Die Kiewer Rus (, , ), auch Kyjiver Rus'Kappeler, Andreas: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2022, S. 28., AltrusslandSchramm, Gottfried: Altrusslands Anfang. Historische Schlüsse aus Namen, Wörtern und Texten zum 9. und 10. Jahrhundert. (= Rombach Wissenschaften. Reihe Historiae. Bd. 12). Rombach, Freiburg im Breisgau 2002, ISBN 3-7930-9268-2., Kiewer RusslandErich Donnert: Das Kiewer Russland – Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert. 1. Auflage. Urania-Verlag, Leipzig u. a. 1983. bzw. Kiewer Reich, war ein mittelalterliches altostslawisches Großreich. Die heutigen Staaten Russland, Ukraine und Belarus sehen in der Kiewer Rus ihren Vorläufer. Der im 19. und 20. Jahrhundert geprägte Begriff kann auch als Bezeichnung der Epoche in der Geschichte der Rus verstanden werden, in der Kiew als Großfürstensitz das politische und kulturelle Zentrum der Rurikiden-Dynastie war.

Begriff Die Bezeichnung „Rus“ erhielten die Herrschaftsgebiete des Geschlechts der Rurikiden, das nach ihrem Dynastiegründer, dem Stammesfürsten Rjurik, benannt ist. Entlang des Weges von den Warägern zu den Griechen bildete sich eine Handelskette zwischen Ostseeraum, Schwarzem Meer und Bosporus.Jürgen Hartman: Russland: Einführung in das politische System und Vergleich mit den postsowjetischen Staaten. Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00174-2, S. 19 f. Dieses Gebiet wurde unter der Herrschaft der Rurikiden und des namensgebenden Stammes Rus vereinigt. Der zusammengesetzte Begriff „Kiewer Rus“ ist dagegen kein zeitgenössischer Eigenname, sondern eine historiographische Bezeichnung, die sich in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts entwickelte. Eine frühe Verwendung der Bezeichnung „Kiewer Rus“ ist 1837 bei dem Historiker und ersten Rektor der Kiewer Universität, Mychajlo Maksymowytsch nachweisbarMychajlo Maksymowytsch: Otkuda idet Ruskaja semlja. Kiew 1837, S. 12ff.. Der Begriff wurde im 19. Jahrhundert zunächst vor allem zur geographischen Differenzierung des Kiewer Kerngebietes von anderen historischen Regionen und Teilfürstentümern der Rus verwendet. Im weiteren Verlauf entwickelte sich „Kiewer Rus“ zu einer verbreiteten historiographischen Bezeichnung für die mittelalterliche Rus in der Epoche, in der Kiew ihr bedeutendstes politisches und kulturelles Zentrum war. In der modernen Forschung wird daneben häufig schlicht die historische Bezeichnung „Rus“ verwendet. Serhii Plokhy bezeichnet das mittelalterliche Gemeinwesen entsprechend als ein heute unter dem Namen „Kyjiver Rus'“ bekanntes politisches GebildeSerhii Plokhy: Lost Kingdom. The Quest for Empire and the Making of the Russian Nation. Basic Books, New York 2017, S. 14–17.. Die Bezeichnungen „Rus“ und „Russland“ sind dabei nicht gleichzusetzen; insbesondere sollte aus der Verwendung des Begriffs „Rus“ keine unmittelbare staatliche oder nationale Kontinuität zu einem einzelnen modernen Nationalstaat abgeleitet werdenAndreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 2017, S. 22–25..

Geschichte Waräger in Gardarike Seit dem 8. Jahrhundert fuhren skandinavische Fernhändler (Waräger) die Flüsse Dnepr und Don entlang auf dem Weg ins Byzantinische Reich. Um 750 gründeten sie die erste Siedlung in Ladoga. In skandinavischen Texten und Runensteinen wird das Gebiet als Gardarike (Reich der Burgen) bezeichnet. Das Gebiet wurde in dieser Zeit von slawischen, finno-ugrischen und baltischen Stämmen bewohnt.

Gründung des Rurikiden-Staates in Nowgorod mini|Grabhügel der Rus-Krieger entlang des Wolchow bei Nowgorod

Der Nestorchronik zufolge riefen die miteinander verfeindeten Stämme der Ilmenslawen (Slowenen), Kriwitschen, Tschuden und Wes einen Edelmann namens Rjurik und seine Brüder Truwor und Sineus „von der anderen Seite des Meeres“, um ihre Fürsten zu sein. Durch ihre neutrale Herkunft erwartete man dauerhaften Frieden. Rjurik begann im Jahr 862 in Nowgorod zu herrschen, seine Brüder jeweils in Isborsk und Beloosero. Rjurik wurde zum Begründer der Rurikiden-Dynastie, die Russland bis ins Jahr 1598 (bzw. bis 1610 als Seitenzweig Schuiski) regieren sollte.

