Als Komparatistik oder komparatistische Literaturwissenschaft werden im deutschen Sprachraum die Fächer Vergleichende Literaturwissenschaft bzw. Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft bezeichnet.Definition im Duden Die vergleichende Literaturwissenschaft behandelt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Literaturen verschiedener Kulturen in grenzüberschreitender Perspektive. Sie bedient sich hierzu der Methode des Vergleichs. Die allgemeine Literaturwissenschaft umfasst alle Felder der Literaturtheorie, darunter Ästhetik, Rhetorik und Narratologie.

Begriffsgeschichte Die Bezeichnungen „Komparatistik“ und „Vergleichende Literaturwissenschaft“ gehen auf das Französische zurück. Die Bezeichnung „Littérature comparée“ findet sich erstmals 1804 im Titel des Werks Cours de littérature comparée von François Noel und Guislain de La Place. Als Disziplin wurde die Bezeichnung durch Abel-François Villemain in seinen Literaturvorlesungen an der Pariser Sorbonne (1827–1830) etabliert. Im Italienischen bürgerte sich die Bezeichnung „letteratura comparata“ mit der Bezeichnung von Francesco De Sanctis’ Lehrstuhl in Neapel zwischen 1872 und 1883 ein, im Spanischen der Begriff Literatura comparada.

Im Englischen wird seit H. M. Posnetts Werk Comparative literature (1886) die Bezeichnung „Comparative Literature“ gebraucht. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Lane Cooper (1875–1959), der sein Department an der Cornell-Universität „Comparative Study of Literature“ nannte, kritisierte die Bezeichnung mit dem Einwand, sie ergebe grammatikalisch keinen Sinn: „[Der] trügerische Begriff ,Vergleichende Literatur‘ hält keiner ernsthaften Betrachtung stand: ,vergleichend‘ ergibt mit einem Substantiv weder Sinn noch Syntax. Man könnte genauso ,vergleichende Kartoffeln‘ oder ,vergleichende Hülsen‘ sagen.““[The] bogus term ‘comparative literature’ will not bear real scrutiny: ‘comparative’ with a noun like that makes neither sense nor syntax. You might as well permit yourself to say ‘comparative potatoes’ or ‘comparative husks’.” René Wellek: Comparative Literature in General Education. In: The Journal of General Education. Band 2, Nr. 3, 1948, S. 215–218, hier S. 216. Im Deutschen dauerte die Etablierung der Bezeichnungen für die Disziplin länger, da die Bezeichnungen „Vergleichende Literaturwissenschaft“ und „Vergleichende Literaturgeschichte“ in Konkurrenz zueinander standen. Dies belegen die 1877–1888 von Hugo von Meltzl herausgegebene Zeitschrift für vergleichende Litteratur, ab 1879 mit Haupttitel Acta Comparationis Litterarum Universarum, ab 1887 mit deutschem Untertitel Zeitschrift für vergleichende Litteraturwissenschaft erschienen, sowie die 1887–1910 von Max Koch herausgegebene Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte, die von 1889 bis 1891 mit dem erweiterten Titel Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte und Renaissancelitteratur erschien.

Die heute neben „Komparatistik“ übliche Fachbezeichnung „Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“ etablierte sich mit den Arbeiten des französischen Literaturwissenschaftlers Paul van Tieghem, der seit den 1920er Jahren von einer „littérature générale ou synthétique“ sprach. Die spezifisch deutsche Fachbezeichnung Komparatistik ist vom französischen „comparatiste“ abgeleitet, mit dem seit Beginn des 20. Jahrhunderts Vertreter des Fachs „Littérature comparée“ bezeichnet wurden.Hendrik Birus: Komparatistik. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II. Hg. v. Harald Fricke u. a. Berlin / New York 2000, S. 313–317, hier S. 313–315.

