Als Querfront im engeren Sinn werden antidemokratische Strategien in der Weimarer Republik bezeichnet, die versuchten, die Ideologien Nationalismus und Sozialismus miteinander zu verbinden, um die politische Macht zu erringen. Solche Bündnisse strebten Vertreter der Konservativen Revolution seit etwa 1920 theoretisch, der damalige Reichskanzler Kurt von Schleicher 1932 nach verbreiteter Forschungsmeinung auch praktisch an.
Als Querfront im weiteren Sinn bezeichnet man die Annäherung oder Vermischung linker und rechter Positionen, um Lager-übergreifende Aktionsbündnisse „quer“ zu bestehenden links- und rechtsgerichteten politischen Richtungen herzustellen. Dies versuchten Teile des deutschen Neonazismus wie auch linksgerichtete Gruppen und Parteien mit nationalistischen Tendenzen.
Ob der historische Begriff sich auf beliebige Bündnisse von linken und rechten politischen Kräften übertragen lässt, ist umstritten. Vorgeschlagen wird daher, nur lagerübergreifende Bündnisse mit antiemanzipatorischen „inhaltlichen Schnittmengen“ wie Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamismus und Antifeminismus als Querfront zu bezeichnen.Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk! 2016, S. 102–104. Die Extremismusforschung erklärt solche Bündnisse auch aus übereinstimmenden „autoritären Dispositionen, kollektivistischen Freund-Feind-Konstruktionen und verschwörungstheoretischen antisemitischen Welterklärungen“ bei rechts- und linksgerichteten Bevölkerungsteilen.Lars Rensmann: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS, Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-322-80454-9, S. 103
Deutschland Weimarer Republik miniatur|hochkant|Reichskanzler Kurt von Schleicher (1932)
Querfrontkonzepte kamen historisch nach der Novemberrevolution 1918 und Gründung der Weimarer Republik 1919 in Deutschland auf. Sie waren Bestandteil von antidemokratischen, rechtsgerichteten Theorien des Nationalen Sozialismus. Vertreter dieser Theorien wollten den Sozialismus vom Marxismus lösen, um ihn zu einer nationalen Volksgemeinschaft umdeuten zu können, die als autoritärer und elitärer Führerstaat verfasst sein sollte. Vertreter solcher Theorien waren Oswald Spengler (Preußentum und Sozialismus 1920), Arthur Moeller van den Bruck (Das dritte Reich 1923), der Juniklub, das Politische Kolleg,Kevin Culina, Jonas Fedders: Querfront. In: Dieselben: Im Feindbild vereint, Münster 2016, S. 11 f. der Tat-Kreis und andere. Sie propagierten einen autoritären deutschen Staat, der die Weimarer Demokratie beseitigen, sich der Sowjetunion öffnen und eine Ausrichtung auf westliche Werte und besonders auf die USA ablehnen sollte. Phasenweise wurde in der KPD versucht, den deutschen Nationalismus für die eigenen revolutionären Bestrebungen nutzbar zu machen – so etwa 1923 im „Schlageter-Kurs“. Diese „nationalbolschewistischen“ Experimente stießen jedoch innerparteilich stets auf Kritik und wurden bald wieder abgebrochen.Ralf Hoffrogge: Der Sommer des Nationalbolschewismus? Die Stellung der KPD-Linken zum Ruhrkampf und ihre Kritik am „Schlageter-Kurs“ von 1923, in: Sozial.Geschichte Online, Nr. 20 (2017), S. 99–146.
