mini|Professor Moriarty, Illustration von Sidney Paget Professor James Moriarty (, ) ist eine fiktive Romanfigur, die in zwei Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle entscheidende Rollen spielt und in fünf anderen erwähnt wird. Moriarty wurde von Doyle als ein dem Detektiv ebenbürtiges kriminelles Genie erdacht. Holmes bezeichnet ihn als den „Napoleon des Verbrechens“.
Moriarty und Sherlock Holmes Moriarty tritt nur in der Erzählung The Final Problem (dt.: Das letzte Problem) und dem Roman The Valley of Fear (dt.: Das Tal der Angst) auf. Ursprünglich schuf Doyle die Figur Moriartys, um Sherlock Holmes in The Final Problem durch einen ebenbürtigen Gegenspieler zu Tode zu bringen, da der Schriftsteller die Detektiv-Serie beenden wollte.
Namentlich erwähnt wird Moriarty in den Geschichten: The Empty House (dt.: Das leere Haus), The Norwood Builder (dt.: Der Baumeister aus Norwood), The Missing Three-Quarter (dt.: Der verschollene Three-Quarter), The Illustrious Client (dt.: Der illustre Klient) und His Last Bow (dt.: Seine Abschiedsvorstellung).
Die Bezeichnung „Napoleon des Verbrechens“ (The Napoleon of Crime) geht möglicherweise auf den Scotland-Yard-Mitarbeiter Robert Anderson zurück, der den deutsch-amerikanischen Kriminellen Adam Worth als „the Napoleon of the criminal world“ beschrieb. Worth gilt als eines der Vorbilder für den Charakter Moriarty, eine Theorie, die vor allem in den USA favorisiert wird.niatu.net Adam Worth Auch der Engländer Jonathan Wild, auf den Doyle seinen Sherlock Holmes in The Valley of Fear als Moriarty des 18. Jahrhunderts reflektieren lässt, und der in Doyles Geburtsstadt Edinburgh geradezu legendäre William Brodie, der eine Inspiration für Robert Louis Stevenson und dessen Meisterwerk The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (dt. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde) war, gelten als reale Vorlagen für das kriminelle Meisterhirn hinter der bürgerlichen Fassade. Sidney Paget griff als Modell für seine Illustrationen zu The Final Problem offensichtlich auf keinen Geringeren als den römisch-katholischen Erzbischof von Westminster, Henry Edward Manning, und dessen 1882 entstandenes Porträt von George Frederic Watts zurück.Henry Edward Manning porträtiert von George Frederic Watts
Fiktive Biografie Professor James Moriarty, einer von drei Brüdern (die anderen sind Colonel James Moriarty und ein Stationsvorsteher in Westengland), stammt aus gutem Hause. Bereits in seiner Kindheit zeigte er sein außergewöhnliches mathematisches Talent, verfasste 21-jährig eine aufsehenerregende Abhandlung über den Binomischen Lehrsatz und erhielt daraufhin einen Lehrstuhl an einer kleineren englischen Universität. Bald aufkommende Gerüchte zwangen Moriarty zur Aufgabe des Lehrstuhls, um als militärischer Berater nach London zu gehen. In der Metropole baute er ein umfassendes Verbrechersyndikat auf, in dessen Zentrum er „wie die Spinne in ihrem Netz“ saß, das Zittern jedes einzelnen der unzähligen Fäden registrierend.
Holmes machte ihn für die Organisation der Hälfte aller Verbrechen in London verantwortlich und „von nahezu allem, was ungeklärt bleibt“. Moriartys offizielles Salär belief sich auf 700 Pfund Sterling im Jahr, seine enormen Einnahmen aus Verbrechen ermöglichten ihm jedoch, seiner ausführenden Hand Sebastian Moran ein Jahresgehalt von nicht weniger als 6000 Pfund zu zahlen (gemäß einem von Gisbert Haefs proportionierten Multiplikator wäre der heutige Wert über 460.000 Euro. Zum Vergleich: das Jahreseinkommen des britischen Lordkanzlers belief sich im Jahr 1900 auf 4000 Pfund). In Moriartys Diensten entwickelte der blinde deutsche Mechaniker Von Herder ein zerlegbares und ebenso präzises wie lautloses Luftgewehr.