Geschichte des Fachs im deutschsprachigen Raum Im deutschsprachigen Raum konnte sich die Komparatistik als akademische Disziplin im 19. Jahrhundert nicht etablieren, da die sich formierende Disziplin der Germanistik sich vorrangig mit der eigenen Nationalliteratur auseinandersetzte. Die erste Professur mit vergleichender Ausrichtung an einer deutschsprachigen Universität wurde 1902 in Zürich eingerichtet und mit dem in New York geborenen Louis-Paul Betz besetzt, der 1895 die Lehrbefugnis für Vergleichende Literaturgeschichte erhalten hatte. Nach mehreren Vakanzen wurde dort 1964 der belgische Literaturtheoretiker Paul de Man berufen und 1968 zum Ordinarius ernannt. 1969 nahm das Seminar für Vergleichende Literaturwissenschaft seine Arbeit auf.

In Deutschland wurden erst in der Nachkriegszeit Lehrstühle, Seminare und Institute für Komparatistik eingerichtet. Vor dem Krieg waren nur Lehrbefugnisse unter anderem an André Jolles (1923), Eduard von Jan (1927) und Kurt Wais (1934) erteilt worden. Die ersten Lehrstühle wurden in der französischen Besatzungszone eingerichtet, der erste davon in Mainz (1946), der zweite an der Universität des Saarlandes (1948). Dort wurde 1951 der erste Studiengang mit der Bezeichnung „Vergleichende Literaturwissenschaft / Littérature comparée“ eingerichtet und ein Institut für Komparatistik gegründet. Seit 1987 heißt es auch Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. An mehreren Orten wurden komparatistische Institute aufgrund von Sparmaßnahmen den germanistischen Instituten angegliedert. An der Freien Universität Berlin wurde 1965 das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft gegründet, das seit 2005 den Namen seines Gründers Peter Szondi trägt. Anstöße zur Entwicklung der Disziplin kamen in den 1960er Jahren aus den USA, wo die Anwesenheit europäischer Emigranten wie Erich Auerbach, Leo Spitzer, René Wellek, Renato Poggioli und Claudio Guillén zur Entwicklung vergleichender Literaturstudien beigetragen hatte.

Auch in Österreich und der Schweiz wurden nach 1945 weitere Institute und Studiengänge gegründet, etwa das 1970 eingerichtete Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck und das 1980 gegründete Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien, das seit 2004 eine Abteilung des neu gegründeten Instituts für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft ist; außerdem das Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft/Institut de Littérature générale et comparée der zweisprachigen Universität Freiburg/Fribourg. In der DDR gab es keinen Lehrstuhl für Komparatistik, dennoch lehrte dort eine Reihe bedeutender Komparatisten wie Hans Mayer, Werner Krauss und Victor Klemperer.

Einzelne Forschungsgebiete Vergleichende Literaturgeschichte Die Grenzüberschreitung der Komparatistik ist nicht politisch zu verstehen, denn nationale Grenzen sind in den seltensten Fällen auch kulturelle. Vielmehr ist die Komparatistik interkulturell ausgerichtet, d. h., sie betrachtet literarische Phänomene (Stoffe, Themen, Gattungen usw.) im inter- oder transnationalen Vergleich: Sie vergleicht einzelne Dichtungen, Dichter oder Strömungen sowie Kanonisierungsprozesse und Rezeptionszusammenhänge in verschiedenen Kulturen oder die Nationalliteraturen in ihrem gesamten Verlauf; sie erforscht die Einflüsse bestimmter Schriftsteller oder literarischer Strömungen auf andere Literaturen und untersucht die Geschichte einzelner Gattungen, Stoff- oder Motivkreise (Weltliteratur). Außerdem beschäftigt sich die Komparatistik mit dem Vergleich der einzelnen Künste und untersucht auf diese Weise intermediale Prozesse und Transformationen der Sprache.

Sie interessiert sich also beispielsweise nicht für den deutschen Roman der Moderne, sondern welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser in Bezug zu französischen oder englischen Romanen der Moderne aufweist. Tertium Comparationis (das gemeinsame Dritte) wäre damit die Moderne als übernationales Phänomen.