Im Sommer 1932 entwickelte Reichswehrminister Kurt von Schleicher Überlegungen, man könne eine Querfront mit den Gewerkschaftsflügeln verschiedener Parteien von rechts bis links errichten. In der Forschung wird verbreitet angenommen, als Reichskanzler habe er im Winter 1932/33 versucht, diese Überlegungen in die Tat umzusetzen und den ADGB und Teile der NSDAP um Gregor Strasser dazu zu bringen, sein Präsidialkabinett zu unterstützen.Eberhard Kolb, Dirk Schumann: Die Weimarer Republik. (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Bd. 16). 8., aktualisierte und erweiterte Auflage, Oldenbourg, München 2012, ISBN 978-3-486-71267-4, S. 146. Der deutsche Historiker Heinrich Muth betont dagegen, dass diese Überlegungen sich auf wenige Wochen im August und September 1932 beschränkten und damit auch zeitlich in keiner näheren Beziehung zu einem möglichen Regierungsprogramm Schleichers standen.Heinrich Muth: Schleicher und die Gewerkschaften 1932. Ein Quellenproblem. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 29 (1981), Heft 2, S. 189–215, das Zitat S. 208 Der amerikanische Historiker Henry Ashby Turner hält es für einen „Mythos“, dass Schleicher versucht haben soll, eine Querfront zu errichten und die NSDAP zu spalten.Henry Ashby Turner: The Myth of Chancellor Von Schleicher's Querfront Strategy. In: Central European History 41, Heft 4 (2008), S. 673–681 Die von ihm sicher angestrebte Unterstützung der NSDAP für sein Kabinett scheiterte bereits am 5. Januar 1933, als Gregor Strasser von allen Parteiämtern zurücktrat. Adolf Hitler einigte sich dann rasch mit Schleichers Konkurrenten Franz von Papen auf ein Bündnis unter Hitlers Führung.Volker Weiß: Moderne Antimoderne. Arthur Moeller van den Bruck und der Wandel des Konservatismus. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012, ISBN 3-506-77146-9, S. 251
Der rechtsgerichtete Hofgeismarer Kreis der SPD, nationalistische Gewerkschafter wie Walter Pahl und die Zeitschrift Neue Blätter für den Sozialismus hatten ihrerseits seit Jahren eine Annäherung an den deutschnationalen Konservatismus und an den linken Flügel der NSDAP verlangt und gefördert. Sie vertraten Parolen wie „Durch Sozialismus zur Nation“, definierten die Aufgabe der Gewerkschaften als „Dienst an der Volksgemeinschaft“ und bevorzugten eine nationalkorporative Wirtschaftsordnung zur „Überwindung der liberalkapitalistischen Klassengesellschaft“. Auf diesem Hintergrund begrüßten die Neuen Blätter Hitlers Kanzlerschaft und diktatorische Maßnahmen noch im Juni 1933 als historische Möglichkeit, diese Ziele zu verwirklichen und die Orientierung der Arbeiterbewegung an den „Ideen von 1789“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) zu beenden.Arno Klönne: Rechtsextremismus in der „zivilen“ Gesellschaft. „Kein Spuk von gestern“. LIT, Münster 2000, ISBN 3-8258-5123-0, S. 99
Neonazismus Seit 1970 verfolgen Teile des deutschen Neonazismus gezielt Querfrontstrategien. Die von Michael Kühnen gegründeten und inspirierten Gruppen wie die Aktionsfront Nationaler Sozialisten (1975–1982) bezogen sich dabei positiv auf den Nationalsozialismus. So antwortete Kühnen 1989 auf eine Interviewfrage: Linke Autonome und Neonazis verbinde der Kampf gegen die bürgerliche Ordnung, die Dekadenz und die Demokratie. Daher könnten sie durchaus gemeinsam dagegen kämpfen. „Wenn wir das Schweinesystem“ (ein von der linksterroristischen RAF benutzter Ausdruck) „beseitigt haben, können wir immer noch untereinander ausschießen, welche Ordnung besser ist.“Ivo Bozic: Die Querfront als weltpolitisches Phänomen. In: Liske/Präkels: Vorsicht Volk!, 2016, S. 101.
