Tularämie ist eine häufig tödlich verlaufende ansteckende Erkrankung bei frei lebenden Nagetieren und Hasenartigen, die durch das Bakterium Francisella tularensis (früher Pasteurella tularensis) ausgelöst wird. Die Erkrankung ist eine Zoonose und kann auf den Menschen übertragen werden. Sie zählt in Deutschland zu den meldepflichtigen Tierkrankheiten.
Da das Beschwerdebild (mit Primäraffekt an der Eintrittsstelle und Beteiligung der regionären Lymphknoten) dem der Pest ähnelt und die Erkrankung sehr häufig Hasen und Wildkaninchen befällt, wird sie häufig auch als Hasenpest bezeichnet. Andere Namen sind Nagerpest, Lemmingfieber, Parinaudkrankheit und Hirschfliegenfieber.
Geschichte Erstmals wurde die Erkrankung 1911 durch den US-amerikanischen Mediziner George W. McCoy beschrieben.GW. McCoy: A plague-like disease of rodents. In: Public Health Bull, 1911, 43, S. 53–71. 1912 gelang ihm zusammen mit Charles W. Chapin die Isolierung des Erregers aus einer Eichhörnchenart in Kalifornien.A. Tärnvik1, L. Berglund: Tularaemia. In: Eur Respir J, 2003, 21, S. 361–373.GW. McCoy, CW. Chapin: Bacterium tularense, the cause of a plaguelike disease of rodents. In: Public Health Bull, 1912, 53, S. 17–23. Zwischen 1919 und 1928 beschäftigte sich Edward Francis sehr ausführlich mit der Erkrankung und benannte sie nach dem Ort Tulare in Kalifornien/USA. Der wissenschaftliche Name des Erregers wurde ebenfalls nach ihm benannt. In Europa wurde die Tularämie zum ersten Mal 1931 dokumentiert, und zwar an der Ostseeküste Mittelschwedens. Zwischen 1936 und 1950 gelang den sowjetischen Wissenschaftlern Nikolai A. Gaiski, Boris J. Elbert, Somow und Chatenever die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Tularämie.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden vor allem im Spätjahr 1942 an der osteuropäischen Front Epidemien mit mehr als Hunderttausend Infektionen gemeldet. Der ehemalige sowjetische Biowaffenforscher Ken Alibek, der bis zu seiner Flucht in den Westen (1992) stellvertretender Leiter der für die Biowaffen-Entwicklung zuständigen sowjetischen Behörde Biopreparat war, vermutet, dass die Epidemien die Folge eines Einsatzes von Francisella tularensis als biologische Waffe durch die sowjetischen Streitkräfte waren. Alibek, der zu den Vorgängen 1973 an der Universität in Tomsk geforscht hatte, begründete seine Vermutung mit mehreren Indizien – so habe sich einerseits die Zahl der Tularämie-Fälle auf sowjetischem Gebiet (laut Alibek sollen wechselnde Wetterlagen den Erreger vom von den Deutschen kontrollierten Territorium wieder auf sowjetisches Gebiet zurückgetrieben haben) innerhalb eines Jahres in ungewöhnlich hohem Ausmaß von 10.000 Erkrankten (1941) auf 100.000 Erkrankte (1942) verzehnfacht,Ken Alibek, Stephen Handelman: Direktorium 15. Russlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag GmbH. München, Düsseldorf 1999, S. 47. während andererseits rund 70 Prozent der gemeldeten Fälle auf Lungen-Tularämie hindeuteten, welche durch eine gezielte Verbreitung über Aerosole verursacht werden kann. Als Alibek seine Ergebnisse seinem Vorgesetzten in Tomsk vorlegte, sei ihm von diesem strengstens verboten worden, nochmals darüber zu sprechen und er musste zudem seine Studienarbeit nachfolgend dahingehend abändern, dass keine Verdachtsmomente hinsichtlich einer absichtlichen Ausbringung des Erregers mehr aus dieser herauslesbar waren.Alibek: Direktorium 15, S. 48.
