mini|hochkant=1.6|Am Städtischen Vieh- und Schlachthof (Architekt: Hans Erlwein 1906–1910) mini|hochkant|Plastik Schweinetreiber (Georg Wrba)
Der Städtische Vieh und Schlachthof (kurz: Erlweinscher Schlachthof) von Dresden ist ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäudeensemble im Großen Ostragehege. Er befindet sich in isolierter Randlage vom Stadtteil Friedrichstadt zwischen dem Elbstrom und der Friedrichstädter Flutrinne. Das Gebäudeensemble wurde im sogenannten Heimatschutzstil erbaut.
Vorgeschichte Der alte Schlachthof der Stadt Dresden befand sich auf der gegenüber liegenden Elbseite an der Leipziger Straße. Die wachsende Stadt hatte im 19. Jahrhundert eine stetige Zunahme an Bevölkerung und damit ebenso bei der Nahrungsgüterwirtschaft zu verzeichnen. Die zunehmenden Mengen von zu verarbeiteten Tierprodukten stellte die bisherige Schlachtpraxis vor gewachsene und neue technologische sowie hygienische Probleme. Deshalb eröffnete 1873 die Dresdner Fleischerinnung einen Centralschlachthof und Viehmarkt mit einer angeschlossenen Talgschmelze, wo ein täglicher Schlachtbetrieb, ein wöchentlicher Schlachtviehmarkt und gelegentliche Rossmärkte unter fachlicher Aufsicht ermöglicht wurden. Mit der Betriebsaufnahme dieser Einrichtung ging die Zahl von Schlachtungen außerhalb dieser Anlage stark zurück. Die Stadtgemeinde hatte daraufhin durch den Erlass eines Ortstatutes rechtskräftig untersagt, dass neue Privatschlächtereien im Dresdner Stadtgebiet entstanden.Canzler, Hauschild: Die Bauten, 1878, S. 571–573
Um der trotzdem drohenden Seuchengefahr und unsachgemäßen Fleischverkäufen in den expandierenden deutschen Städten wirkungsvoll zu begegnen, gab es um 1900 zahlreiche kommunaltechnische Veränderungen und Investitionen. Neben dem Ausbau der Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung gehörte auch der Bau städtischer Schlachthöfe dazu.
Erste deutliche Zeichen dieser neue ausgerichteten kommunalen Zielstellungen zeichneten sich auf der Deutschen Städte-Ausstellung 1903 in Dresden ab. Im Rahmen dieser Ausstellung zeigten 32 deutsche Städte in der IV. Abteilung/Gruppe C Nahrungsmittelfürsorge ihre Projekte zur Errichtung von Vieh- und Schlachthöfen sowie chemischen Untersuchungsämtern. Darunter befanden sich Vorhaben in Augsburg, Berlin, Breslau, Chemnitz, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Königsberg, Leipzig, Mainz, München und Straßburg. Der Umfang, den diese Präsentationen einnahmen, belegt die Bedeutung solcher Anlagen und den damaligen verwaltungspolitischen Willen, diese Aufgabe in kommunaler Hoheit zu überführen.Führer, Deutsche Städte-Ausstellung, S. 19
mini|hochkant|Büste für Johannes Georg Stöckel am Eckgebäude Messering 1
Damit reifte in Dresden der Plan zur Errichtung eines größeren und unter städtischer Aufsicht stehenden Vieh- und Schlachthofes heran. Unter Oberbürgermeister Otto Beutler wurde der Leiter des Hochbauamtes Hans Erlwein mit den konkreten Planungen beauftragt. Weitere in die Vorbereitungen eingebundene Personen waren der Stadtverordnetenvorsteher Johannes Georg Stöckel, der Ratsreferent und in der Sache beauftragte Sachbearbeiter Stadtrat Wokurka, der Vorsitzende des Schlachthofausschusses Bürgermeister Hugo Richard May sowie die Stadtverordneten Hermann Robert Krumbiegel und Carl Schümichen.Hans Weyer: Schlachthof. 1911, S. 16
Die Verantwortung für die Ausführung lag in den Händen von Stadtbaurat Hans Erlwein als Architekt und Stadtbaumeister Bernhard Geißler für technische Aspekte.Hans Weyer: Schlachthof, 1911, S. 1
Vorbereitungen und Struktur mini|links|Die ehemalige Einmündung der Weißeritz im Osten des Großen Ostrageheges (um 1809) mini|Elblandschaft bei Neudorf (links) und am Ostragehege (rechts) (Christian Gottlob Hammer, aquarellierter Stich um 1805) mini|Das Große Ostragehege (Caspar David Friedrich, Öl um 1832)
Die Bauaktivitäten begannen im Jahr 1906 unter Leitung des jungen Stadtbaurates Hans Erlwein, der im zuvorliegenden Jahr an den Planungen gearbeitet hatte. Bereits in den Jahren 1902 bis 1904 entstand unter seiner Leitung in Bamberg der städtische Schlachthof, wofür er an der Stätte seiner ersten beruflichen Jahre in der Öffentlichkeit große Anerkennung fand.