Die neuen Herrscher gehörten dem Stamm „Rus“ an, den die Nestorchronik als einen Teil der Waräger ansah. Andere Thesen zur Herkunft der Rus geben unter anderen eine slawische Herkunft an, werden aber in der Forschung mehrheitlich nicht vertreten. Das anfängliche Herrschaftsgebiet der Rurikiden umfasste neben den bereits erwähnten Städten auch Rostow, Murom, Smolensk und Polozk. Der Name Rus wurde mit der Zeit zu einem geografischen Begriff.

Verlegung des Zentrums nach Kiew 882 eroberte Ruriks Feldherr Oleg Kiew, das bis dahin von Askold und Dir beherrscht worden war. Auch Askold und Dir gehörten den Rus an, waren allerdings nicht mit Rurik verwandt. Sie errichteten am mittleren Dnepr ein unabhängiges politisches Gebilde, das im Jahr 860 einen erfolgreichen Feldzug nach Konstantinopel unternahm und die Stadt belagerte. Oleg beschuldigte Askold und Dir des Verrats an Rurik und tötete sie. Anschließend verlegte er als Regent für den minderjährigen Igor das Herrschaftszentrum der Rurikidendynastie nach Kiew. Die Stadt empfahl sich als Standort aufgrund ihrer strategischen Lage in der Mitte des Handelsweges zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer und ihrer guten Ost-West-Verbindung. Die Vereinigung der nördlichen und der südlichen Herrschaftsgebiete der Rus markierte den Beginn der Kiewer Rus. Die Rurikiden kontrollierten nun den gesamten Handelsweg zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Um diese Hauptader herum wuchs von nun an ihr Staat.

mini|Olegs Feldzug gegen Konstantinopel 907

Die Kiewer Fürsten vereinigten bald alle ostslawischen Gebiete unter ihrer Herrschaft. Ihr Staat wurde zum größten Staat Europas. Im Norden grenzte die Kiewer Rus an die Ostsee und das Weiße Meer, bedeutende Städte waren hier Nowgorod, Pskow, Alt-Ladoga, Beloosero und Jurjew (Tartu). Im Westen grenzte sie an die baltischen Stämme und Polen mit wichtigen Grenzstädten Grodno, Wladimir-Wolynsk, Peremyschl (Przemysl) und Galitsch. Im Südwesten erstreckte sich der Einflussbereich der Kiewer Fürsten entlang des Pruth und des Dnister zeitweise bis ans Schwarze Meer. Die Süd- und Südostgrenze des Reiches verlief lange Zeit unweit von Kiew entlang der Flüsse Ros und Sula. Hier grenzte die sesshafte ostslawische Zivilisation an das sogenannte Wilde Feld. Unter diesem Namen waren die Steppengebiete bekannt, aus denen immer wieder Angriffe der turkstämmigen Reiternomaden erfolgten. Im Nordosten drangen slawische Siedler immer weiter in dünn besiedelte finno-ugrische Gebiete vor, gründeten neue Städte und assimilierten die lokale Bevölkerung. Hier entstanden Städte wie Rjasan, Murom, Wladimir, Susdal, Jaroslawl, Moskau und Nischni Nowgorod. Zum östlichen Nachbarn der Kiewer Rus wurde das Reich der Wolgabulgaren. Außerhalb ihres großen zusammenhängenden Gebiets kontrollierten die rurikidischen Fürsten mehrere südliche Exklaven: Tmutarakan, Oleschje, Beresan und Belaja Wescha (Sarkel).

Die Rus stellten zunächst den Großteil der Adels-, Händler- und Kriegerschicht des Staates. Die dominierende Kultur und Sprache war slawisch (Altostslawische Sprache).

Blüte mini|Wladimir-Statue in Kiew (1853) am Ufer des Dnepr, wo der Legende nach die christlich-orthodoxe Taufe der Rus stattfand

Das 10. Jahrhundert kennzeichnete den Höhepunkt der Kiewer Macht: Oleg von Kiew konnte nach einem erfolgreichen Feldzug gegen Konstantinopel 907 dem Byzantinischen Reich einen Diktatfrieden mit zahlreichen Handelsprivilegien für Kiew aufzwingen. Fürst Swjatoslaw zerstörte das Chasaren-Reich und eroberte vorübergehend weite Teile des Balkans, unter anderem das Donaubulgarische Reich.

Durch den hauptsächlich auf Konstantinopel ausgerichteten Handel kam es, trotz anfänglicher Eroberungsversuche seitens der Rus, zu engen Kontakten mit Byzanz, die zur christlichen Missionierung und schließlich im Jahre 988 in der Herrschaftszeit Wladimirs des Heiligen zum Übertritt der Rus zum orthodoxen Glauben führten (siehe Christianisierung der Rus).