Im Jahr 1891 gelang es Sherlock Holmes mehrfach, die Pläne Moriartys zu vereiteln und schließlich dessen Organisation zu sprengen. Der Professor entging jedoch seiner Verhaftung und verfolgte Holmes durch England, Frankreich, Belgien und die Schweiz, wo es am 4. Mai 1891 an den Reichenbachfällen nahe Meiringen zu einem Zweikampf kam, bei dem Moriarty in die Fälle hinabstürzte und zu Tode kam.
Moriarty war auch der Autor des Sachbuches Die Dynamik eines Asteroiden, das „in derartige Höhen der reinen Mathematik aufstieg, dass nicht einer aus der Fachpresse in der Lage war, es zu rezensieren“.
Professor Moriarty abseits von Arthur Conan Doyle Wie Sherlock Holmes selbst hat auch Professor Moriarty ein außergewöhnliches Nachleben entwickelt, doch anders als dieser hat er kein wirkliches Eigenleben. Moriarty (bei Doyle eher ein Enigma, das in lediglich zwei Geschichten eine Rolle spielt) bleibt eng mit Holmes verkettet, und kaum einer seiner Auftritte kommt ohne eine Referenz auf den großen Detektiv aus. Abgesehen von seiner Funktion des Erzbösewichts in Sherlock-Holmes-Pastiches oder im Kintopp, wo er einmal die Kronjuwelen stiehlt und ein anderes Mal mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache macht, befassen sich seit den 1970er-Jahren zunehmend mehr Autoren und Filmemacher mit den Möglichkeiten sowohl seiner Vergangenheit als auch seiner Zukunft.
In Nicholas Meyers Roman Kein Koks für Sherlock Holmes (1974, dem einzigen Pastiche, das es auf die Bestsellerlisten schaffte) entpuppt er sich als Holmes’ früherer Hauslehrer und Liebhaber seiner Mutter, der lediglich in der drogenbenebelten Vorstellung seines einstigen Schülers zum kriminellen Genie mutiert. Es ist Sigmund Freud, der Holmes von diesem wahnhaften Zwang befreit. Auch in dem von Chris Columbus geskripteten Film Das Geheimnis des verborgenen Tempels (1985), der eine gemeinsame Schulzeit von Holmes und Watson schildert, ist er der – allerdings verehrte – Lehrer des pubertierenden Detektivs. Unter dem Namen Rathe erteilt er Holmes tagsüber wertvolle Ratschläge fürs Leben, während er des Nachts als Anführer einer ägyptischen Sekte Rache für die Schändung eines Grabmals sucht. Erst am Ende des Films nimmt er den Namen Moriarty an.
Eher im Geiste Meyers verfolgen Der letzte Sherlock-Holmes-Roman (1978) von Michael Dibdin und das 1988 mit Jeremy Brett in der Hauptrolle uraufgeführte Theaterstück The Secret of Sherlock Holmes von Jeremy Paul die Theorie, Moriarty sei nichts weiter als das Produkt einer schizophrenen Verfassung Holmes’, gestützt durch die Tatsache, dass in Doyles Kanon nur zwei Figuren dem Professor wirklich begegnen – nämlich Holmes selbst und Inspektor MacDonald, der ihn lediglich im Halbschatten zu sehen bekommt, was die Möglichkeit eröffnet, dies sei Holmes in Verkleidung gewesen.
Zu den Vorgängen an den Reichenbachfällen gibt es eine Anzahl alternativer Versionen abseits von denen Doyles, Dibdins und Pauls. John Edmund Gardner schildert in Moriarty (1973), der Napoleon des Verbrechens und der große Detektiv hätten ein Abkommen getroffen, künftig die Wege des jeweils anderen zu meiden. Entsprechend spielt Holmes in diesem Roman und dessen Fortsetzung The Revenge of Moriarty (1975) nur eine untergeordnete Rolle.
Robert Lee Halls Exit Sherlock Holmes (1977) bedient sich der äußerlichen Ähnlichkeit zwischen Moriarty und Holmes auf einer Illustration Sidney Pagets und schildert die Antagonisten als geklonte Zeitreisende aus dem 24. Jahrhundert, die sich nach der Rückkehr aus der Schweiz ein letztes Duell auf einer Theaterbühne liefern, bevor es Holmes gelingt, den genialen Verbrecher dank seines getreuen Watson zu überwältigen und in die eigene Zeit zurückzubringen.