Als Vorbedingung für eine sichere Bauausführung musste das Große Ostragehege als altes Überschwemmungsgebiet mit einem sicheren Bauuntergrund ausgestattet werden. Bereits in den Jahren 1891 bis 1893 schuf man auf Betreiben der städtischen Baubehörden die Friedrichstädter Flutrinne. In ihrem westlichen Teil befanden sich Tümpel und witterungsabhängig zwei kleine Wasserläufe (Schefflers Lache, Vogelheerds Lache). An ihrem östlichen Ende mündete zu diesem Zeitpunkt noch die Weißeritz in die Elbe. Die Strömungsverhältnisse am Zusammenfluss dieser beiden Wasserläufe sowie das mitgeführte Geröll erzeugte direkt unterhalb der Weißeritzeinmündung als Schwemmkegel eine fluviatile Aufschüttung aber auch eine ständige Hochwassergefahr. Die Weißeritz war in ihrem alten Unterlauf und vor der industriellen Bebauung des Dresdner Westens von Werdern und Altarmen begleitet.H. Ebert, R. Grahmann, K. Pietzsch: Erläuterungen zu Geologischen Karte von Sachsen im Maßstab 1:25 000. Nr. 66 Blatt Dresden. 3. Auflage, Leipzig 1934, S. 130 In Hochwasserzeiten bildete sich im Großen Ostragehege Tümpel und eine inselartige Situation, worauf der umgangssprachliche Name Ostra-Insel für den späteren Schlachthofbereich zurückgeht. Das Wort „Ostra“ entstammt dem slawischen Sprachraum und deutet auf „Insel“ (, ) hin.
Diese natürlichen Ausgangsbedingungen galt es im Vorfeld des Bauvorhabens so zu verändern, dass ein gesichertes Baufeld für das Schlachthofprojekt bestand. Dazu wurden große Teile im Großen Ostragehege zu einer Terrasse aufgeschüttet und die Weißeritzmündung in den Jahren 1891 bis 1893 in westliche Richtung verlegt. Diese Arbeiten von erheblichem Umfang waren deshalb von grundlegender Bedeutung, weil die Weißeritz als ein Nebenfluss mit „zeitweilig schnell eintretenden Hochwässern“ bekannt war.Canzler, Hauschild: Die Bauten, 1878, S. 450H. Ebert, R. Grahmann, K. Pietzsch: Erläuterungen zu Geologischen Karte von Sachsen im Maßstab 1:25 000. Nr. 66 Blatt Dresden. 3. Auflage, Leipzig 1934, S. 131 Im 19. Jahrhundert hatten die Landesbehörden umfangreiche Umgestaltungsarbeiten an den Elbufern einschließlich Stromregulierungsarbeiten in Auftrag gegeben, um sowohl die Schiffbarkeit als auch die Hochwassersicherheit zu verbessern und um den Versandungen sowie Verlandungen im flussnahen Landschaftsraum vorzubeugen.
Struktur der Anlage Das Areal vom Städtischen Vieh- und Schlachthof hatte zur Zeit seiner Errichtung eine Gesamtfläche von 36,1 Hektar. Davon entfielen 19,2 Hektar auf den Viehhof und 16,9 Hektar auf den Schlachthof. Insgesamt bestand der Komplex aus 68 Einzelgebäuden. Im Eröffnungsjahr 1910 zählte diese Anlage zu den größten ihrer Art in Europa. Es wurden bei Betriebsaufnahme neben einheimischen Aufträgen auch Vieh aus Norddeutschland und Österreich verarbeitet.
Die funktionalen Einheiten waren: Viehhof Schlachthof Verwaltung und Gastwirtschaft Amtsschlachthof Pferde- und Hundeschlachthof Ladengebäude mit Amtswohnungen gewerbliche Anlagen (u. a. Talgschmelze, Verbrennungsanlage, Blutverwertungsanlage)
Verkehrswege mini|Die Schlachthofbrücke führt über die Friedrichstädter Flutrinne
Die Verkehrsanbindung war auf zwei Wegen gelöst worden. Für den Autoverkehr hatte die Stadt über die Friedrichstädter Flutrinne die Schlachthofbrücke errichten lassen, die vor dem Haupteingang in einer Rampenanlage endete und somit den Verkehr in zwei Richtungen (links und rechts abfließend) auftrennte.
Eine weitere Brücke in westlicher Richtung führte ein normalspuriges Gleis aus dem Gebiet vom König-Albert-Hafen heran, das an der Westseite der Ostra-Insel einmündete und das gesamte Areal an der Nordseite umfasste. Die Entladerampe im Schlachthofgelände hatte eine Gesamtlänge von 315 Metern. Mit allen Verzweigungen zu Nebengleisen hatte die Gleisanbindung zum Schlachthof eine Länge von 4363 Metern und verfügte über 21 Weichen, zwei kleinere Drehscheiben, einen Schuppen für Lokomotiven und eine Gleisbrückenwaage.
