, wo schon relativ lang kein Krieg stattgefunden hatte, verwüstete das Land, schlug eine eilig zusammengezogene gegnerische Armee und bei Perusia auch ein zweites, stärkeres Truppenkontingent. Daraufhin schlossen Arretium, Cortona und Perusia mit ihm einen Waffenstillstand. Als Fabius noch eine weitere feindliche Stadt einschloss, zogen die Etrusker schließlich von Sutrium ab.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 20, 35, 1-5.
Der wesentlich umfangreichere, aber unzuverlässige und verwirrte Kriegsbericht des Livius differiert stark von Diodors Darstellung. Obwohl auch in ihm die von Diodor überlieferten Fakten nicht fehlen, werden diese teils nur als Variante, teils ungenau und übertrieben angegeben. Bei Livius finden sich gegenüber Diodor auch mehrere ausführlich geschilderte unglaubwürdige Erweiterungen sowie Fälschungen. So soll etwa bereits im Vorjahr 311 v. Chr. der Konsul Quintus Aemilius Barbula den Etruskern bei Sutrium erfolgreiche Gefechte geliefert und Fabius 310 v. Chr. gleich von Beginn an ohne seinen Mitkonsul mit ihnen Krieg geführt haben. Immerhin könnte der von Livius und den Triumphalakten erwähnte Triumphzug, den Fabius wegen seiner siegreichen Kämpfe gegen die Etrusker abhalten durfte, historisch sein.Livius, Ab urbe condita 9, 32, 1 – 33, 2; 9, 35, 1 – 37, 12; 9, 38, 4 ff. u. ö.; dazu Dagegen ist der Bericht des Livius, dass der zweite Konsul in Samnium verletzt worden sei und Fabius daraufhin gemäß dem Wunsch des Senats Lucius Papirius Cursor – trotz seiner persönlichen Feindschaft zu ihm – zum Diktator ernannt habe,Livius, Ab urbe condita 9, 38, 9-14, ebenso Cassius Dio, Römische Geschichte, Fragment 33, 26. wohl als annalistische Erfindung zu werten.So