Der Seuchenhistoriker Stefan Winkle, der während des Zweiten Weltkrieges als Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts selbst mit den wiederholten Tularämieausbrüchen an der Ostfront befasst war, hält die Ansicht Alibeks jedoch für unhaltbar. Die Ausbrüche seien vielmehr Folge der ungeheuren Mäuseplage, die in dem endemisch tularämieverseuchten Gebiet infolge kriegsbedingt nicht abgeernteter Getreidefelder entstanden war. Der ungewöhnlich hohe Anteil an Lungentularämie sei darauf zurückzuführen, dass Soldaten auf verseuchten Strohmatten und Strohlagern schliefen und sich dabei infizierten.Stefan Winkle: Die Geschichte der Seuchen. Berlin, 2021, S. 1155–1166
Der deutsche Spezialist für biologische Kriegsführung Heinrich Kliewe erhielt 1942 Berichte von Gefangenen, dass alle sowjetischen Soldaten im Raum Stalingrad gegen Tularämie geimpft worden seien. Kliewe ließ darauf 3.000 Liter Impfstoff im I.G. Farben-Werk in Marburg produzieren, genug für eine Million Soldaten. Dieser wurde auch an die Front gebracht, kam aber nicht zum Einsatz.Chris Bellamy: Absolute War. Soviet Russia in the Second World War: a modern history. London 2007, S. 545 f.
In den 1950er und 1960er Jahren entwickelte das US-Militär Waffensysteme, die das Bakterium als Aerosol verteilen sollten. 1969 schätzte ein Expertengremium der Weltgesundheitsorganisation, dass eine derartige Verteilung von 50 Kilogramm F. tularensis über einer Stadt mit 5 Millionen Einwohnern in 250.000 Kampfunfähigen und 19.000 Toten resultieren würde. 1997 schätzten Wissenschaftler der amerikanischen CDC die Folgekosten eines solchen Angriffs auf 5,4 Milliarden US-Dollar pro 100.000 dem Agens ausgesetzten Personen.
Der größte dokumentierte Tularämie-Ausbruch fand 1966–1967 in einer ländlichen Gegend Schwedens statt und betraf etwa 600 Patienten. Diese hatten sich überwiegend beim Umschichten infizierten Heus durch Inhalation mit dem milderen Typ B infiziert und sprachen gut auf Tetracyclin an, sodass keine Todesfälle verzeichnet wurden.
Erreger mini|Kolonien von Francisella tularensis Der Erreger der Tularämie ist das hochansteckende Bakterium Francisella tularensis (früher auch: Pasteurella tularensis). Es handelt sich um ein sehr kleines, gramnegatives, kokkoides, sporenloses, schwer anzüchtbares Stäbchen, das den γ-Proteobakterien zugeordnet wird. Francisella ist die einzige Gattung in der Familie der Francisellaceae, Ordnung Thiotrichales. Sie umfasst insgesamt 4 Spezies (F. tularensis, F. philomiragia, F. novicida und F. noatunensis). Das Bakterium wird durch Wärme und die herkömmlichen Desinfektionsmittel zerstört, ist aber gegenüber Kälte resistent. Bereits 10 bis 50 Bakterien als Aerosol können einen Menschen infizieren. Der Erreger kann in gefrorenem Hasenfleisch bis zu drei Jahre und in Boden und Wasser über mehrere Wochen überdauern.
Es sind mehrere Varianten bekannt: Francisella tularensis biovar tularensis (Typ A) in Nordamerika, der für gefährlichere Verläufe verantwortlich ist. Francisella tularensis biovar palaearctica (Typ B) mit weltweiter Verbreitung. Francisella tularensis biovar mediaasiatica mit Verbreitung in Kasachstan und Turkmenistan
Francisella tularensis biovar novicida wurde mit wasserbedingten Ausbrüchen in Australien, Spanien und den USA in Verbindung gebracht.Tina Broman, Mats Forsman, Jeannine Petersen, Anders Sjöstedt: The Infectious Agent. in WHO Guidelines on Tularaemia. Genf, 2007, S. 4 (online mehrsprachig verfügbar)
Verbreitung Nordamerika zwischen 30°N und 71°N: USA (vor allem Arkansas, Missouri, Oklahoma, Tennessee, Kansas und Utah, andere Bundesstaaten, außer Hawaii), Kanada und Mexiko – 1.500 Infektionen pro Jahr Asien, insbesondere Japan (1.400 Infektionen in 70 Jahren) und Teile Sibiriens Europa: insbesondere Skandinavien (20–50 pro Jahr), Tschechien (10), Slowakei (10), Spanien (55 Fälle seit 1997), Serbien (2001 bis März 2002 700 Fälle), Georgien und Deutschland (für Deutschland 2014 21 Fälle, 2015 34 Nachweise, 2016 41 Fälle, 2017 52 Nachweise. 2018 waren es 54 nachgewiesene Infektionen und 2019 stieg die Zahl auf 71. 2020 wurden 59 Fälle gezählt, 2021 waren es 113 und 2022 sank die Zahl auf 68. Für 2023 wurden 102 Fälle verzeichnet, 2024 kam es zu einem Anstieg auf 200 Fälle. 2025 wurden 171 Infektionen nachgewiesen.)