Für den innerbetrieblichen Verkehr der Produkte und Abfälle war eine schmalspurige Gleisanlage mit einer Streckenlänge von 2740 Metern, 64 Weichen und 9 Kreuzungen vorhanden.
Viehhof Zur Versorgung des lebenden Viehs existierten 3 Futterställe für Großtiere und 1 Futterstall für Schweine. Bei der Planung wurde darauf geachtet, dass in den Stallbereichen für Eisenkonstruktionen am Boden nur Rundprofile verwendet werden, damit das Vieh keine Verletzungen durch Abscheuern erlitt.
Für die Markthaltung großer Tiere existierte eine große Halle mit einer Länge von 116,4 Metern und einer Breite von 58,3 Metern. Darin konnten 1200 Tiere temporär untergebracht werden. Die Kleinvieh-Markthalle war genauso lang, allerdings 75 Meter breit. In ihr waren 396 Buchten eingebaut. Eine weitere Halle mit den Maßen 48 × 29 Meter diente der Markthaltung von Schafen. Sie hatte eine Aufnahmekapazität für 2200 Tiere. Im Kopfbau der Schafhalle befanden sich Räumlichkeiten für Kassen königlicher und städtischer Behörden, Aufenthaltsräume des Viehhofinspektors, der Tierärzte und weiterer technischer Mitarbeiter. Für die unverkäuflichen Tiere gab es zwei Überständerstallungen (Großvieh, Kleinvieh) mit einer besonderen Einfriedung. Ferner gab es Ställe für ausländisches Vieh, öffentliche Toiletten, ein kleines Gebäude für den Pförtner und ein Torwärterhäuschen.
Im Komplex des Viehhofes gab es mehrere begrünte Vorratsflächen, die als Reserve für Erweiterungsvorhaben des Schlachthofs bewusst angelegt waren.
Amtsschlachthof mini|Wohngebäude am Schlachthofring (heute Messering) mini|Wohnhäuser vom Schlachthof und ehemaliger Haupteingang (links)
Dieser Bereich diente den Amtstierärzten zur tierärztlichen Begutachtung und der Schlachtung von kranken Tieren. Das dort gewonnene Fleisch und im großen Schlachthof als krank erkannte Rohprodukt erfuhr an dieser Stelle eine Desinfektion und Sterilisierung. Danach lagerte man es im eigenen Kühlhaus vom Amtsschlachthof.
In diesem Areal befanden sich ein Schlachthaus, ein Stallgebäude, Verwaltungsgebäude, Kühlhaus (88 Quadratmeter), Fahrzeugschuppen sowie die Kuttelei und ein Düngerhaus. Der Amtsschlachthof verfügte über ein Laboratorium, Untersuchungsräume sowie über Aufenthaltsräume für die Tierärzte und das technische Personal. Ferner gab es im Stallbereich einen Milchsterilisierungsraum, eine Futterküche und getrennte Stallungen für Großvieh, Kleinvieh und Schweine.
Pferdeschlachthof Der Pferdeschlachthof nahm nur einen kleinen Bereich ein und war unmittelbar nördlich vom Amtsschlachthof eingerichtet. Hier befand sich ein Stallgebäude, ein Schlachtbereich, die Kuttelei und ein Kühlhaus. In diesem Schlachthaus gab es einen Sonderbereich für Hunde. Das erforderliche Personal hatte eigene Räumlichkeiten.
Ladengebäude mit Amtswohnungen Für die Bediensteten hatte man mit Errichtung des Städtischen Vieh- und Schlachthofes Wohnungen vorgesehen, die am Schlachthofring in mehreren Häusern geschaffen wurden. Die Wohnanlage ist mit einigen Grünflächen in den rückseitigen Höfen aufgelockert. Im Erdgeschossbereich verfügten mehrere Wohnbauten über Geschäftsräume für Ladengeschäfte.
Hauptschlachthof Dieser Funktionsbereich bildete den Hauptbereich der gesamten Anlage. Die folgenden Gebäude waren die einzelnen Baugruppen:
Schlachtstall für Großvieh zwei Schlachthallen für Großvieh (76 × 26,3 Meter) Schlachthalle für Kleinvieh (59,6 × 45,9 Meter) Schlachtstall für Schweine Schlachthalle für Schweine (73,45 × 46,2 Meter) Verbindungshalle (186,4 × 20 Meter) Kühlhaus (185,8 × 50 Meter) Kuttelei mit Düngerhaus Kessel- und Maschinenhaus Werkstatt Lokomotivdepot Gebäude für Häute und Talgannahme Pferde- und Hundestall