In Die Erdbebenmaschine (ebenfalls 1977), einem Roman von Austin Mitchelson und Nicholas Utechin (dem Herausgeber des Sherlock Holmes Journal), hat Moriarty den Sturz in die Reichenbachfälle mit schwersten Verletzungen überlebt. Als Antrieb für seine Armprothesen entdeckt und entwickelt er die Kernenergie, die er auch in Form einer Atombombe für seine finsteren Rachepläne nutzen will. Ein Meisterschuss Dr. Watsons auf dem Bahnhof von Kings Cross schaltet ihn in letzter Sekunde aus. In dem Buch treten zahlreiche Charaktere aus dem Doyle’schen Holmes-Kanon auf, zusätzlich die Tochter von Irene Adler, die russische Zarenfamilie, Rasputin und sein Mörder Jussupoff und der junge Winston Churchill.
Auch in dem 2014 erschienenen Roman Der Fall Moriarty von Anthony Horowitz überlebt Moriarty den Kampf an den Reichenbachfällen. Es handelt sich dort aber um einen Trick, um kriminellen Widersachern aus den USA, die sein Verbrecherimperium mittels Terrormethoden übernommen haben, zu entgehen und sich zu rächen. Er schlüpft in die Rolle eines Pinkerton-Agenten, um den Scotland-Yard-Inspektor Athelny Jones, der den Tod von Holmes untersucht, für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Zum Schluss reist er nach New York, um dort das kriminelle Imperium seines letztlich besiegten Widersachers zu übernehmen.
Ebenfalls 2014 wird die Vorgeschichte des Zweikampfes von Holmes und Moriarty von der Autorin Annelie Wendeberg in 4 Romanen dargestellt (Teufelsgrinsen, Tiefer Fall, Die lange Reise, Der irische Löwe). Hiernach begegnet eine junge Frau, Anna Kronberg, die lange als Mann verkleidet gelebt sowie Medizin studiert und als Arzt praktiziert hat, Holmes, der sich mit ihr verbunden fühlt. Nachdem sie mit Holmes Menschenversuche zu medizinischen Zwecken vereitelt hat, entführt Prof. Moriarty, der hinter der Angelegenheit steht, sie und zwingt sie, die Versuche mit tödlichen Krankheiten zum Zwecke der biologischen Kriegsführung fortzusetzen. Sie verliebt sich scheinbar in Moriarty, verrät diesen jedoch an Holmes, was letztlich zum Kampf an den Reichenbachfällen führt.
In dem 1994 erschienenen Roman Die Gehilfin des Bienenzüchters (Autorin: Laurie R. King) nutzt die Tochter des verstorbenen Professors Moriarty dessen kriminelle Infrastruktur dazu, sich an dem 1918 im Ruhestand befindlichen Holmes und dessen junger Gefährtin Mary Russell zu rächen, scheitert aber letztlich.
In dem Disney-Zeichentrickfilm Basil, der große Mäusedetektiv (1986), basierend auf einer erfolgreichen Kinderbuchserie von Eve Titus, wurde das Sherlock-Holmes-Universum auf den Mikrokosmos der Nagetiere übertragen. Professor Moriarty wird dort durch eine große Ratte namens Professor Ratigan (dt. „Rattenzahn“) verkörpert und im Originalton von Vincent Price gesprochen, der auch Ratigans Aussehen und das mimische und gestische Repertoire entscheidend beeinflusst hat. Es gibt einen Kurzauftritt des „echten“ Sherlock Holmes unter Verwendung der Stimme von Basil Rathbone.
In dem von Martin Powell geskripteten und von Seppo Makinen gezeichneten Comic Scarlet in Gaslight (1988) werden die Ereignisse aus Doyles Erzählung Das letzte Problem und dem Roman Dracula von Bram Stoker miteinander verknüpft und es ist letztlich der König der Vampire, der Moriarty in den Schlund des Wasserfalls hinabschleudert und vernichtet.
In Das Mandala des Dalai Lama (1999) von Jamyang Norbu entpuppt sich Moriarty weniger als Mathematiker denn als Metaphysiker, als eine Art indischer Hexer, der während des Absturzes in der Schweiz sein einstmals verlorenes Gedächtnis wiedergefunden, aber körperliche Unversehrtheit und gute Manieren eingebüßt hat und nun nach „absoluter Macht“ greifen will. Das Buch bedient sich Rudyard Kiplings Hurree Chunder Mookerjee (aus Kim) als Erzähler, wird aber letztlich dem Universum der Indiana-Jones-Filme gerechter als dem poetisch-atmosphärischen Kosmos seiner literarischen Vorlagen.