Nationalrevolutionäre, Nationalbolschewisten und Autonome Nationalisten grenzen sich dagegen schon mit ihren Selbstbezeichnungen vom Nationalsozialismus ab. Sie versuchen so ein rechtsextremes Weltbild aufrechtzuerhalten, ohne mit den mörderischen Folgen der NS-Politik in Verbindung gebracht zu werden. Seit 1975 verschaffte Henning Eichberg nationalrevolutionären Ideen eine Renaissance. Er griff Theorien der Konservativen Revolution nach 1918 auf und versuchte sie als Neue Rechte im Sinne einer Diskurshoheit zu etablieren. Er kam aus dem Umfeld von Otto Strasser (NSDAP) und orientierte sich an den Schriften der Weimarer Nationalbolschewisten Ernst Niekisch und Karl Otto Paetel, des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle und des Zionisten Martin Buber. Es entstanden Gruppen wie „Sache des Volkes“ und der „Nationalrevolutionäre Koordinationsausschuß“ mit den Zeitschriften Rebell, neue zeit, laser oder wir selbst. Sie verurteilten das „Dritte Reich“ der Nationalsozialisten als „antinational“ und lobten dagegen das von deutschnationalen Ideen getragene Attentat vom 20. Juli 1944. Ihr Befreiungsnationalismus, Regionalismus, Kampf gegen die „Supermächte“ in Ost und West verband sie mit Gruppen der „Neuen Linken“. Das Konzept des Ethnopluralismus dagegen trennte sie vom Universalismus. Sie propagierten einen „dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus oder Liberalismus und unterstützten Separatisten in Nordirland, auf Korsika, im Baskenland und Palästinensergruppen als „Befreiungsbewegungen“ im Rahmen eines nationalistischen Antiimperialismus. Einige nationalrevolutionäre Gruppen, etwa die rechtsterroristische Hepp-Kexel-Gruppe, orientierten sich stark an progressiv-linken Bewegungen. Die Gruppen um Eichberg lösten sich parallel zur Gründung der Grünen ab 1980 auf oder stellten ihre Arbeit ein. Eichberg war seit 1982 in Dänemark in der rotgrünen Socialistisk Folkeparti tätig.
miniatur|Autonome Nationalisten im Schwarzen Block mit antikapitalistischen und nationalsozialistischen Parolen Die Autonomen Nationalisten werden von gewaltbereiten, aktionistischen jungen Rechtsextremisten getragen. Sie übernehmen gezielt Ideen und Symbole der linken Szene, um diese zu unterwandern und dort Zustimmung zu finden. Sie treten auf Demonstrationen mit „linken“ Kleidungsmerkmalen wie Palästinensertüchern und T-Shirts mit dem Aufdruck Che Guevaras auf. Laut dem sächsischen Verfassungsschutz gehen solche „lagerüberschreitende[n] strategische[n] Überlegungen […] von einem kleinen, innerhalb der Szene noch marginalen Teil von Rechtsextremisten aus“. Auch das Auftreten von Neonazis auf den Montagsdemonstrationen gegen Sozialabbau 2004 sei in diesem Kontext zu sehen. Antiamerikanismus und teilweise Antizionismus von Teilen der Friedensbewegung gegen den Irakkrieg und internationale Einsätze der Bundeswehr böten Anknüpfungspunkte für Rechtsextremisten.Querfront – was ist das? verfassungsschutz.sachsen.de, 16. Mai 2006
Auf einer Demonstration der NPD 2003 in Dortmund, dann auch in Berlin, formierte sich ein „schwarzer Block“ mit dem von Autonomen bekannten Erscheinungsbild. Damit begann die Berliner Kameradschaft Tor eine Kampagne für einen bundesweiten „nationalen schwarzen Block“, der sich gegen NPD-Ordner wie gegen linke Antifa richtete und dem sich bis 2012 rund 10.000 Neonazis anschlossen.Alexander Thumfart: Rechtsextreme Erlebniswelten. Auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft. Universität Erfurt, 2012, PDF S. 24 Sie benutzen das autonome Erscheinungsbild gezielt als Mittel, um Jugendliche für körperliche Auseinandersetzungen mit Gegnern zu gewinnen und für den „nationalen Sozialismus“ zu vereinnahmen.Jan Schedler, Alexander Häusler (Hrsg.): Autonome Nationalisten - Neonazismus in Bewegung. Springer, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-93219-4, S. 80
Nach Informationen des Bundeskriminalamts wollten sich auch vor dem G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 Neonazis in die linken Massenproteste einreihen.In Heiligendamm drohen Anschläge von Islamisten. Welt, 25. Januar 2007 Als angeblich gemeinsamer ideologischer Nenner werde dabei die Bekämpfung der Marktwirtschaft und der Globalisierung angesehen. Die Kapitalismuskritik der „Autonomen Nationalen Sozialisten“ verurteilt das internationale Kapital, das sie im Sinne klassischer antisemitischer Verschwörungstheorien als von „den Juden“ gelenkt betrachtet, zu Gunsten des nationalen Kapitals. Die Globalisierungspolitik der Autonomen Rechten ist auf den Kampf für „nationales Bewusstsein“ und „nationalen Fortschritt“ gegen die „internationale Solidarität“ begrenzt.