Im Oktober 2005 infizierten sich bei einer Treibjagd auf Hasen im Landkreis Darmstadt-Dieburg neun Jäger und Treiber mit Tularämie. Fast alle waren am Ausnehmen oder Abbalgen beteiligt gewesen, sie hatten keine Krankheitszeichen an den Tieren festgestellt. Bei einem weiteren Jäger, der etwa vier Wochen später starb, wurde die Krankheit als Todesursache angenommen, da er typische Symptome gezeigt hatte. In Bayern wurde am 6. November 2018 bekannt, dass sich hier neun Jäger mit der Hasenpest infiziert haben.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Krankheit in Deutschland wesentlich häufiger, vermutlich wegen der damals höheren Hasen- und Kaninchenpopulation und der stärkeren Nutzung dieser Tiere für die menschliche Ernährung. Rund 100 bis 200 Fälle wurden in dieser Zeit pro Jahr registriert.
Infektionsweg Der Erreger befällt ein breites Spektrum von Lebewesen. Er infiziert vor allem verschiedene kleinere Säugetiere, wie Hasen und Mäuse, aber auch andere Wild- und Haustiere. Ebenso wurde der Erreger bei blutsaugenden Insekten wie Bremsen und Mücken sowie bei Zecken und auch in Vögeln und Amphibien nachgewiesen.RKI Ratgeber: Tularämie, Stand: 23. Februar 2016; abgerufen am 17. Juli 2023
Der Erreger ist hochinfektiös. Bei Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt reichen rund zehn Erreger, um eine Erkrankung auszulösen. Die Infektion kann über Haut- und Schleimhautkontakt von infektiösem Tiermaterial geschehen, bei der Jagd, dem Enthäuten oder der Schlachtung geschehen. Ebenso kann der Erreger über nicht ausreichend erhitztes Fleisch übertragen werden. Eine Infektion ist aber auch durch mit Tierkot verunreinigte Lebensmittel oder verunreinigtes Wasser möglich. Ein weiterer möglicher Infektionsweg ist das Einatmen von kontaminiertem Staub oder Aerosolen, zum Beispiel bei der Heubearbeitung. Außerdem können Stiche oder Bisse infizierter Insekten die Erkrankung auslösen.
Eine Übertragung von erkrankten Menschen auf andere Menschen ist bisher nicht beschrieben, ist aber nicht mit Sicherheit auszuschließen. Bei vielen Erkrankungsfällen bleibt der Infektionsweg unklar.
Krankheitsverlauf und Symptome Die Tularämie verläuft bei Tieren und beim Menschen unterschiedlich.
Tularämie bei Tieren Nach Übertragung der Erreger durch Parasiten auf die Nagetiere kommt es nach zwei bis drei Tagen zu einer Septikämie, also einer systemischen Infektion infolge dauerhafter Präsenz der Erreger im Blutkreislauf. Die Tiere fallen durch Schwäche, Apathie (bis zum Ausbleiben von Fluchtverhalten), Fieber und gesteigerte Atemfrequenz auf. Lymphknoten und Milz sind vergrößert. Innerhalb von vier bis dreizehn Tagen sind die meisten Tiere verendet. Chronisch verlaufende Infektionen enden nach 14 bis 60 Tagen tödlich.
Haushunde scheinen gegenüber dem Erreger weitgehend resistent zu sein. In seltenen Fällen kann es zu einem Krankheitsausbruch mit Fieber, Leber-, Milz- und Lymphknotenschwellung, Gelbsucht, Schnupfen, Bronchopneumonie und Haut und Schleimhautgeschwüren kommen.Katrin Hartmann: Tularämie. In: Peter F. Suter, Hans G. Niemand (Hrsg.): Praktikum der Hundeklinik. 10. Auflage. Paul-Parey-Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8304-4141-X, S. 312. Auch Hauskatzen scheinen nur wenig empfänglich zu sein. Bei ihnen können Fieber, Lymphknotenschwellungen, Fressunlust, Abmagerung und Schwäche auftreten. Bei mehrmaliger experimenteller Verfütterung von infektiösem Material starben die Tiere nach 10 bis 50 Tagen.In: Marian C. Horzinek u. a. (Hrsg.): Krankheiten der Katze. 4. Auflage. Enke, 2005, ISBN 3-8304-1049-2, S. 184.
Tularämie beim Menschen