Die Kiewer Fürsten waren hoch angesehen und heirateten in ganz Europa; so schlossen sie dynastische Verbindungen unter anderem mit Norwegen, Schweden, Frankreich, England, Polen, Ungarn, dem Byzantinischen Reich und dem Heiligen Römischen Reich. Eine kulturelle Blütezeit erreichte die Kiewer Rus unter den Großfürsten Wladimir dem Heiligen (Herrschaftszeit 978–1015) und Jaroslaw dem Weisen (1019–1054). Letzterer ließ im ganzen Reich nach byzantinischem Vorbild viele Kirchen, Klöster, Schreibschulen und Festungsanlagen errichten, reformierte die ostslawische Gesetzgebung, hielt sie erstmals schriftlich fest (Russkaja Prawda) und gründete in Kiew die erste ostslawische Bibliothek.

mini|Ein Modell des ursprünglichen Aussehens der Kiewer Sophienkathedrale, 11. Jahrhundert

Die Kiewer Rus war jedoch ähnlich wie das Heilige Römische Reich kein einheitlicher Staat, sondern bestand aus einer Vielzahl von relativ selbstständigen Teilfürstentümern, die von den Rurikiden regiert wurden. Einer von ihnen erbte jeweils nach dem Senioratsprinzip die Großfürstenwürde und zog zum Regieren nach Kiew. Andere Fürsten rückten währenddessen in der Regierungshierarchie nach und übernahmen die Macht in den einzelnen unterschiedlich wichtigen Teilfürstentümern. Zu solchen Teilfürstentümern der Rus zählten im 11. und 12. Jahrhundert Kiew, Tschernigow, Perejaslaw, Smolensk, Polozk, Turow-Pinsk, Rostow-Susdal, Murom-Rjasan und Galizien-Wolhynien sowie die Republik Nowgorod. Auf dem Fürstentag von Ljubetsch 1097 verzichtete man auf das Nachrückprinzip, so dass einzelne Rurikidenlinien von nun an dauerhafte Herren ihrer Ländereien wurden. Dies legte den Grundstein für das System des feudalen Großgrundbesitzes.

Zerfall Die Kiewer Rus litt während ihres gesamten Bestehens an der geographischen Randlage in Europa an der Grenze zum sogenannten Wilden Feld. Wegen des Fehlens natürlicher Barrieren kamen aus den südlichen und südöstlichen Steppen immer neue Reitervölker wie Alanen, Petschenegen oder Kyptschaken (Polowzer), die das Reich mit ihren Überfällen immer im Kriegszustand hielten. Um sich gegen die Nomaden zu schützen, wurden an der Südgrenze neue Festungen gegründet und Verteidigungslinien wie die Schlangenwälle genutzt. Die turkstämmigen Schwarzen Klobuken halfen als Vasallen der Kiewer Fürsten beim Schutz der Grenzen. Nicht selten war jedoch die aus Berufskriegern zusammengestellte Druschina des Großfürsten gegen die riesigen Reiterheere machtlos. Von einem solchen unglücklichen Feldzug gegen die Polowzer handelt das altrussische Igorlied.

mini|Teilfürstentümer der Rus zwischen 1054 und 1132

Ein anderes großes Problem war die Erbfolgeregelung nach dem Senioratsprinzip, die bei fast jedem Thronwechsel in Kiew zu kriegerischen Feudalfehden unter den rurikidischen Anwärtern und ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts zur zunehmenden Unabhängigkeit der einzelnen Fürstentümer sowie zum Herabsinken der führenden Rolle Kiews führten. Nach dem Tod der einflussreichen Großfürsten Wladimir Monomach (1125) und seines Sohnes Mstislaw I. (1132), die die zerstrittenen Fürsten noch einmal unter der Oberherrschaft Kiews einen konnten, kam es zum endgültigen Zerfall der Kiewer Rus. Zugleich setzte die Migration großer Teile der Bevölkerung in den Nordosten ein, um den sich häufenden Überfällen der Steppennomaden sowie den tobenden Feudalkriegen um den Kiewer Großfürstenthron zu entgehen. Unter Juri Dolgoruki wurden in dieser „Salessje“ („Land hinter dem Wald“) genannten Region zahlreiche Städte gegründet, das politische Gewicht der neubesiedelten Gebiete stieg rasant. Sein Sohn Andrei Bogoljubski, Fürst von Wladimir-Susdal, konnte 1169 Kiew einnehmen und die Großfürstenwürde an sich reißen. Als erster Großfürst löste er diese vom Standort Kiew und regierte fortan aus Wladimir.