In der Komparatistik werden gewöhnlich zwei Typen des Vergleichs voneinander unterschieden:

Der genetische Vergleich basiert auf direkten oder indirekten Kontakten und Einflüssen. Es besteht ein genetischer Bezug zwischen zwei oder mehreren Vergleichsgliedern, d. h. man stellt die Frage nach den kausalen Beziehungen zwischen zwei Autoren (wie hat Goethe André Gide beeinflusst? wie verarbeitet Joyce im Ulysses Homers Odyssee?). Hierbei handelt es sich um direkte Kontakte. Von einem indirekten Kontakt lässt sich sprechen, wenn zum Beispiel ein Autor durch die Lektüre eines anderen Autors mit einem dritten Autor bekanntgemacht oder von ihm beeinflusst wird. Es findet in diesem Fall also eine Vermittlung durch eine zwischengeschobene Instanz statt. Dabei muss man unterscheiden zwischen bewussten und unbewussten indirekten Kontakten (ein Autor nimmt eindeutig zu Schopenhauer Stellung, obwohl er dessen Schriften nur durch einen anderen Autor, nicht durch eigene Lektüre kennengelernt hat).

Es ist auch möglich, von Kontakt oder Einfluss zu sprechen, wenn ein Autor nicht direkt oder indirekt von einem einzelnen Autor beeinflusst wird, sondern von einer ganzen literarischen Strömung. So ist zum Beispiel Joyce sowohl direkt beeinflusst durch Homer, Dante, Shakespeare usw. als auch Kind seiner Zeit, der Gedanken und Ideen der literarischen Moderne, also einer bestimmten historischen Epoche. Solche indirekten Bezüge lassen sich auch mit der texttheoretischen Kategorie der Intertextualität beschreiben, die – im Gegensatz zu produktions- und rezeptionsästhetischen Ansätzen – ausschließlich das Werk selbst berücksichtigt und den intertextuellen Bezug als Eigenschaft des Textes versteht.

Mit einem anderen Vergleichstyp hat man es zu tun, wenn man innerhalb der literarischen Moderne Autoren miteinander vergleicht. Es geht nicht mehr darum, festzustellen, wie beispielsweise Céline von einem spezifischen soziokulturellen Umfeld beeinflusst wurde, sondern wie verschiedene Autoren mit diesem Umfeld (auf internationaler Ebene, mit soziolinguistischen Unterschieden) in ihren literarischen Texten umgehen. Man vergleicht also Autoren, die ein gemeinsames Umfeld haben, ohne dass sie direkten oder indirekten Einfluss aufeinander hatten. In diesem Fall spricht man von einem kontrastiven bzw. typologischen Vergleich. Er basiert nicht auf Kontakten, sondern auf Analogien. Bei diesem Vergleichstyp kommt es viel stärker darauf an, ähnliche literarische Erscheinungen miteinander in Beziehung zu setzen. Es ist zum Beispiel angebrachter, innerhalb einzelner Gattungen zu vergleichen (der Roman der Moderne) oder bei gattungsübergreifenden Vergleichen ähnliche literarische Inhalte zu wählen (Stadtproblematik in der Moderne).

Disziplinübergreifende Forschung Seit Oskar Walzels Schrift Wechselseitige Erhellung der Künste (1917) überschreitet die Komparatistik disziplinäre Grenzen, vergleicht Literatur mit anderen künstlerischen Formen (Malerei, Musik, Film usw.; Künstevergleich), ordnet Literatur mediengeschichtlich und soziologisch ein, tritt geistes- und ideengeschichtlich auf ihre spezifische Art in „Konkurrenz“ zu philosophischen Fragestellungen. Ziel ist es dabei, zu allgemeingültigen und theoriefähigen Aussagen zu gelangen. Gerade die Theoriebildung in literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive ist eine spezifische Domäne der Komparatistik.

Allgemeine Literaturgeschichte Die komparatistische Forschung ist in der Literaturgeschichte stark von den Erkenntnissen der Einzelphilologien abhängig. In Abgrenzung zu diesen konzentriert sie sich auf systematische Fragestellungen im internationalen Kontext. Vor allem Periodisierungs- und Epochenfragen spielen dabei die zentrale Rolle. Im Laufe der literaturhistorischen Forschungen hat es unzählige Versuche gegeben, das heterogene Gefüge literarischer Beziehungen zeitlich zu gliedern. Zu diesem Thema siehe Epoche (Literatur).